Halldór Laxness - Salka Valka

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 131 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von schokotimmi.

  • Ich habe es heute endlich geschafft, bis Ende Kapitel 15 vorzudringen.
    Dazu musste ich meinen Mann aber mit beiden Kindern in den Baumarkt schicken *g*


    Jetzt habe ich auch viel von Euch zu lesen, da ich nicht zuviel von dem wissen wollte, was passiert.


    Das Ende von Kapitel 13 war in der Tat vorherzusehen. Allerdings geht es mir wie kaluma, dass man so ein Vergehen eigentlich keinem zutrauen möchte. Steinthor verschwindet, vermutlich weiß er genau, was ihm blüht, wenn er erwischt wird. Um Salka kümmert sich im Nachhinein keiner so recht, davon liest man nicht einmal in einem Halbsatz. Im Dorf gibt es wichtigeres zu tun, als sich groß um persönliches Befinden zu kümmern und da geht das alles - so schlimm es ist - recht schnell auch wieder unter.


    Hier gibt es einen Zeitsprung - Steinthor ist verschwunden, aber ich glaube nicht für immer.


    Steinthor wird uns wieder begegnen, glaube ich. Dafür ist er eine zu starke Feindfigur, als dass man die ziehen lässt. Ich bin sehr neugierig darauf, wie Salka damit umgehen wird. Sie wird immer stärker und entschlossener.


    Von ihrer Mutter kann sie keine Hilfe erwarten. Das finde ich grausam, dass sie die Tochter als Konkurrentin betrachtet, obwohl Salka sich immer klar gegen Steinthor stellt oder sich auch sonst nun wirklich nicht als interessiert an Männern oder Buben zeigt. (Das ändert sich meines Erachtens erst im zweiten Teil, als sie eifersüchtig auf die Kaufmannstochter wird, von der sich Arnaldur einwickeln lässt.)


    Kaluma hat angemerkt, dass die Mutter die Tochter nicht geschützt hat. Ich frage mich jedoch, wie sie das hätte machen können. Ich schätze Sigurlina so ein, dass sie eine Vergewaltigung nie für möglich gehalten hätte. Sie glaubt, wenn sie Steinthor wegen der Schwangerschaft und des Zusammenlebens zur Heirat bringt und ihre Tochter reichlich ausschimpft, erledigt sich das Thema von selber. Sie kann oder will nicht begreifen, dass der Mann hochgefährlich ist. Vielleicht ist sie vor missverstandener Liebe auch zu blind dazu.



    Nun die Tochter finde ich auch nervig, aber auch interessant - mich würde interessieren was sie in Kopenhagen so getrieben hat, dass ihr Vater sie zurückholt. Vernünftiges kann es ja nicht gewesen sein, wenn sie sich daheim schon betrinkt. ... Das Arnaldur dabei ausgenutzt wird war ja fast zu erwarten - aber so richtig leid tut er mir auch nicht. Immerhin sieht er es ja recht schnell ein...


    Diese Tochter ist der Knüller! Ich staune aber nicht nur über sie, sondern auch darüber, wie selbstverständlich dieses dänische Gehabe (teilweise jedenfalls) als gebildet wahrgenommen wird. Dänisch ist gut. Dabei ist das Mädchen eine Schnepfe und es erschreckt mich, dass sie ihre Heimat so verachtet. Die Kommentare über die Zigarettenmarke zu Beginn ihres Auftauchens schon sagten alles.


    Mir ist eines aufgefallen, als Salka Allis Tante besucht. Da bekommt Salka ein Fotoalbum gezeigt und die Reaktion der Tante auf den Mann von Arnaldurs Vater fand ich überraschend. Ich hatte fast das Gefühl, die Tante hätte diesen Mann gerne selber gehabt, nachdem er durch den Tod der Ehefrau frei geworden war. Nun ist er aber weggegangen, hat neu geheiratet und sie scheint recht verletzt gewesen zu sein.

    ☞Schreibtisch-Aufräumerin ☞Chief Blog Officer bei Bleisatz ☞Regenbogen-Finderin ☞immer auf dem #Lesesofa

  • So, nach dem 2/3 meines Beitrages gerade im Nirvana verschwunden sind, hier nun eine kürzere Fassung... :grmpf:


    Ich habe bis zum Kapitel 19 gelesen.


    Erstmal zu Bogesens Rede - ich fand die wirklich interessant. Nett wie er sich sein Leben und sein Werk hier schön redet. Sicher hat den Menschen sein Geschäft und seine Reederei einige Vorteile gebracht, aber dass er nun hier die ganze Veranwortung trägt gut, darüber läßt sich streiten.


    Dann zum Tanz - ich hab nicht ganz verstanden warum sich Salka darauf gefreut hat, aber gut, so richtig war es ja auch nix für sie. Die Kaufmannstochter hat ja wieder eine Show geliefert, warum nur sagt der Vater da nichts - das verwirrt mich.


    Nun zu unserer Dreierbeziehung - ich fand das Rivalisieren klasst. Das passt genau zu den Männer. Warum sich Sigurlina am Ende so blöd benimmt verstehe ich nicht. Warum gibt sie Jukki den Laufpass? Sie glaubt doch nicht wirklich dass sie Steinthor loswird, ein Schlückchen Branntwein und schwupps ist er wieder der Alte.
    Ich meine Jukki wäre für sie keine schlechte Wahl gewesen und die Idee mit dem Pferd fand ich irgendwie süß. Er hat sich was dabei gedacht und scheint sie doch auch zu mögen. Da sie nun nicht gerade die Vertauenswürdigste ist in Sachen Männer, kann ich Jukki und seine Bedenken auch verstehen.
    Gut, er wollte kein krankes Kind daheim, aber auch dass kann ich ein wenig nachvollziehen, hm.
    Nun ja andererseits wollte Sigurlina ihre "Freiheit" eben nicht aufgeben - auch ein Grund, der aber irgendwie nicht zu Sigurlinas Charakter passt. Das macht es so schwer sie zu verstehen.


    Ich hoffe der Beitrag ist auch so ok - ich bin gerade leicht genervt von dem blöden PC.


