Olga Tokarczuk: AnnaIn in den Katakomben - Der Mythos der Mondgöttin Inanna

Leserunde mit Tobias O. Meißner ab 06.09.2019: Evil Miss Universe [Gesellschaftskritische Romantic Comedy]
Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 3 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von schokotimmi.

  • Olga Tokarczuk – AnnaIn in den Katakomben
    Der Mythos der Mondgöttin Inanna


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    Klappentext:


    „Solange wir die Götter auf ihren Reisen, Abenteuern, in ihren Metamorphosen, ihren Schöpfungen und Apokalypsen begleiten, existieren sie auch. Und so existiert auch Inanna.“
    Olga Tokarczuk erzählt den 4000 Jahre alten Mythos der sumerischen Mondgöttin Inanna neu. Die Konstellation dieses Mythos ist aus vielen Kulturkreisen bekannt: Ein geliebter Mensch wird im Tausch für das eigene Lebensglück geopfert. Im Falle AnnaIns ist die das Opfer einfordernde Göttin ihre eigene Schwester. Olga Tokarczuks Sprache, mit der sie die Gegensätzlichkeit und Hassliebe der Schwestern sowie ihre Welten beschreibt, ist einzigartig, bilderreich und poetisch.


    Das Buch gehört zu einem Mythen-Projekt, das von 30 Verlagen weltweit getragen wird.


    Meine Meinung zum Buch:


    Eigentlich möchte ich hier nur rufen: genial, genial, genial! Aber das wäre ein bisschen wenig als Rezension.


    Olga Tokarczuk erzählt die Geschichte der Göttin Inanna in einem für mich völlig neuen Sprachstil, der mich von der ersten Seite an in Bann gezogen hat. Allerdings fehlen mir, wie immer wenn ich begeistert von etwas bin, die Worte, um meine Gefühle deutlich zu machen. Tokarczuk schreibt sehr bildreich, ohne jemals schwülstig zu werden. Die Sprache wirkt altertümlich und doch modern, geheimnisvoll, hintergründig und trotzdem klar. Ich konnte dieses Buch nicht so schnell lesen, wie ich es üblicherweise mache, ich musste mein Lesetempo drosseln und konnte dann die Worte aber richtig genießen.


    Empfehlenswert ist es schon, den Mythos der Göttin Inanna vorher ungefähr zu kennen, Detailwissen ist aber nicht notwendig. Ich habe mich, kurz nachdem ich das Buch angefangen hatte, über Inanna in Wikipedia informiert, das hat schon ausgereicht, um zu erkennen, wer hinter welcher Figur in der Erzählung steckt.
    Das Buch enthält auch ein ausführliches Nachwort, in dem der Mythos zusätzlich noch erläutert wird, aber das habe ich erst am Ende entdeckt.


    Ein begeisterndes Buch, das ich sicherlich noch einmal lesen werde.


    Ich gebe 5ratten


    Viele Grüße von Annabas :winken:

  • Gelesen habe ich die Hardcover-Ausgabe:


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    Inhalt: AnnaIn hat einen Ruf erhalten und macht sich daraufhin mit ihrer Freundin Nina auf den Weg unter die Stadt, in die Katakomben, die Unterwelt. Vor dem Tor muß Nina zurückbleiben, während AnnaIn vom Türhüter durch sieben Tore geführt wird, dabei jeweils etwas von ihrem Schmuck oder ihrer Kleidung zurücklassen muß, bevor sie nackt und bloß vor ihrer Schwester steht. Und da von dort niemand zurückkehrt, bleibt auch AnnaIn tot zurück. Nina allerdings hat den Auftrag, nach drei Tagen die Väter aufzusuchen. Diese verweigern allerdings die Hilfe, so macht sich Nina auf den Weg zu AnnaIns Mutter. Diese stellt den Vätern ein Ultimatum, und tatsächlich erschafft der eine zwei Fliegen, die AnnaIns Schwester umschmeicheln und die Tote zum Leben wiedererwecken. Allerdings stellt die Schwester eine Bedingung: AnnaIn darf nur gehen, wenn dafür ein Ersatz kommt. Die Dämonen, die AnnaIn zurück auf die Erde begleiten, um den Austausch in Empfang zu nehmen und in die Tiefe zu geleiten, lassen sich nur mit Mühe davon abbringen, den erstbesten Bekannten AnnaIns mitzuschleppen. Und so bleibt am Ende nur noch eine Wahl, aber auch dagegen regt sich Widerstand ...



