Stig Claesson - Sammelthread

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Es gibt 22 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Saltanah.

  • Wie einigen von euch sicher nicht verborgen geblieben ist, schätze ich Stig Claessons Bücher sehr. Leider sind nur sehr wenige seiner über 80 Werke in deutscher Übersetzung erschienen, so dass es eigentlich sinnlos ist, wenn ich euch einige seiner Bücher hier vorstelle. Da sie aber mysteriöserweise immer wieder den Weg auf meine SLW-Listen schaffen - und ich sie noch rätselhaftererweise manchmal auch gar rezensiere - habe ich beschlossen, seinen unübersetzten Werken einen Sammelthread zu gönnen.

    Wir sind irre, also lesen wir!

    Einmal editiert, zuletzt von Saltanah ()

  • Bönder (1963)


    Mal wieder eine Saltanah-Rezi der Kategorie "Rezensionen, die das Forum nicht braucht", da das Buch soweit ich feststellen konnte, in keine Sprache übersetzt wurde und somit nur des Schwedischen oder Skandinavischen Mächtigen zugänglich ist. Da das aber hier doch immerhin einige sind und auf eine Liste zum Thema "Bauernhof" unbedingt ein Buch gehört, dessen Titel Bauern lautet, musste ich es einfach auf die SLW-Liste setzen.


    Der Ich-Erzähler, ein Großstadtkind, verbringt als 14-jähriger aus unbekanntem Anlass einen Sommer und Herbst auf dem Lande und erzählt uns von einer sterbenden Welt, der der Klein- und Kleinstbauern, die schon zur Entstehungszeit des Buches 1963 am Verschwinden war. Erzählt wird von Anton, bei dem der Erzähler wohnt, dem Nachbarn Ibert, mit dessen Sohn Nils sich der Erzähler angefreundet hat, und von den anderen Bewohnern der nächsten Umgebung, die zu einem guten Teil mit Anton oder Ibert verwandt, aber auf jeden Fall alle gute Bekannte sind.


    Erzählt wird auch von den Ereignissen dieses Sommers und Herbstes, dem Roden eines Waldstückes, dem Wachsen und Ernten des Hafers, dem Tod von Iberts alter Mutter z. B., und vor allem von dem illegalen Krebsfang, der von dem Erzähler und Nils initiiert wurde und an dem sich immer mehr Nachbarn beteiligten.


    Dabei scheint immer wieder durch, dass diese Welt so nicht mehr lange bestehen bleiben wird; sie wird mit den allmählich alt werdenden Bauern sterben. Die jüngere Generation geht schon in dem benachbarten Städtchen in die Fabrik zum Arbeiten, da die Landwirtschaft nicht annähernd ertragreich genug ist, um weiter bestehen zu können. Einen Eindruck, wie klein die Verhältnisse sind, bekommt man dadurch, dass sich Anton und Ibert, die ja jeweils einen "Hof" besitzen, einen Ackergaul teilen.


    Ein wehmütiger Ton zieht sich durch die gesamte Erzählung - einen Roman möchte ich dieses 95-seitige Büchlein nicht nennen. Dabei wird das Leben der Bauern aber nicht idyllisiert; die Härte des Lebens und der Arbeit und die Scheu der Bauern davor, ihr Leben zu genießen, nur um dann umso stärker von unausweichlichen Schicksalsschlägen getroffen zu werden, wird eindringlich dargestellt. "Das Leben ist Leiden" scheinen die Bauern in fast buddhistischer Haltung zu glauben, und dieses Leben und Leiden gilt es irgendwie zu überstehen.


    So erscheint es nicht erstrebenswert, diese Lebenswelt zu erhalten, aber dennoch ist es traurig, dass sie zu Ende geht, so wie es immer traurig ist, wenn etwas unwiderruflich verschwindet, scheint Claesson zu meinen und so setzt er - selbst Stadtmensch - dem Landleben verflossener Tage mit diesem Buch ein Denkmal. Dabei passt er sich stilistisch an die Wortkargheit seiner Protagonisten an. In kurzen Sätzen und ebenso kurzen Absätzen, die oft nur aus einem Satz bestehen, die aber in ihrer Kürze so viel mehr beinhalten als eigentlich dasteht, erzählt er seine Geschichte und trifft mich dabei immer wieder voll ins Herz. Ein Satz wie z. B. "På andra sidan kräftorna väntade hösten" (etwa "Jenseits der Krebse wartete der Herbst"), erweckt in mir in seiner lapidaren Kürze ein Bild des Spätsommers, der bald vergehenden Natur, der Unausweichlichkeit des Schicksals und der Sterblichkeit alles Lebendigen. Ob jemand das so nachvollziehen kann ist fraglich, aber mir egal.


    Durch seine kurzen Sätze und die einfache Sprache eignet sich dieses Buch auch gut für Schwedischlernende, die von längeren und komplizierteren Büchern noch überfordert wären.


