Faszination "großer" Autoren - Teil 1: Thomas Mann

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Es gibt 57 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von sandhofer.

  • Ich meinte, dass ich es anders sehe und ich sehe, dass Dir es gefällt, aber mir keineswegs. Ich habe einfach nur kommentieren wollen, dass man über Geschmack nicht streiten kann. War nicht bös oder irgendwas gemeint....
    Alles Liebe cori


  • Die Buddenbrooks fand ich sehr amüsant und unterhaltsam. Vor allem mochte ich den immer latent ironischen Tonfall von Thomas Mann. Und ich fand die Familie mit ihren Macken und Meisen toll (Christian, dem immer die eine Seite zu kurz war, Toni mit ihrer Art, der gestrenge und auf Haltung bedachte Thomas). Sobald ich die Buddenbrooks wieder gelesen habe, bemühe ich mich um ein differenzierteres Urteil.
    Der Zauberberg-Eindruck ist noch ein wenig frischer. Letztlich ist es wieder die Sprache, die mich förmlich in den Zauberberg hineingezogen hat und mich von Satz zu Satz weitergetragen hat. So nett die ganzen philosophischen Diskurse sind - ich fand sie zwar durchaus spannend, aber ich fürchte, ohne Th. Manns Sprache wäre das alles etwas dröge geworden.


    Den Eindruck habe ich von den Buddenbrooks und vom Zauberberg. Ich würde sogar etwas weiter gehen und den Ton beider Romane als bisweilen distanziert-spöttisch bezeichnen.


    Zitat


    Das merkwürdige ist, dass ich Th. Mann durchaus schätze, aber ihm irgendwie neutral gegenüberstehe. Er hat mich bisher als Mensch nicht beeindruckt. Nicht, dass ich das erwarten würde, aber diese etwas distanzierte Haltung habe ich auch gegenüber seinen Romanen, die ich bisher kenne.



    Mein Verhältnis zu ihm ist eher kühl als neutral. Vielleicht wirkt er so auf mich, weil seine Romane oft auch etwas von theoretischen Abhandlungen haben.


    Liebe Grüße,
    mohan

  • Was sagt Ihr zu meinem Vorwurf, dass seine Figuren hohl wirken? al cori

  • Warum wird der Thread nicht umbenannt in "Spekulationen, Gerüchte und Anekdoten über Thomas Mann"? :zwinker:


    Ich finde ja die Grundfrage "was fasziniert an "großen" Autoren" globaler gesehen viel interessanter.

    Viele Grüsse,

    Weratundrina :verlegen:


    Help me, help me ~ Won't someone set me free? ~ There's no right side of the bed ~ With a body like mine and a mind like mine

    ~ IDLES ~



  • Was sagt Ihr zu meinem Vorwurf, dass seine Figuren hohl wirken? al cori


    Könntest du den Vorwurf inhaltlich unterfüttern? Welche Figuren sollen warum hohl sein? Ein paar würden vielleicht schon für eine Diskussion reichen.


    Liebe Grüße,
    mohan

  • Gerne mohan - Meine "geliebte" LOTTE (nicht LOTTO), die als alte Lady völlig uninteressant beschrieben wird, dann Felix Krull, der zur Abwechslung wieder Mal bürgerlich war, - Dr.Düsing, auch nicht sehr originell.


    ABER!!!! Ich möchte etwas einwerfen - ich finde, dass die Erzählungen Thomas Mann`s um das 100 - fache besser sind!!!!


  • Warum wird der Thread nicht umbenannt in "Spekulationen, Gerüchte und Anekdoten über Thomas Mann"? :zwinker:


    Ich finde ja die Grundfrage "was fasziniert an "großen" Autoren" globaler gesehen viel interessanter.


    Für einmal völlig Deiner Meinung ...


    sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Och komm, das hatten wir doch schon ein paar mal erlebt. :tse:

    Viele Grüsse,

    Weratundrina :verlegen:


    Help me, help me ~ Won't someone set me free? ~ There's no right side of the bed ~ With a body like mine and a mind like mine

    ~ IDLES ~


  • Weratundrina & Sandhofer
    Ich wäre Euch ja irgendwie dankbar, wenn Ihr noch ein paar eigene Stichworte gebt, damit die Diskussion wieder in eine andere Richtung geht. (Sorry, wenn ich mit meiner Nachfrage diesen Exkurs mitverantwortet habe, ich wollte aber wirklich nicht die eigentliche Diskussion abbrechen.)