    Viele Grüße
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%

  • Guten Abend,


    ich habe nun den ersten Teil beendet und ich muss sagen. Sigurlina hat mich ein wenig überrascht mir ihrer Tat. Also so ganz kann ich die Frau nicht verstehen. Sie wollte also tatsächlisch Steinthor - manche Liebe scheint wirklich blind zu machen.
    Salka steht nun also da und die Aktion vom Probst ist ja dann wohl die Härte. Sie darf für die Beerdigung aufkommen, super. Und dann bekommt der Pfarrer nicht mal eine Rede zusammen - das ist echt ein toller Typ. Passt auch zum Auftritt des Arztes am Fundort. Wirklich ne tolle Gegend.


    Nun gut, Salka ist jetzt also auf sich gestellt - mich würde auch interessieren was mit dem Brief Allis ist. Ich glaube nicht, dass sie ihn verloren hat.


    Ein wenig gespannt bin ich nun schon auf den 2. Teil. Vllt. warte ich ein wenig auf euch - wie weit seit ihr so?


    Viele Grüße
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%

  • Ich habe weitergelesen bis ans Ende des ersten Teiles (Kapitel 23).


    Daß Sigurlina Selbstmord begehen würde, hatte ich ja schon aus Aldawens Beiträgen gewußt...



    Daß Steinthor nicht gerade wegen überschäumender Liebe zu Sigurlina zurückgekehrt ist, hatte ich auch nicht vermutet. Natürlich ist er mehr an Salka interessiert. Er versteckt es zwar eine ganze Weile, aber letztlich gelingt es ihm nicht. Verantwortung kann und will er auch nicht übernehmen, nicht mal für sich selbst, auch wenn er das behauptet. Daher war seine erneute Flucht natürlich nur konsequent. Sigurlinas Selbstmord war die logische Folge.


    da nun klar ist, daß er sie offenbar immer nur als Vorwand benutzt hat, um an Salka heranzukommen...
    Es sind eine ganze Menge Schicksalsschläge, die Sigurlina einstecken muß. Für mich ist sie eine der bedauernswertesten Personen des Romans.



    Wobei das auch Rückschlüsse darauf zuläßt, wie es wirklich um ihren Glauben bestellt war. Wäre sie darin wirklich gefestigt gewesen, dann hätte sie doch anders reagieren müssen, es war wohl doch nur Ersatzhandlung.


    Auch ein gläubiger Mensch kann so sehr verzweifeln, daß er das Leben nicht mehr erträgt, der Glaube hilft da (leider) nicht immer weiter.


    Interessant fand ich, daß Eyjolfur offenbar all die Jahre lang stillschweigend einen Kirchenbeitrag für Sigurlina bezahlt hat.
    Und traurig, daß dem Pfarrer und auch Salka letztlich überhaupt nichts einfällt, was man bei der Beerdigung über sie sagen könnte.. :sauer:



    Das einzige, was mich jetzt wirklich noch interessieren würde: Wo ist Arnaldurs Brief abgeblieben? Hat Steinthor ihn aus dem Mieder gezogen, als er wieder zudringlich wurde?


    Das vermute ich.
    Sollte sich das bestätigen, wirst du es hier lesen. :zwinker:


    Die Stelle in der Scheune, als Steinthor so zudringlich wurde, fand ich widerlich.


    Insgesamt muß ich hier sagen, daß das Buch mich momentan ziemlich deprimiert... Ich weiß nicht, ob es vielleicht auch mit meiner derzeitigen Stimmung zusammenhängt. Aber ich finde das alles ziemlich niederschmetternd und kann auch nur noch an wenigen Stellen diese Ironie finden, die mich doch immer gut amüsiert hat beim Lesen... Salka ist zwar eine starke Person und gefällt mir sehr, aber vielleicht mache ich mal ein-zwei Tage Pause mit dem Buch, ehe ich Teil 2 zu lesen beginne. Ich bin euch ja offensichtlich sowieso voraus.

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.

    Einmal editiert, zuletzt von kaluma ()

  • Noch ein paar Kommentare:



    Ich hatte an der Stelle eigentlich auch eher auf eine veränderte Sigurlina getippt. Wo sollte in der Hütte denn wohl noch eine andere Frau herkommen, die Salka in den Jahren nicht aufgefallen wäre? Und dieses völlige Weggetretensein von Sigurlina würde dann auch erklären, warum sie wenig später zur letzten Konsequenz greift.


    Ich dachte zuerst an eine Art Klagefrau, die vielleicht in Todesfällen herbeigerufen wird. Aber selbst wenn diese aus einem Nachbardorf gekommen wäre (gibt es überhaupt ein anderes Dorf in der Nähe?) hätte Salka sie früher oder später vermutlich wiedergesehen.
    Daß sie ihre Mutter nicht als verändert wahrnimmt, sondern gar nicht erkennt, halte ich trotzdem für bemerkenswert...
    Das Weggetretensein sehe ich nicht als Auslöser für die "letzte Konsequenz". Sondern das halte ich für normal bei Trauer. Und auch das veränderte Aussehen Trauernder habe ich schon beobachtet.
    Bis zur letzten Konsequenz Sigurlinas vergehen ja auch nochmal ca. 3 Monate. Nein, ich glaube der Grund für ihren Selbstmord ist nur zum Teil der Tod ihres Kindes, und zu einem großen Teil ist es Steinthors Verhalten.


    Aber verständlich. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe war von einem rüstigen Vater und einer pflegebedürftigen Mutter die Rede. Er braucht also dringend Hilfe im Haus, und wenn Sigurlina das nicht leisten kann, dann „rechnet“ sich für ihn die Ehe nicht. Reine Menschenfreundlichkeit kann er sich auch nicht leisten.