    Dass meine Bewertung nicht besser ausfällt, liegt an der für meinen Geschmack zu langen Schilderung des Krebsfanges. So vergebe ich positive
    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

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  • Sanningen och ingenting annat än (1970)


    "Die Wahrheit und nichts als" (so der Titel in deutscher Übersetzung) die Wahrheit will uns Peter Blodström, seines Zeichens Fensterreparatör in einem der Ende der Sechziger wie Pilze aus dem Boden geschossenen neuen Stockholmer Vororte ist, erzählen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Wohnungsnot in Stockholm sehr groß, so dass in den folgenden Jahrzehnten eine Unzahl an neuen Wohnungen gebaut wurde, meist Hochhaussiedlungen weit vor den Toren der Stadt im Grünen. Schnell musste es gehen, billig sollte es sein und so ist es kein Wunder, dass das eine oder andere Fenster (und jede Menge andere Sachen, aber das ist nicht Blodströms Problem) nicht funktioniert. Blodström soll das nun ändern. Er wurde mit einem Haufen Arbeitsaufträge in "seinen" Vorort geschickt und sucht jetzt Wohnung um Wohnung auf und repariert Fenster - oder auch nicht.
    Dabei überarbeitet er sich wirklich nicht. Denn in fast jeder Wohnung wird er erst mal zum Kaffee trinken oder Mittag essen eingeladen, in lange, teils philosophische, teils absurde Gespräche verwickelt, und nur ab und zu tut er das, was eigentlich seine Aufgabe ist, manchmal fast gegen den Willen der Bewohner.
    Ein wiederkehrendes Thema in den Gesprächen und seinen Gedanken ist dabei der Wunsch nach Freiheit, die Sehnsucht nach einer Insel - gerne in der Karibik - als Gegensatz zum eingesperrten Leben in dem Vorort, in dem die Gitter nur unsichtbar, aber doch vorhanden sind.
    Auch der Unterschied zwischen dem Leben in der Innenstadt und den Vororten wird immer wieder thematisiert. Gewachsene versus auf dem Reißbrett geplante Stadt - wobei zwar schon klar ist, was besser abschneidet, Claesson aber doch nie platt wird und auch die Schattenseiten des alten, verfallenen, armen Stockholms hervorhebt.


    In typisch Claesson'scher Art dümpelt der Roman mit vielen Variationen seines Themas so vor sich, ohne dass ein Ziel zu entdecken wäre - was aber auch nicht der Sinn der Sache ist. Denn das Leben zumindest in Claessons Fassung ist ohne Ziel, bewegt sich nicht in einer Geraden, sondern Spiralen und gerade das ist es wohl, was mich an seinen Büchern so anspricht. Das in Verbindung mit einem von Melancholie durchtränkten Humor trifft mich immer wieder ins Herz.


    4ratten

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  • Kärlek rostar inte (1988)


    In "Liebe rostet nicht" bekommt der Künstler Viktor Pettersson an einem deprimierenden, schneeregnerischen Märznachmittag, der einem deprimierenden, schneefreien aber umso grauerem und nasserem Winter folgte, unerwarteten Besuch. Ove Magnusson erzählt, seine Firma habe Viktor zu seinem runden Geburtstag beauftragt, ein Portrait von ihm zu malen. Und dazu - er, der von Kunst bisher keine Ahnung gehabt habe, habe sich informiert - müsse ein Künstler sein zu malendes Objekt kennen. Also komme er, Ove, nun zu Viktor, um diesem die Gelegenheit zu bieten, ihn kennen zu lernen.


    Viktor weiß zwar von nichts, ist aber zu niedergeschlagen, um zu protestieren und lässt sich von Ove eine Episode aus dem letzten Sommer erzählen: Damals saß er in einem Park, als eine schöne, schwarze Frau vorbeikam und - Wunder über Wunder - Ove ansprach. Es ergibt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf Ove Julia zu deren Großmutter begleitet. Selbstverständlich verliebt er sich unsterblich in Julia, aber die... Nun ja, nach dreieinhalb Stunden nehmen sie voneinander Abschied.


    Dies alles bekommt also Viktor zu hören und nur manchmal kommt es in Unterbrechungen dieser Erzählung zu einem Gespräch zwischen den beiden Männern. Dann reden sie über Kunst (das heißt, über Kunst redet auch hauptsächlich der Besucher, wie überhaupt über das meiste), Liebe, Gott und natürlich vor allem das Wetter. Wer bisher dem alten Spruch "Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung" Glauben schenkte, wird hier eines Besseren belehrt:


    Gegen die Depression, die ein solcher Nicht-wirklich-Winter, auslöst, hilft nur ein "richtiger" Sommer:

    Zitat

    Welch ein verwunderlich schöner Abend voller Weitsicht. Voller Sommerwärme.
    Dieser Abend wird uns durch den nächsten halben Winter helfen, Karlsson. Weit in die Bingosaison hinein.
    Ein lieblicher Abend und richtig gute Krabbenbrote.
    An diesen Abend werden wir mit seinen kleinen Wolken über Skansen denken, mit der schönen Musik, die vom Tivoli herüberschallt, und mit dem Gelächter von jungen Menschen und dem Verkehr. An die Boote und die Autos werden wir denken und wir werden an alles ohne Schnee und Eis denken. Warm.


