Alfred Döblin – Berlin Alexanderplatz

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 7 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Kirsten.

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    Inhalt: Franz Biberkopf wird nach vier Jahren aus dem Gefängnis entlassen, wo er wegen Totschlags an seiner Freundin eingesessen hat. Er fühlt sich draußen zunächst unsicher, denn nun muß er sein Leben wieder selbst regeln statt es geregelt zu bekommen. Aber er nimmt sich vor, „anständig“ zu bleiben. Das gelingt ihm als Straßen- und Zeitungsverkäufer zunächst so einigermaßen. Einen ersten Schlag bekommt er, als ein Kumpel eine neue „Geldquelle“ von Franz überfällt. Franz beginnt zu trinken und gerät an den Psychopathen Reinhold. Dieser hat kurzlebige Frauengeschichten, und trifft mit Franz ein Arrangement darüber, daß dieser ihm die Frauen abnimmt, wenn er sie leid ist. Als Franz dieses Arrangement dann beendet, lockt ihn Reinhold in die Einbrecherkolonne, der er selbst angehört. Franz versteht erst, worauf er sich eingelassen hat, als er Schmiere stehen soll, und weigert sich, weil er doch anständig bleiben will (was angesichts seiner „Arbeit“ als Zuhälter schon reichlich naiv wirkt). Reinhold fühlt sich nun bedroht und wirft Franz auf der Rückfahrt aus dem Auto, Franz wird überfahren und verliert den rechten Arm. Trotzdem hegt er keine Rachegefühle gegenüber Reinhold, was dieser nicht glauben kann und will. Auch diessem Bedrohungsgefühl heraus macht sich Reinhold an Franz' Freundin, eine Prostituierte, heran und erwürgt sie im Affekt. Franz hat zwar mit dem Mord nichts zu tun, zieht es aber doch vor zu verschwinden. Nach einem Streit unter den Kriminellen packt Reinholds Helfer beim Verscharren der Prostituierten der Polizei gegenüber aus, nun werden Franz und Reinhold gesucht. Während einer Kneipenrazzia schießt Franz einen Polizisten an, in der Untersuchungshaft verweigert er die Nahrungsaufnahme und wird in eine geschlossene Anstalt verlegt. Reinhold wird entdeckt und für den Mord an der Prostituierten verurteilt. Franz hat ein spirituelles Erlebnis mit dem Tod, und nach der Entlassung aus der Anstalt nimmt er einen neuen Anlauf für sein Leben, indem er eine Stelle als Hilfsportier antritt.



    Meine Meinung: Als Psychogramm eines Charakters, der, einmal auf die schiefe Bahn geraten, diese nicht verlassen kann, ist der Roman auf jeden Fall interessant. Der Erzähler, der sich häufig direkt an den Leser wendet, hegt offenbar Sympathie für diesen Franz, was ich nicht teilen kann. Im wohlwollendsten Fall könnte man Biberkopf naiv nennen, tatsächlich aber liegt wohl eher ausgesprochene Charakterschwäche gepaart mit Lernresistenz vor, eine Kombination, die mich furchtbar nervt. Ich weiß, daß es solche Menschen gibt, aber sie nerven mich auch im realen Leben und eigentlich muß ich darüber nicht auch noch lesen. Das wurde teilweise durch die farbige Milieustudie aufgewogen: Die Figuren haben schon alle einen sehr eigenen Zug und ihr Umgang miteinander war ähnlich speziell. Allerdings war mir keine der Figuren irgendwie sympathisch, auch für Mitleid oder eine andere Form der Anteilnahme reichte es einfach nicht. Es geht nicht darum, daß keine für mich als Identifikationsfigur taugte, das halte ich auch nicht für notwendig, aber wenigstens irgendein Gefühl jenseits von Gleichgültigkeit wäre schon gut gewesen ( :rollen: über Franz reicht da auch nicht).