    @Cori & mohan
    Cori empfindet die Figuren als hohl, mohan hat ein kühles Verhältnis zu Th. Mann aufgrund dessen distanziert-spöttischen Tonfall. (Ich hoffe, ich habe das jetzt richtig zusammengefasst.)
    Ich empfinde auch diese Distanz Manns zu seinen Figuren, die er immer nur wie von Ferne betrachtet, nie hat man das Gefühl einer "persönlichen Beziehung" zu seinen Figuren. Ich hatte bei Hans Castorp trotz seiner gelegentlichen Monologe mit sich selbst nie das Gefühl, ihm wirklich nah zu kommen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Th. Mann seinen Figuren selbst nicht so nah steht? Ich persönlich habe mit so einer Erzählweise nicht so große Probleme, da ich diese Ironie und Distanz mag, zumal die Sprache Manns allein reicht, um einen durch jede Art von Handlung oder Beschreibung zu tragen.
    Ich überlege gerade, inwiefern diese distanzierte Haltung zu den Personen die besondere ätherische Stimmung im Zauberberg überhaupt erst ermöglicht - aber ich denke mir da gerade einen Knoten in den Kopf, glaube ich. :zwinker:

    Einmal editiert, zuletzt von Vulkan ()

  • Vielleicht ist die Darstellung der Protagonisten so distanziert und unterkühlt, weil Thomas Mann selber auch so war. Ich stelle es mir als Schriftsteller sehr schwer vor so ganz anders zu schreiben als man selber ist, oder?


    Und deswegen kann ich mir Bücher analysieren auch schwer vorstellen ohne etwas über den Schriftsteller zu wissen. Meiner Meinung fliesst immer auch die Persönlichkeit und die Wahrnehmung der Welt der Schriftsteller in die Bücher und die Schreibweise ein. Alles andere fände ich nicht menschlich und würde vermutlich auch konstruiert wirken.

    :leser:<br />Walter Moers - Die Stadt der träumenden Bücher


  • Ich überlege gerade, inwiefern diese distanzierte Haltung zu den Personen die besondere ätherische Stimmung im Zauberberg überhaupt erst ermöglicht - aber ich denke mir da gerade einen Knoten in den Kopf, glaube ich. :zwinker:


    Ich denke, diese Distanz ist ja gerade das, was die Geschehnisse im Sanatorium wie eine Parallelwelt erscheinen lassen, in der "normale" Gefühle und Gedanken nicht zugelassen werden (können). Bei weniger Distanz und stärkerem Einfühlen müssten sich ja alle Patienten pausenlos mit dem Tod auseinandersetzen, denn sie alle sind lebensgefährlich erkrankt. Aber mit diesem Abstand kann man das wunderbar verdrängen. Ab und zu schimmert ja die Verzweiflung durch, ich erinnere mich an die Szene, in der ein junger Patient mit einer Pistole herumfuchtelt und sich selbst umbringen will. Aber auch dies wird dann ganz schnell glatt gebügelt und man schweigt vornehm über diesen peinlichen Verlust der Haltung.


    Grüße von Annabas

  • @ leseliese
    Ich weiß nicht, ob das so einfach ist... Die wenigsten Menschen sind eindimensional. Vielleicht setzt sich nach außen hin eine Eigenschaft eher durch oder ist offensichtlicher, aber das heißt nicht unbedingt, dass entsprechende Emotionen in der Person nicht vorhanden sein können.
    Ich persönlich weiß häufig sehr wenig über die Autoren - erst wenn mich (mehrere) Bücher wirklich fesseln, greife ich zu Tagebüchern, Briefen, Biographien. Skeptisch bleibe ich hinsichtlich der Möglichkeit, wirklich in das Seelenleben eines Menschen einzudringen.


    @ Annabas
    In die Richtung gingen auch meine Gedanken. Wahrscheinlich wären im Angesicht von Tod und Sterben die philosophischen (Streit-)Gespräche zwischen Settembrini und Naptha schwieriger zu platzieren gewesen. Oder sie wären zumindest in eine andere Richtung gegangen.

  • Vulkan: Du hast geschrieben:


    Zitat

    Ich empfinde auch diese Distanz Manns zu seinen Figuren, die er immer nur wie von Ferne betrachtet, nie hat man das Gefühl einer "persönlichen Beziehung" zu seinen Figuren


    So ist es. Das ist der Punkt. Das stört mich.


