[Paraguay] Augusto Roa Bastos – ICH der Allmächtige

Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.
  • Kaufen* bei

    Amazon
    Booklooker
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links


    Um es gleich vorweg zu sagen: Obwohl ich die Lektüre jetzt schon ein paar Tage habe sacken lassen und zu verschiedenen Aspekten einiges nachgelesen habe, fühle ich mich nicht in der Lage, einen angemessenen Kommentar zu verfassen. Über diesen Roman könnte man sicher eine Abhandlung mindestens des gleichen Umfangs schreiben, und selbst dann sind vermutlich nicht alle Themen und Aspekte ausgeleuchtet und gewürdigt.


    Hintergrund ist die 26jährige Herrschaft von José Gaspar Rodríguez de Francia, der von 1814 bis zu seinem Tod das 1811 unabhängig gewordene Paraguay als Diktator regierte und diese Unabhängigkeit des Landes gegen spanische, argentinische und brasilianische Interessen immer wieder durchsetzen mußte. Er schottete Paraguay sehr stark ab, auch Europäer kamen kaum hinein; Außenhandel fand nur sehr begrenzt statt, Francia setzte stark auf Autarkie. Sein Regime war einerseits ganz typisch von Spitzelwesen und Unterdrückung jeglicher Opposition gekennzeichnet, andererseits wurde ein flächendeckendes Schulwesen eingeführt, Großgrundbesitz aufgeteilt bzw. verstaatlicht und die spanischstämmigen Eliten durch gezielte Heiratspolitik aufgelöst und „indigenisiert“, auch persönlich hat sich Francia wohl nicht bereichert, sondern ein recht spartanisches Leben geführt.


    Formal mischen sich in diesem Roman verschiedene Erzählstimmen. Den Hauptteil liefert Francia, der sich selbst als El Supremo bezeichnete, teils in Form seiner eigenen Tagebucheinträge, teils im direkten Gespräch mit seinem Sekretär Policarpo Patiño, teils mittels des Ewigen Rundschreibens an die Beamten des Landes, das Patiño als Diktat aufnimmt, und einigen weiteren Formen. Diese werden ergänzt und kommentiert durch eine nicht näher bezeichnete Stimme, die mit Randglossen an den Aufzeichnungen des Diktators in Erscheinung tritt. Eine dritte Stimme liefert schließlich der „Kompilator“, der diese Aufzeichnungen ordnet, Hinweise darauf gibt, wo auf der Seite etwas unleserlich ist, wegen Brandspuren fehlt u.a.m. Dieser Kompilator mischt sich auch in Form von Fußnoten immer wieder in Francias Aufzeichnungen ein, ergänzt diese durch zeitgenössische Aussagen und Schriften über Paraguay und seinen Diktator. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Formen und Stimmen sind meist sehr eindeutig, nur manchmal war ich einen Absatz lang verwirrt. Nichtsdestotrotz erfordert die Lektüre einige Aufmerksamkeit, weil direkte Rede nicht immer als solche kenntlich ist, und auch Wechsel des Sprechers innerhalb eines Absatzes nicht markiert sind.


    Der Wechsel zwischen den verschiedenen Darstellungsformen zieht auch einen sprunghaften Weg durch die Chronologie nach sich. Mal geht es um die Jugend des Diktators, mal um die Zeit der Unabhängigwerdung, mal um die Gegenwart Francias (und das meint hier: kurz vor seinem Tod im September 1840), mal gar um die Zukunft nach seinem Tod. Dabei den Überblick zu behalten fand ich nicht ganz einfach, zumal mir dafür die Geschichte Paraguays in jener Zeit zu wenig (um nicht zu sagen: gar nicht) vertraut ist. Ich bin auch nicht sicher, daß ich letztlich alle genannten Personen immer richtig eingeordnet habe, auch wenn sie mehrfach auftauchten.


    All diese Aspekte führten zwar dazu, daß die Lektüre nicht gerade eine locker-flockige Angelegenheit war, trotzdem hat mich der Roman fasziniert. Das liegt zum einen daran, daß Roa Bastos keine eindeutige Verurteilung Francias vornimmt, was man bei einem solchen Diktatorenroman ja eigentlich erwarten könnten. Tatsächlich ist die Figur des Francia für eine solch eindeutige Verurteilung auch nicht geeignet. Zum anderen liegt es daran, wie Roa Bastos hier über Macht philosophiert: Er bringt sie in engen Bezug zur Sprache. Sprache ist es, durch die er Menschen tun lassen kann, was er selbst nicht tun kann oder will. Sprache ist es, durch die er Geschichte nicht nur aufzeichnet, sondern macht. Sprache ist es aber auch, die nicht nur seine Macht ausdrückt und sichert, sondern auch den Keim des Widerstandes in sich trägt, das wird schon und besonders durch die Eröffnung deutlich, ein gefälschtes Dekret, das am Tor der Kathedrale von Asunción gefunden wurde:


    [quote author=S. 7]Ich, der Allmächtige Diktator der Republik,
    Ordne an, daß mein Leichnam bei meinem Tod enthauptet und mein Kopf,
    aufgespießt auf einer Lanze, drei Tage lang auf dem Platz der Republik zur
    Schau gestellt wird, wohin das Volk unter dem Geläut aller Glocken einzuberufen ist.
    Alle meine zivilen und militärischen Diener sollen den Tod am Galgen sterben.
    Ihre Leichname sind auf Viehgehegen vor den Toren der Stadt zu verscharren,
    ohne Kreuz noch Zeichen, die an ihren Namen erinnern.
    Ich befehle, meine sterblichen Überreste nach Ablauf dieser Frist zu verbrennen
    und die Asche in den Fluß zu streuen ...[/quote]


    Alles in allem ist es ein Roman, der dem Leser einiges abverlangt, aber ich fand es die Anstrengung wert. Vielleicht sollte ich ihn in ein paar Jahren noch einmal lesen ...


    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:


    Schönen Gruß
    Aldawen