Miguel de Cervantes - Don Quijote (2. Buch, Kap. 56 - 74)

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Es gibt 12 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Myriel.

  • Die Geschichte mit der Kammerfrau Dona Rodriguez und Altisidora nimmt einfach kein Ende :rollen:. Aber auch wenn die ganze Inszenierung zur Belustigung des Herzogpaares geschieht, gibt sie doch Don Q. und Sancho die Möglichkeit, ihre Träume auszuleben und die Erfahrung zu machen, ob diese tatsächlich besser sind als die Realität, in der sie leben.


    56. Kapitel
    Der Kampf zur Wiederherstellung der Ehre von Dona Rodriguez' Tochter findet nicht statt, da der Lakai Tosilos von Amors Pfeil getroffen wird und beschließt, die junge Dame selbst zu heiraten. Don Q. fügt sich dieser Entscheidung galant. Leider habe ich angesichts der vielen Liebschaften inzwischen den Faden verloren und bin mir nicht mehr darüber im Klaren, was nun noch Theater ist und was wirklich passiert.


    Auf die gefälschte Fortsetzung des Romanes wird in der Geschichte immer wieder Bezug genommen. Im 59. Kapitel belauschen Don Q. und Sancho zwei Männer in einer Schenke, die sich über den 2. Teil des Romanes unterhalten, in dem geschrieben steht, dass der Ritter seine Dulcinea nicht mehr liebt. Natürlich ist Don Q. sofort voller Zorn, doch genauso schnell beruhigt er sich wieder. Darin unterscheidet er sich deutlich vom 1. Band, in dem er sofort drauflos kämpfte und erst Ruhe gab, wenn er oder sein Gegner besiegt waren. Hat er mittlerweile dazugelernt oder er ist des Kämpfens einfach müde?

  • Im 56. Kapitel findet nun der durch den Herzog erlaubte Kampf zwischen Don Q. und dem (Ex-)Liebhaber der Tochter von Dona Rodriguez statt - bzw. sollte stattfinden. Doch der Lakai des Herzogs (der echte Liebhaber ist längst getürmt), verliebt sich Hals über Kopf in die Tochter und lässt den Kampf sausen.


    Leider habe ich angesichts der vielen Liebschaften inzwischen den Faden verloren und bin mir nicht mehr darüber im Klaren, was nun noch Theater ist und was wirklich passiert.


    Also diese Liebesgeschichte scheint zur Abwechslung mal echt zu sein, schließlich ist der Herzog über die Entwicklung nicht begeistert und lässt den Tosilos sogar einsperren.


    Eigentlich hatte der Don geplant, nach Saragossa zu ziehen und dort an einem Ritterturnier teilzunehmen. Doch nachdem er in einer Schenke im 59. Kapitel zwei Männer trifft, die über einen zweiten Teil des Buches über Don Q. reden, ändert er seine Meinung. Schließlich hat der Schuft, welcher diesen zweiten Teil verzapft hat, ihn und Sancho völlig falsch dargestellt, u.a. auch bei einem Turnier in Saragossa. Um nun zu Beweisen, dass der Verfasser lügt, beschließt der Don, nie einen Fuß in die Stadt Saragossa zu setzen. Statt dessen ziehen er und Sancho nach Barcelona.
    Auf dem Weg dorthin begegnet er im 60. Kapitel einem edlen Räuber, der durch einen Boten einem Bekannten in Barcelona Bescheid sagen lässt, dass der Don unterwegs ist und was es mit ihm auf sich hat. Dieser Bekannte, Don Antonio bereitet dem Don natürlich einen bombastischen Empfang in Barcelona und spielt ihm auch den einen oder anderen Streich.