    Die mehrfache Verfilmung dieses Romans überrascht mich nicht, seine ganze Struktur ist so szenenhaft und bildlich angelegt, daß es förmlich danach schreit. Dies wird von Stil und Sprachduktus noch unterstrichen. Döblin verwendet auch außerhalb der Dialoge und Gedankengänge einen sehr mündlichen, expressiven Ausdruck: Teilsätze, Jargon und Dialekt, Präsens als Erzählzeit usw. Damit wird ein gewisses Gefühl von Tempo und Gleichzeitigkeit erzeugt. Mir ist klar, daß Döblin diese Sprachform sicher mit Bedacht gewählt hat, und auch, daß sie im Kontext des Romans eine eigene und die Handlung stützende Rolle spielt – gefallen hat es mir trotzdem nicht. Und dies gilt gleichermaßen für die mit dem Holzhammer daherkommenden Opferbezüge vom Schlachthof bis zur Sammlung altestamentarischer Szenen in eher biblischer oder übertragener Fassung, weniger wäre hier für mich mehr gewesen. Spaß gemacht hat mir dann aber wieder das eingebaute „Liederquiz“ von Schnitter Tod, über Auf, auf zum Kampf! bis zu Die Wacht am Rhein. Gerade der stilistische Aspekt ist im wesentlichen für die Bewertung verantwortlich, die andernfalls besser ausgefallen wäre:


    3ratten

    Schönen Gruß,
    Aldawen

  • Ich konnte leider überhaupt keinen Zugang zu diesem Buch finden! Den Schreibstil habe ich einfach nur als furchtbar empfunden und wusste oft gar nicht, wozu etwas gehört, was ich gerade lese. Zum einen wird die Geschichte von Franz Biberkopf erzählt und zum anderen darf man viele Einschübe lesen, die ich oft gar nicht der Geschichte zuordnen konnte und mich dann gefragt habe, warum ich das jetzt lesen musste. Sehr anstrengend fand ich den Berliner Dialekt, wobei ich aber trotzdem finde, obwohl er mich genervt hat, dass der Dialekt nun mal dazu gehört, wenn die Geschichte schon in Berlin spielt.
    Das Verhalten von Franz konnte ich die meiste Zeit auch nicht nachvollziehen und es wird auch keine Nähe zu ihm geschaffen, so dass ich auch nicht allzu neugierig gemacht wurde, was wohl weiter mit Franz geschehen mag.
    Wahrscheinlich hätte ich mir direkt eine Erläuterung dazu besorgen sollen um manche Sachen besser oder überhaupt zu verstehen. Aber ob das meine Leselust gesteigert hätte?
    Ich bin einfach nur froh, dass ich dieses Buch als geschafft abhaken kann und kann es leider so gar nicht weiter empfehlen.


    1ratten (dafür, dass ich es beendet habe)

    Einmal editiert, zuletzt von foenig ()

  • Franz Biberkopf und ich sind lange Zeit keine Freunde geworden, doch am Ende habe ich mich doch noch mit ihm versöhnt.


    Berlin Alexanderplatz erzählt die Geschichte des Ex-Sträflings Franz Biberkopf, aber nicht nur das, es zeichnet auch ein buntes Bild vom Berlin der 20er Jahre. Franz Biberkopf muss nach seinem Gefängnisaufenthalt erst wieder ins Leben zurückfinden. Er hat sich vorgenommen, ein ehrliches Leben zu führen, gerät aber früher oder später doch wieder in die falschen Kreise und lässt sich auf kriminelle Machenschaften ein.


    Franz Biberkopf ist sicherlich kein Sympathieträger, er ist sogar häufig eine sehr nervige Hauptperson. Seine Naivität und Dummheit machen es dem Leser nicht gerade leicht, manchmal würde man ihn am liebsten schütteln und anschreien, wenn er wieder und wieder den falschen Leuten vertraut. Und doch habe ich mit ihm gefühlt, mit ihm gehofft und mit ihm gelitten und seine Geschichte - nach besagten Startschwierigkeiten - gern verfolgt.


    Stilistisch ist das Buch sehr interessant, viele Personen sprechen Berliner Dialekt, manchmal tauchen Gedichte, Liedtext, Zeitungsausschnitte und ähnliches auf. Auch der Autor als allwissender Erzähler mischt sich ein, spricht den Leser persönlich an, gibt Kommentare ab. Alfred Döblin ist es dadurch gelungen, eine sehr abwechslungsreiche und ansprechende Geschichte rund um eine eher uninteressante Hauptperson zu konstruieren. Zusätzlich erhält man durch kleine Szenen und "Fundstücke" einen Eindruck von der Stadt, der 20er Jahre, den Leuten und ihren Probleme.


