Marco Balzano - Damals, am Meer

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  • Marco Balzano
    [size=11pt]Damals, am Meer[/size]

    (Il figlio del figlio, 2010)


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    Inhalt
    Drei Männer in einem Auto, drei Generationen auf einer Reise quer durch Italien. Nicola und sein Vater haben sich breitschlagen lassen, Großvater Leonardo zu begleiten, um die Wohnung am Meer zu verkaufen, unten in Apulien, wo schon lange keiner mehr war. Das sind sie dem Nonno schuldig, der, »groß und stark wie ein Krieger«, Analphabet und Kommunist, alle Kinder und Enkel der Familie erzogen hat, die der Arbeit wegen in den Norden gezogen ist. Doch jetzt scheint die große Familie auseinanderzufallen, und für jeden stellt sich die Frage: Wo bin ich wirklich zu Hause?
    Widerwillig machen sich Großvater, Vater und Sohn gemeinsam auf den Weg, jeder erfüllt von seinen ganz eigenen Erinnerungen. Für Nicola ist »la casa al mare« das Feriendomizil, der Ort der ersten Liebschaften, für den Vater die Erinnerung an seine eigene Jugend, für Nonno Leonardo die Heimat, in die doch alle einmal zurückkehren wollten, das letzte gemeinsame Bindeglied. Behutsam nähern sich die drei ganz unterschiedlichen Männer einander an. Drei Generationen, die sich erinnern, drei Sprachen, um das Italien von gestern und heute zu erzählen, die Emigration und den Verlust der Wurzeln, den Wunsch, neu aufzubrechen und einen Ort zu finden, an dem man bleiben will.



    Drei Männer einer Familie, die gemeinsam durch eine sommerliche Landschaft fahren, erwecken angenehme Vorstellungen, aber mit dem erwarteten Idyll einer italienischen Großfamilie hat es wenig zu tun. Eher das Gegenteil ist der Fall, denn es zeigt sich sehr bald, dass es um die familiäre Zuneigung und Akzeptanz nicht gut bestellt ist. Seit Großvater Leonardo vor vielen Jahren nach Mailand zog, unterliegt der Familienverband ähnlichen Verfallserscheinungen wie die Wohnung in Apulien, die nicht mehr gebraucht und bewohnt wird und deshalb langsam verkommt. In Nicolas Erinnerungen wird deutlich, dass die frühere Harmonie sich schon lange verflüchtigt hat, doch obwohl alle offen oder heimlich unter dieser Situation leiden, macht keiner den Versuch, den Anfang für eine Klärung der angespannten Verhältnisse zu finden. Während der Fahrt und auch beim Aufenthalt in Barletta ergeben sich zwar Gelegenheiten für Gespräche, in denen man zumindest einen Anfang machen könnte, doch jeder kapselt sich ab und vermeidet jeden Versuch, auf die anderen zuzugehen. Die alte Wohnung, die die Zerrüttung der Familie widerspiegelt, birgt für jeden von ihnen schöne Erinnerungen, wird aber nicht zum Auslöser einer Besinnung auf die gute alte Zeit.


    Es fällt mir schwer, das Buch zu beurteilen. Der Generationenkonflikt ist offensichtlich, genauso wie die Tatsache, dass zumindest einige Mitglieder der Familie darunter leiden. Vergangenen Zeiten nachzutrauern, ist schwer genug, doch dem langsamen Auseinanderbrechen seine Familie zusehen zu müssen, wiegt sicher noch schwerer. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man gemeinsam eine Reise antritt, um die letzten brüchigen Wurzeln zu kappen, ohne den Versuch zu unternehmen, doch noch etwas zu retten. Gelegenheiten hatten die drei Männer einige, aber Einigkeit bestand nur darin, die Gelegenheiten ungenutzt verstreichen zu lassen. Es war nicht zu erkennen, woran dies letztlich lag: am Unvermögen oder am mangelnden Willen. Vielleicht war ihnen klar, dass sie ihre gemeinsame Basis schon vor Jahren bei der Umsiedelung in die Großstadt hinter sich gelassen hatten und nahmen auf diese Weise Abschied.


    Die Geschichte ist umgeben von ständiger Melancholie und hinterlässt ein bedrückendes Gefühl.



    4ratten



    [url=http://www.literaturschock.de/literaturforum/index.php/board,109.0.html]Link zur Leserunde[/url]

  • Marco Balzano lässt uns in seinem Debütroman an einem Roadtrip der etwas anderen Art teilhaben. Nicola hat gerade sein Studium beendet und anstatt mit seinen Freunden auf Reisen zu gehen, fährt er mit seinem Vater und seinem Großvater ans Meer. Seine Großeltern haben dort früher gewohnt und die Wohnung, die einige Zeit noch als Feriendomizil genutzt wurde, ist immer noch in ihrem Besitz. Seit die Wohnung immer mehr verfällt und die Familie sich mit Mailand als neuem Wohnsitz arrangiert hat, sind die Besuche am Meer immer seltener geworden. Nun soll diese Wohnung verkauft werden und Nicola macht sich mit seinem Vater und Großvater auf den Weg, um den Verkauf abzuschließen.


    "Damals, am Meer" erzählt keine große Geschichte, die Handlung spielt sich sehr stark in den zwischenmenschlichen Beziehungen ab. Die Fronten zwischen den Generationen und den verschiedenen Familienmitgliedern sind verhärtet, keiner bringt Verständnis für den anderen auf. Am Anfang führt fast jeder Satz zum Streit. Keiner der drei Protagonisten kann die Meinung der anderen Generation verstehen und akzeptieren. Im Laufe des Buches finden kleine Annäherungen statt, aber das nächste Streitgespräch droht, alles wieder zunichte zu machen.


    Marco Balzano präsentiert uns in seinem Werk ein mir unbekanntes Italien. Als Tourist lernt man die negativen Seiten des Landes nicht kennen, doch dem Leser zeigt sich hier die ungeschminkte Wahrheit. Die traditionelle Rollenverteilung existiert nicht mehr, Großeltern wissen mit ihrem Leben nichts mehr anzufangen, wenn die Enkelkinder aufgezogen sind, alle fliehen vom Dorf in die Großstadt und wer zurückbleibt, scheint sich mit einem Leben zweiter Klasse zufrieden zu geben. Zusätzlich spürt man auf jeder Seite die drückende Hitze des italienischen Sommers, die vor allem für den Großvater zur Belastung wird.


    Es stecken viele interessante Gedanken in diesem Buch und auch sehr viel Information auf wenig Raum. Auf nur 224 Seiten lernen wir Nicola und seine Familie kennen, erfahren viel über die Vergangenheit und begleiten auch noch die Reise der 3 Generationen. Es lohnt sich, das Buch langsam und mit voller Konzentration zu lesen, da man sonst immer wieder Kleinigkeiten übersieht.


    5ratten für diese wunderbare Familiengeschichte!

    ~~better to be hated for who you are, than loved for who you&WCF_AMPERSAND're not~~<br /><br />www.literaturschaf.de

  • Marco Balzano: Damals, am Meer


    Inhalt:


    Drei Männer aus drei Generationen der Familie Russo - der Erzähler Nicola, sein Vater Riccardo und sein Großvater Leonardo - fahren gemeinsam im Auto von Mailand nach Süditalien, um die leerstehende frühere Wohnung der Familie zu verkaufen. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, zu ihren Wurzeln.


    Meine Meinung:


    Großvater Leonardo stammt aus Barletta, einem Städtchen am Meer in Süditalien, Riccardo wurde dort noch geboren, später siedelte die Familie nach Mailand um. Der 26jährige Nicola, aus dessen Sicht das Buch erzählt wird, ist in Mailand geboren und aufgewachsen. Trotzdem sind die süditalienischen Wurzeln der Famile auch in der Gegenwart noch stets präsent.


    Für jeden der drei Männer bedeuten Süditalien und die Wohnung etwas anderes: für den Großvater ist es die Heimat, für Riccardo die Heimat seiner Kindheit (er ist teils in Barletta und teils in Mailand zuhause), für Nicola ist sie eine Ferienerinnerung. Dementsprechend ist diese Reise eine Reise in die Vergangenheit, vor allem in die des Großvaters (der alte Freunde wiedertrifft) und in die Kindheit Nicolas.


    Zwischen den Mitgliedern der Familie Russo steht nicht alles zum Besten. Das wird in diesem Buch in leisen Tönen und Andeutungen, doch nach und nach immer deutlicher erzählt. Die Reise wäre nun eine passende Gelegenheit für die drei Männer, miteinander ins Gespräch zu kommen und die Sprachlosigkeit, die zwischen ihnen herrscht, zu überwinden. Letztendlich gelingt das nicht, obwohl sich manchmal Ansätze dazu zeigen und noch immer eine starke Verbundenheit zwischen den dreien zu spüren ist.


    Die melancholische Stimmung des Buches überträgt sich auf den Leser. Keiner der drei Männer ist mit seinem Leben richtig zufrieden, und die Gründe für ihre Entfremdung bleiben im Dunkeln. Das fand ich ein wenig schade. Auch daß sie sich am Ende nicht wenigstens ein kleines Stückchen näherrücken, sondern alle drei getrennte Wege gehen, und die wesentlichen Probleme nicht zur Sprache kommen, hat mich ein bißchen unbefriedigt zurückgelassen. Was soll das Buch mir sagen? Daß Entwurzelung unweigerlich zu Entfremdung innerhalb der Familie führt? Das wäre ein trauriges Fazit und das ist meiner Meinung nach, trotz aller Probleme, die Entwurzelung/Umsiedlung so mit sich bringt, auch nicht allgemeingültig.


    Dennoch ist es dem Autor sehr gut gelungen, das Lebensgefühl der drei Männer einzufangen und (vor allem über Nicolas oft sehr treffende und schöne Gedanken) dem Leser nahezubringen. Ein kleines Stück Italien der Gegenwart wird hier lebendig, mit seinem Flair und seinen Problemen: den Gegensätzen zwischen Stadt und Land, zwischen Nord und Süd, der Abwanderung der Menschen aus den ärmlicheren Gebieten in die Städte.


    Meine Bewertung:


    4ratten

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.