    Im 64. Kapitel kommt dann das Unerwartete. Der Don wird am Strand von einem anderen Ritter herausgefordert und verliert! :entsetzt: Als Strafe muss er sich in sein Heimatdorf begeben und darf es für ein Jahr nicht verlassen. Mein Verdacht, dass es sich diesmal aber um den Simson Carrasco handelt, wurde im 65. Kapitel bestätigt. Nachdem er als Ritter von den Spiegeln gegen den Don verloren hatte, unternahm er einen zweiten Versuch, um den Plan umzusetzen und den Don nach Hause zu holen.
    Natürlich ist der Don alles andere als begeistert, aber bei seiner Ehre als irrender Ritter begibt er sich auf den Heimweg. Im 67. Kapitel macht er mit Sancho aus, dass es nach diesem Jahr Zwangsruhe wieder weitergeht mit den Ritterabenteuern, aber in der Zwischenzeit wollen sie sich als Schäfer versuchen. Ob das Nachwirkungen der ganzen Begegnungen mit den Schäfern sind? :zwinker:


    Interessant fand ich, dass der Don nach seiner Niederlage viele Dinge klarer sah und nicht mehr jede Schenke für ein Kastell hielt.


    Was ich komplett überflüssig fand, war das 69. Kapitel. Obwohl der Herzog und seine Frau vom durchreisenden Simson Carrasco erfahren haben, dass er den Don besiegt hatte und daher ahnen konnten, dass dieser zu Tode betrübt war, spielten sie ihm noch einen Streich. Abgesehen davon, dass dieser mal wieder auf die Kosten von Sancho ging, fand ich nichts daran auch nur im leisesten lustig.


    Auf dem Weg in sein Dorf überzeugt der Don seinen Stallmeister davon, sich endlich die Hiebe zur Entzauberung der Dulcinea zu geben, indem er ihn für jeden Hieb bezahlen will. Sancho wird das jedoch schnell zu schmerzhaft und es müssen arme, unschuldige Bäume dran glauben. :breitgrins:


    Im 73. Kapitel kommt der Don schließlich wieder in seinem Dorfe an, wo er schon vom Pfaffer, dem Barbier und dem Carrasco erwartet wird. Am Eingang des Dorfes bekommt der Don aber schlechte Vorahnungen, dass er seine (mittlerweile entzauberte) Dulcinea nie wieder sieht. Leider sollte dies auch der Wahrheit entsprechen, denn im 74. Kapitel erkrankt der Don und stirbt nach einigen Tagen. Gestört hat mich hier aber extrem, dass der Don nach nur einigen Stunden Schlaf auf einmal aufwacht und einsieht, dass seine ganzen Ritterposen nur Irrsinn waren und auf einmal ist er wieder der alte Alonso Quixano mit gesundem Verstand. Das geht mir hier viel zu schnell von statten. Nur weil er Fieber hat, ist auf einmal die Welt wieder viel klarer? :rollen:
    Nachdem der Don sein Testament gemacht hatte, verstirbt er kurz darauf. Sancho, den er mit ziemlich viel Geld bedacht hat, scheint die Aussicht auf dieses seine Trauer jedenfalls zu versüßen. :sauer:
    Als letzten Seitenhieb auf den echten Verfasser des gefälschten zweiten Teils vom Don Quixote lässt Cervantes den Pfarrer vom Notarius ein Schreiben ausstellen, dass der Don so auf dem Totenbett gestorben sei, damit nicht irgendein anderer, als der echte Autor im Buch (Benengeli) seine Geschichte erzählt und ihn auf eine endlose Abenteuerreise schickt.

  • 62. Kapitel
    Don Q. und Sancho werden Gäste eines Edelmannes, den sie unterwegs getroffen haben. Mich erstaunt immer wieder die sehr ausgeprägte Gastfreundschaft, der die beiden begegnen. Eine große Rolle wird der Umstand spielen, dass Gäste früher Abwechslung, Neuigkeiten und Gesprächsstoff bedeuteten. In der heutigen Zeit kann man sich kaum vorstellen, wildfremde Menschen von der Straße mit ins Haus zu nehmen.
    Auch hier versprechen sich die Gastgeber wieder Spaß auf Don Quijotes Kosten. Er wird von zwei Damen müde getanzt. Kein Wunder - wenn er ständig nur auf dem Pferd sitzt, muss seine Kondition ja gleich Null sein.


    Was ich komplett überflüssig fand, war das 69. Kapitel. Obwohl der Herzog und seine Frau vom durchreisenden Simson Carrasco erfahren haben, dass er den Don besiegt hatte und daher ahnen konnten, dass dieser zu Tode betrübt war, spielten sie ihm noch einen Streich. Abgesehen davon, dass dieser mal wieder auf die Kosten von Sancho ging, fand ich nichts daran auch nur im leisesten lustig.


