Iwan A. Gontscharow - Oblomow

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 5 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Saltanah.

  • Mich wundert es ehrlich gesagt sehr, daß ich keinen Thread zu diesem großartigen Roman Iwan A. Gontscharows finden kann.


    Da ich hier den Thread eröffne, sollte ich einiges zu diesem Roman schreiben. Natürlich ohne Einzelheiten zur Handlung zu verraten.


    Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen, wobei dieses ein Wiederlesen war, aber meine erste Leseerfahrung lag solange zurück, daß ich eigentlich gar keine Erinnerungen mehr daran hatte. Es ist ein langes, dickes, aber großartiges Buch.


    Das Thema des Buches ist die Auseinandersetzung um Passivität und Aktivität, wobei diese Dualität durch zwei Personen verkörpert wird, den trägen, passivischen Antihelden Oblomov und seinen Freund, den aktiven, "lebenstüchtigen" Stolz.


    Ich habe die Ausgabe von DTV. Dieses enthält ein Nachwort, das interessant zu lesen ist. Natürlich geht es um die Deutung und Bewertung der Hauptfigur Oblomov und seines Antagonisten Stolz. Dabei ist es klar und soweit kann ich diesem Nachwort auch folgen, daß man sich von der platten Auslegung des Werkes, wie sie wohl oft erfolgt ist, als einer Kritik an der trägen Lebensform Oblomovs, frei macht. Nur daß das dann im Nachwort ins Gegenteil umschlägt, so daß der Antiheld Oblomov zum eigentlichen Helden umgedeutet wird und sein Antagonist Stolz zur eigentlich negativen, problematischen Figur.

    In der Tat sollte man das Werk lesen ohne irgendeine platte Moral im Hinterkopf. Ein großes Werk zeichnet sich ja gerade dadurch aus, daß es sich irgendeiner allzu platten Deutung entzieht. Beide Positionen, die von Stolz wie die Oblomovs sind letztenendes problematisch. Trotz ihrer vollkommenen Gegensätzlichkeit der beiden Freunde muß man allerdings auch das Verbindende sehen: Beide Positionen sind menschlich integer, die eigentliche moralische Gegenpostition findet sich im Schurken Tarantiev. Diese Figur ist allerdings menschlich völlig uninteressant.


    Natürlich darf man auch nicht übersehen, daß diese Auseinandersetzung um passivisches und aktivisches Leben vor dem Hintergrund des russischen Feudalismus statt findet. Oblomov ist ein Adliger. Er ist damit jemand, der sich die träge, manchmal aber auch geradezu ängstlich um seine Ruhe besorgte Lebensform auch leisten kann. Die Position des Autors zu diesem Feudalismus ist mir unklar - nur ein Sozialrevolutionär ist er ganz sicher nicht und es gehört zu den fragwürdigen Dingen dieses Buchs, daß die Herrschafts-, Knechtschaftsverhältnisse ein bißchen idealisiert erscheinen.


    Trotz allem muß ich sagen, daß mir die Figur des Oblomow im Vergleich zu Stolz letztenendes die Sympathischere zu sein scheint. Man mag diesen furchtbar trägen, faulen, ständig um seine Ruhe besorgten, in Bezug auf das Leben etwas ängstlichen Oblomov irgendwie. Dagegen hat mich Stolz Tatsachensinn, diese aus einer positivistischen Weltanschauung gespeiste Energie offen gesagt kalt gelassen. Allerdings ist Oblomov in gewisser Hinsicht eine extreme Figur ( wie Stolz allerdings auch). Oblomovs Existenz ist im Grunde nicht einmal kontemplativ. Selbst für das Kontemplative ist Oblomov zu träge; er liest keine Bücher ( in seiner Jugend allerdings sehr wohl), er hat der Lebensform Stolz so eigentlich gar nichts entgegenzusetzen als eine beschauliche, verträumte Trägheit.


    Damit allerdings gehört Oblomov zu den großen, klassischen, sprichwörtlich gewordenen Figuren der Weltliteratur. Und obwohl Oblomov auch für die Kontemplation eigentlich zu faul ist und wirklich nur "irgendwie dahin lebt", hat er doch ein reiches Innenleben und eben dieses Innenleben, diese Verträumtheit und Güte ist es, was diese Figur so anziehend macht.


    Ich kann dieses Buch sehr empfehlen, es hat in der Figur des Oblomov eine eigenartige Poesie.


    Gruß Martin

    Einmal editiert, zuletzt von Marlino ()

  • Hallo Marlino! :winken:


    Danke für diese tolle Buchvorstellung. Ich muss gestehen, ich habe erst vor kurzem durch einen anderen Roman (David Benioff - City of Thieves) erfahren, dass es einen Roman namens "Oblomow" gibt und das Gespräch der beiden Protagonisten in diesem Buch hat mich schon neugierig gemacht. Jetzt ist das Buch endgültig auf meine Wunschliste gewandert, vor allem auch, weil ich vieeeeel zu wenig russische Literatur lese. :redface:


    Ich habe mein Auge allerdings auf eine englische Übersetzung geworfen, weil mich der Ausschnitt auf Amazon sehr angesprochen hat. *schwärm* :breitgrins:


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    Liebe Grüße,
    Wendy

    Jahresziel: 2/52<br />SLW 2018: 1/10<br />Mein Blog

  • Hallo Marlino,


    schau mal ins [url=http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,3183.0.html]Nachbarforum[/url], da haben wir letzten Herbst Oblomow in einer Leserunde mit Begeisterung gelesen.