    Meine Meinung: Tokarczuk hat mit dem Mythos der sumerischen Göttin Inanna ein Vorbild gewählt, das man wohl mit Fug und Recht als einen Urmythos der Menschheit bezeichnen kann, da er in regionalen und zeitlichen Variationen extrem weit verbreitet ist. Dazu flicht sie geschickt eine Reihe von Verweisen und Parallelen zu verwandten Mythen ein. All das transferiert sie zwar in ein moderneres Umfeld, daher stolpert man mit AnnaIn und Nina auch zwischen Kabeln, verrosteten Metalltüren und Aufzugsschächten umher, aber sie trimmt den Mythos nicht krampfhaft auf realistisch oder eine „rationale“ Erklärung. Der mythische Faktor bleibt in vollem Umfang erhalten, und aus dieser Kombination ergibt sich schon eine sehr eigene Atmosphäre, die mich gefangen genommen hat.


    All das wird unterstützt von einer sehr bildhaften und plastischen Sprache. Tokarczuk sagt im Nachwort, wenn sie zeichnen könne, hätte sie den Bildern Vorrang vor dem Wort eingeräumt. Das finde ich gar nicht nötig, es ist auch so sehr ausdrucksstark. Zwei Dinge sind hierbei noch besonders erwähnenswert. Da ist zum ersten das Ultimatum, das AnnaIns Mutter durch Nina an die Väter übermitteln läßt. Dieses zeichnet sich durch eine ungeheure Wortgewalt aus, und wegen des Übermittlungsweges hat man das Vergnügen, es zweimal zu lesen. Normalerweise schätze ich solche Wiederholungen nicht besonders, aber hier paßte es einfach in den Erzählfluß und erinnerte zudem daran, daß diese Geschichten früher nicht gelesen, sondern erzählt wurden. Besonders zentrale Teile wurden also vom Rhapsoden mehrfach wiederholt, damit das Publikum keine wichtigen Punkte verpaßte oder vergaß. Der zweite Punkt betrifft den eingebauten Schöpfungsmythos, den Nina während ihrer Suche nach AnnaIns Mutter von Anna Enhudu bekommt. Dieser hat mehr als nur leichte Ähnlichkeiten mit der Genesis der Bibel, wobei diese Parallelen nicht überraschen, aber auch dieser war großartig erzählt..


    Was mich allerdings gestört hat, war diese Silbenvertauschung von Inanna zu AnnaIn, vor allem gegen große I im Wort bin ich ziemlich allergisch. Ich kann mir bislang auch noch keinen hinreichenden Grund zurechtlegen, wofür diese Umstellung nützlich gewesen sein soll, zumal im Text auch immer wieder einmal die Ausgangsform auftaucht. Dieses Umdrehen erleben allerdings auch zwei andere Frauen hier, nämlich Anna Enhudu, als Enhuduanna antike Autorin eines Poems über Inanna, sowie Anna Geszti, Gesztianna, Inannas Schwägerin. Die Tatsache, daß durch die Umstellung nun alle Frauen Anna heißen, ist zwar irgendwie ganz witzig, aber einen besonderen Sinn kann ich trotzdem nicht darin erkennen.


    Letzteres ist aber nur in kleiner Wermutstropfen in einem ansonsten wirklich großartigen Roman!


    5ratten


    Schönen Gruß,
    Aldawen

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    Kurzbeschreibung laut Amazon:
    Die Konstellation dieses Mythos ist aus vielen Kulturkreisen bekannt: Ein geliebter Mensch wird im Tausch für das eigene Lebensglück geopfert. Im Falle AnnaIns ist die das Opfer einfordernde Göttin ihre eigene Schwester. Die Sprache von Olga Tokarczuk, mit der sie die Gegensätzlichkeit und Hassliebe der Schwestern sowie ihre Welten beschreibt, ist einzigartig, bildreich und sehr poetisch.



