Vladimir Nabokov - Erinnerung, sprich

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 2 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Kirsten.

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    Zwischen den unscheinbaren Buchdeckeln liegen etwas über ein Dutzend Kapitel, die alle vor Erscheinen des Buches als Kurzgeschichten veröffentlicht wurden. Trotz späterer Überarbeitung merkt man Vladimir Nabokovs Autobiographie doch an, dass man eine Reihe Kurzgeschichten liest, die sich brüderlich an der Hand nehmen und die Lücken schließen. Anders könnte es bei Nabokov nicht sein, denn für ihn ist nicht die chronologische Abfolge seines Lebens wichtig, sondern den Roten Faden, die literarischen Motive in seinem realen Leben zu finden und zu verfolgen.


    Manche Kapitel lehren den an Fakten interessierten Leser nichts weiter, als dass Familie Nabokov so manchen Sommer in Biarritz verbracht hat, und die Reise nach dort in luxuriösen Zügen bestritt. Aber wen interessiert, welche Cafés der junge Vladimir in Biarritz besucht hat, welche Souvenirs er gekauft hat, wenn man stattdessen erfahren darf, wie der Junge nachts die leeren Bahnhöfe im Vorbeifahren beschaut, wenn sich die Motten nach den Lampen sehnen und ein körperloses Husten die einzige menschliche Stimme ist - kurz, wie sich selbst für den noch lange nicht gereiften zukünftigen Autor in so unerwarteten Momenten Eindrücke ansammeln, die dann später, heimlich und ohne Ankündigung, in seinen anderen Büchern wieder auftauchen.


    So verliebt sich der 10-jährige Vladimir in Biarritz in das Mädchen Colette, das ihn so sehr verzaubert, dass sie gemeinsam eine abenteuerliche Flucht unternehmen wollen. Wer denkt da nicht an die prägende Liebe von Humbert Humbert zu seiner ersten Nymphe, Annabel Leigh, die anscheinend doch von mehr inspiriert ist als nur Edgar Allan Poes Gedicht über "Annabel Lee". Wohin soll die Flucht gehen? Vladimir lässt sich von Zeilen aus der Oper Carmen inspirieren - und wer denkt da nicht an Lolita höchstpersönlich, die immer wieder Carmen singt?


    Nabokovs Autobiographie liest sich so angenehm wie seine besten Romane. Es gibt keine Durststrecken, auf denen die für Biographien nötigen Übel von Familienstammbäumen und Liste der Wohnortswechsel durchgemacht werden. Nabokov handelt nach seiner altbekannten Maxime: Was ist die Realität, die wahre Geschichte? Nicht das, was passiert ist, sondern das, was den Menschen bewegt, ist die Realität.



    EDIT: Betreff angepasst. LG Seychella

    Einmal editiert, zuletzt von Seychella ()

  • Nabokovs Autobiographie liest sich so angenehm wie seine besten Romane. Es gibt keine Durststrecken, auf denen die für Biographien nötigen Übel von Familienstammbäumen und Liste der Wohnortswechsel durchgemacht werden. Nabokov handelt nach seiner altbekannten Maxime: Was ist die Realität, die wahre Geschichte? Nicht das, was passiert ist, sondern das, was den Menschen bewegt, ist die Realität.


    Ja, das kann ich bestätigen. Ich zähle dieses Buch mit zu den größten literarischen Autobiografien der Weltliteratur. Eine wundersame Art des beglückten Lesens, wenn man in das Buch eintaucht. Es ist ewig her, als ich das gelesen habe, trotzdem immer noch sehr angenehm in Erinnerung. Man sehe es mir nach, dass ich jetzt nicht detailiert auf das Buch eingehen kann, weil mir vieles aus dem Gedächtnis herausgeflogen ist. Die Umstände der Flucht nach der Revolution 1918/19 kann man hier nachlesen, und man lernt die Dame kennen, die im Romantitel "Maschenka" verewigt worden ist.


    Ein großartiges Werk des Exilanten. Eine Einführung in Nabokovs Welt. Einmalig.
    Ich kann mich auch anders ausdrücken: Dieses Werk gehört zum allgemeinen Lesepflichtprogramm. :breitgrins:


    Liebe Grüße
    mombour


    Ps. Ich wär' ja schon reif für einen reread.. :zwinker:

    Einmal editiert, zuletzt von mombour ()

  • Meine Meinung

    Gleich zu Anfang seiner Autorbiografie schrieb Nabokov, dass er nicht über seine Bücher schreiben will. Weil ich erst vor Kurzem von Sally Horner The real Lolita gelesen hatte, in de die Autorin einen Bezug von Sallys Geschichte und Nabokovs Lolita hergestellt hatte, den ich sehr übertrieben fand, wollte ich ihre Geschichte hier überprüfen. Deshalb war ich ein bisschen enttäuscht.


    Die Enttäuschung hat nicht lange angehalten. Erinnerung sprich ist ein wunderbares Buch. Nabokov schreibt über seine Familie, seine Kindheit und die Menschen, die ihm wichtig waren und noch sind. Es geht hauptsächlich um den Menschen und nicht um den Schriftsteller. Obwohl er natürlich seine Werke erwähnt, aber nicht wirklich darüber spricht. Hier hat er Wort gehalten.


    Unter den Biografien, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, ist diese hier eines de Highlights.

    5ratten

    I'm young enough to still see the passionate girl that I sued to be. But I'm old enough to say I got a good look at the other side.