    Abschließend muss ich sagen, dass es in diesem Buch sicher noch sehr viel mehr zu entdecken gibt, als ich beim ersten Lesen wahrnehmen konnte. Ich werde das Buch also in einigen Jahren nochmal lesen und bin überzeugt, dass die Bewertung dann noch besser ausfällt. Aktuell gibt es von mir 4ratten

    ~~better to be hated for who you are, than loved for who you&WCF_AMPERSAND're not~~<br /><br />www.literaturschaf.de


  • Franz Biberkopf ist sicherlich kein Sympathieträger, er ist sogar häufig eine sehr nervige Hauptperson. Seine Naivität und Dummheit machen es dem Leser nicht gerade leicht, manchmal würde man ihn am liebsten schütteln und anschreien, wenn er wieder und wieder den falschen Leuten vertraut. Und doch habe ich mit ihm gefühlt, mit ihm gehofft und mit ihm gelitten und seine Geschichte - nach besagten Startschwierigkeiten - gern verfolgt.
    [...]
    Alfred Döblin ist es dadurch gelungen, eine sehr abwechslungsreiche und ansprechende Geschichte rund um eine eher uninteressante Hauptperson zu konstruieren.


    Bei deiner Einschätzung zu Biberkopf stimme ich dir voll und ganz zu. Es tut nach fünf Monaten (!) noch immer richtig weh daran zu denken, wie unglaublich naiv und unsäglich blöde er sich verhalten hat.


    Ich bin aber noch immer der Meinung, dass nicht Biberkopf, sondern das pulsierende Berlin der 20er Jahre die eigentliche "Hauptperson" des Romans ist. Franzekens Geschichte wird dem Leser einfach nur deutlicher gezeigt als die anderen Geschichten/Personen der Stadt, in deren Leben/Geschichten wir aber trotzdem immer mal wieder einen kurzen Einblick erhalten. Wenn ich an den Roman denke, höre ich auch zuerst immer die Stadt: Trams, Autos, Stimmengewirr, Baulärm, (Schweine)... Und erst danach kommt die Nahaufnahme zu den Menschen.


    Übrigens hat mich die Schlachthofszene für einige Wochen zum Vegetarier gemacht. Eine so durchgreifende (Nach-)Wirkung hatte noch kein Buch bei mir.


    Lieben Gruß,
    bimo :winken:


  • Ich bin aber noch immer der Meinung, dass nicht Biberkopf, sondern das pulsierende Berlin der 20er Jahre die eigentliche "Hauptperson" des Romans ist.


    Das sehe ich auch so, habe mich da wohl nur etwas missverständlich ausgedrückt.



    Übrigens hat mich die Schlachthofszene für einige Wochen zum Vegetarier gemacht. Eine so durchgreifende (Nach-)Wirkung hatte noch kein Buch bei mir.


    Oh ja! Wenn ich nicht schon Vegetarierin wäre, hätte mich diese Szene auch zum Nachdenken gebracht!

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  • Meine Meinung

    Wenn ich an den Roman denke, höre ich auch zuerst immer die Stadt...

    Ich habe die Stadt die ganze Zeit über in einer Schwarzweiß-Aufnahme vor mir gesehen. Gleich der Anfang des Buchs hat dieses Bild in mir geweckt und es läßt mich auch jetzt, nach dem Ende der Lektüre, nicht los.


    Ich hatte nicht den Eindruck, als ob Franz jemals in dem Leben nach dem Gefängnis angekommen ist. Ihm hat nicht nur der geregelte Ablauf gefehlt. Die Welt "draußen" schien ihm zu groß zu sein, er hat sich darin nicht zurecht gefunden und keinen Halt gefunden.


    Ich fand die Sprache des Romans schwierig. Mitten im Buch habe ich einen Zettel gefunden, auf dem "innerer Monolog" stand. Der unbekannte Schreiber hat recht. Franz hat die Dinge mehr mit sich als mit seiner Umgebung ausgemacht. Aber es kam mir auch so vor, als ob er gleichzeitig erwartet hätte, dass man seine Gedanken lesen und ihm helfen kann.


    Keine leichte Lektüre, über die ich noch einige Zeit nachdenken werde.

    3ratten

    Funny how those once so close and now gone still so affect our lives.