    Die beiden wurden mir mit zunehmendem Maß immer unsympathischer. Sie haben mich zuletzt an Leute erinnert, die mit einem Menschen mit wenig Intelligenz ihre Spielchen treiben und sich köstlich darüber amüsieren, dass er die Verarsche nicht durchschaut und sich darüber freut, dass sich jemand mit ihm abgibt. :grmpf:

    Einmal editiert, zuletzt von Doris ()

  • Ein Wunder ist geschehen! Ich bin im letzten Thread und damit seh ich ein Licht am Ende des Tunnels :klatschen:


    Zurzeit mach ich gerade wieder eine Länge durch, weil die Geschichte mit der Galeere und die natürlich perfekte Wiederfindung von Vater und Tochter so rein zufällig kurz am Kitsch vorbeischrammt. Es ist schwer erträglich, finde ich. Außerdem habe ich den Faden verloren in Bezug auf diesen Don Antonio - macht der nun weiter wie das Herzogenpaar oder mag er den Don wirklich? Was sollte die ganze Geschichte mit Sancho als Wurfball? Irgendwo muss mir da was abgerissen sein, denn der Sinn erschließt sich mir leider nicht so ganz.


    Interessant fand ich hingegen, dass im Zuge dieser Hetze gegen den falschen Teil 2 des Buches plötzlich alle Beteiligten wissen, dass Benegeli den Teil 1 verfasst hat und einzig und allein autorisiert ist, auch Teil 2 zu schreiben. Woher wissen das der Don und Sancho denn auf einmal? Vor Kurzem waren sie noch erstaunt, dass es ein Buch über ihre Abenteuer gibt und jetzt kennen sie den Autor als alten Freund? Ist mir hier auch wieder ein Faden gerissen oder war Cervantes leicht durcheinander? Womit wir wieder beim Schreiber vom Schreiber des Übersetzers wären? :breitgrins:


    Noch 70 Seiten ungefähr. Der Countdown läuft und ich bin nicht böse darüber. Vielleicht hätte das Buch insgesamt durchaus durch einen strafferen Erzählstil und durch diverse Kürzungen von unwesentlichen Details doch noch etwas gewonnen. Aber das sind schon Endgedanken, ich sollte erst mal schauen, ob ich nun endlich erfahre, wie der Don geläutert wird. Das zumindest scheint kürzer zu werden, denn wenn ich mich recht entsinne, war die Geschichte der Heimkehr von Don und Sancho im Teil 1 mindestens 100 Seiten lang. Das kommt ja nun im Teil 2 schon nicht mehr hin :zwinker:

    Ein Leben lang lesen ist nicht genug!<br /><br />Top 3:<br />1. &quot;Die Brautprinzessin&quot; von William Goldman<br />2. &quot;Männer&quot; von Dietrich Schwanitz<br />3. &quot;1984&quot; von George Orwell


  • Außerdem habe ich den Faden verloren in Bezug auf diesen Don Antonio - macht der nun weiter wie das Herzogenpaar oder mag er den Don wirklich? Was sollte die ganze Geschichte mit Sancho als Wurfball? Irgendwo muss mir da was abgerissen sein, denn der Sinn erschließt sich mir leider nicht so ganz.


    Also ich sehe das so, dass der Don Antonio durchaus ähnlich wie das Herzogenpaar agiert, aber dabei weniger bösartig ist, sondern nur harmlose Streiche anzettelt (zB der sprechende Kopf). Allerdings passt Sanchos Erlebnis auf der Galeere wieder in das Schema der Streiche des Herzogs und seiner Frau. Irgendwie muss immer der arme Stallmeister dran glauben. :grmpf:



    Interessant fand ich hingegen, dass im Zuge dieser Hetze gegen den falschen Teil 2 des Buches plötzlich alle Beteiligten wissen, dass Benegeli den Teil 1 verfasst hat und einzig und allein autorisiert ist, auch Teil 2 zu schreiben. Woher wissen das der Don und Sancho denn auf einmal? Vor Kurzem waren sie noch erstaunt, dass es ein Buch über ihre Abenteuer gibt und jetzt kennen sie den Autor als alten Freund? Ist mir hier auch wieder ein Faden gerissen oder war Cervantes leicht durcheinander? Womit wir wieder beim Schreiber vom Schreiber des Übersetzers wären? :breitgrins:


    War nicht irgendwann einmal die Rede davon, dass der Don das Buch über seine Abenteuer in der Hand hatte? Vielleicht hat er sich den Namen ja gemerkt? Falls dass aber wieder den Schreiber vom Schreiber vom Übersetzer betreffen sollte, äh ja ... meine Probleme damit dürften bekannt sein. :breitgrins:



    Noch 70 Seiten ungefähr. Der Countdown läuft und ich bin nicht böse darüber. Vielleicht hätte das Buch insgesamt durchaus durch einen strafferen Erzählstil und durch diverse Kürzungen von unwesentlichen Details doch noch etwas gewonnen.


    Einige Kürzungen hätten dem Buch sicherlich rein vom Spannungsbogen her gut getan, aber irgendwie machen die Ausflüge, Novellen und Nebenhandlungen einen eigenartigen Reiz aus. [Blockierte Grafik: http://forumos.net/images/smilies/new/nixweiss.gif]


  • Also ich sehe das so, dass der Don Antonio durchaus ähnlich wie das Herzogenpaar agiert, aber dabei weniger bösartig ist, sondern nur harmlose Streiche anzettelt (zB der sprechende Kopf). Allerdings passt Sanchos Erlebnis auf der Galeere wieder in das Schema der Streiche des Herzogs und seiner Frau. Irgendwie muss immer der arme Stallmeister dran glauben. :grmpf:


    Kapitel 65 oder so bringt ja dann Aufklärung. Don Antonio hat also Don Quijote auch nur auf die Schippe genommen, fand ihn aber wohl auch irgendwie sympathisch. Beim Herzogenpaar blieb ja irgendwie vollkommen menschliche Regung aus.


    Warum Sancho immer dran glauben muss, wird für mich das ungelöste Rätsel dieses Buches bleiben. Es ergibt für mich keinen Sinn und passt auch überhaupt nicht zur Figur. Keine Ahnung, was sich Cervantes dabei gedacht hat oder was er damit bezweckt hat.


    Völlig enttäuschend ist für mich das Ende des Buches oder das Ende des Ritters. Nach 1200 Seiten sprühendem Witz und enthemmender Fantasie wird der Don geläutert durch eine Eingebung Gottes? :spinnen: Hat da manchmal jemand eine Ahnung, wo der Hintergrund für diesen abrupten Abgang liegen könnte? Hatte Cervantes Angst vor der Inquisition, weil er vorher den christlichen Mauren positiv und als Mensch dargestellt hat oder liegt es an der späten Läuterung Cervantes selbst, der sich ja wohl in seinen letzten Lebensjahren immer mehr dem Glauben zugewandt hat? Jedenfalls hat mich das Ende sehr zu schaffen gemacht. Da hatte ich mir wirklich eine intelligentere und rundere Lösung erwartet.

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  • Glückwunsch zum Beenden des Buches Lullyblue. :klatschen:



    Warum Sancho immer dran glauben muss, wird für mich das ungelöste Rätsel dieses Buches bleiben. Es ergibt für mich keinen Sinn und passt auch überhaupt nicht zur Figur. Keine Ahnung, was sich Cervantes dabei gedacht hat oder was er damit bezweckt hat.


    Ich vermute mal, sie haben sich nicht getraut, diese Art von "Spaß" mit dem Don zu treiben, weil er irgendwie auch adlig ist und somit auf einer Stufe mit dem Herzogenpaar und dem Don Antonio steht, während Sancho als Stallmeister/einfacher Bauer ja nur Untertan ist und man es mit ihm treiben konnte, wie man wollte.