    Nur sind diese zauberhaften Sommerabende allzu selten, um wirklich ein angemessenes Gegenstück zu den langen, dunklen Wintern zu bieten, meinen Claessons Protagonisten und mit ihnen viele Schweden.


    Claesson ist ein hervorragender Wetterschilderer, das habe ich in seinen Büchern schon oft bemerkt. Leider konnte der Rest dieses Buches mich nicht ebenso begeistern. Die im Mittelpunkt stehende "Liebes"geschichte, ist zwar ungewöhnlich genug, um in ein Buch von Claesson zu passen, die Konstruktion mit der Geschichte-in-der-Geschichte, kann mich aber nicht wirklich überzeugen. Vor allem hat sie ein Ziel, das schon allzu früh erraten werden kann, und das Besondere an Claessons Romanen ist ja gerade ihre Ziellosigkeit.


    So vergebe ich leicht enttäuschte
    3ratten

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  • Knut K. Selma Johansson med rätt att leva (1970)
    "Knut K. Selma Johansson mit dem Recht zu leben"


    Der alte Hilmer, wohnhaft in einem Stockholmer Altenheim, macht sich Sorgen um seinen 17-jährigen Enkel Knut K. (=Kenneth) Selma Johansson. Er hat ihn zwar schon seit 2 Jahren nicht mehr getroffen, meint aber aus einem Brief seiner aus Jugoslawien stammenden Schwiegertochter Ljiljana herauslesen zu können, dass Knut sich auf der schiefen Bahn befindet. Das kann er problemlos glauben, denn man weiß ja, wie es um die langhaarige, Drogen konsumierende "Jugend von Heute" bestellt ist. Also nimmt er sich vor, mit Hilfe zweier Mitbewohner Knuts Situation zu untersuchen, und, falls möglich, zu verbessern.


    Kenneth selbst ist weder langhaarig noch hat er ein Drogenproblem, aber er ist verliebt. In die zwei Jahre ältere Charlotta, die zu Hause Karin heißt, und die ihn zwar auch gern hat, aber in einer Wochenzeitschrift als "Jugendliche der Woche" im Badeanzug posiert, und so zum Sehnsuchtsobjekt (um es mal nett auszudrücken) für die gesamte männliche Jugend Schwedens werden könnte - zumindest für diese Woche.


    In seiner Freizeit boxt Selma in dem Boxklub, in dem auch Charlotta-Karins älterer Bruder Erik, Tassen ("Pfote") genannt, aktiv ist, und in dem einer von Opa Hilmers Mitbewohnern vor vielen Jahrzehnten trainiert hat.


    Nach und nach treffen diese Personen aufeinander, sinnieren dabei über Gott und die Welt, das Leben, die Jugend von Gestern und Heute, Namen und Identität (nicht umsonst hat der Protagonist drei Vornamen), das Altern und das Boxen als aussterbenden Sport. Das alles geschildert in typisch Claesson'scher Manier in kurzen Sätzen und Absätzen mit einem Hauch von Melancholie als Grundlage, einem feinen Humor und kleinen Einschüben von Absurdität. Man sollte meinen, dass mit allen diesen Themen ein 135-seitiges Romänchen hoffnungslos überfrachtet wäre, aber nein. Claesson beherrscht sein Metier und hat mich mal wieder begeistert.


    4ratten


    P.S.: Die "Geranie in Todeszuckungen" zaubert mir immer noch ein Lächeln auf die Lippen.

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  • Sagor om Hon och Han (1992) Cover


    Fünf kurze, leicht märchenhafte Geschichten, stets nach dem gleichen Schema aufgebaut, finden sich in dem von Autor selbst illustrierten Buch mit dem Titel "Märchen über Sie und Ihn".


    Jede Geschichte beginnt damit, dass der Ich-Erzähler davon berichtet, wie er als Kind bei seinem Großvater, einem Schuhmacher, aufwuchs, in einem Häuschen irgendwo in einem schwedischen Wald. Im Wald begegnet der Junge verschiedenen alten Menschen, die nach der Prinzessin Olga, dem schönen Johan oder einer anderen Person fragen, von der der Junge noch nie gehört hat. Es stellt sich aber heraus, dass ebenjene Prinzessin Olga die alte Frau Persson ist, der der Junge gerade ein Paar reparierte Schuhe bringen wollte, und der schöne Johan der alte Andersson. Als junge Leute ineinander verliebt hatte das Schicksal (die Armut) sie getrennt und erst im hohen Alter treffen sie sich wieder, verliebt ineinander wie eh und je. Dabei sieht der Junge die alte Frau beziehungsweise den alten Mann mit den Augen der anderen Person und nimmt einen jungen, schönen Menschen war. "Aber wie die Leute die alte Hütte als Schloss sehen konnten", erzählt er hinterher seinem Opa, "das ist mir ein Rätsel." "Darüber kannst du nachdenken, bis du alt und grau bist wie der alte Andersson," bekommt der Junge zur Antwort und schließt mit der Feststellung ab, dass er nun selbst alt und grau ist.


    Schöne, kurze Märchen über den Zauber der Liebe, mit viel Charme und ein wenig Wehmut erzählt und mit schönen Illustrationen versehen. Insgesamt, schnell hintereinander gelesen einander vielleicht etwas zu ähnlich, aber trotzdem... Klar lesenswert.