    Darüber läßt sich nachdenken. Vielleicht wäre es keine reine Menschenfreundlichkeit gewesen, sondern eine Investition in die Zukunft, wenn der Junge nämlich gesund geworden und zu einer weiteren Arbeitskraft herangewachsen wäre.
    Nennt mich naiv, aber ich glaube, daß Menschen am Ende weiter kommen, wenn sie kooperativ und solidarisch handeln, als mit Egoismus.
    Offensichtlich sieht Jukki das aber nicht so. Ich verstehe das, kann es aber nicht gutheißen.
    Ich finde ihn unbarmherzig. Die Ehe ist eine reine Zweckgemeinschaft für ihn, von Liebe oder wenigstens Sympathie keine Spur. Oder läßt man vielleicht einen Menschen, den man liebt, so lange mit einem kranken Kind allein, bis dieses (und damit das Liebste, was dieser Mensch im Moment hat) stirbt?? Also ich würde so jemanden, der das tut, keinesfalls heiraten wollen und ich denke, genau das ist der Grund, warum Sigurlina ihn schließlich zurückweist. Sie möchte aus Liebe geheiratet werden.


    Aufgefallen ist mir in diesem Zusammenhang, daß Sigurlina mit einer Heirat das Heimatrecht in dem Dorf erhalten hätte. Ich habe mal bei Wikipedia über Heimatrecht nachgelesen. Hochinteressant! Es war mir nicht bewußt, daß es das früher in so einem engen Sinne gab, und heute noch z.B. in der Schweiz gibt.



    Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Welche Mutter würde sich schon gerne selbst eingestehen, daß der Mann, den sie liebt und als Lebensgefährten betrachtet, ihre Tochter in dem Alter vergewaltigt? Welche Konsequenz würde sie ziehen müssen, wenn sie sich das eingesteht? Und was sollte sie dann tun, zumal in Steinthors Abwesenheit und in diesem abgelegenen Dorf, wo sie immer noch die Fremde ist?


    Daß es so schwierig für sie ist, sich das einzugestehen, ist für mich der Beweis, daß Sigurlina Steinthor tatsächlich liebt, sonst würde sie sich klarer positionieren.
    Was die Konsequenz betrifft: sie hatte ja zwei Jahre Zeit, sich innerlich von Steinthor zu lösen und konnte ja in dieser Zeit auch ohne ihn im Ort leben.
    Möglich ist natürlich, daß sie durch das Kind eine Art Aufenthaltsrecht erworben hatte, was sie durch den Tod des Kindes wieder verliert, und genau deshalb taucht Steinthor kurz nach dem Tod des Kindes wieder auf, weil er dann maximal Druck auf sie ausüben kann... :sauer:
    Trotzdem, auch wenn sie ihn liebt, ich finde es höchst traurig, daß die Loyalität einer Mutter in so einem Fall nicht hundertprozentig auf der Seite ihres Kindes ist. Würde meiner Tochter so etwas passieren, ich glaube ich würde zur Furie werden, ganz egal was die Konsequenzen sind. :grmpf:

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.

  • Hallo schokotimmi,



    Vllt. warte ich ein wenig auf euch - wie weit seit ihr so?


    das war auch mein Gedanke - warten wir dann mal zusammen auf die anderen?


    Grüße, kaluma :winken:

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.


  • Mir ist eines aufgefallen, als Salka Allis Tante besucht. Da bekommt Salka ein Fotoalbum gezeigt und die Reaktion der Tante auf den Mann von Arnaldurs Vater fand ich überraschend. Ich hatte fast das Gefühl, die Tante hätte diesen Mann gerne selber gehabt, nachdem er durch den Tod der Ehefrau frei geworden war. Nun ist er aber weggegangen, hat neu geheiratet und sie scheint recht verletzt gewesen zu sein.


    Du wirst noch lesen, wie recht du damit hast! :smile:
    Ich habe das an der Stelle ehrlich gesagt gar nicht so registriert. Mir ist viel mehr ihre unwirsche Reaktion aufgefallen, als Salka fragte, ob Arnaldurs Mutter denn wirklich tot ist oder nicht vielleicht nur wegegangen sein könnte. Was ist so schlimm an dieser Frage - kommt sie vielleicht einer unangenehmen Wahrheit näher als gewünscht?

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.


  • Daß Sigurlina Selbstmord begehen würde, hatte ich ja schon aus Aldawens Beiträgen gewußt...


    Das stand in meiner Ausgabe sogar im Klappentext ...



    Es sind eine ganze Menge Schicksalsschläge, die Sigurlina einstecken muß. Für mich ist sie eine der bedauernswertesten Personen des Romans.


    Das ist sie bestimmt, auch wenn wir über ihre Vorgeschichte praktisch nichts wissen.



    Auch ein gläubiger Mensch kann so sehr verzweifeln, daß er das Leben nicht mehr erträgt, der Glaube hilft da (leider) nicht immer weiter.


    Möglich, das ist nicht unbedingt mein Ressort. Allerdings hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, daß diese Heilsarmee-Geschichte für Sigurlina – wie soll ich das sagen? – eben wirklich nur eine Ersatzhandlung war, weil sie anderes im Ort nicht gefunden hat. Sprich: Hätte sich ein Mann ernsthaft für sie interessiert, wäre ihr die Heilsarmee vermutlich am A... vorbeigegangen.



    Sollte sich das bestätigen, wirst du es hier lesen. :zwinker:


    Gut :breitgrins:




    Bis zur letzten Konsequenz Sigurlinas vergehen ja auch nochmal ca. 3 Monate. Nein, ich glaube der Grund für ihren Selbstmord ist nur zum Teil der Tod ihres Kindes, und zu einem großen Teil ist es Steinthors Verhalten.


    Aber in der Zeit ist trotzdem sehr zurückgezogen und passiv. Ich halte das ja auch für durchaus verständlich, aber Steinthors Verhalten ohne den vorherigen Tod des Kindes hätte es vermutlich auch nicht ausgelöst. Da haben sich wohl zwei Entwicklungen gegenseitig verstärkt.



    Ich finde ihn unbarmherzig. Die Ehe ist eine reine Zweckgemeinschaft für ihn, von Liebe oder wenigstens Sympathie keine Spur. Oder läßt man vielleicht einen Menschen, den man liebt, so lange mit einem kranken Kind allein, bis dieses (und damit das Liebste, was dieser Mensch im Moment hat) stirbt??
    Also ich würde so jemanden, der das tut, keinesfalls heiraten wollen und ich denke, genau das ist der Grund, warum Sigurlina ihn schließlich zurückweist. Sie möchte aus Liebe geheiratet werden.


    Ich glaube nicht, daß Jukki in den Kategorien von Liebe denkt, das wäre untypisch für die Zeit und die soziale Schicht. Er kann sich das auch schlicht nicht leisten. Eine Ehe ist eine Zweck- und Versorgungsgemeinschaft gewesen. Wenn sich im Laufe der Ehe Umstände einstellen, die einen Partner aus diesem Versorgungsbetrieb ausfallen lassen, dann ist das Pech, aber ich kann ihm nicht zum Vorwurf machen, daß er nicht sehenden Auges in solch eine Situation hineinläuft. Zumal er ja auch erst endgültig die Brocken hinwirft, als Steinthor wieder auftaucht und Sigurlina nicht sofort klar Position für ihn bezieht. Was soll er denn davon halten? Das sagt ihm doch auch nur, daß er für Sigurlina bestenfalls zweite Wahl ist. Das ist schließlich auch nicht die feine Art von Sigurlina. Nein, da geben sich Jukki und Sigurlina in ihrem Verhalten gegenseitig nichts.



    Aufgefallen ist mir in diesem Zusammenhang, daß Sigurlina mit einer Heirat das Heimatrecht in dem Dorf erhalten hätte. Ich habe mal bei Wikipedia über Heimatrecht nachgelesen. Hochinteressant! Es war mir nicht bewußt, daß es das früher in so einem engen Sinne gab, und heute noch z.B. in der Schweiz gibt.


    In Zeiten, in denen Sozialleistungen nicht aus Staatsmitteln über Sozialämter gewährt wurden, sondern in die Verantwortung der einzelnen Gemeinde fielen, mußte man sich absichern, um ein tragfähiges Verhältnis zwischen Fürsorgezahlern und -empfängern zu behalten. Da lag die Kopplung an familiäre Bindungen am Ort nahe.



    Trotzdem, auch wenn sie ihn liebt, ich finde es höchst traurig, daß die Loyalität einer Mutter in so einem Fall nicht hundertprozentig auf der Seite ihres Kindes ist.


    Möglicherweise hält sie es sogar für einigermaßen normal, weil sie es oft genug auch anderweitig so beobachtet hat. Alleinstehende Frauen und ihre Kinder sind mehr oder weniger Freiwild, und da Salka ja wohl auch älter wirkt als sie ist (ja, Steinthor weiß natürlich, wie alt sie wirklich ist), ist das eben ihr Risiko. Wohlgemerkt: Ich heiße Steinthors Verhalten in keinster Weise gut, aber ich kann verstehen, warum Sigurlina kein Aufhebens darum macht. Und das Konzept von „Kindheit“, wie wir es heute kennen, ist eine Entwicklung des Bürgertums im späte(re)n 19. Jahrhundert. Die Dörfler würden Dich vermutlich ziemlich entgeistert ansehen, wenn Du ihnen mit diesen Vorstellungen kämst.

  • Guten Morgen,



    Hallo schokotimmi,



    das war auch mein Gedanke - warten wir dann mal zusammen auf die anderen?


    Grüße, kaluma :winken:


    Jup, warten wir ein wenig, ich werd nen Kommentar abgeben, wenn ich weiterlese (oder umgekehrt?).


    Das ist sie bestimmt, auch wenn wir über ihre Vorgeschichte praktisch nichts wissen.


    Also ich sehe sie nicht so tragisch. Gut wir wissen kaum etwas über ihre Vorgeschichte, aber nach ihrem Handeln scheint sie sehr viel selbst verursacht zu haben. Ich konnte und kann bis heute nicht verstehen warum man Selbstmord begeht, aber wenn es für einen Menschen die letzte Konsequenz ist, dann ist das seine Entscheidung. Sigurlina hatte genug Chancen ihrem Leben eine positivere Wendung zu geben. Aber nein, sie hängt sich an den brutalen, feigen und egoistischen Steinthor. Tja - ihr Problem... da kann ich kein Mitleid empfinden.
    Da wären wir wieder bei dem Liebe macht blind Phänomen und das auf kosten von Ihrer Tochter.


    So, nun also eine kleine Pause...


    Bis später
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%


  • aber nach ihrem Handeln scheint sie sehr viel selbst verursacht zu haben.


    Zum Beispiel?



    Sigurlina hatte genug Chancen ihrem Leben eine positivere Wendung zu geben.


    Welche? Ich sehe das nicht, deshalb würde mich interessieren, wo Du diese selbst verursachten Fehler und die Chancen siehst.

  • Zum Beispiel?



    Welche? Ich sehe das nicht, deshalb würde mich interessieren, wo Du diese selbst verursachten Fehler und die Chancen siehst.


    Also, die erste Chance die ich sehe (OK, das könnten auch Spekulationen sein) liegt in der Bewältigung ihrer Vergangenheit - Flucht und Neubeginn. Schon hier hätte sie m.M.n. die Möglichkeit gehabt vernünftig neu zu beginnen (auch wenn das sicher nicht einfach geworden wäre, aber ihre Tochter hat es auch geschafft), aber nein sie begibt sich in meinen Augen nur zum Schein in die Arme der Heilsarmee und hat nix besseres zu tun als ein weiteres uneheliches Kind zu zeugen. Dass allein zeigt schon dass es mit wahrem Glauben nicht weit her ist.
    Als sie den Kindesvater und Brutalo dann endlich los ist und ein echtes, für ihre Verhältnisse wirklich gutes Angebot bekommt sich "reinzuwaschen", schlägt sie dies aus um wieder aus blinder Zuneigung, die ja nicht einmal ehrlich erwidert wird, ins Verderben zu rennen.
    Hier wären wir wieder bei meiner eigenen Einschätzung über mich selbst, dass ich manchmal gefühlskalt bin - aber wenn ich mich nun schon "oute" kann ich auch den Nachsatz bringen, denn ich mich die ganze Zeit nicht getraut habe zu schreiben.
    Ihr Selbstmord ist nur die logische Konsequenz und am Ende zeigt doch die Reaktion z.b. im Gespräch zwischen Salka und dem Probst, das niemand sie vermissen wird. Also "unnützer" Esser weniger... :teufel:


    Ich hoffe dass es verständlich war, wie ich Sigurlina einschätze, auch wenn es vllt. nicht fair von mir ist.


    Viele Grüße
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%


  • Das stand in meiner Ausgabe sogar im Klappentext ...


    Ah! Bei mir nicht.



    Allerdings hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, daß diese Heilsarmee-Geschichte für Sigurlina – wie soll ich das sagen? – eben wirklich nur eine Ersatzhandlung war, weil sie anderes im Ort nicht gefunden hat. Sprich: Hätte sich ein Mann ernsthaft für sie interessiert, wäre ihr die Heilsarmee vermutlich am A... vorbeigegangen.


    Das mag sein. Jetzt verstehe ich auch, was du mit Ersatzhandlung meintest.




    Ich glaube nicht, daß Jukki in den Kategorien von Liebe denkt, das wäre untypisch für die Zeit und die soziale Schicht. Er kann sich das auch schlicht nicht leisten. Eine Ehe ist eine Zweck- und Versorgungsgemeinschaft gewesen. Wenn sich im Laufe der Ehe Umstände einstellen, die einen Partner aus diesem Versorgungsbetrieb ausfallen lassen, dann ist das Pech, aber ich kann ihm nicht zum Vorwurf machen, daß er nicht sehenden Auges in solch eine Situation hineinläuft. Zumal er ja auch erst endgültig die Brocken hinwirft, als Steinthor wieder auftaucht und Sigurlina nicht sofort klar Position für ihn bezieht. Was soll er denn davon halten? Das sagt ihm doch auch nur, daß er für Sigurlina bestenfalls zweite Wahl ist. Das ist schließlich auch nicht die feine Art von Sigurlina. Nein, da geben sich Jukki und Sigurlina in ihrem Verhalten gegenseitig nichts.


    Aber dann darf es Sigurlina von ihrer Seite aus auch als reine Zweckgemeinschaft sehen: dann möchte sie sicher gehen, daß sie im Austausch gegen ihre Arbeitskraft auch versorgt ist, mit Wohnung, Essen, Bleiberecht usw. Und ich denke, sie traut Jukki hier nicht. Wenn er sie mit krankem Kind nicht nimmt, wer sagt, daß er sie nicht beim nächsten Problem wieder hinauswirft... Und außerdem denke ich, daß sie nicht in der Lage ist, solche Bedenken sich selber klarzumachen, und dann noch deutlich zu formulieren. Deshalb hält sie ihn so hin.
    Daß Jukkis Denkweise zeit- und schichttypisch ist, möchte ich mal vorsichtig anzweifeln. Selbst wenn wir Liebe mal außen vor lassen. Auch zu dieser Zeit gab es eine Auswahl an möglichen Ehepartnern, und es gab gegenseitige Achtung und Familienzusammenhalt, man stand einander bei, ohne das kleinlich gegeneinander aufzuwiegen (kenne ich jedenfalls so aus meiner Familiengeschichte, und das waren auch einfache Leute, aber womöglich ist das auch wieder nicht repräsentativ).


    Vielleicht ist es kein Zufall, daß Jukki noch in seinem Alter solo ist. Wie auch immer, ich mag ihn nicht.



    Und das Konzept von „Kindheit“, wie wir es heute kennen, ist eine Entwicklung des Bürgertums im späte(re)n 19. Jahrhundert. Die Dörfler würden Dich vermutlich ziemlich entgeistert ansehen, wenn Du ihnen mit diesen Vorstellungen kämst.


    Ich habe doch hier gar keine Vorstellungen geäußert? :gruebel:
    Und wir befinde uns ja auch mit "Salka Valka" schon im frühen 20. Jahrhundert.
    Trotzdem, Vergewaltigung von minderjährigen, also geschlechtsunreifen Personen, war wohl keine gesellschaftliche Normalität. Sonst hätte Steinthor ja auch nicht zu flüchten brauchen.

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.


  • Aber dann darf es Sigurlina von ihrer Seite aus auch als reine Zweckgemeinschaft sehen: dann möchte sie sicher gehen, daß sie im Austausch gegen ihre Arbeitskraft auch versorgt ist, mit Wohnung, Essen, Bleiberecht usw. Und ich denke, sie traut Jukki hier nicht. Wenn er sie mit krankem Kind nicht nimmt, wer sagt, daß er sie nicht beim nächsten Problem wieder hinauswirft... Und außerdem denke ich, daß sie nicht in der Lage ist, solche Bedenken sich selber klarzumachen, und dann noch deutlich zu formulieren. Deshalb hält sie ihn so hin.
    Daß Jukkis Denkweise zeit- und schichttypisch ist, möchte ich mal vorsichtig anzweifeln. Selbst wenn wir Liebe mal außen vor lassen. Auch zu dieser Zeit gab es eine Auswahl an möglichen Ehepartnern, und es gab gegenseitige Achtung und Familienzusammenhalt, man stand einander bei, ohne das kleinlich gegeneinander aufzuwiegen (kenne ich jedenfalls so aus meiner Familiengeschichte, und das waren auch einfache Leute, aber womöglich ist das auch wieder nicht repräsentativ).


    Vielleicht ist es kein Zufall, daß Jukki noch in seinem Alter solo ist. Wie auch immer, ich mag ihn nicht.


    Also ich glaube, dass da wirklich ein wenig das persönliche Gefühl eine Rolle spielt - ich finde Jukki jetzt nicht so übel. Klar er ist sicher nicht der Traummann, denn wer mag schon tagtäglich ewig über das Wetter reden, aber ich habe ihn eher immer als schüchternen, zurückhaltenden Mann gesehen, der mit Frauen nicht so viel anfangen konnte - eben nicht so ein Schürzenjäger wie Steinthor. Er pflegt seine Eltern (besonders die Mutter) und merkt nun dass auch er jmd. für Später braucht. Im Dorf gibt es nichts passendes oder es will keine, darum eben die "Zugezogene". Dass er bei dem unehelichen kranken Kind zögert kann ich durchaus verstehen, doch ich denke schon dass er insgesamt gut für sie gesorgt hätte.
    Was den Familienzusammenhalt angeht, stimme ich dir zu, auch in unserer Familie war das selbstverständlich, aber gilt das auch für eine Frau die noch nicht mal wirklich "ja" gesagt hat und einen offensichtlich unrühmlichen Lebenswandel hat(te)?



    Ich habe doch hier gar keine Vorstellungen geäußert? :gruebel:
    Und wir befinde uns ja auch mit "Salka Valka" schon im frühen 20. Jahrhundert.
    Trotzdem, Vergewaltigung von minderjährigen, also geschlechtsunreifen Personen, war wohl keine gesellschaftliche Normalität. Sonst hätte Steinthor ja auch nicht zu flüchten brauchen.


    Ich glaube dass Kindheit auch im frühen 20.Jh. besonders in abgelegenen Gebieten früh endete. Kinderarbeit war auch zu dieser Zeit noch häufig Realität. Ich war mir nicht einmal sicher ob Vergewaltigung unter Strafe steht. Wie das Ganze dann aber hier unter den Tisch gekehrt wurde ist großes Kino. Nun gut, dass eine "zugezogene Schlampe und ihr Balg" da natürlich nicht so viel zählen wie Steinthor ist natürlich klar, bei dem Probst ja auch nicht anders zu erwarten.


    Viele Grüße
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%

  • Ich überlege auch noch, welche Chancen Sigurlina eigentlich hatte.



    Also, die erste Chance die ich sehe (OK, das könnten auch Spekulationen sein) liegt in der Bewältigung ihrer Vergangenheit - Flucht und Neubeginn. Schon hier hätte sie m.M.n. die Möglichkeit gehabt vernünftig neu zu beginnen (auch wenn das sicher nicht einfach geworden wäre, aber ihre Tochter hat es auch geschafft),


    Das sehe ich nicht so. Hier war Steinthor wirklich ihre einzige Möglichkeit, eine Unterkunft zu finden.
    Und davon hat letztlich auch Salka profitiert.



    aber nein sie begibt sich in meinen Augen nur zum Schein in die Arme der Heilsarmee und hat nix besseres zu tun als ein weiteres uneheliches Kind zu zeugen.


    Vielleicht war sie ja schon schwanger, als sie ankam.
    Dann hätte sie freilich Steinthor das Kind untergeschoben (auch nicht die feine Art).



    Als sie den Kindesvater und Brutalo dann endlich los ist und ein echtes, für ihre Verhältnisse wirklich gutes Angebot bekommt sich "reinzuwaschen", schlägt sie dies aus um wieder aus blinder Zuneigung, die ja nicht einmal ehrlich erwidert wird, ins Verderben zu rennen.


    Das ist die Stelle, an der sie wirklich anders hätte entscheiden können (meine oben geäußerten Bedenken Jukki gegenüber mal außer Acht gelassen).
    Doch um das klar zu durchdenken und so zu handeln, fehlt es ihr an Intelligenz und Stärke.
    Und wer weiß, was daraus dann geworden wäre?



    Ich hoffe dass es verständlich war, wie ich Sigurlina einschätze, auch wenn es vllt. nicht fair von mir ist.


    Ich verstehe es schon - ich will sie auch nicht verteidigen, wie es oben vielleicht scheint, auch für mich ist sie keine Sympathieträgerin, sondern versuche nur zu analysieren, warum sie so handelt, und was die Umstände aus ihr machen.



    Was den Familienzusammenhalt angeht, stimme ich dir zu, auch in unserer Familie war das selbstverständlich, aber gilt das auch für eine Frau die noch nicht mal wirklich "ja" gesagt hat und einen offensichtlich unrühmlichen Lebenswandel hat(te)?


    Von dem Moment an, in dem er sich mit ihr verlobt hatte, gilt das schon, finde ich. Denn da wußte er doch schon über ihren Lebenswandel Bescheid.


    Außer Salka gibt es in dem Buch bis jetzt kaum jemanden, der mir richtig gut gefällt... vielleicht noch die zwei alten Leutchen und Arnaldur, mit Einschränkungen.

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.


  • Ich überlege auch noch, welche Chancen Sigurlina eigentlich hatte.



    Das sehe ich nicht so. Hier war Steinthor wirklich ihre einzige Möglichkeit, eine Unterkunft zu finden.
    Und davon hat letztlich auch Salka profitiert.


    Nun aber muss ich mit ihm denn wirklich ins Bett steigen - hatte sie an dieser Stelle nicht den Hauch einer Wahl?! Also ich meine die hätte sie gehabt. Außer natürlich du hast recht mit der Vermutung:



    Vielleicht war sie ja schon schwanger, als sie ankam.
    Dann hätte sie freilich Steinthor das Kind untergeschoben (auch nicht die feine Art).


    Und dass sie es ihm unterschiebt würde gerade noch passen...



    Ich verstehe es schon - ich will sie auch nicht verteidigen, wie es oben vielleicht scheint, auch für mich ist sie keine Sympathieträgerin, sondern versuche nur zu analysieren, warum sie so handelt, und was die Umstände aus ihr machen.


    Oh, ich hatte nicht das Gefühl du würdest sie verteidigen - ich finde es sehr spannend wie welch unterschiedliche Schlüsse oder Urteile man aus dem Handeln hier zieht. Ich sehe ja selbst ein, dass ich sie sehr schnell und hart verurteile.



    Von dem Moment an, in dem er sich mit ihr verlobt hatte, gilt das schon, finde ich. Denn da wußte er doch schon über ihren Lebenswandel Bescheid.


    Außer Salka gibt es in dem Buch bis jetzt kaum jemanden, der mir richtig gut gefällt... vielleicht noch die zwei alten Leutchen und Arnaldur, mit Einschränkungen.


    Nun ja, aber das Verlobung bei beiden wohl nicht viel zählt sieht man doch auch, als sich in den Augen Sigurlinas die scheinbar bessere "Partie" ergibt. Die Verlobung an sich ist für mich kein so großes Ereignis dem ich so viel Bedeutung beimesse.