    Völlig enttäuschend ist für mich das Ende des Buches oder das Ende des Ritters. Nach 1200 Seiten sprühendem Witz und enthemmender Fantasie wird der Don geläutert durch eine Eingebung Gottes? :spinnen: Hat da manchmal jemand eine Ahnung, wo der Hintergrund für diesen abrupten Abgang liegen könnte? Hatte Cervantes Angst vor der Inquisition, weil er vorher den christlichen Mauren positiv und als Mensch dargestellt hat oder liegt es an der späten Läuterung Cervantes selbst, der sich ja wohl in seinen letzten Lebensjahren immer mehr dem Glauben zugewandt hat? Jedenfalls hat mich das Ende sehr zu schaffen gemacht. Da hatte ich mir wirklich eine intelligentere und rundere Lösung erwartet.


    Damit hatte ich auch so meine Probleme. Das ging viel zu schnell von statten, als dass es dafür eine logische Erklärung gäbe, wobei das mit der Inquisition natürlich eine Möglichkeit wäre.

  • Danke, Myriel :winken:


    Lass uns ein Eis essen :eis: und uns entspannt zurücklehnen. :zwinker:

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  • Ich hab's jetzt auch geschafft! :freu:
    Der letzte Abschnitt hat mir wieder richtig gut gefallen und ohne das Elementewochenende wäre ich auch ein paar Tage früher fertig geworden.


    Was habe ich euren Kommentaren noch hinzuzufügen?


    Herzog/Herzogin vs. Don Antonio:
    Der Unterschied zeigt sich meiner Meinung nach recht deutlich zu Beginn des 62. Kap.:

    Zitat

    da dieser den Don Quixote in seinem Hause hatte, dachte er auch auf eine Art, wie er, ohne ihm zu schaden, seine Narrheit in Tätigkeit bringen könne, denn das ist kein Scherz, der wehe tut, und kein Zeitvertreib ist zu rühmen, wenn er einem Dritten zum Nachteile gereicht.

    (Meine Unterstreichung) (Meine Güte, ist das in dieser Übersetzung kompliziert ausgedrückt. Ich bin immer froher über meine moderne schwedische Ausgabe.)
    Der Herzog und Gattin sind nur auf ihr Vergnügen aus, koste es (Sancho und den Don), was es wolle. Don Antonio möchte sich zwar auch gerne amüsieren, aber ohne zu schaden. Dadurch, dass Cervantes diesen Satz bringt, kann ich ihm den Herzog und sein Benehmen verzeihen. Er heißt die Behandlung, die die beiden dort erfahren, doch nicht so unkritisch gut. Hier bringt er eine Kritik an, die mir sehr wichtig ist, die ich unbedingt brauchte.
    Der Herzog hat sich in Kap. 66 dann auch selbst bloßgestellt, als wir erfahren, dass er sein Wort nicht gehalten hat, dass er die Ehe zwischen Tosilos und Doña Rodriguez Tochter nicht zuließ.


    Warum immer Sancho?
    Wie Myriel schon schrieb: er ist eben "nur" ein Bauer und mit Bauern kann man's halt machen - zumindest solange man selbst was "Besseres" ist. An einem Hidalgo wie Don Quijote, mag er auch noch so arm sein, kann man sich nicht so vergreifen, der gehört ja zum eigenen Stand.
    Sanchos Erlebnis auf der Galeere war glaube ich ungeplant. Die Ruderer haben sich mit dieser Landratte einfach amüsiert.


    Ana Félix und ihr Vater:
    (Kap. 63 & 64) Natürlich war die Geschichte ihres Wiedersehens ganz schön vorhersehbar und kitschig, aber ich fand sie trotzdem gut. Cervantes äußert sich hier zu dem Problem der Vertreibung einer Bevälkerungsgruppe, die zumindest für mich ganz schön kritisch klingt. Ich glaube nicht, dass er diese politische Handlung guthieß. Wenigstens macht er deutlich, was es für den Einzelnen bedeutet, plötzlich seine angestammte Heimat verlassen zu müssen. Zwar lässt er die Betroffenen selbst die Vertreibung schon irgendwie verstehen, zumindest wenn sie von den "Morisken" als gesichtsloser Gruppe sprechen, aber für die Individuen ist es sehr schwer.
    Hier fand ich es etwas Schade, dass Cervantes anderen Nebengeschichten im 2. Teil nicht so viel Platz einräumt wie im ersten. Die Geschichte wäre ausführlicher erzählt vielleicht weniger kitschig geworden.