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

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  • Nelly (1969)


    Ein äußerst kurzer Roman, der aus zwei sich mehrfach abwechselnden Erzählsträngen besteht.

    Einmal ist das ein "Verhör", in dem ein Arzt herauszufinden versucht, wieso sein Patient, Herr Nilsson, eine Überdosis Schlaftabletten genommen hat. Herr Nilsson streitet Selbstmordabsichten kategorisch ab, liefert aber keine für den Arzt akzeptable Erklärung. Stattdessen erzählt er von einem Urlaub auf dem Land mit Frau und Sohn.

    Im zweiten Erzählstrang "Gespräch" erfährt die Leserin mehr über besagten Urlaub. Herr Nilsson unterhält sich mit verschiedenen Einheimischen und Zugereisten über Gott und die Welt, hauptsächlich die kleine, überschaubare, aber doch rätselhafte Welt auf dem Land, wo jeder jeden kennt.


    Auf den ersten Blick ein typischer Claesson, kurz, mit kurzen, einfachen aber doch kunstvollen Sätzen, einer gewissen Absurdität vor allem im Gespräch zwischen Arzt und Patient, die nicht miteinander, sondern aneinander vorbei sprechen, und einer schönen Atmosphäre. Allerdings rätselhafter als die anderen Romane, die ich bisher kenne. Was "wirklich" geschehen ist, was Realität ist und wer über sie bestimmt, das bleibt bis zum Ende unklar, beziehungsweise wird immer undeutlicher. Ein Buch, das mich anfangs durch einige Wortspiele begeistert, und dann etwas hängengelassen hat, nur um mich auf den letzten Seiten total zu faszinieren. Ein Buch, das durchaus länger nachklingen könnte. Vielleicht sollte ich es gleich noch einmal lesen?


    4ratten

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  • Flickor (1967) Cover


    Zwei Männer, Håkansson und Håkanssons Freund, sitzen an einem Sonntagmorgen im Mai 1966 in einem Café in Falköping und unterhalten sich über ihre etwas ungewöhnlichen Zukunftspläne. Um vergessen zu können, möchten sie sich daran erinnern, wie "es" "wirklich" war, was ja nicht leicht ist, denn die Erinnerung verändert Geschehnisse. Da aber angeblich die Vergangenheit kurz vor dem Tod wie ein Film abläuft, planen sie, fast zu sterben.

    Das "es", an das sie sich erinnern möchten, das sind natürlich die "Flickor" (Mädchen), die sie gehabt haben. Und an sie erinnern sie sich schon im Gespräch, das sie von einer Frau zur nächsten führt. Erlebt haben sie beide einiges, und überall in Europa haben sie Frauen kennengelernt. "Donjuanismus" diagnostiziert ihnen Edith, Kellnerin im Café, die ihrem Gespräch gelauscht hat, und erzählt einige der Erlebnisse aus der Perspektive der Frauen.

    So mäandert das Gespräch hin und her, das mir besser gefallen hat, als ich bei dem Thema erwartet hätte, denn die beiden Männer erzählen von den Frauen mit überraschendem Respekt, geben nicht über ihre Eroberungen an. Ob sie ihre Fast-Selbstmordpläne wirklich in die Tat umsetzen möchten fragt Edith sie als sie schließlich das Café verlassen, da der Zug kommt. Wir wissen es nicht.


    Ein weiterer Kurzroman von Stig Claesson, der ohne wirkliches Ziel und ohne Antwort ein paar philosophische Fragen über aufwirft. Die ganz große Begeisterung blieb diesmal aus, aber lesenswert war das Büchlein schon.


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

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  • Ich entdecke in deutscher Übersetzung nur den 20 Jahre alten Titel "Wunschgemäß".


    Magst Du uns (dennoch) etwas dazu sagen, wie Du auf den Autor kamst und was Du besonders an seinen Büchern schätzt, Saltanah?

    Es ist ja auffällig, dass Du ihnen keineswegs Höchstbewertungen verleihst - liegt das daran, dass Du vorher schon andere Bücher vom Autor gelesen hast, die Dich mehr fasziniert haben - oder bist Du (wie ich auch zuweilen.. ;)) bei "Nahestehenden" gerade besonders kritisch, weil Du die Messlatte da höher legst?!

  • Alice:

    Es gibt auf Deutsch auch noch Echo eines Frühlings, das ich in einem eigenen Thread vorgestellt habe. Dort habe ich auch ziemlich genau beschrieben, wieso ich Claessons Bücher so gerne lese, auch wenn ich ihnen keine Höchstnoten gebe. Claesson schrieb nicht in der allerhöchsten Liga, schaffte es aber, einen ganz eigenen Ton zu entwickeln, der mir sehr zusagt.

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  • Västgötalagret (1965) Cover


    Im März 1938 steht J.F. Andersson zum ersten Mal seit 6 Jahren von seinem Krankenlager auf. Schweres Asthma sowie, möchte ich meinen, eine Depression, hatten ihn lange ans Bett gefesselt. Doch jetzt kann er nicht nur besser atmen, sondern hat auch eine Geschäftsidee, und genau das gibt ihm nach dem Verlust seines Kaufmannsladens in der Provinz Västergötland und darauf folgender Arbeit und Arbeitslosigkeit in Stockholm die Kraft, sein Leben als Geschäftsmann, als der er sich immer gesehen hat, wieder zu beginnen.


