Moses Isegawa - Abessinische Chronik

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 45 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von nikki.

  • Die erste Hälfte von Buch drei habe ich gerade gelesen. Irgendwie dauert das auf Englisch doch viel länger, ich brauche mehr Training :zwinker:



    Ich habe mir auch Gedanken über die Zeitschiene und das Alter der Protagonisten gemacht (das tue ich immer), und bin auch der Meinung, dass der 2. Abschnitt 1971/72 spielt. Allerdings ist Mugezi da erst 10-11 Jahre alt! Im 1. Teil heißt es nämlich (engl. TB S. 79) "In 1967, at the age of six".


    Die Vertreibung der Inder war 1972, wir müssen uns also mindestens in der zweiten Jahreshälfte befinden. Mugezi wäre damit sicher elf, vielleicht schon näher an der zwölf als an der zehn.



    Das und dazu eine Abneigung gegen den Ich-Erzähler, der mir durch seinen möchtegern-witzigen Stil unsympathisch wurde, lassen mich das Buch nicht mehr so genießen wie im ersten Teil.


    Eine Abneigung entwickle ich (noch?) nicht gegen ihn, daher macht mir das Buch – abgesehen von den krankhaften Verhaltensweisen in der Familie – immer noch sehr viel Spaß. Ich hoffe aber, daß die Politik bald eine größere Rolle spielen wird.



    Interessant finde ich allerdings die Schilderung Idi Amins, der erst mal tatsächlich ein "Held" ist, Mugezis Vorbild. So schlimm das mit Wissen der späteren Ereignisse ist, so verständlich ist es aber auch. Amin als "Underdog", der gegen eine vermeintlich unbesiegbare Fremdherrschaft (die Briten) kämpfte und sie besiegte - natürlich ist das für ein unterdrücktes Kind ein Vorbild und Hoffnungsträger! Nur glaube ich eben nicht, dass ein Kind diese Übertragung von Politik auf sein Privatleben so klar und bewusst vornehmen kann. Mugezi denkt hier älter als er ist und das stört mich ziemlich.


    Das Problem habe ich auch nicht, vielleicht, weil ich nicht davon ausgehe, daß der Erzähler zum Erzählzeitpunkt im gleichen Alter wie seiner erzählten Zeit ist. Vielmehr berichtet da jemand rückblickend, mit dem bis dahin erworbenen Wissen und mit der Möglichkeit der Bewertung. Geprägt durch das „Training“ seines Großvaters empfindet Mugezi diese Parallelen wohl auch schon als Elfjähriger, würde sie aber in dem Alter vermutlich noch nicht so formulieren können. Mit dem Abstand der Jahre kann der erzählende Mugezi das sehr wohl.



    Hmm, 10-11 Jahre alt? Das erscheint mir auch etwas zu jung für Mugezis Gedankengänge, insbesondere seine ausschweifenden Fantasien über die eine Frau seines Nachbarn


    Ohne jetzt irgendwelchen Vorurteilen Vorschub leisten zu wollen, aber auch das irritiert mich wenig, weil ich es inzwischen aus einigen Romanen afrikanischer Autoren kenne. Sexualität spielt darin viel früher eine Rolle, als man es erwarten würde. Den Vogel hat dabei bislang Nuruddin Farah in Geheimnisse abgeschossen, wo der Erzähler davon berichtet, daß er im Alter von, ich bin nicht ganz sicher, aber ich meine: höchstens um die acht, der festen Überzeugung war und dies gegenüber allen Familienmitgliedern vertrat, er habe ein Mädchen geschwängert und würde jetzt Vater. Die Körperfeindlichkeit, wie sich in christlicher (und wohl durchaus auch islamischer) Gedankenwelt präsentiert, und die hier ja auch in Padlocks Verhalten überdeutlich zum Ausdruck kommt, ist eben keine allgemeine. Davon fühle ich mich daher auch nicht unangenehm oder sonstwie berührt.

  • Den dritten Abschnitt habe ich nun auch beendet.


    Wie Mugezi Taktiken entwickelt, um seine Mutter auflaufen zu lassen, das ist schon bemerkenswert. Er zeigt dabei ein weit höheres Maß an Intelligenz als sie und vor allem auch mehr Witz. Daß der Verlust der Garnspule sie derart treffen würde ... :breitgrins: Übrigens finde ich auch, daß man in desem Abschnitt deutlich merkt, daß es mit seiner politischen Bewertung und Übertragung auf die persönlichen Verhältnisse doch nicht so weit her ist, das ist alles noch recht simpel in der Sichtweise, daher zieht er auch eine Menge falscher Schlüsse – jedenfalls im Hinblick auf Idi Amins Intentionen, im Hinblick auf seine eigene Situation sind sie ja gar nicht so unangemessen.


    Wie um mein letzte Posting zu bestätigen, läßt uns Mugezi also auch an seinen ersten sexuellen Erfahrungen teilhaben, damit hatte ich auch, genauso wie mit der Partnerin, nach allem davor schon gerechnet. Allerdings ist der Schuß ja wohl erst einmal nach hinten losgegangen, bin gespannt, wie Mugezi sich da weiter schlagen wird. Ich habe die Vermutung, daß seine Lehrer ihn sich bald vom Hals wünschen :breitgrins:


    Zur Vervollständigung der Zeitschiene: Faisals Besuch in Uganda fand im November 1972 statt.

  • So, der dritte Abschnitt ist gelesen und er war der bisher interessanteste für mich.



    Amin als "Underdog", der gegen eine vermeintlich unbesiegbare Fremdherrschaft (die Briten) kämpfte und sie besiegte - natürlich ist das für ein unterdrücktes Kind ein Vorbild und Hoffnungsträger!


    Mugezi hat sich tatsächlich Idi Amin zum Vorbild genommen und wann immer er mit seiner Mutter aneinander gerät - und das passiert oft genug - hält er sich vor Augen, wie Amin sich verhalten würde und was er gepredigt hat. Begierig versucht er trotz Fernsehverbots immer wieder Bruchstücke der Reden aufzufangen, die Amin vor den Kameras hält. Auch fängt er im Laufe der Zeit an, politisches Bewusstsein zu entwickeln und versucht zu verstehen, was ihm sein Opa vor Jahren erzählt hat. Obwohl auch immer wieder von willkürlichen Verhaftungen, Folter und Mord die Rede ist, steht Mugezi dabei felsenfest hinter seinem großen Vorbild, welches ihm tatsächlich dabei hilft, die immer heftigeren Übergriffe der "Despoten" zu ertragen.


    Mugezi entwickelt sich auch weiter, er nimmt die Prügel und Schikanen seiner Mutter nicht mehr einfach so hin, sondern schmiedet aktiv Pläne, um ihr seinerseits zuzusetzen. Toll beschrieben war bei der Episode mit der Spule der Nähmaschine, wie er auf die verschiedenen Taktiken seiner Mutter reagiert hat, die grausamen Bibelstellen, die Mitleidstour etc. Das er beinah weich geworden wäre und die Spule wieder hervorgeholt hätte, find ich nachvollziehbar und das macht ihn mir sympathischer. Auch die Art und Weise, wie er in der Schule sein Taschengeld verdient, find ich spitze. Sehr einfallsreich agiert er als Liebeskuppler und wirtschaftet dabei auch mal in die eigenen Taschen.