    Die falsche Fortsetzung:
    Einfach nur großartig, wie Cervantes mit seinem Rivalen abrechnet. Überhaupt gefielen mir die Stellen, in denen er sich mit verschiedenen Aspekten der Literatur beschäftigte, immer besonders gut, aber hier übertrifft er sich selbst! Wie er mit verschiedenen "Wirklichkeiten" spielt, den don gar eine Figur der falschen Fortsetzung treffen lässt, wird nur noch durch die notarielle Beglaubigung des Todes von Don Quijote getoppt. Grandios!


    Die Niederlage:
    Gerade dachte ich, das Buch brauche einen "holesmith" à la Jasper Ffordes "Im Brunnen der Manuskripte", einen, der nicht zu Ende geführte Erzählstränge findet und beendet, da taucht der von mir seit langem wiedererwartete Carrasco doch noch auf. Leider geht das zweite Duell anders aus als das erste. Bis dahin fand ich seine Idee, den Don von weiteren Abenteuern abzuhalten ziemlich genial, aber jetzt, als ich den Effekt auf den Don zu sehen bekam, tat der mir nur noch leid. Er hat seinen Lebenssinn verloren und fällt in eine Depression. Ganz großartig ist Dorés Illustration dazu - die beste aller der, die in meinem Buch abgebildet sind. Da ist nichts mehr von dem einstmals so stolzen Ritter übrig geblieben: Klick. (Zu Kap. 66.)


    Die "Genesung":
    Mit Don Quijotes plötzlichem Aufwachen aus seinem Wahn hatte ich auch meine Probleme, aber jetzt habe ich mich auch damit versöhnt. Ich hatte nämlich an mehreren Stellen im Buch immer mal kurz den Eindruck oder eigentlich nur den Verdacht, dass der sich eigentlich doch bewusst war, dass er "spinnt". Leider habe ich mir diese Stellen nicht extra aufgeschrieben, aber ich erinnere mich z. B. vage an einen Kommentar nach seinem Höhlenabenteuer, der auf besseres Wissen schließen ließ, und hier gegen Ende heißt es irgendwo, er wäre sich nicht ganz sicher, ob Altisidora wirklich tot gewesen war.
    Jedenfalls frage ich mich jetzt, ob er sich nicht willentlich in seinen Wahn hineingesteigert hatte und sich dessen zumindest teilweise bewusst war. Wollte er vielleicht nur endlich mal in seinem Leben etwas erleben? Sein sonst so ruhiges, langweiliges Leben zu einem Abenteuer verwandeln? Endlich nicht mehr nur durch zweite Hand (d. h., die Bücher) leben, sondern selbst ganz intensiv "da sein", auch um den Preis, ein Spinner zu sein? Er musste, so denke ich es mir, verrückt werden, sich von Alonso in Don Quijote verwandeln, denn als "normaler" Mensch hätte er nie und nimmer ein Abenteuer erleben dürfen.
    Als er dann seinen Tod nahen fühlt, will er, wie er selbst sagt, "nicht als Narr sterben", sondern als er selbst, Alonso Quijano.
    Ich weiß nicht, ob ihr dies nachvollziehen könnt, aber für mich "passt" das Ende.


    Wehmütig nehme ich jetzt vom "Ritter von der traurigen Gestalt" Abschied. Auch wenn ich mich streckenweise ziemlich quälen musste, hat mir das Buch insgesamt doch gut gefallen und ich kann mir durchaus vorstellen, es in 10 oder 20 Jahren noch einmal zu lesen.
    Vielen Dank für eure Begleitung :winken: .

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • :laola:


    Gratulation, Saltanah.


    Was deinen Eindruck betrifft, dass der Ritter durchaus manchmal "lichte Momente" hatte ... den teile ich durchaus. Mir kam das beim Lesen auch manchmal so vor als wüsste er Bescheid über seinen "Gehirnnebel". Dennoch erklärt das für mich das Ende nicht so richtig. Ich habe viel darüber nachgedankt, aber mit dem Ende kann ich mich einfach nicht aussöhnen. Vielleicht war Cervantes da krank und wollte schnell noch mit dem Buch fertig werden? :gruebel:

    Ein Leben lang lesen ist nicht genug!<br /><br />Top 3:<br />1. &quot;Die Brautprinzessin&quot; von William Goldman<br />2. &quot;Männer&quot; von Dietrich Schwanitz<br />3. &quot;1984&quot; von George Orwell

  • @ Saltanah
    Ich gratuliere ebenfalls :winken:


    Jedenfalls frage ich mich jetzt, ob er sich nicht willentlich in seinen Wahn hineingesteigert hatte und sich dessen zumindest teilweise bewusst war. Wollte er vielleicht nur endlich mal in seinem Leben etwas erleben? Sein sonst so ruhiges, langweiliges Leben zu einem Abenteuer verwandeln? Endlich nicht mehr nur durch zweite Hand (d. h., die Bücher) leben, sondern selbst ganz intensiv "da sein", auch um den Preis, ein Spinner zu sein?


    Die Wandlung von Alonso Quijano zu Don Quijote ging am Anfang recht langsam durch die Lektüre der Ritterromane vonstatten. Ich glaube, dass es aus seiner Sicht zwar unbewusst, aber willentlich geschah, weil er davon überzeugt war, ein Ritter zu sein, auch wenn das bisweilen seltsame Ausmaße annahm. Er hatte zwar lichte Momente, aber die reichten nicht aus, um ihn gedanklich wieder zu seinem Normalzustand zurückzuführen. Manche Leute schaffen es, an Dinge zu glauben, die sie sich lange genug einreden. Die Abenteuer waren eine notwendige Konsequenz. Als Spinner empfand ihn dabei hauptsächlich sein Umfeld.


    Wenn Don Q. alles angezettelt hätte, um Abwechslung zu haben, hätte Cervantes bestimmt einige humorige Spitzen angebracht und den Ritter sich selbst auf die Schippe nehmen lassen. Wahrscheinlich zieht das Bild eines Verrückten beim Publikum besser als jemand, der sich seiner Handlung bewusst ist.


    Ich habe viel darüber nachgedankt, aber mit dem Ende kann ich mich einfach nicht aussöhnen. Vielleicht war Cervantes da krank und wollte schnell noch mit dem Buch fertig werden? :gruebel:


    Mir kam das Ende auch ein wenig zu überstürzt vor (nicht, dass ich wirklich traurig war nach 1000 Seiten :zwinker:). Erst entwickelt sich der Wahn allmählich, wird exzessiv ausgelebt, und dann die plötzliche Läuterung? Da wurden ja manche Randereignisse ausführlicher geschildert.

  • Herzlichen Glückwunsch zum Beenden Saltanah. :daumen:



    Wenn Don Q. alles angezettelt hätte, um Abwechslung zu haben, hätte Cervantes bestimmt einige humorige Spitzen angebracht und den Ritter sich selbst auf die Schippe nehmen lassen. Wahrscheinlich zieht das Bild eines Verrückten beim Publikum besser als jemand, der sich seiner Handlung bewusst ist.


    Ich vermute mal, dass der verrückte Don mehr "Vorteile" hat, als ein geistig klarer Don mit Hunger auf Abenteuer. Erstens fühlt der Leser viel mehr mit dem Verrückten mit, verzeiht im auch Vieles und empfindet Mitleid für ihn. Zweitens kann der Autor seine Figur Dinge tun lassen, die bei einem geistig Gesunden niemals funktioniert hätten und drittens haben dadurch auch die anderen Personen in der Erzählung ein ganz anderes Verhältnis zu ihm als wenn sie wüssten, er tut es mit Absicht und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.
    Insofern glaube ich, dass Cervantes seinen Don hat wirklich verrückt werden lassen und die wenigen klaren Momente sollen wohl die Hoffnung des Lesers aufrecht erhalten, dass es eine Heilung für den Don gibt und am Ende alles wieder "gut" wird.


    Das Ende, tja, also ich bin froh, dass der Don wieder zum Alonso Quixano wurde.


    Als er dann seinen Tod nahen fühlt, will er, wie er selbst sagt, "nicht als Narr sterben", sondern als er selbst, Alonso Quijano.
    Ich weiß nicht, ob ihr dies nachvollziehen könnt, aber für mich "passt" das Ende.


    Als passend empfinde ich das durchaus auch, nur das Tempo hat halt nicht so richtig gepasst. :zwinker: