[Kenia] Meja Mwangi – Die achte Plage

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    Inhalt: Crossroads ist ein sterbender Ort. Dafür gibt es mehrere Gründe, wie z. B. die vor Jahren verlegte Überlandstraße, die den Ort jetzt nicht mehr berührt. Aber vor allem ist das Problem die schrumpfende Einwohnerschaft. Wer kann, geht weg. Und wer wiederkommt, tut dies nur zum Sterben. „Die Seuche“ ist allgegenwärtig, wird aber verschwiegen und auch nur unter der Hand als Todesursache zugegeben. Ganze Gehöfte stehen leer, die Größe der zuvor ansässigen Familie ergibt sich aus der Anzahl der Grabhügel neben den schnell verrottenden Hausresten. In diesem Umfeld ist Janet tätig. Sie ist von der Regierung eingesetzt, um Familienplanung und Aidsprävention voranzubringen. Kein leichtes Unterfangen, denn niemand will wirklich hören, was sie zu sagen hat, die kostenlos verteilten Kondome werden nicht benutzt, Geistlicher jeder Religion, Lehrer und niedere Verwaltungsebenen behindern sie zudem nach Kräften. Aber Janet ist hartnäckig, und wen sie einmal in den Fingern hat, der kommt so schnell nicht wieder frei. Das muß auch Frank feststellen, der Crossroads vor Jahren verlassen hat, um Tiermedizin zu studieren. Ehe er sich's versieht, steckt er mitten in Janets Kampagne und schüttelt mehr als einmal über sich selbst den Kopf, in welche Situationen ihn das bringt. Daneben muß Janet sich immer wieder mit ihrer Großmutter auseinandersetzen, die sie unbedingt wiederverheiraten will. Janets Mann Broker ist vor zehn Jahren verschwunden und gilt als tot. Aber plötzlich steht auch er wieder vor Tür, offensichtlich krank, aber fest entschlossen, seine Frau und die Kinder für sich zurückzugewinnen. Beobachtet wird das alles von zwei alten Männern: dem Cafébesitzer Musa und seinem einzigen Dauergast, genannt Onkel Mark, der sich allerdings mehrfach einmischt, wenn Janet in Schwierigkeiten gerät.



    Meine Meinung: Mwangi ist es hier gelungen, ein ausgesprochen ernstes Thema, denn natürlich ist die verschämt als „die Seuche“ bezeichnete Krankheit nichts anderes als AIDS, ziemlich humorvoll zu verpacken, oder vielmehr den nahezu aussichtlosen Kampf, der in konservativ-traditionalistischen Gemeinschaften für eine Aufklärung über die Krankheit und mögliche Prävention zu führen ist. Ein schwächerer Charakter als Janet würde die Brocken schon längst hingeworfen haben. Sehr gut charakterisiert sie dies:


    [quote author=S. 72]Janet hatte eine ganze Menge über die Männer und zu den Männern von Crossroads zu sagen, und sie tat dies mit derselben Zurückhaltung wie ein wildes Buschfeuer.[/quote]


    Wie die Männer auf eine solche Frau reagieren, die sich ihren hergebrachten Rollenvorstellungen so völlig entzieht, kann man sich leicht vorstellen. Zusammen mit den übrigen Hauptpersonen der Erzählung schafft Mwangi so ein breites Spektrum von Typen und ihren je spezifischen Umgangsweisen mit der Krankheit, über die man manches Mal nur entsetzt den Kopf schütteln kann, die aber viele Probleme bei der Eindämmung von AIDS in Afrika erklären. Janet hat so einen Fall konkret in der Familie. Ihr Schwager soll die Frau seines verstorbenen Bruders übernehmen, das ist traditionell so üblich, damit die Frau und ihre Kinder versorgt sind. Janet versucht nun, ihre Schwester Julia davon zu überzeugen, daß diese ihren Mann davon abhalten müsse. Denn die Frau kann sehr gut mit AIDS infiziert sein und es über den dann gemeinsamen Mann auch an Julia weitergeben. Ein Kampf gegen die sprichwörtlichen Windmühlenflügel.