    Der nächste Krieg wird bald kommen, das weiß er ebenso gut wie eigentlich alle Europäer, ob sie es zugeben wollen oder nicht. Und wenn Krieg ist, marschieren die Armeen. Und dann braucht man Strümpfe. Die er verkaufen wird, erst mal in kleinem Ausmaß in einem Laden, das "Västgötalager" genannt, auf Söder in Stockholm, und später... Strümpfe, die in seiner Heimat Västergötland noch weitgehend in Heimarbeit hergestellt werden.


    In diesem autobiographischen Roman erzählt Claesson von der schweren Zeit der späten Zwanziger Jahre bis zum Kriegsbeginn 1939. Die Armut in Schweden ist damals groß und nimmt mit der Weltwirtschaftskrise gar noch zu. Arbeitslosigkeit ist weit verbreitet, die Familien sind groß, Hilfe von Außen kommt erst langsam. Allmählich entstehen Stiftungen, die sich der Ärmsten der Armen, der Alten und Kranken annehmen und ihnen ein etwas erträglicheres Leben ermöglichen. Andersson mit Frau und 3 Kindern kommen in einem "Kinderreichhaus" unter, Frau Andersson kocht in einem Altenheim und bringt die Essensreste mit nach Hause.


    Auf dem Land, in Västergötland, leben die Geschwister der Anderssons von Subsistenzwirtschaft auf Kleinsthöfen und Heimarbeit für die allmählich dort entstehende Bekleidungsindustrie. Sohn Andersson besucht seine Verwandten als Kind dort und verbringt die Sommer dort.


    Dieser Roman ist nicht so typisch Claesson'sch wie viele andere. Weniger absurd (obwohl auch die Absurdität nicht ganz fehlt) und vor allem viel ernster, gerade, wenn er die Andersson'sche Perspektive verlässt und von den politischen Geschehnissen in Schweden und Europa erzählt, wobei der auch in Schweden vorhandene Antisemitismus behandelt wird, der auch unter den Arbeitern auf Söder nicht unbekannt ist. Zitate aus der Zeit lehren die Leserin das Gruseln, auch wenn diese eigentlich altbekannt sind. Wie die allgemeine politische Lage auch das Leben eigentlich unpolitischer Leute beeinflusst, die nur ihr Leben leben wollen, das ist das eigentliche Thema dieses Buches, das einen guten Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse bietet.


    4ratten

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  • Medan tidvattnet vänder (1980) Cover

    "Während die Gezeiten wechseln"


    1953 kam es zu einer verheerenden Flutkatastrophe in den Niederlanden, nachdem während einer Springflut in Verbindung mit einem schweren Sturm viele der schützenden Deiche gebrochen waren. Große Teile des Landes lagen unter Wasser, viele Menschenleben waren zu beklagen. In dem darauf folgenden Wiederaufbau bekamen die Niederlande internationale Hilfe.


    Ein ganz, ganz kleiner Teil dieser Hilfe wurde im Frühjahr 1955 von einer Gruppe Menschen verschiedenster Nationalitäten geleistet, die in Niewerkerk Bäume um einen neu angelegten Fußballplatz pflanzten. Stig Claesson war einer von ihnen.


    Das ist der Hintergrund, vor dem diese Erzählung spielt. "Wovon er eigentlich handelt, das weiß ich nicht so genau", sagt Claesson in einer Art Einleitung. Ja, wovon handelt sie? Oberflächlich gesehen von dem 27-jährigen John Andersson, der am Tag vor Ostern in Niewerkerk ankommt, um dort im Rahmen eines internationalen Hilfsprogramms Bäume zu pflanzen. Erst irrt er durch die Ortschaft, fragt verschiedene Einheimische, wo er denn hinsolle, und trifft auf Unverständnis. Ausländer? Bäume pflanzen? Häh? Schließlich findet er die Baracken, in denen sie wohnen sollen, nach und nach treffen weitere Hilfsarbeiter und auch die Vertretung des Projektleiters ein und es entwickeln sich Gespräche in typisch Claesson'scher Manier. Man macht sich miteinander bekannt, es kommt zu kleineren Sticheleien und Hilfestellungen, man trinkt was, versteht nichts, versucht sich gegenseitig zu erklären, was eigentlich los ist, erfährt vom Unfalltod eines erwarteten Mitarbeiters, vom nicht geschehenen Tod einer früheren Freundin von John Andersson, der Stadtgärtner kommt vorbei und guckt sich seine Arbeitskräfte an, man geht einen in der Dorfkneipe trinken, wundert sich darüber, dass der Regen nicht wie in Schweden üblich von oben nach unten fällt, sondern parallel zum Boden, fragt sich, ob die neuen Deiche auch wirklich sicher sind, und wie es eigentlich kommt, dass bei jedem Kartenspiel eine Karte fehlt.