    Ohne jetzt irgendwelchen Vorurteilen Vorschub leisten zu wollen, aber auch das irritiert mich wenig, weil ich es inzwischen aus einigen Romanen afrikanischer Autoren kenne. Sexualität spielt darin viel früher eine Rolle, als man es erwarten würde.


    Und genau aus diesem Grund bin ich froh, dass du hier bei der Leserunde mitmachst. :zwinker: Das ist mein erster Roman eines afrikanischen Autors und daher kann ich überhaupt nicht einschätzen, was "normal" ist und was nicht.
    Mugezis erwachende Sexualität bahnt sich immer mehr den Weg an die Oberfläche und endlich kann er auch das Erleben, wovon Rohrstock bisher nur erzählt hat. Apropos Rohrstock: Der Charakter gefällt mir. Er ist zwar mMn etwas übertrieben, aber dabei so cool und witzig, dass ich bei der Szene mit der Biologielehrerin laut lachen musste. Wie heißt es so schön: Frechheit siegt. :breitgrins:



    Gut gefallen hat mir bei diesem Abschnitt auch, wie die Gräueltaten Amins in die Handlung eingestreut waren. Hier mal ein Hinweis auf Verschleppung, dort die willkürliche Verhaftung von Hängeschloss' Schwester und die versuchte Erpressung. Sie nehmen keinen allzu großen Raum ein, dennoch tragen sie zur sehr gespannten und unheilschwangeren Atmosphäre bei. Insgesamt kommt es daher nicht so moralingesäuert herüber, wie in vielen Artikel, die über die Verbrechen von Diktaturen geschrieben wurden, sei es in Afrika oder im 3. Reich.



    Ganz glücklich bin ich auch über das Ende des dritten Abschnitts. Die Gewalttätigkeit im Haus von Mugezis Eltern und die ganze Angespanntheit, um ja nicht erwischt zu werden, hat auch an meinen Nerven gezerrt und ich wollte nicht unbedingt nochmals von einer Prügelorgie lesen. Aber nun wird Mugezi zu Hängeschloss' jüngerer Schwester Lwandeka geschickt, die sehr viel offenherziger scheint als Nakkazi. In einem Priesterseminar hingegen kann ich mir Mugezi nicht wirklich vorstellen.


    Ich habe die Vermutung, daß seine Lehrer ihn sich bald vom Hals wünschen :breitgrins:


    :breitgrins:



    LG Myriel :winken:

  • Mir hat der 3. Abschnitt wieder besser gefallen als der 2., was daran liegt, dass nicht mehr nur aus Mugezis Perspektive erzählt wird. Ich habe einfach Probleme mit ihm. Er passt für mich nicht zusammen, z. B. in seiner Reaktion auf das Bett. Okay, dass er von dem hochglanzpolierten Holz fasziniert ist und es unbedingt untersuchen muss, kann ich mir bei dem Kind, das er eben noch ist, gut vorstellen. Aber dann seine Überlegungen dazu, dass ihm auf dem Land einfach erklärt worden wäre, um was es sich bei dem Teil handelt, während in der Stadt daraus ein Geheimnis gemacht wird, das ist mir zu erwachsen und passt meiner Meinung nach nicht zu ihm.
    Zwar hat Mugezi mein Mitgefühl in seinem Kampf gegen die Despoten, aber trotzdem mag ich ihn nicht, was wohl daran liegt, dass ihm einerseits zwar "erwachsene" Überlegungen in den Mund gelegt werden, aber andererseits jede Reflektion über die Angemessenheit seines eigenen Verhaltens fehlt. So fehlt z. B. der Hinweis darauf, dass er mit dem Diebstahl der Garnspule ja die Finanzen der Familie schädigt. Padlock trägt ja durch ihre Arbeit zum Unterhalt bei. Ich kann verstehen, was ihn zu dem Diebstahl treibt, keine Frage, dass aber sein Guerillakampf gegen die Despotin auch weitere Folgen hat, fehlt. Da ist von Erwachsenensicht keine Spur. Das könnte ich akzeptieren, wenn Mugezi durchgehend als nicht reflektierendes Kind geschildert würde.
    Könnt ihr nachvollziehen, was ich meine?

    Wir sind irre, also lesen wir!


  • Okay, dass er von dem hochglanzpolierten Holz fasziniert ist und es unbedingt untersuchen muss, kann ich mir bei dem Kind, das er eben noch ist, gut vorstellen. Aber dann seine Überlegungen dazu, dass ihm auf dem Land einfach erklärt worden wäre, um was es sich bei dem Teil handelt, während in der Stadt daraus ein Geheimnis gemacht wird, das ist mir zu erwachsen und passt meiner Meinung nach nicht zu ihm.


    Was ist denn daran erwachsen? Das sehe ich in diesem Fall nicht. Er ist es von seinen Großeltern gewöhnt, daß sie über alles mit ihm reden als er noch jünger ist. Seine Eltern verbieten einfach. Warum sollte ein Elfjähriger diesen Unterschied nicht bemerken und benennen können? Anders sieht es hiermit aus:



    Zwar hat Mugezi mein Mitgefühl in seinem Kampf gegen die Despoten, aber trotzdem mag ich ihn nicht, was wohl daran liegt, dass ihm einerseits zwar "erwachsene" Überlegungen in den Mund gelegt werden, aber andererseits jede Reflektion über die Angemessenheit seines eigenen Verhaltens fehlt.


    Es ist richtig, daß er seine eigene Handlungen hier (noch?) nicht so reflektiert wie er es mit denen anderer Menschen tut. Das kann man ohne weiteres als Diskrepanz auffassen. Aber auch das kann ich durchaus noch akzeptieren, denn die Bewertung eigenen Handelns vorzunehmen ist ungleich schwieriger, weil man ja quasi neben sich treten muß. Und selbst wenn man es weiß, so ist es doch schwer durchzuführen, ein altes Menschheitsproblem, auf das auch die Bibel schon eingeht: „Warum schaust du also auf den Splitter im Auge deines Bruders, beachtest aber nicht den Balken in deinem eigenen Auge?“ (Matthäus 7,1-3). Von daher: Ja, ich kann verstehen, was Du meinst, aber nein, ich sehe es nicht genauso :zwinker:

  • Was ist denn daran erwachsen? Das sehe ich in diesem Fall nicht. Er ist es von seinen Großeltern gewöhnt, daß sie über alles mit ihm reden als er noch jünger ist. Seine Eltern verbieten einfach. Warum sollte ein Elfjähriger diesen Unterschied nicht bemerken und benennen können?


    Der springende Punkt ist für mich, dass er nicht sagt "Mein Großvater hätte mir das einfach erklärt, meine Eltern tun das nicht", sondern dass er es auf den Land-Stadt-Unterschied zurückführt und wie er die Verhaltensweisen auf dem Land/in der Stadt beschreibt. Ich zitiere mal:
    People didn't do things mindlessly in the village. On the contrary, they conformed to norms. People did a lot of mindless things in the city but were too pretentious to admit it and possibly too ashamed of themselves to face the fact. (S. 136/137)
    Nein, diesen Gedankengang nehme ich einem Elf- oder Zwölfjährigen einfach nicht ab.


    Auch die Beschreibung von Padlocks Stimme auf S. 136
    her pathetic country-western girlie whine, xeroxed from a white nun from her convent days
    ist meiner Meinung nach für dieses Kind nicht angemessen. Woher kennt er denn den Tonfall eines Westerngirls? Aus dem Fernsehen wohl kaum, denn das ist ihm ja verboten.


    Und in der Artl gibt es noch viele Stellen, an denen ich stutzig wurde und den Eindruck hatte, dass hier kein Kind denkt, sondern ein Erwachsener.

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Der springende Punkt ist für mich, dass er nicht sagt "Mein Großvater hätte mir das einfach erklärt, meine Eltern tun das nicht", sondern dass er es auf den Land-Stadt-Unterschied zurückführt und wie er die Verhaltensweisen auf dem Land/in der Stadt beschreibt. Ich zitiere mal:


    Ich halte das trotzdem nicht für ausgeschlossen. Die Großeltern hätten es ihm erklärt und die Großeltern leben auf dem Land. Seine Eltern verbieten einfach, und die leben schon eine ganze Weile in der Stadt. Gerade weil die Erklärung eines Stadt-Land-Unterschiedes völlig albern ist, – denn es gibt natürlich auch Städter, die ihren Kindern Dinge erklären (weil sie anders „gestrickt“ sind als Serenity und Padlock) und Dorfleute, die ihren Kindern einfach nur Dinge verbieten – ist es in meinen Augen eine eher kindliche Einschätzung. Er nimmt seine persönlichen Erfahrungen und verallgemeinert.



    Auch die Beschreibung von Padlocks Stimme auf S. 136
    her pathetic country-western girlie whine, xeroxed from a white nun from her convent days
    ist meiner Meinung nach für dieses Kind nicht angemessen. Woher kennt er denn den Tonfall eines Westerngirls? Aus dem Fernsehen wohl kaum, denn das ist ihm ja verboten.


    Aus dem Radio? Das dudelt ja schließlich an allen Straßenecken in hinreichender Lautstärke ... Ich denke, man muß sich einfach eins klar machen: Auf Grund der Zeitschiene, die wir ermittelt haben, ist Mugezi 1961 geboren, damit ist er etwa unser Jahrgang. Aber ein Aufwachsen im Uganda dieser Zeit bedeutet etwas ganz anderes als in Deutschland. Nur weil wir mit elf, zwölf zu manchen Dingen vielleicht noch nicht in der Lage gewesen wären (oder einfach keine Notwendigkeit dafür hatten), heißt das ja noch lange nicht, daß dies andernorts auch so zutrifft ...

  • Gerade habe ich Book 4 - The Seminary Years beendet. So langsam schließe ich mich Saltanah an, Mugezi wird mir unsympathisch. Das hat viel und vor allem damit zu tun, wie er seine Rachefeldzüge gegen die Priester ausführt. Ich kann ja verstehen, daß weder Mindi noch Lageau bei ihm Begeisterungsstürme auslösen, und daß der Umgang mit den Kindern eine Schande für die Kirche ist, ist wohl auch keine Frage, aber das rechtfertigt derartige Aktionen meiner Meinung nach trotzdem nicht. Und das könnte und sollte auch einem inzwischen 13-/14-jährigem Jungen klar sein.


    Auch in einem anderen Punkt muß ich Saltanah jetzt Recht geben. Bei der ganzen Beschreibung der Pilgerreisen seiner Eltern ist er als Ich-Erzähler ja praktisch gar nicht mehr zu erkennen, daher kann ich dort auch mit der sehr erwachsenen Darstellung leben. Allerdings wäre es mir lieber, wenn die Perspektive insgesamt etwas konsistenter gehalten wäre: entweder der altersentsprechende Ich-Erzähler oder der erwachsene Erzähler rückblickend oder eben ein auktorialer Erzähler. Denn daß ein Junge in dem Alter über die Bretton-Woods-Institutionen nachdenkt, glaube ich dann doch nicht. Ebenso sind mir seine Überlegungen zur Wirkung und Ausübung von Macht ein bißchen zu philosophisch geraten.


    Insgesamt ist aber vor allem das Bild der katholischen Kirche, das hier gezeigt wird, einigermaßen erschreckend, auch wenn ich es nicht für unglaubwürdig halte. Bei der familiären Vorprägung und den Erfahrungen der zwei Jahre im Seminar kann ich gut verstehen, daß der Priesterstand für Mugezi nicht mehr attraktiv ist ...


    Schönen Gruß,
    Aldawen

  • Ich habe jetzt auch den 4. Abschnitt gelesen und er hat mir nicht ganz so gut gefallen wie der 3. Abschnitt. Die Beschreibungen des Priesterseminars waren relativ schonungslos und alles andere als ein Loblied auf diese Institution. Für mich persönlich war die Machtstruktur innerhalb des Seminars am erschreckendsten: Die Neulinge werden von den Älteren gequält und die Schüler insgesamt werden von den Priestern gequält. Obwohl jeder einmal selbst in der Rolle des Schwächeren war, ändern sie dennoch nichts an der Situation, sondern quälen die Unterlegenen weiter.


    Am sympathischsten war mir in diesem Abschnitt noch der Bibliothekar. Seine vergeblichen Bemühungen, die Polygamie zu bekämpfen, und die Infizierung mit der Schlafkrankheit haben ihn zu einem gebrochenem Mann gemacht. Dennoch versucht er seinen Schülern etwas beizubringen und schikaniert sie dabei nicht. Ganz anders hingegen Mindi. Er ist ein echtes Ekelpaket und obwohl ich Mugezis Methoden, ihn loszuwerden, überhaupt nicht gut finde, hab ich mich über das Ergebnis gefreut. Doch Mindis Nachfolger ist auf seine Art nicht besser als Mindi. Lageau ist ein arroganter Angeber, der sich nur um sein Ansehen kümmert und sich weit über den anderen Priestern des Seminars positioniert. Von der christlichen Nächstenliebe ist nichts zu spüren. Mich verwundert etwas, dass die anfängliche Heldenverehrung der Jungs mit der Zeit kaum nachlässt, obwohl klar wird, dass Lageau nichts an ihrer Lage ändern wird. Vielleicht ist aber auch die Darstellung Mugezis als einzig Vernünftiger, der hinter Lageaus Fassade geschaut hat, übertrieben.



    So langsam schließe ich mich Saltanah an, Mugezi wird mir unsympathisch. Das hat viel und vor allem damit zu tun, wie er seine Rachefeldzüge gegen die Priester ausführt.


    Wie er seine Rachfeldzüge führt, kann ich auch nicht gut heißen. Allerdings wird er mir dadurch nicht wirklich unsympathisch - aber sympathisch ist er mir auch nicht. Ist schwer zu erklären. Ich lese das Buch nicht, um mitzuerleben, wie Mugezi die Priester hinters Licht führt, sondern um mehr über das Leben in Uganda damals zu erfahren. Mugezi ist nun mal sozusagen der Reiseleiter, aber ihm muss man ja auch nicht ständig für voll nehmen und kann auch mal auf Durchzug schalten. Versteht ihr was ich meine?



    Auch in einem anderen Punkt muß ich Saltanah jetzt Recht geben. Bei der ganzen Beschreibung der Pilgerreisen seiner Eltern ist er als Ich-Erzähler ja praktisch gar nicht mehr zu erkennen, daher kann ich dort auch mit der sehr erwachsenen Darstellung leben. Allerdings wäre es mir lieber, wenn die Perspektive insgesamt etwas konsistenter gehalten wäre: entweder der altersentsprechende Ich-Erzähler oder der erwachsene Erzähler rückblickend oder eben ein auktorialer Erzähler.


    Dieser Bruch in der Erzählperspektive hat mich ziemlich gestört, vor allem da nicht deutlich wird, woher Mugezi seine Informationen hat. Da er zu der Zeit im Priesterseminar war, kann er die Bemühungen seiner Eltern nicht selbst mitbekommen haben und sie werden ihm sicherlich auch keinen ausführlichen Reisebericht geschickt haben. Wenn er später erfahren hat, was seine Eltern damals erlebt haben, dann hätte er das doch sagen können. So aber stehen die Schilderungen von Serenitys und Nakkazis Erlebnissen im Raum, ohne in irgendeiner Art mit Mugezi verknüpft zu sein.


    Aus dem Radio? Das dudelt ja schließlich an allen Straßenecken in hinreichender Lautstärke ...


    Diese Möglichkeit besteht, aber spätestens wenn Mugezi dazu übergeht, Personen mit Hollywood-Stars und anderen bekannten Personen zu vergleichen, die er dank Fernsehverbot noch nicht gesehen haben kann, wird es merkwürdig. Entweder er greift auf spätere Erfahrungen aus seiner Amsterdamer Zeit voraus, dann könnte er aber auch konsequenter sein und nicht sich selbst mal als Überflieger und dann wieder als unwissender Buschjunge darstellen. Oder er unterlässt solche Einflechtungen ganz. Aber dieses Mischung passt einfach für mein Empfinden nicht.


    Da ich das ohnehin lange Wochenende noch verlängert habe und ab Morgen nicht für einige Tage nicht da bin, werde ich mich frühstens in einer Woche wieder melden können. Hoffentlich seid ihr mir dann nicht davongerannt. :zwinker:


    LG Myriel :winken:

  • Hallo ihr Lieben,


    ich klinke mich vorerst aus der Leserunde aus. Zum einen komme ich momentan aus verschiedenen Gründen nicht zum Lesen, zum anderen läuft inzwischen "drüben" die LR mit Christoph Hardebusch, der ich ganz frech den Vorzug gebe (auch, weil sich ein Fantasyschmöker leichter weglesen lässt, aber natürlich in erster Linie wegen Christoph :zwinker:). Sobald ich bei Isegawa weiterlese, werde ich mir eure Postings anschauen und Aldawen sicherlich mit Fragen löchern, bis dahin wünsche ich euch weiterhin viel Spaß!


    Viele Grüße
    Breña

    "Natürlich kann man sein ohne zu lesen, ohne Bücher, aber ich nicht, ich nicht."  J. L. Borges

  • Hallo zusammen,



    ich klinke mich vorerst aus der Leserunde aus.


    Dafür melde ich mich endlich :winken: Es tut mir sehr Leid, dass es nicht früher gegangen ist, aber auf der Uni war irgendwie die Hölle los, da bin ich gar nicht zum Lesen gekommen. Die letzten zwei ruhigen Tage habe ich dazu genutzt, Euch einzuholen und das ist mir ziemlich gut gelungen: ich bin fast mit dem 4. Abschnitt fertig geworden.


    Mein erster Eindruck war auch durchaus positiv. Wie Saltanah gefiel mir der lebendige Stil und die Art, wie sich duch verschiedene Erzählstränge ein vollständiges Bild der Familie ergab. Die Tatsache, dass die Spitznamen auf Englisch sind verwundert mich nicht wirklich, denn Uganda stand über 60 Jahre lang unter britischem Protektoriat; vielleicht benutzte mal die Sprache hie und da auch umgangsprachlich.


    Aldawens Überlegungen zum Titel sind richtig. In der deutschen Ausgabe steht in der Inhaltsangabe "In den Wirren des Bürgerkriegs, der Uganda ins Chaos stürzt - und es zu der abyssischen Region, dem Land des Abgrunds, macht, das Serenity gern Abessinien nennt -, verliert Mugezi schließlich fast alles, was ihm lieb ist." Bis jetzt aber habe ich von dieser Aussage Serentiys noch nichts gelesen; aber die Situation wird für ihn auch immer heikler - er hat sich schon der Korruption bedient, um an das Geld für die Pilgerreise zu kommen.
    Serenity mag ich nicht - wie Myriel geschrieben hat, seine Passivität und Gleichgültigkeit seinen Kindern gegenüber machen mich wirklich zornig. Verhöhnend fand ich die Aussage, er verabscheue Gewalt und gehe dieser aus dem Weg, dabei hätte er seinen ältesten Sohn fast getötet. Hängeschloss ist auch eine Person, die durch ihre katholische Erziehung selber gebrochen worden ist und ihren Zorn jetzt an ihren Kindern auslässt (und begeht dabei immer wieder eine der sieben Todsünden). Aber wenn man sich die Umstände im Priesterseminar anschaut und davon ausgeht, dass es im Kloster möglicherweise nicht viel anders war, kann man ein bisschen nachvollziehen, warum sie zu der Person geworden ist, die sie ist. Unklar ist mir noch, warum sie aus dem Kloster rausgeschmissen worden ist. Habe ich was überlesen oder kommt das erst?


    Manchmal fühle ich mich auch von den derben Ausdrücken abgestoßen, da gebe ich Myriel recht, die scheinen nicht zu der sonstigen Schreibweise zu passen und fallen wirklich unangenehm auf. Zum Glück sind es immer kurze Passagen.


    Ich gehe seit dem Anfang davon aus, dass aufgrund der Diskrepanz zwischen Mugezis Alter und dem was er sagt, denkt und tut rückblickend erzählt wird. Daher kann ich seine - zum Teil - recht überhebliche und "erwachsene" Art leichter hinnehmen - auch wenn es mich manchmal nervt. Aber ihr habt Recht, die Perspektivenwechsel sind recht abrupt und das alles gestaltet sich ziemlich holprig. Ich werde jetzt stärker darauf achten.


    Der Person Mugezi stehe ich zunehmend skeptisch gegenüber. Sein ganzes Wesen scheint auf Rebellion und Rache ausgerichtet zu sein. Ich glaube, er übt sich auch daher sehr gerne in der Rolle des Rächers, da er seine einzige Bezugsperson, seinen Opa, nicht enttäuschen will. Dieser wollte ja seit seiner Geburt, dass Mugezi ein Anwalt, ein Rächer, wird. In Idi Amin sieht er das ideale Vorbild: stark, rücksichtslos, egoistisch.


    Mir gefällt es auch, dass die politischen Ereignisse immer so nebenbei eingestreut werden, aber ich würde gerne mehr davon erfahren.


    Liebe Grüße
    nikki

    Ich lese gerade:<br />Lion Feuchtwanger - Der jüdische Krieg

  • So, nach einer längeren Lesepause habe ich jetzt auch den 4. Abschnitt gelesen.


    Die Pause hat mir gut getan, jetzt gefällt mir das Buch wieder besser, obwohl die Kritikpunkte weiterhin Bestand haben. Die Inkonsistenz in der Erzählperspektive stört mich jetzt weniger als vorher, wobei ich es aber immer noch schade finde, dass Isegawa keinen auktorialen Erzähler gewählt hat. Das Buch hätte meiner Meinung nach dabei gewonnen.


    Die Beschreibung des Priesterseminars hat mich ziemlich an Mario Vargas Llosas "Die Stadt und die Hunde" erinnert. Dort handelt es sich zwar um eine Militärschule, aber die Strukturen sind die gleichen. Es herrscht das Recht des Stärkeren und die Stärksten sind natürlich die Priester. Nur durch viel List und Tücke sind sie zu besiegen, wie Mugezi beweist. So froh ich darüber war, dass er "gewinnt", (mein Hass auf Schule und Lehrer ist auch nach 25 Jahren noch nicht wirklich abgeklungen), so sehr stieß mir seine Darstellung als Held auf. Er hat sich hier für meinen Geschmack zu sehr glorifiziert, was ich ja bei einem Dreizehn- bis Vierzehnjährigen verstehen und akzeptieren kann, was mich aber darin bestärkt, dass aus der Perspektive eines Fast-noch-Kindes erzählt wird. Würde rückblickend erzählt, müssten Mugezis Verhalten und seine Gedanken doch etwas hinterfragt werden.


    Nur an einer Stelle schimmert für mich so etwas wie Kritik an Mugezi hervor: Als er sich bei Lwendo über Lageaus Verhalten beschwert, antwortet dieser (S. 237 engl. TB.):"The problem with you is, that you are just as bad as he ist: both of you have got egos too big for your own good"
    Ja, klein ist sein Ego wirklich nicht!


    Nach dem Höhepunkt in der Familiengeschichte, der Pilgerfahrt nach Rom und Israel, geht es nun wohl rasant nach unten. Mbales Tomatenernte wird durch einen Sturm vernichtet, Padlocks Mutter und Vater sterben. Hier hat Isegawa meiner Meinung nach zu dick aufgetragen: Gerade als die Mutter Gott für seine Wohltaten dankt, wird sie von der Schlange gebissen. Etwas dezenter hätte auch gereicht!



    Unklar ist mir noch, warum sie aus dem Kloster rausgeschmissen worden ist. Habe ich was überlesen oder kommt das erst?


    Sie hatte, wenn ich mich recht entsinne, ein Kind in einem ihrer "Anfälle" schwer misshandelt. Das war zwar schon öfter vorgekommen, aber die Eltern dieses Kindes waren einflussreich und sie wurde rausgeschmissen. Dies wirft natürlich kein gutes Bild auf das Kloster. Padlocks frühere Übergriffe wurden ignoriert und erst als sich einflussreiche Eltern beschweren, wird eingegriffen. Und das auch noch auf eine sehr unchristliche Art. Sie wird geopfert um den guten Ruf des Klosters nicht zu gefährden, statt dass ihr geholfen wird, ihre Probleme zu bearbeiten. Aber diese Probleme werden eben nur problematisch, wenn dadurch das Kloster gefährdet wird, ansonsten ist alles in Butter, oder wie? :rollen:

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Den fünften Abschnitt habe ich leider nur mit Unterbrechungen lesen können, so daß mir jetzt fast ein bißchen der Überblick fehlt, wie er eigentlich angefangen hat.


    Passend zum zunehmenden Alter Mugezis nimmt das weitere Umfeld einen größeren Raum ein, zumal die Auswirkungen des Regimes auch in der eigenen Familie spürbar werden. Seine Tante Lwandeka ist eine interessante Frau, über die ich gerne noch mehr erfahren hätte/würde, als Mugezi es uns hier verrät. Im Grunde ist sie das einzige Familienmitglied, das sich nicht wegduckt und hofft, daß das Übel irgendwie vorbeigeht, sondern aktiv dagegen angeht, auch um den Preis der eigenen Würde und unter Gefahr für Leib und Leben. Gut, Serenity und Padlock hätte ich jetzt auch nicht unbedingt als Guerillakämpfer in vorderster Front gesehen, aber es charakterisiert die Menschen schon sehr gut.


    Der Großvater ist wahrscheinlich ein eher zufälliges Opfer geworden, aber das hilft ihm natürlich auch nicht mehr. Das Zusammenprallen der Familie bei der Beisetzung, die offenen und verdeckten Aversionen, die dort ausgelebt wurden, fand ich allerdings sehr spannend zu verfolgen, auch wenn sie natürlich im Detail nicht überraschend waren. Ein wenig enttäuscht war ich zunächst, daß die Amin-Jahre eigentlich eher an mir als Leser vorbeigegangen sind. Ja, es hat natürlich schon ein paar Sätze gegeben, die den Terror aufblitzen ließen und zudem war Mugezi im Priesterseminar ja auch etwas abgeschlossen von der Außenwelt, aber trotzdem: Zack, es ist 1979 und Amin gestürzt. Am Ende des Abschnitts muß ich sagen, das ist geschickt gemacht, denn in der Übergangszeit wiederholen sich viele der Auswüchse, vor allem was Vergewaltigungen, Plünderungen usw. angeht, und der Erzähler kann sie im Vergleich quasi ineinander spiegeln, das war wirklich gut gemacht. Und im übrigen auch bemerkenswert, daß hier klar gesagt wird, daß die tansanischen Soldaten auch nicht gerade nur edle Befreier waren, ein Bild, das gerne transportiert wurde, weil zum einen der damalige tansanische Staatspräsident Julius Nyerere weltweit hohes Ansehen genoß und man zum anderen froh war, daß überhaupt jemand bereit war, sich die Hände schmutzig zu machen, um Idi Amin zu beseitigen. Schließlich wußte man im Ausland durchaus, was in Uganda los war, hat aber vorgezogen, die Hände in den Schoß zu legen – eine Haltung, an der sich bis heute, sobald es um Afrika geht, nicht allzuviel zum Besseren gewendet hat :grmpf:


    Tante Kasawo und ihr Besuch beim Medizinmann, oder wie auch immer das in der deutschen Ausgabe übersetzt ist. Der ist natürlich wirklich ausgesprochen modern und kein witch doctor im klassischen Sinne mehr. Er nutzt einfach psychologische Kenntnisse, um seinen „Patienten“ genau das – ich will gar nicht einmal sagen: vorzugaukeln –, aber einzureden, was sie von ihren Problemen zumindest hinreichend ablenkt. Damit macht er gutes Geld, gönnt sich einigen Luxus und als Therapie getarnt gleich noch ein paar Sonderrechte. Das macht ihn nicht gerade zu einem Sympathieträger, und ich frage mich immer noch, ob der Zweck im Falle von Kasawo das Mittel heiligt oder nicht. Sie selbst scheint kein Problem damit zu haben, war es also die richtige Form? Ich weiß es wirklich nicht ...



    Die Beschreibung des Priesterseminars hat mich ziemlich an Mario Vargas Llosas "Die Stadt und die Hunde" erinnert. Dort handelt es sich zwar um eine Militärschule, aber die Strukturen sind die gleichen.


    Beide Institutionen leben von klaren Hierarchien und Autoritäten, das sich das dann in solchen Ähnlichkeiten niederschlägt, ist für mich nicht überraschend.



    Und das auch noch auf eine sehr unchristliche Art. Sie wird geopfert um den guten Ruf des Klosters nicht zu gefährden, statt dass ihr geholfen wird, ihre Probleme zu bearbeiten. Aber diese Probleme werden eben nur problematisch, wenn dadurch das Kloster gefährdet wird, ansonsten ist alles in Butter, oder wie? :rollen:


    So ist das. Ich kenne ähnliche Berichte aus Irland aus Jahren, in denen man derartiges in Europa nicht mehr für möglich gehalten hätte. Und ist der Umgang der katholischen Kirche mit pädophilen Priestern heute denn anders? Da wird erst mal hin- und herversetzt, bis es einfach nicht mehr unter den Teppich zu kehren ist, weil Betroffenen nicht mehr den Mund halten, und dann ist die Hektik groß, der Priester wird abgeschoben udn geopfert, aber an den grundlegenden Strukturen ändert sich rein gar nichts.


    Schönen Gruß,
    Aldawen

  • Hallo,


    ich habe auch den 5. Abschnitt zu Ende gelesen. Da überschlagen sich die Ereignisse!



    Die Beschreibung des Priesterseminars hat mich ziemlich an Mario Vargas Llosas "Die Stadt und die Hunde" erinnert.


    Das stimmt, ich habe bei dem Abschnitt oft an das Buch denken müssen – ähnliche Abläufe: die Älteren schikanieren die Jüngeren und die zuständigen Personen, seien es Priester oder Offiziere, stellen sich blind. Trägt wohl zur Erziehung zu einem Mann bei, oder?



    So froh ich darüber war, dass er "gewinnt", (mein Hass auf Schule und Lehrer ist auch nach 25 Jahren noch nicht wirklich abgeklungen), so sehr stieß mir seine Darstellung als Held auf. Er hat sich hier für meinen Geschmack zu sehr glorifiziert, was ich ja bei einem Dreizehn- bis Vierzehnjährigen verstehen und akzeptieren kann, was mich aber darin bestärkt, dass aus der Perspektive eines Fast-noch-Kindes erzählt wird. Würde rückblickend erzählt, müssten Mugezis Verhalten und seine Gedanken doch etwas hinterfragt werden.


    Kann sein, aber manche Menschen bleiben ihr Lebenlang Selbstdarsteller und er kann durchaus auch im hohen Alter stolz darauf gewesen sein, wie er den Aufstand geprobt hat.



    Ein wenig enttäuscht war ich zunächst, daß die Amin-Jahre eigentlich eher an mir als Leser vorbeigegangen sind. Ja, es hat natürlich schon ein paar Sätze gegeben, die den Terror aufblitzen ließen und zudem war Mugezi im Priesterseminar ja auch etwas abgeschlossen von der Außenwelt, aber trotzdem: Zack, es ist 1979 und Amin gestürzt.


    Ich glaube nicht, dass Mugezi so abgeschottet war; immerhin hat das, was er über Idi Amin gehört hat, gereicht um sich von seinem großen Vorbild zu distanzieren. Außerdem verbrachte er die Ferien bei seiner Tante Lwandeka, die für den Widerstand tätig war. Wie viele Diktatoren scheint auch Idi Amin unter einer gewissen Paranoia gelitten zu haben und es wird schon deutlich, wie willkürlich Verhaftungen stattgefunden haben und wie leicht es war, jemanden zu denunzieren und von der Bildfläche entfernen zu lassen. Bei der Folterung hat Lwandeka großes Glück, ich glaube nicht, dass es viele gab, die so glimpflich davon gekommen sind. Aber Idi Amins Sturz kommt plötzlich; das stimmt. Das Blatt scheint sich ziemlich schnell gewendet zu haben - ich hätte hier gerne mehr Stimmungsbilder aus der Bevölkerung gehabt. Es kommt zum Krieg mit Tansania und schwupps, Amin verschwindet. Wie so oft kommen die großen Fische unbestraft davon und im allgemeinen Rauschzustand entlädt sich der Volkszorn auch auf Unschuldige, die aufgrund falscher ethnischer Zugehörigkeit von den selbst ernannten Richtern gelyncht werden. Diesen Abschnitt finde ich wirklich gut, denn natürlich wird in der nationalen Geschichtsschreibung beschönigt und die Befreier werden im öffentlichen Diskurs als Helden dargestellt. Dass sie aber auch keine Unschuldsengel sind, wird hier deutlich gemacht, wie von Aldawen schon angemerkt (das ist übrigens momentan sehr spannend im jugoslawischen Kontext zu verfolgen, wo immer mehr Schatten auf die Taten der PartisanInnen nach dem 2. WK fallen). Aber dass die internationale Gemeinschaft lange braucht, bis sie auf Missstände reagiert, ist leider Realität.


    Um den Opa hat es mir sehr Leid getan. Tante Tiida ist mir beim Begräbnis noch unsympathischer geworden, weil sie mehr ihrem Peugeot nachtrauerte. Hängeschloss wird immer fundamentalistischer; die Vergewaltigung ihrer Schwester als gerechte Strafe Gottes zu sehen, ist für mich schwer verdaulich. Dass ihre Mutter in dem Moment von der Schlange gebissen wurde, in dem sie Gott für dies und jenes dankte, war eine sehr zynische Spitze Isegawas. Aber der Tod scheint Hängeschloss nicht so zu erschüttern, denn wie sie selber sagt, Gott prüft die, die Er mag.


    Herzliche Grüße,
    nikki

    Ich lese gerade:<br />Lion Feuchtwanger - Der jüdische Krieg


  • Ich glaube nicht, dass Mugezi so abgeschottet war; immerhin hat das, was er über Idi Amin gehört hat, gereicht um sich von seinem großen Vorbild zu distanzieren. Außerdem verbrachte er die Ferien bei seiner Tante Lwandeka, die für den Widerstand tätig war.


    Ja klar, ich meine auch nur, daß ich vor der Lektüre davon ausgegangen war, daß die Amin-Jahre einen größeren und intensiveren Anteil in dem Buch einnehmen würden. Daran gemessen war das einfach nur mal ein kurzer Lidschlag und schon war der Diktator wieder weg. Das liegt natürlich auch daran, daß der Erzähler in dieser Zeit zwischen zehn und achtzehn Jahren alt ist, da verändert sich natürlich auch die Wahrnehmung und diese ist zum Ende der Periode um einiges differenzierter als am Anfang (was immerhin für Mugezis Entwicklung spricht).

  • Hallo Aldawen,


    ich verstehe was Du meinst; ich habe auch gehofft, dass man über die Figur des Idi Amin mehr erfahren wird, aber vielleicht wird er in Mugezis Amsterdamer Jahren noch eine Rolle spielen; vielleicht reflektiert er im Ausland mehr und detailreicher über diese Zeit, denn die Erzählung läuft nicht strikt linear, immer wieder wiederholt er Ereignisse aus der Vergangenheit und wir bekommen ein vollständigeres Bild von seiner Familie und den Ereignissen um sie herum. Ich würde sagen, die Hoffnung stibt zuletzt :smile:


    Liebe Grüße
    nikki

    Ich lese gerade:<br />Lion Feuchtwanger - Der jüdische Krieg

  • Heute habe ich den sechsten Abschnitt gelesen, und ich muß sagen, daß mir dieser sehr viel besser gefällt, weil Mugezi als Ich-Erzähler mehr zurücknimmt. Aber der Reihe nach.


    Vielleicht zunächst ein Wort zur Makerere Universität. Das ist nicht einfach irgendeine Universität, sondern quasi die Universität in Ostafrika. Ursprünglich zu Kolonialzeiten als technisches College eingerichtet, sind auch viele bedeutende Köpfe der ostafrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen durch diese Schule gegangen. Nach der Unabhängigkeit Ugandas wurde Makerere dann zur University of East Africa. Erst mit dem Zerbrechen der Ostafrikanischen Gemeinschaft wurden auch drei nationale Universitäten in Kenia, Tansania und Uganda daraus, wobei Makerere diese Rolle in Uganda übernahm.


    Wir verfolgen die zweite Regierungsperiode Obotes um einiges distanzierter, obwohl Mugezi vor allem dank seiner Tante sowie seiner wechselnden Freundinnen über die generellen Geschehnisse eigentlich ganz gut im Bilde ist. Ist Euch aufgefallen, daß von den oberen Guerilla-Leuten niemand mit Namen benannt wird? Das könnte seinen Grund darin haben, daß es sich dabei im wesentlichen um die heute noch an der Regierung befindliche Gruppe um Yoweri Museveni handelt. Besser, man tritt man manchen Leuten nicht zu sehr auf die Füße, denn wenn man sich überlegt, was über Idi Amins Leute, und über die Zeit nach seinem Sturz und über die tansanischen Soldaten gesagt wurde, dann erscheint es (mir jedenfalls) nur schwer vorstellbar, daß ausgerechnet die Kampfgruppen, die für Obotes zweiten Abgang sorgten, solche „Unschuldsengel“ gewesen sein sollen ...


    Mugezis eigene Karriere in diesen Wirren muß man nicht goutieren, schließlich bereichert er sich recht schamlos auf anderer Leute Kosten, aber vorwerfen will ich es ihm trotzdem nicht. Der Job als Lehrer bietet schlicht gar keine Perspektive, nach dem Unfall ist mit der Destille nichts mehr anzufangen, und da ist das Angebot von Lwendo schon verlockend. Ob ich in einer solchen Situation ablehnen würde? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.


    Tja, und dann haben wir noch die innerfamiliären Veränderungen. Einer teilweisen Zusammenführung steht die Auslöschung beträchtlicher Teile durch AIDS gegenüber. Tatsächlich hatte Uganda in den 1980er Jahren eine der höchsten Infektionsraten, durch eine konsequente Politik und Aufklärung (vor allem im Vergleich zu Südafrika :rollen: ) ist es gelungen, sie auf einen für afrikanische Verhältnisse niedrigen Stand zu senken. Hieran zeigen sich gut die zwei Seiten der NRA und der aus ihr hervorgegangenen Regierung, denn der Einsatz von Kindersoldaten auf ihrer Seite während des Kriegs gegen Obote hat stattgefunden, was aber in der Folge nicht zu einer Einschränkung internationaler Hilfe oder sonst irgendwelchen Sanktionen geführt hat.


    Schönen Gruß,
    Aldawen

  • Hallo, mich gibt es auch noch. :winken:


    Ich habe es leider bisher nur bis zur ersten Hälfte des 5. Abschnitts geschafft. Gleich am Anfang war ich etwas verwirrt. Mugezi hat doch am Ende des vierten Abschnitts seinen eigenen Rauswurf aus dem Priesterseminar organisiert. Was macht denn der gute nun eigentlich? Es ist immer mal wieder die Rede von Ferien - geht er wieder in eine Schule oder so etwas ähnliches?



    Seine Tante Lwandeka ist eine interessante Frau, über die ich gerne noch mehr erfahren hätte/würde, als Mugezi es uns hier verrät. Im Grunde ist sie das einzige Familienmitglied, das sich nicht wegduckt und hofft, daß das Übel irgendwie vorbeigeht, sondern aktiv dagegen angeht, auch um den Preis der eigenen Würde und unter Gefahr für Leib und Leben.


    Diese Tante ist mir auch sehr sympathisch, weil sie so grundverschieden ist von Hängeschloss. Wie Mugezi fällt es mir etwas schwer zu glauben, dass die beiden wirklich Schwestern sind. Gut gefallen hat mir übrigens auch die Art und Weise, wie Lwandekas Verhaftung und die Zeit danach beschrieben wurden: nicht so reisserisch, sondern etwas subtiler, indem Mugezi erst nach und nach das Puzzle zusammensetzt und sich ein Bild machen kann.



    Die Beschreibung des Priesterseminars hat mich ziemlich an Mario Vargas Llosas "Die Stadt und die Hunde" erinnert. Dort handelt es sich zwar um eine Militärschule, aber die Strukturen sind die gleichen.


    Das klingt wirklich interessant. Ich denke, dass Buch werde ich mir mal auf meinen virtuellen Wunschzettel setzen.


    Da ich mich nicht allzusehr verspoilern möchte und eure Beiträge nur überflogen habe, meld ich mich nach der Lektüre des restlichen Teils des fünften Abschnitts wieder. :winken:

  • Siebten und letzten Abschnitt beendet.


    Wie sich das für den Abschluß gehört, ist es auch einer. Mugezi wird in den Niederlanden zunächst einmal mit der Helferindustrie konfrontiert und wendet sich schnell davon ab. Verständlich. Obwohl inzwischen viel Kritik an den beschriebenen Vorgehensweisen mehr oder weniger (inzwischen durchaus eher mehr) laut geworden ist, hat sich daran noch nicht so furchtbar viel verändert. Vieles ist zwar tatsächlich gut gemeint, aber gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht. Außerdem ist es natürlich in der Tat so, daß große Apparate hinter der „Entwicklungshilfe“ stehen, die einen gewissen Selbsterhaltungstrieb entwickelt haben. Ob das dem ursprünglichen Zweck immer und unbedingt dienlich ist, lasse ich mal dahin gestellt ...


    Zu dem großen Rundumschlag gehört dann auch noch ein Einblick ins frustrierende Ghettoleben und in das Problem, zum Ausstellungsstück zu werden – Punkte, die ich zwar grundsätzlich für wichtig anzusprechen halte, aber die nicht unbedingt in diesem Roman noch hätten dargestellt werden müssen. Aber immerhin kehrt der Blick auch noch mal nach Uganda zurück und – besonders erfreulich (unter dem Gesichtspunkt einer abgeschlossenen Erzählung!) – wird sowohl der Traum der Großmutter als auch die Eingangsszene noch einmal aufgegriffen. Auch von der Art der Art der Erzählung hat mich speziell dieser Uganda-Teil zusammen mit dem sechsten Abschnitt wieder mit den zwischenzeitlichen Irritationen über die Erzählperspektive versöhnt. Und auf jeden Fall ist es ein Roman, aus dem man einiges über die betreffenden Jahrzehnte ugandischer Zeitgeschichte lernen kann!





    Gleich am Anfang war ich etwas verwirrt. Mugezi hat doch am Ende des vierten Abschnitts seinen eigenen Rauswurf aus dem Priesterseminar organisiert.


    Hat er? Der Wächter weiß Bescheid, aber sonst ...?



    Schönen Gruß,
    Aldawen

  • Hat er? Der Wächter weiß Bescheid, aber sonst ...?


    Er hat sich doch aus der Bibliothek Briefpapier geholt und darauf ein Schreiben aufgesetzt, mit dem er aus dem Seminar geworfen wird - natürlich nicht in seinem eigenen Namen. Allerdings stand nicht explizit dabei, dass er das Schreiben auch veröffentlicht hat. Sollte er es sich nochmals anders überlegt haben? :gruebel:



    Den fünften Abschnitt habe ich gestern übrigens beendet.


    Mir geht es da ähnlich wie euch auch: Ich hatte eigentlich erwartet, dass Amins Diktatur einen größeren Raum einnimmt, aber der "sang- und klangloser Abgang" hat mich etwas überrascht. Allerdings hat Aldawen recht:


    Am Ende des Abschnitts muß ich sagen, das ist geschickt gemacht, denn in der Übergangszeit wiederholen sich viele der Auswüchse, vor allem was Vergewaltigungen, Plünderungen usw. angeht, und der Erzähler kann sie im Vergleich quasi ineinander spiegeln, das war wirklich gut gemacht.


    Es wäre vermutlich eine Überdosis Gewalt geworden, wenn sowohl Amins Diktatur als auch die Taten der Befreier so viel Raum eingenommen hätten. Dadurch, dass Mugezi am Ende des 5. Abschnitts schon erwachsen ist, passt es auch besser, dass er die damaligen Gräueltaten intensiver erlebt als die unter der Herrschaft von Amin begangenen Verbrechen, während denen er einerseits relativ abgeschottet aufgewachsen ist und andererseits auch seine eigenen Probleme gehütet hat.



    aber vielleicht wird er in Mugezis Amsterdamer Jahren noch eine Rolle spielen; vielleicht reflektiert er im Ausland mehr und detailreicher über diese Zeit, denn die Erzählung läuft nicht strikt linear, immer wieder wiederholt er Ereignisse aus der Vergangenheit und wir bekommen ein vollständigeres Bild von seiner Familie und den Ereignissen um sie herum.


    Das wäre natürlich noch ein interessanter Aspekt. Zu sehen, wie Mugezi rückwirkend seine Jugend betrachtet könnte auch dazu führen, dass er von sich selbst auch ein kritischeres Bild zeichnet als wir es bisher gesehen haben.


    Was ich ohne vorherige Konsultation vom wiki vermutlich nicht verstanden hätte, sind die Geschehnisse, die zu Amins Sturz führen. Es ist zwar immer wieder die Rede von Tansania, tansanischen Soldaten etc., aber dass Amin erst in Tansania einmarschiert ist und daraufhin Tansanias Armee in Uganda eindrang, hätte ich so aus dem Buch nicht herausgelesen.


    Um Mugezis Opa tat es mir leid. Die Art, wie er von den Ereignissen, die er sein Leben lang prophezeit hatte, am Ende doch überrascht wurde, hat etwas Tragisches. Abstoßend hingegen war Serenitys Reaktion auf die Tatsache, dass nicht er sondern Mugezi Opas Leiche gefunden haben. Anstatt froh zu sein, dass sie ihn überhaupt gefunden haben und würdig beerdigen können, ist er eifersüchtig auf seinen Sohn! Das gibt es doch nicht. :grmpf:


    Während der Beerdigung wurden Punkte aus dem ersten Abschnitt wieder aufgegriffen und die familiären Beziehungen und Beziehungsdramen fortgeführt. Obwohl ich dachte, dass Hängeschloss schon am Tiefpunkt der Sympathiekurve angekommen war, hat sie es tatsächlich geschafft, in meinen Augen noch weiter zu sinken. Erst sagt sie zu ihrer Schwester, dass deren Vergewaltigung die Bestrafung Gottes war und dann vergleicht sie allen ernstes auch noch Idi Amin mit dem Schwert Gottes. Die Frau hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wie kann man so verblendet sein und einen Massenmörder als Werkzeug eines gütigen Gottes ansehen? Wird im Christentum nicht gelehrt, dass man Sünden vergeben und seinen Nächsten lieben soll?


    Erschreckend fand ich am Ende des Abschnitts, wie kühl und emotionslos Mugezi über seine eigene Vergewaltigung berichtet. Einfach nach dem Motto "So trug ich meinen Teil zur Familienstatistik bei." Andererseits war das vermutlich für ihn der einfachste (oder einzigste) Weg, das Ganze ohne schlimmere Schäden zu überstehen.


    Ich hoffe mal, dass ich heute Abend den sechsten Abschnitt lesen kann. Der zwischenzeitliche Hänger bei Mugezis Schuljahren und den Jahren im Priesterseminar ist überwunden und ich kann es kaum erwarten weiterzulesen.


    LG Myriel