    All dies kommt aber, wie gesagt, nicht moralisierend oder belehrend daher, sondern bei aller Trauer über die permanenten Beerdigungen, die den Leser aus den Seiten anweht, ist es doch locker und humorvoll, ja teilweise sogar komisch zu lesen. Ich halte das für einen durchaus guten Ansatz, denn Mwangi macht sich erkennbar nicht über die Krankheit als solches oder ihre Opfer lustig, die Komik resultiert eher aus spezifischen Situationen und sie nimmt der Kritik an dem Beharrungsvermögen und dem Desinteresse der Bevölkerung ein wenig die Spitze. Dies wurde wohl nicht überall so gesehen, wie sich auch an der Tatsache zeigt, daß dieser Roman bereits 1997 in deutscher Übersetzung erschien, aber erst drei Jahre später im englischen Original.


    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:


    Schönen Gruß
    Aldawen

  • Die Achte Plage, auf Englisch „The Last Plague“ heißt dieses Buch, die Krankheit, um die es geht wird dann im Buch vorwiegend als „die Seuche“ bezeichnet, da bleibt der biblische Bezug nur im Titel erhalten. Außer dem Wortspiel ist allerdings sowieso nicht viel Religiöses an dem Buch, denn Priester gehören ebenso wie Lehrer und die Dorfältesten zu den Hindernissen, gegen die Janet, als Gesundheitsbeauftragte von der Regierung eingesetzt, ebenso sehr kämpft, wie gegen die Seuche selbst, die die Gegend in einen einzigen großen Friedhof verwandelt. AIDS, das bekommen doch nur Drogensüchtige und Prostituierte und wahre Männer benutzen keine Kondome, hallt ihr von allen Seiten entgegen, während Kinder ihre Eltern und Geschwister beerdigen. Wer kann verlässt die Gegend und wer zurückkehrt, tut dies nur um zu sterben.


    Unter den Rückkehrern ist Frank, noch nicht erkrankt, aber HIV-positiv getestet und Janets vor 10 Jahren durchgebrannter und nun schwer kranker, aber reicher Mann. Und mit ihnen an ihrer Seite erlebt ihre Kampagne endlich Erfolge. Kommentiert wird das Geschehen vom alten „Onkel Mark“, der seine Zeit Dame spielend im Kaffeehaus verbringt und eine etwas offenere Weltsicht hat als die meisten im Dorf.


    Trotz des deprimierenden Grundthemas ist der Roman in weiten Teilen amüsant, der Autor lässt den Leser über die Verbohrtheit der Dorfbewohner den Kopf schütteln und so manches Mal auch grinsen, wenn es mal wieder zu einem Zusammenprall zwischen ihnen und der sehr direkten Janet kommt - die damit von ihrem Auftreten ebenso unweiblich abschreckend auf die Dorfmänner wirkt, wie ihr Äußeres weiblich anziehend für sie ist. Und ganz nebenbei bekommt man einen ganz guten Überblick über die Probleme bei der AIDS-Bekämpfung in Afrika. In Kenia ist die Lebenserwartung in den Jahren rund um das Erscheinen des Buchs innerhalb von 10 Jahren um rund 10 Jahre gesunken, mittlerweile ist der Anteil der erwachsenen, infizierten Bevölkerung ein wenig gesunken, hat aber immer noch erschreckende Dimensionen, zumal eine Erkrankung nicht wie in den reichen Ländern mit Medikamenten eingedämmt wird, sondern eher zu einem schnellen Tod führt.


    Mwangi gelingt dieser Spagat zwischen Lesbarkeit und Nachdrücklichkeit sehr gut und letztendlich macht er seinen Lesern Mut, dass Veränderung tatsächlich möglich ist.


    4ratten