    Und damit ist die Erzählung zu Ende. Eine Erzählung ohne Ziel, ohne "richtigen" Abschluss, mit ganz viel Luft zwischen den Zeilen, eine Erzählung, die zumindest diese Leserin ebenso verblüfft wie begeistert zurücklässt.


    5ratten

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  • Att resa sig upp och gå (1971) Cover

    "Aufstehen und gehen"


    In den späten Vierziger und den Fünfziger Jahren gab es eine ganze Reihe Projekte, in denen junge Menschen aus der ganzen Welt in Europa Aufbauarbeiten leisteten. Mit "Schaufel und Schubkarre" wurden Bahnlinien gebaut, Bäume gepflanzt oder wie in diesem Buch eine Schule errichtet. Stig Claesson hatte als junger Mann (er war Jahrgang 28) an mehreren Projekten verschiedenen Ländern teilgenommen. Seine damaligen Erfahrungen und Erlebnisse hat er in mehreren Büchern verarbeitet, von denen ich einige gelesen habe.


    In diesem autobiographischen Roman erzählt er von seiner Arbeit in einem kleinen, äußerst armen Dorf in Kalabrien, in dem eine Schule gebaut wird. Dort beobachten die Dorfbewohner und die Arbeiter einander und versuchen, sich gegenseitig zu verstehen. Leicht ist das nicht, nicht nur wegen der Verständigungs-, sondern auch wegen Verständnisproblemen. Zwei sehr unterschiedliche Welten treffen aufeinander und dabei ist Vorsicht geboten, das wird den jungen Ausländern sehr deutlich gemacht.


    Einige Monate verbringt der Ich-Erzähler, den man in diesem Fall meiner Meinung nach schon mit Stig Claesson gleichsetzen kann, dort, sieht Kameraden kommen und gehen und versucht sich einen Reim darauf zu machen, wie dieses Dorf funktioniert. Wer hat dort das Sagen? Wieso sind dort so viele "Amerikaner", Dorfbewohner, die einige Zeit in den USA verbracht haben? Wieso ist das Dorf so bitterarm, wenn einige der "Amerikaner" doch gut gehende Geschäfte in den USA besitzen? Einiges kann er sich schon damals zusammenreimen, anderes in der Rückschau, aber vieles bleibt ihm auch für immer ein Rätsel.


    Eigentlich müsste mir dieses Buch gut gefallen haben, und der Haupterzählstrang hat es mir auch angetan. Gestört haben mich allerdings die Stellen, an denen er aus der Rückschau kommentiert, oder von Ereignissen berichtet, die weit früher oder später geschehen sind. Das ist zwar auch interessant und ich kann die Verbindungen mit der Kalabrien-Geschichte sehen, aber die kurze, nur 150 Seiten lange Erzählung wird dadurch überlastet. Entweder eine Konzentration nur auf Kalabrien, oder eine umfassender, viel längerer Bericht über seine Wiederaufbauhilfsarbeitszeit wäre meiner Meinung nach besser gewesen.


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

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  • En mörts drömmar (1990) Cover

    "Träume eines Rotauges"


    Der freischaffende Journalist Peder From hat für einen Fotoband zum Thema "Schwedische Wegkreuzungen" den Text geschrieben. Er und die Fotografin Molly Bellanitzky reisen in eine kleine nordschwedische Hafenstadt, um mit dem Verleger des Buches einen Vertrag abzuschließen. Besagter Verleger, Tage Wiklund, ist recht neu im Geschäft und macht eher den Eindruck eines Autohändlers, Versicherungsvertreters - früher hätte man gesagt Rosstäuschers. Entusiastisch genug ist er allerdings und lädt die beiden erst ins Stadthotel zum Essen ein und dann in den Nachtclub.


    Weder Wiklund noch Bellanitzky wissen, dass Peder From aus der Gegend stammt. Nicht aus dem Städtchen, wo er die weiterführende Schule besucht hat, sondern aus den Wäldern des Hinterlands. In einem kleinen Bauernhof in der Kirchengemeinde Jerusalem ist er aufgewachsen, hat die Gegend doch als junger Mann verlassen und ist nach Stockholm gegangen. Sein Leben lang (er ist jetzt Mitte 50) hat er sich nach Hause zurückgesehnt, allerdings wusste er seit jeher, dass eine Rückkehr unmöglich ist. Die minimalen Länderein hat ein Nachbar gekauft, die Gebäude sind verfallen und nun zwischen den Bäumen kaum mehr auffindbar.


    Während des Essens und Feierns im Nachtclub (wo man wie alle Besucher nur pro forma ein kleines Bier bestellt und sich auf der Toilette mit Selbstgebranntem erfrischt), gehen Froms Gedanken immer wieder in seine Kindheit und die wenigen Besuche in der Gegend seitdem zurück. So entsteht das Bild einer für ewig verlorenen Welt, an die sich nur noch wenige Menschen erinnern können. Am nächsten Tag trifft er sich mit einem Kindheitsfreund, besucht mit ihm die Überreste des elterlichen Hofes und beschließt, den nächsten Sommer in der Gegend zu verbringen.


    Dieser Roman ist weniger autobiografisch als die letzten drei von mir gelesenen, dadurch aber nicht weniger wahr. Claesson selbst war zwar ein Stadtkind, aber seine Eltern echte "Landeier" und er verbrachte einen Teil seiner Kindheit bei seinen Großeltern auf dem Land, wo er einen Einblick in die Lebensbedingungen der bäuerlichen Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg, vor der Industrialisierung der Landwirtschaft, erhielt. Die etwas wehmütige, aber nicht verklärende Beschreibung einer nicht mehr existierenden Welt ist ein häufig auftauchendes Motiv in Claessons Büchern, das hier noch intensiver behandelt wird als in anderen von mir gelesenen Claessons. Gerade der Kontrast zu dem "modernen" Verleger, der mit Stockholmer Augen gesehen hoffnungslos altmodisch altbacken wirkt, ist gelungen, und die Frage taucht auf, ob der geschilderte Kleinstadt und ihresgleichen in einigen Jahrzehnten nicht das gleiche Schicksal widerfahren wird, wie den kleine Höfen im Wald. Werden sie die verlorene Welt der nächsten Generation sein?


    4ratten

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Rosine (1991) Cover


    An einem Frühlingsmorgen wacht der Schwede Torwald Lochlin in einem ihm unbekannten Zimmer auf. Vor der Tür trifft er den alten Hausmeister, von dem er erfährt, dass Torwald am Abend vorher von ein paar Amerikanern dorthin gebracht worden war, und dass Rosine (Rosine? Wer ist Rosine?) ihm das Zimmer für einen Monat gemietet habe, damit er Den Großen Amerikanischen Roman schreiben könne. Den Großen Amerikanischen Roman? Er, der doch Schwede ist und ab und zu mit Illustrationen Geld verdient, aber nicht mit Schreiben. Wo er denn eigentlich sei? Im 3. Arrondissement. Wieso eigentlich im 3., wo er sich doch sonst immer im 5. oder 6. rumtreibt?


    Torwald begibt sich auf die Suche nach Antworten auf diese und weiter Fragen, nach seinen Freunden und nicht zuletzt nach was Trinkbarem, Alkoholischem wohlgemerkt. Alkohol findet er reichlich, seine Freunde ebenfalls, und auch einige Antworten.


    Währenddessen erfährt die Leserin einiges über Torwalds Hintergrund. Der Sechsundzwanzigjährige befindet sich für ein paar Wochen oder Monate in Paris, wo er die Zeit zwischen der Teilnahme zwei internationalen Hilfsprojekten totschlägt, oder eigentlich -trinkt. Einige seiner Freunde befinden sich in einer ähnlichen Lage, andere sind als amerikanische Soldaten in Frankreich stationiert. Wieder andere befinden sich auf Dauer in der Stadt. Allen gemeinsam ist der Ausländerstatus und die Liebe zum Alkohol. Man folgt Torwald von einer Kneipe in die andere, verliert den Überblick darüber, wie viel er eigentlich säuft, und wundert sich weniger über den Filmriss des vergangenen Abends, sondern eher darüber, dass er und seine Freunde überhaupt noch auf den Beinen stehen können.


    Dieser Roman plätscherte recht unterhaltsam vor sich her, sorgte bei mir durch witzige Formulierungen für einige Schmunzler, überzeugte mich aber nicht wirklich. Der angesprochene ernste Hintergrund mit Algerienkrieg und McCarthyzeit kommt zu kurz und mit den Saufexzessen hatte ich so meine Probleme.


    3ratten

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Lika oskyldigt som meningslöst (1982) Cover

    "Ebenso unschuldig wie sinnlos"


    Ich-Erzähler Henry und Arne Persson wollen ihren Freund Nisse Nilsson besuchen, der nach einem Fall im Krankenhaus liegt. In der Krankenhauscafeteria treffen sie sie mit Henry befreundete Ärztin Gunvor Arvidsson und vor dem Aufzug stößt auch noch Eva Olsson zu ihnen, die bei dem Herrenausstatter arbeitet, wo Henry eben einen besonders schönen Mantel gekauft hat.


    Zwischen den zwei, später drei und schließlich vier Personen entspannt sich ein Gespräch, das sich in typisch Claesson'scher Manier zwischen mehreren scheinbar völlig unverbundenen Thema hin und herschlängelt. Es geht um Boxen, "richtige" Männer und Frauen, Vorurteile gegenüber dem Boxsport, Kleidung, Treppe oder Aufzug, Armut, die Wichtigkeit sich selbst zu lieben, heimliche Beziehungen, mehr Boxen, ob Nisse Nilsson einfach so hingefallen ist, oder vielmehr geschubst wurde, Seilspringen und einiges andere.


    Wer Claessons Bücher kennt, wird sich nicht darüber wundern, dass die 4 bis zu Ende des kurzen Romans nicht in Nisse Nilsson Zimmer ankommen. Ein sehr unterhaltsames, aber vielleicht ein klein wenig blutarmes Buch, das die Risiken des Profiboxens etwas zu sehr herunterspielt, den Boxsport aber auch weniger glorifiziert, als ich befürchtet hatte.


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Dråp i hastigt mod (1966) Cover

    "Mord im Affekt"


    Dieses Buch sticht aus Claessons restlicher Produktion hervor, da es eine Sammlung von Kurzgeschichten ist. Kurzgeschichten sind es zumindest laut Klappentext; bei vielen Geschichten könnte ich mir vorstellen, dass sie ursprünglich als Zeitungsglossen entstanden sind. Sortiert sind sie in 5 Teile, jeweils überschrieben mit "Idyll" und Zahl.


    "Richtige" Idylle kommen allerdings keine vor, nur ab und zu solche, die dem Untergang geweiht sind. Parallelen zu Claessons längeren Werken sind unübersehbar, und das macht auch die größte Faszination dieser oft nur 2-3 Seiten langen Geschichten aus, die zwar nett zu lesen waren, mich aber nicht wirklich überzeugen konnten. Über einen längeren Zeitraum hin gelesen, z. B. eine pro Woche in der Wochenendausgabe einer Zeitung (so mein Verdacht stimmt), dürften sie besser wirken, als wie heute von mir am Stück gelesen.


    Am schwächsten ist die namensgebende Geschichte in "Idyll 5", die durch ihre Länge von 20 Seiten überrascht. Darin versucht sich Claesson im Krimigenre, aber mit viel zu vorhersehbarem Überraschungseffekt am Ende.


    3ratten

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Sekonderna lämnar ringen (2005) Cover

    "Die Sekundanten verlassen den Ring"


    Stig Claesson hat selbst den Klappentext zu seinem Roman verfasst:

    Zitat

    "Die Handlung dieses Romans ist einfach, denn er handelt von einfachen Dingen. Die Handlung spielt während der Woche, als in Tammerfors in Finnland endlich der lang ersehnte Frühling beginnt. In dieser Woche arrangiert Tammerfors die Weltmeisterschaften im Amateurboxen in der Eishalle der Stadt. Davon versuche ich zu erzählen und ich erzähle auch von der Einspielung eines halbstündigen Fernsehfilms für den schwedischsprachigen Fernsehkanal in Finnland. Ich befinde mich in Tammerfors, um für eine Boxzeitschrift über die Boxkämpfe zu schreiben und verwickle mich in eine Liebesaffäre mit einer Griechin, die ebenfalls als Sportjournalistin arbeitet. Davon erzähle ich auch. Das ist so ziemlich alles."

    (In meiner unbeholfenen Übersetzung.)


    Der Klappentext trifft es gut. Dieser Roman scheint stärker autobiographisch zu sein als die meisten anderen Bücher Claessons, obwohl man natürlich nicht sicher sein kann, dass sich alles - oder auch nur vieles - in diesem Werk tatsächlich ereignet hat. Aber immerhin heißt der Ich-Erzähler hier Stig Claesson und es gibt zahlreiche Referenzen zu anderen tatsächlich existierenden Werken Claessons. Stilistisch ist er gewohnt locker und luftig, mit vielen, teils weit hergeholten, Assoziationen und einem angenehmen Humor. Aber irgendwas fehlt mir. Es gibt zu viele Erzählstränge, die zu lose miteinander verbunden sind. Und der Erzähler ist irgendwie zu nahe dran an seinem Stoff; es fehlt ihm an Abstand. Etwas distanzierter erzählt, hätte mir der Roman vielleicht besser gefallen. Auch kokettiert Claesson mir hier in der Rahmenhandlung zu sehr mit seinem Alter. Aber für ein paar Stunden unterhalten hat mich das Buch schon, daher


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    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Sov du så diskar jag (2004) Cover
    "Geh schlafen, ich spüle"


    Der Schriftsteller John Andersson (Claessons Alter Ego aus diversen Romanen), mittlerweile Mitte 70, denkt an die letzten 10 Jahre zurück, die er größtenteils in seinem von den Großeltern geerbten Häuschen auf dem Land, bzw. im Wald, verbracht hat. Stockholm, die Stadt nicht nur seiner Kindheit, sondern seines ganzen Lebens, ist ihm fremd geworden und nun fühlt er sich wohler in seinem abgelegenen Haus. Seine Nachbarin Ida Adriana kannte er zwar schon sein Leben lang, aber erst jetzt entwickelt sich eine enge Freundschaft, die schließlich in Liebe übergeht. Eine kurze Liebe wird es, nur ein paar Jahre lang, dann stirbt Ida Adriana an Krebs.


    Diese Geschichte über das Altern, den Tod und eine letzte Liebe erzählt Claesson wunderbar leise in seinem unnachahmlichen Tonfall mit viel Humor und Wärme und wiederholten Hinweisen auf Baron Raglan und den Krimkrieg, Kaffee und Haferplätzchen, Rainer Maria Rilke und Marina Zwetajewa. Ruhig, melancholisch und vollkommen unspektakulär - gerade so wie ich Claesson mag. Besonders gut gefällt mir, dass hier mal eine Liebesbeziehung zu einer gleichaltrigen Frau gezeichnet wird. Die eigenhändig angefertigten Illustrationen unterstützen die Wirkung des Buches noch. Eine Perle!


    4ratten

    Wir sind irre, also lesen wir!