    Grüße
    Doris

  • Hallo Doris,


    danke für den Tip mit dem anderen Forum; da werde ich auch mal hinein schauen.


    :winken:


    Gruß Martin

  • Hallo Marlino,


    ganz tolle Rezi und Kommentare von Dir! Herzlichen Dank!


    Ich habe den Oblomow sehr genossen, allerdings schon vor vielen Jahren. Sicherlich kann es nicht um die Verherrlichung der Stolzschen oder der Oblomowschen Perspektive gehen, doch ist es im Kontext schon vielsagend, dass Stolz mit deutscher Abstammung für eine westlich profitable, effektive Lebensweise zu stehen scheint, während Oblomow gewisse russische Eigenschaften zu verkörpern scheint... Sind sie "positiv", sind sie "negativ"? Wir urteilen schnell und ich habe oft gesehen, gerade bei den westlichen Lesern, dass Oblomow also schon automatisch abgestempelt ist. Dabei gibt es in seinem Leben nicht nur einfach eine gewählte Passivität, als auch eine Art "Resignation", die ich nicht zu negativ verstanden wissen will. Wahrscheinlich stellt uns dieser Antiheld mit Realitäten unseres Lebens in Kontakt, die wir nicht so gerne sehen wollen.


    Gontscharow hat an diesem seinem Roman lange Jahre gearbeitet und hat sich sicherlich einiges dabei gedacht.


    Empfehlen kann ich auch "Eine alltägliche Geschichte" des selben Autors...

    Gruß, tom leo<br /><br />Lese gerade: <br />Léonid Andreïev - Le gouffre<br />Franz Kafka - Brief an den Vater<br />Ludmila Ulitzkaja - Sonjetschka

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    Ich habe eine ältere Auflage der oben verlinkten Ausgabe aus dem Winkler Verlag in der Übersetzung von Josef Hahn gelesen.


    Geschafft! :freu:
    Nach nur 36 Jahren und zweieinhalb Wochen habe ich es geschafft, dieses Buch von seinem trägen - fast möchte ich sagen oblomowschen - SuB-Dasein zu erlösen. Der erste Leseversuch nahm vor 36 Jahren und anderthalb Wochen auf Seite 128 ein Ende, und nun habe ich es endlich ganz gelesen.


    Doch worum geht es?
    Zentral um Oblomow, einen völlig lebensuntüchtigen, nur seine Ruhe haben wollenden russischen Adligen und ein bisschen auch um seinen besten (einzigen) Freund Stolz, der im Gegensatz ein Macher, ein Anpacker ist und vor Lebenskraft sprudelt. Zielstrebig und durchdacht nimmt er sich seine Aufgaben in Angriff, während Oblomow auf seinem Diwan liegend darüber nachdenkt, dass er wirklich mal einen Brief an den Verwalter seines Gutes schreiben müsste - aber erst, wenn er den Plan der Umgestaltung seines Gutes, über den er seit geraumer Zeit (die in Jahren zu messen ist) nachdenkt, beendet hat. Dass dieser Brief jemals geschrieben würde, daran glaubt die Leserin keine Minute.


    Dann allerdings tritt Olga, jung und noch recht naiv, aber nicht dumm, in Oblomows Leben und mischt es auf. Plötzlich macht der sonst so träge Oblomow lange Spaziergänge, quält sich steile Berge hinauf, verzichtet auf den sonst unerlässlichen Nachmittagsschlaf und ist kaum noch wiederzuerkennen. Ob das allerdings von Dauer sein wird? Frau hofft es, nicht zuletzt um Olgas Willen, glaubt aber nicht so recht daran.


    Mehr mag ich vom Inhalt nicht erzählen. Jetzt zur wichtigsten Frage: Hat es sich gelohnt, das Buch zu lesen? Eine Frage, deren Beantwortung mir nicht leicht fällt.


    Einerseits ist die Beschreibung des absolut faulen Oblomow, dieses Meisters der Prokrastination, sehr gut gelungen und in seinem Extrem auch glaubwürdig. Sein Lebensstil der anfangs gekonnt durch den seiner ständig hin- und herrennenden, hyperaktiven, dabei aber auch nicht produktiven, ein ähnliches Drohnendasein führenden Besucher kontrastiert wird, scheint nicht einmal so unattraktiv. Zumindest solange die Gelder aus seinem Gut fließen; als das nicht mehr der Fall ist, zeigen sich immer deutlicher die Schattenseiten eines solchen Lebens. Die Faszination dieser extremen Figur machte die unendliche Langsamkeit der Erzählung wett - zumindest während der ersten 300 Seiten. Dann allerdings ging mir die Geduld aus, nicht nur, oder eher noch, nicht so sehr mit Oblomow, als mit dem gesamten Buch.


    Das Erzähltempo blieb wie es war, auch als durch die Liebe und/oder Stolz und Olga Leben in das Buch hätte kommen müssen. Alles, jeder Gedanke, jede Gefühlsregung bis ins kleinste Detail geschildert - das wurde zäh und zäher, und ich las nur noch aus reiner Sturheit weiter. Ab und zu kam kurzzeitig noch die Faszination des Beginns zurück, aber ein Genuss war die Lektüre nicht mehr. Hätte Gontscharow das Buch nach etwa der Hälfte offen enden lassen, wäre ich begeistert gewesen.


    Dabei kann ich schon sehen, dass es ein besonderes Buch mit einem ungewöhnlichen "Helden" ist, das seinen Platz in der Weltliteratur verdient hat, aber lesen hätte ich es nicht unbedingt müssen.


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

    Wir sind irre, also lesen wir!