    Aber du hast Recht, Symphatieträger gibt es nicht wirklich viele - aber ich glaube das ist bei Laxness einfach so. Salka ist ganz OK, Arnaldur auch. Außerdem noch Eyolfur - der ist für mich so was wie die weise und gute Seele des Stückes.


    Viele Grüße
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%


  • Aber dann darf es Sigurlina von ihrer Seite aus auch als reine Zweckgemeinschaft sehen:


    Sicher darf sie, ich sagte ja, daß beide sich da nicht viel geben. Wobei ich mit meiner Einschätzung Jukkis wohl näher an schokotimmi bin:



    Also ich glaube, dass da wirklich ein wenig das persönliche Gefühl eine Rolle spielt - ich finde Jukki jetzt nicht so übel. Klar er ist sicher nicht der Traummann, denn wer mag schon tagtäglich ewig über das Wetter reden, aber ich habe ihn eher immer als schüchternen, zurückhaltenden Mann gesehen, der mit Frauen nicht so viel anfangen konnte - eben nicht so ein Schürzenjäger wie Steinthor. Er pflegt seine Eltern (besonders die Mutter) und merkt nun dass auch er jmd. für Später braucht. Im Dorf gibt es nichts passendes oder es will keine, darum eben die "Zugezogene".


    Ich halte das insgesamt auch nicht für so unwahrscheinlich.



    Ich glaube dass Kindheit auch im frühen 20.Jh. besonders in abgelegenen Gebieten früh endete. Kinderarbeit war auch zu dieser Zeit noch häufig Realität.


    War es, von der Landwirtschaft, im Bergbau und in vielen anderen Bereichen. Deshalb sagte ich ja, das Konzept von Kindheit als einem besonderen Lebensalter ist etwas, das man sich auch erst einmal leisten können mußte ...



    Ich war mir nicht einmal sicher ob Vergewaltigung unter Strafe steht. Wie das Ganze dann aber hier unter den Tisch gekehrt wurde ist großes Kino. Nun gut, dass eine "zugezogene Schlampe und ihr Balg" da natürlich nicht so viel zählen wie Steinthor ist natürlich klar, bei dem Probst ja auch nicht anders zu erwarten.


    Unter Strafe steht es wohl schon, sonst könnte bei Steinthors Rückkehr ja niemand versuchen, mit der Anzeige und der Zuchthausdrohung Druck auf ihn auszuüben. Tatsache ist aber, daß es im Dorf niemanden wirklich interessiert, weil Sigurlina und Salka fremd im Ort sind.



    Das sehe ich nicht so. Hier war Steinthor wirklich ihre einzige Möglichkeit, eine Unterkunft zu finden.
    Und davon hat letztlich auch Salka profitiert.


    Daß es hier außer der Heilsarmee und Steinthor keine Möglichkeit gab, sehe ich hier auch so. Aber inwiefern Salka davon profitiert hat ... Sicher, sie hat einen festen Platz bei Steinunn und Eyolfur, sie kann zur Schule gehen und sogar nebenher ein bißchen arbeiten und ein Konto „ansparen“, aber das wiegt die Erfahrung mit Steinthor ja sicher nicht auf. Von daher würde ich sagen, daß Salka den höchsten Preis bezahlt hat.



    Vielleicht war sie ja schon schwanger, als sie ankam.


    Kann sein, das wird ja bewußt offen gelassen.



    Dann hätte sie freilich Steinthor das Kind untergeschoben (auch nicht die feine Art).


    Nein, ganz sicher nicht die feine Art, aber ich kann schon verstehen, daß sie dem Kind um (fast) jeden Preis einen Vater sichern wollte.



    Nun aber muss ich mit ihm denn wirklich ins Bett steigen - hatte sie an dieser Stelle nicht den Hauch einer Wahl?! Also ich meine die hätte sie gehabt.


    Nun, Steinthor ist ein großer, kräftiger Mann, und auch wenn Sigurlina nicht gerade die schmächtigste ist, so dürfte das Kräfteverhältnis doch recht eindeutig zugunsten Steinthors ausfallen. Außerdem ist es auch nicht ausgeschlossen, daß sie ihn zunächst einmal aus purer Dankbarkeit nicht aus dem Bett wirft, angesichts der sonstigen Erfahrungen, die sie im Ort machen durfte, würde mich das nicht allzu sehr wundern.

  • Ich habe es jetzt bis zum Ende von Kapitel 19 geschafft und komme kaum hinterher, alle Eure Kommentare zu lesen. Ich weiß jetzt schon ziemlich gut, was als nächstes kommen wird *gg*


    Ich fange mal hinten an: Sigurlina ist mir ein Rätsel. Jetzt jagt sie plötzlich ihren Jukki in die Wüste. Sie schimpft auf Steinthor und Jukki gleichermaßen. Auf Anhieb sieht es aus, als merke sie an Steinthors Rückkehr, dass auch Jukki nicht der Richtige ist. Aus Euren Kommentaren über das spätere Geschehen entnehme ich, dass sie Steinthor aber wieder verfallen wird.


    Jukki wäre immerhin eine sinnvolle wirtschaftliche Versorgung gewesen und ich denke, Sigurlina weiß als Einheimische immerhin genug darüber, was es bedeutet, eine Heimat zu haben. Einige Beiträge zuvor und auch im Buch war die Rede vom Heimatort, der für einen sorgt. Sigurlina hätte also den Heimatort bekommen, in dem sie ohnehin ist. Salka meinte ja schon, dass der Ort sie jederzeit wieder in den Norden zurückschicken könnte.


    Sigurlina verbindet mit Gott offensichtlich die Möglichkeit, sich um gar nichts mehr kümmern zu müssen. Selbst schwanger wird sie gegen ihren Willen :rollen: Gegen ihre Vernunft schon, das hat sie richtig erkannt, aber gegen ihren Willen? Entweder macht sie es sich hier verdammt einfach und erduldet Gottes Willen oder sie hat bei ihren Partnern selber immer wieder Gewalt erlebt. Ich habe mich auch schon gefragt, ob der Dienstherr im Norden, von dem sie Salka bekommen hat, sie nett oder weniger nett ins Bett gezerrt hat.