    Ich glaube nicht, dass dies etwas mit der Person "Mann" zu tun hatte. Denkt doch an Jelinek - obwohl sie grausame, geschändete, tote, was auch immer, Menschen aufzeichnet, so kommen die nicht so hohl rüber. Zum Beispiel in "Lust" bekam ich richtig Mitleid mit dem Mann, der so armseelig war, wie nichts anderes. Und Jelinek benützt die schönste Sprache, wenn man hinter die Geschichte blickt. Sie hat die Figuren ganz nah geholt.


    Mann hat gezeichnet. Schämenhaft.


  • @Cori & mohan
    Cori empfindet die Figuren als hohl, mohan hat ein kühles Verhältnis zu Th. Mann aufgrund dessen distanziert-spöttischen Tonfall. (Ich hoffe, ich habe das jetzt richtig zusammengefasst.)
    Ich empfinde auch diese Distanz Manns zu seinen Figuren, die er immer nur wie von Ferne betrachtet, nie hat man das Gefühl einer "persönlichen Beziehung" zu seinen Figuren. Ich hatte bei Hans Castorp trotz seiner gelegentlichen Monologe mit sich selbst nie das Gefühl, ihm wirklich nah zu kommen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Th. Mann seinen Figuren selbst nicht so nah steht? Ich persönlich habe mit so einer Erzählweise nicht so große Probleme, da ich diese Ironie und Distanz mag, zumal die Sprache Manns allein reicht, um einen durch jede Art von Handlung oder Beschreibung zu tragen.
    Ich überlege gerade, inwiefern diese distanzierte Haltung zu den Personen die besondere ätherische Stimmung im Zauberberg überhaupt erst ermöglicht - aber ich denke mir da gerade einen Knoten in den Kopf, glaube ich. :zwinker:


    Nein, richtig zusammengefasst hast du es nicht. :smile: Es sind zwei Einzelpositionen im Posting. Zum Verhältnis habe ich geschrieben, es sei eher kühl als neutral. Mann wirkt vielleicht so auf mich, weil seine Romane oft auch etwas von theoretischen Abhandlungen haben. Mit dem distanziert-spöttischen Ton hat dies nichts zu tun. Deine Schlussüberlegung finde ich sehr interessant, glaube auch nicht, dass du dir "da gerade einen Knoten in den Kopf" denkst. Manns Haltung zu seinen Figuren ist wohl eine Voraussetzung zur Erzeugung dieser ätherischen Stimmung.


    Liebe Grüße,
    mohan


  • Ich denke, diese Distanz ist ja gerade das, was die Geschehnisse im Sanatorium wie eine Parallelwelt erscheinen lassen, in der "normale" Gefühle und Gedanken nicht zugelassen werden (können). Bei weniger Distanz und stärkerem Einfühlen müssten sich ja alle Patienten pausenlos mit dem Tod auseinandersetzen, denn sie alle sind lebensgefährlich erkrankt. Aber mit diesem Abstand kann man das wunderbar verdrängen. Ab und zu schimmert ja die Verzweiflung durch, ich erinnere mich an die Szene, in der ein junger Patient mit einer Pistole herumfuchtelt und sich selbst umbringen will. Aber auch dies wird dann ganz schnell glatt gebügelt und man schweigt vornehm über diesen peinlichen Verlust der Haltung.


    Ja, im Zentrum des Sanatoriumsaufenthalts steht der Versuch, eine Situation zu kontrollieren, auf die man im Grunde - abgesehen von der ärztlichen Behandlung - keinen Einfluss hat. Der Umgang mit dieser Situation gestaltet sich bei den Patienten sehr unterschiedlich und weist durchaus Tiefendimensionen auf. Diese hat Mann teils in den Figuren selbst angelegt, im Grenzfall kommen sie vielleicht erst zustande durch den Einbau theoretischer Diskurse.


    Ich weiß jedoch nicht, ob ein Autor zwingend die Distanz wahren muss, damit die Figuren sich distanziert verhalten können ("Bei weniger Distanz und stärkerem Einfühlen müssten sich ja alle Patienten pausenlos mit dem Tod auseinandersetzen").


    Liebe Grüße,
    mohan

    Einmal editiert, zuletzt von mohan ()