Reinhard Stöckel – Der Lavagänger

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.
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    Inhalt: Passend zur Goldenen Hochzeit seiner Eltern macht Henri Helder eine merkwürdige Erbschaft. Sein Großvater mütterlicherseits hat ihm ein paar handgefertigte, abgelaufene Lederschuhe vermacht, die in Knöchelhöhe mit merkwürdigen Schriftzeichen verziert sind. Deren Plazierung am Tisch der Feiernden läßt die Stimmung sofort unter den Gefrierpunkt fallen. Natürlich weiß Henri, daß dieser Großvater, von dem es immer hieß, er sei in den Lavafeldern von Hawaii umgekommen, ein Tabuthema in der Familie ist. Und da er selbst gerade mit beruflichen und privaten Umwälzungen in seinem Leben konfrontiert ist, begibt er sich auf eine Spurensuche, die von Deutschland über Anatolien und Australien schließlich wirklich nach Hawaii führt. Und dabei löst sich mehr als der Rätsel der Schuhe ...



    Meine Meinung: Auf jeden Fall hat Reinhard Stöckel hier einen ungewöhnlicher Roman vorgelegt, auf den man sich einlassen muß – inhaltlich wie sprachlich. Die Familiengeschichte entfaltet sich in zahlreichen Zeitsprüngen, und mehr als einmal war ich froh, mich anhand des Stammbaums am Ende orientieren zu können und damit die zeitlichen Zusammenhänge nicht zu verlieren. Außerdem bot dieser Stammbaum von Beginn an die Möglichkeit zu spekulieren. Welche Ereignisse mögen wohl die Menschen in dieser Weise zusammengebracht haben? Dadurch, daß sich das Schicksal von Henris Großvater Hans Kaspar Brügg zwar im großen und ganzen aber eben nicht streng chronologisch entlang dessen Lebenslinie aufgerollt, muß man als Leser schon einige Fäden sortiert halten. Größere Lesepausen empfehlen sich deshalb nicht unbedingt. Erfreulich ist aber dabei, daß die Geschichte am Ende nicht nur im Hinblick auf Brügg „aufgeht“, sondern auch die Nebenpersonen nicht vergessen und unterwegs irgendwo abgestellt werden.


    Auch stilistisch war der Roman zumindest ungewöhnlich. Hatte ich am Anfang erhebliche Probleme mit kurzen Sätzen und einem sich einmischenden Erzähler, der sich auch schon mal kumpelhaft direkt an den Leser wendet, so hat mich letzteres mit fortschreitender Dauer immer weniger gestört. Und in dem Maße, in dem die Sätze länger wurden, zeichneten sie sich auch durch manch ungebräuchliches Wort und vor allem ungewohnte Wortstellung aus. Das waren nicht gerade Stolpersteine, aber sie erzeugten Aufmerksamkeit. Manchen Satz habe ich zweimal gelesen, um ihn wirken zu lassen, um nachspüren zu können, ob sich dadurch eine andere Bedeutungsnuance vermittelt. Das erlebe ich in Büchern doch eher selten und hatte deshalb einige Freude daran. Bis zum Ende hatte mich – leider, muß ich da sagen – aber schon so daran gewöhnt, daß mir sicher nicht mehr alles in dieser Richtung aufgefallen ist. Es ergab sich dadurch einfach ein sehr eigener Erzähltonfall, der aber gut zum Inhalt und auch zum Charakter Helders paßte.


    Nur eines hätte ich mir klarer gewünscht: Ich kann nicht einschätzen, ob und, wenn ja, in welchem Umfang bzw. in welcher Art Helder nun Konsequenzen aus der Spurensuche nach seinem Großvater und den Erkenntnissen über dessen Leben für sein eigenes Leben zieht. Es blieb bei mir ein wenig der Eindruck, er könne in seinen alten Trott zurückfallen, und das wäre dann doch recht schade. Angesichts der etwas verwickelten Familienverhältnisse hätte auch eine direkte Wiederholungslektüre einigen Reiz gehabt, denn mit der Kenntnis des Endes würde man den Andeutungen und Spuren ganz anders folgen können.


    4ratten


    Schönen Gruß,
    Aldawen