    Darüber läßt sich nachdenken. Vielleicht wäre es keine reine Menschenfreundlichkeit gewesen, sondern eine Investition in die Zukunft, wenn der Junge nämlich gesund geworden und zu einer weiteren Arbeitskraft herangewachsen wäre. ... Ich finde ihn unbarmherzig. Die Ehe ist eine reine Zweckgemeinschaft für ihn, von Liebe oder wenigstens Sympathie keine Spur. Oder läßt man vielleicht einen Menschen, den man liebt, so lange mit einem kranken Kind allein, bis dieses (und damit das Liebste, was dieser Mensch im Moment hat) stirbt?? Also ich würde so jemanden, der das tut, keinesfalls heiraten wollen und ich denke, genau das ist der Grund, warum Sigurlina ihn schließlich zurückweist. Sie möchte aus Liebe geheiratet werden.


    Ich weiß nicht, ob man in einem Land wie Island da eine große Wahl hat. Vielleicht findet man einen halbwegs netten Mann, der halbwegs gut aussieht (was bei den Lebensumständen nicht einfach sein dürfte, jemanden mit weißen, heilen Zähnen zu finden), aber den wollen dann alle. Da geht das Leben vor und die Familie wird in der Tat zu einer Versorgungseinheit.


    Ach ja, der Abschied von Arnaldur! Wer hatte mir geweissagt, dass ich mit meinem Tipp über Allis Tante richtig läge? Ja, da stand sie ebenso wie Salka. DIe eine guckt Alli hinterher, die andere dessen Vater.
    Jetzt habe ich die Stelle gefunden, kaluma war's :smile:


    Ich war übrigens am Überlegen, ob Allis Mutter tatsächlich verstorben ist oder ob sie abgehauen ist. Ich dachte erst, die harsche Reaktion der Erwachsenen sei die Wut auf Allis Mutter, die sich ein anderes Leben verschaffen wollte. Aber inzwischen finde ich die Erklärung plausibel, die auch irgendwo im Buch aufgetaucht war: Die Mutter verstarb, als Alli recht jung war und der Bub erweckt sie in seinen Träumen zum Leben. Er hat den Tod nicht kapiert und auch nicht verarbeitet. Die Erwachsenen sind die Phantasien von Alli einfach nur Leid.


    Ich hoffe, dass ich die kommnden vier Kapitel bis zum Ende des ersten Teils bald lesen kann. Mir gefällt das Buch gut, weil ich hier - im Gegensatz zum Fischkonzert - mit der Handlung was anfangen kann und auch die Personen sind anders. Nicht etwas spinnert, keine kruden Ideen bisher, sondern einfache Leute, die sich in ihrem Leben arrangieren.


    Sehr witzig übrigens der Kommentar zur Röntgentechnik, die der Arzt auf dem Tanzabend zum Besten gegeben hat. :breitgrins: Sinngemäß hieß es, die Leute im Dorf dürften an ihren Krankheiten einfach sterben, ohne von solchen Strahlen belästig zu werden.

    ☞Schreibtisch-Aufräumerin ☞Chief Blog Officer bei Bleisatz ☞Regenbogen-Finderin ☞immer auf dem #Lesesofa


  • Sigurlina verbindet mit Gott offensichtlich die Möglichkeit, sich um gar nichts mehr kümmern zu müssen. Selbst schwanger wird sie gegen ihren Willen :rollen: Gegen ihre Vernunft schon, das hat sie richtig erkannt, aber gegen ihren Willen? Entweder macht sie es sich hier verdammt einfach und erduldet Gottes Willen oder sie hat bei ihren Partnern selber immer wieder Gewalt erlebt. Ich habe mich auch schon gefragt, ob der Dienstherr im Norden, von dem sie Salka bekommen hat, sie nett oder weniger nett ins Bett gezerrt hat.


    Ja, Sigurlinas Verhältnis zum Glauben ist wirklich merkwürdig - aber wie Aldawen ja auch schon angemerkt hat, wer weiß wie echt dieser Glaube wirklich ist. Ich denke auch sie macht es sich recht einfach. Sie kommt nicht darauf, die Verantwortung zu übernehmen. Aber vllt. ist dies ja auch eine "Lehre" die sie so einfach nicht kennt bzw. erlernt hat. Salka scheint da wohl instiktiv anders zu handeln, denn von ihrer Mutter hat sie es ja nicht gezeigt bekommen...



    Ich hoffe, dass ich die kommnden vier Kapitel bis zum Ende des ersten Teils bald lesen kann.


    Immer mit der Ruhe, wir warten auf dich...


    Viele Grüße
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%

  • Immer mit der Ruhe, wir warten auf dich...


    Oje - gilt das auch für mich? Ich wage ja schon gar nicht mehr, mich hier blicken zu lassen. Ich werde immer kleiner mit jedem Tag, den ich Eure zahlreichen und langen Beiträge hier lese. Ihr seid so beflissen, und ich bin seit einer Woche nicht mehr zum Weiterlesen gekommen. :rollen: :redface:

    Andere Orte im Internet erkundet und für uninteressant befunden.

  • Oje - gilt das auch für mich? Ich wage ja schon gar nicht mehr, mich hier blicken zu lassen. Ich werde immer kleiner mit jedem Tag, den ich Eure zahlreichen und langen Beiträge hier lese. Ihr seid so beflissen, und ich bin seit einer Woche nicht mehr zum Weiterlesen gekommen. :rollen: :redface:


    Auf alle Fälle warten wir auf Dich. Mir geht's genau wie Dir: Ich habe viel mit Lesen der Beiträge zu tun und komme wenig zum Lesen. Und wenn, dann bin ich immer ganz bedröppelt, weil es manchmal bloß ein Kapitel an einem Abend ist. Und lang sind die ja nun wahrlich nicht.

    ☞Schreibtisch-Aufräumerin ☞Chief Blog Officer bei Bleisatz ☞Regenbogen-Finderin ☞immer auf dem #Lesesofa