    Ach, was soll ich nur den schönen und treffenden Rezensionen von Annabas und Aldawen hinzufügen?


    Ich bin ebenso begeistert wie die Beiden von Tokarczuks Bearbeitung des sumerischen Inanna-Mythos. Tokarczuk gelingt es, die Geschichte originalgetreu, aber trotzdem neu zu erzählen. Durch ihre auch in der Übersetzung großartige Sprache voller faszinierender Bilder werden die Personen und ihre Lebenswelten, (egal ob es sich um die science fictionmäßig angehauchte Heimatstadt Inannas oder die finstere Unterwelt handelt), trotz der Kürze des Buches so lebendig wie sonst selten.
    Und auch wenn man die Handlung des Mythos kennt - entweder durch vorgezogenes Lesen des Nachwortes oder durch Heranziehen eines Nachschlagewerkes - bleibt die Spannung bestehen. Wie wird es/wird es überhaupt gelingen, Inanna aus der Unterwelt zu befreien? Tokarczuk verändert ihre Geschichte gerade genug, um diese Unsicherheit aufrecht zu erhalten. Zuzutrauen wäre ihr auch eine radikale Änderung des Mythos. Und auch den - davon bin ich überzeugt - hätte ich ihr ohne jeden Protest abgenommen.


    Auch von mir gibt es
    5ratten sowie einen :tipp:



    Zu Aldawens Ärgernis, dem Binnen-I in Annain, fiel mir auf, dass es diesen im polnischen Original nicht gibt, zumindest nicht im Titel: Anna In w grobowcach świata. Hier halte ich "In" für den Nachnamen dieser Anna. Vielleicht wählte die Übersetzerin die Binnen-I-Form, um eine Verwechslung mit der Präposition "in" zu vermeiden.
    Damit sind es, wie Aldawen schon bemerkte, drei Annas, die in wichtigen Rollen im Buch auftauchen. Die Namensänderungen passen meiner Meinung nach gut in diese modernisierte Fassung des Mythos. Die Personen haben so Vor- und Nachnamen wie wir auch, und zumindest im Falle der Anna Geszti einen besonders passenden, da durch das "sz" polnisch klingenden Nachnamen. Gegen Ende des Buches werden die Namen wieder zurückverwandelt in ihre ursprüngliche Form und die Personen dieses Romans kehren so zurück zu ihrem mythischen Ursprung.

    Wir sind irre, also lesen wir!

    Einmal editiert, zuletzt von Saltanah ()

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    Der Mythos der Mondgöttin Inanna neu erzählt!


    Meinung:
    Ich habe das Buch aufgrund der Empfehlung während einer anderen LR zum Mythenprojekt erhalten und ich kann die bekundete Begeisterung bestätigen.
    Das Buch ist anders und doch sehr eingängig und ergreifend. Die Sprache mit den wiederholenden Erklärungen (Ich, ich jede, die erzählt,...) betont ohne das es übertrieben wirkt. Die Geschichte ist bekannt und doch anders - mein schwebt immer zwischen Realität, Mythos und Si-Fi. Neben der Ursprungsgeschichte tauchen immer wieder verweise zu anderen Mythen, Glauben oder Traditionen auf, aber nie direkt, sondern immer zwischen den Zeilen. Ein Buch bei dem man an jeder Stelle die verschiedensten Ideen und Ansichten entdecken kann.


    Der Wechsel AnnaIn - Inanna hat mich überhaupt nicht gestört, im Gegenteil. Für mich passte es zur Sprache und Form des Buches und zeigte die Wandelfähigkeit der Göttin im Verlauf der Zeit, genau wie bei den anderen beiden Frauen! Sie sind immer die selbe und doch werden sie immer wieder anders wahrgenommen.


    Von mir gibt es 5ratten!


    Danke für den Tipp und viele Grüße
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%