1 - Unterwegs zu Swann (In Swanns Welt)

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 53 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Doris.

  • Combray


    Oh, erster. :smile:


    Ich habe vorhin mal zaghaft begonnen und musste mich schon ein bisschen dazu zwingen, aufzuhören. Derzeit bin ich auf Seite 36.


    Der Schreibstil gefällt mir bisher ausgesprochen gut, ich mag die langen verschachtelten Sätze und die Art, wie der Erzähler über vermeintlich unwichtige Dinge reflektiert (für ihn selbst sind sie ja von Bedeutung).


    Zitat

    Zärtlich drückte ich meine Wangen an die schönen Wangen des Kissens, die rund und frisch sind wie die Wangen unserer Kindheit.


    Bei diesem Satz musste ich das erste mal wehmütig schmunzeln. :smile:


    Ich kann es noch nicht ganz begründen, aber mir gefällt die Großtante bisher nicht sonderlich. Sie hat keine hohe Meinung von Swann.


    Zitat

    [...] jenem ersten Swann, den eine Atmosphäre von Muße und ein zarter Duft nach dem alten Kastanienbaum, nach den Himbeerkörben und einem Stengelchen Estragon umweht.


    Diese wunderschönen, sinnlichen Sätze bauen eine dichte Atmosphäre auf, in die man eintauchen, in der man sich bewegen will.


    Zu den Fußnoten: Bisher ignoriere ich sie geflissentlich. Kann sein, dass ich später mal nachschaue. Aber sie würden mich doch zu sehr im Lesefluss unterbrechen.


    Ich lese übrigens folgende Ausgabe:

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  • Hallo Ophelia,


    ich bin noch nicht ganz so weit gekommen wie du, aber es reichte, um einen ersten Eindruck zu bekommen, der überaus positiv ausfällt. "Zaghaft begonnen" habe ich ebenfalls, doch das dauerte nicht lang. So schwer ist es nicht zu lesen, da hatte ich schon andere ganz Brocken, die mir zu schaffen machten. Wenn ich es ruhig um mich habe und genügend Zeit, fällt es nicht schwer, mich auf das Buch einzulassen. Selbst wenn es inhaltlich sparsam gehalten ist, bekommt man doch sprachlich wirklich Lesenswertes geboten.


    Wobei - so sparsam ist es gar nicht. Dem Jungen geht viel durch den Kopf, während er da einsam in seinem Bett liegt. Seine Ängste und Gedanken bringt er gut auf den Punkt und weckt damit Erinnerungen an meine eigene Kindheit.


    Ich lese diese Ausgabe von Suhrkamp:


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    Die Fußnoten lese ich noch, merke aber zunehmend, dass die meisten Erläuterungen nicht viel beitragen.

  • Seite 98


    Schwer zu lesen ist es nicht, da hast du recht, Doris. Wenngleich ich schon Ruhe brauche beim Lesen, denn die langen Sätze fordern schon ein bisschen mehr Konzentration. Sprachlich ist es wunderschön.


    Auf Seite 67 meiner Ausgabe kommt dann die berühmte Madeleine-Szene, die sich über 5 Seiten erstreckt. :smile:


    Zitat


    In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Es hatte mir mit einem Schlag, wie die LIebe, die Wechselfälle des Lebens gleichgültig werden lassen, seine Katastrophen ungefährlich, seine Kürze imaginär, und es erfüllte mich mit einer köstlichen Essenz; oder vielmehr: diese Essenz war nicht in mir, ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört, mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen. [...] Und wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner in eine mit Wasser gefüllte Prozellanschale kleine Papierstückchen werfen, die sich zunächst nicht voneinander unterscheiden, dann aber, sobald sie sich vollgesogen haben, auseinandergehen, Umriss gewinnen, Farbe annehmen und deutliche Einzelheiten aufweisen, zu Blumen, Häusern, echten, erkennbaren Personen werden, ebenso stiegen jetzt alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen auf der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg auf aus meiner Tasse Tee.


    Diese Szene ist doch recht repräsentativ für Proust Stil. Wer kennt dieses Gefühl nicht, durch einen winzigen Zufall, eine kleine Geste oder einen Duft zurückversetzt zu werden in die Vergangenheit, die dann plötzlich ganz lebendig vor dem inneren Auge erscheint.


    Ich könnte noch so viel mehr zitieren, denn ständig fallen mir Sätze und Formulierungen auf, die ich bemerkenswert finde, und ich klebe mir an diese Stellen einen Zettel rein, damit sie nicht verloren gehen. Allein die seitenlangen Schilderungen über die Kirche in Combray zeigen, mit was für einer ausufernden Phantasie Proust gesegnet war. :smile:

  • Ich bin erst ganz am Anfang, aber ich habe etwas Schwierigkeiten reinzukommen... Es ist halt ein Buch, dass man (bzw. ich) besser nicht zwischen Tür und Angel liest. Nachdem ich gerade auch so viel gleichzeitig lese bzw. lesen muss, ist das für Proust auch alles andere als förderlich, kommt mir vor. Ich weiß nicht woran es genau liegt, aber ich muss mich bei den langen Sätzen schon sehr konzentrieren bzw. eh alles mehrmals lesen. Subjektiv empfunden (obwohl da jetzt doch schon mehrere Jahre dazwischen liegen) fiel mir die Sprache des Zauberbergs viel leichter. Vielleicht bin ich auch einfach zu doof für Proust, keine Ahnung. :rollen:


    Beispiel S. 10:

    Zitat

    [...]; in einer Sekunde überflog ich Jahrtausende der Menschheitsgeschichte, und die verschwommenen und flüchtig geschauten Bilder von Petroleumlampen und von Hemden mit Umlegekragen fügten nach und nach die originären Züge meines Ich wieder zusammen.
    Vielleicht wird die Unbeweglichkeit der Dinge um uns diesen durch die Unbeweglichkeit unseres Denkens ihnen gegenüber aufgezwungen, durch unsere Gewißheit, daß sie es sind und keine anderen.


    Ehrlich, v.a. den zweiten Satz hab ich jetzt mindestens 5 mal gelesen um annähernd mitzukriegen, was er mir hier sagen will. Abgesehen davon, heißt es nicht "meines Ichs" (im ersten Satz)?

    ... this is nat language at any sinse of the world.<br />:lesen: Gustave Flaubert: Madame Bovary&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; :buecherstapel: [url=https://literaturschock.de/literaturforum/forum/index.php?thread/16631

    Einmal editiert, zuletzt von Isadora ()

  • Willkommen in der Runde, Isadora!


    Ich weiß nicht woran es genau liegt, aber ich muss mich bei den langen Sätzen schon sehr konzentrieren bzw. eh alles mehrmals lesen.


    Das geht mir nicht anders, ich brauche für solche Bücher auch absolute Ruhe und Konzentration. Manche Sätze müssen eben mehrmals gelesen werden, weil man Bücher wie die Suche nun doch nicht jeden Tag liest und deshalb die Gewohnheit für solche Konstrukte fehlt. Ich lese manche Sätze auch schon mal laut, weil sie dann erst richtig das bekommen, was ich eine Satzmelodie nenne. Wenn erst einmal die Gewöhnung an Prousts ganz eigene Sprache eingesetzt hat, wird sie sich bestimmt einfacher lesen. Als sprachlich schwer empfand ich z. B. Ulysses, das ich aber trotzdem fertiggelesen habe. Am Zauberberg bin ich übrigens vor Jahren gescheitert, aber irgendwann werde ich mich noch einmal damit beschäftigen.


    Mehr gibt es von mir heute nicht zu lesen. Wegen eines Familienausflugs war es um Ruhe und Konzentration heute schlecht bestellt.

  • Hallo in die Runde :winken:,


    ich konnte erst heute mit "In Swanns Welt" anfangen und habe nun die ersten 45 Seiten gelesen.
    Ich bin auch ziemlich zaghaft an das Buch rangegangen, vor allem, weil ich es vor über 10 Jahren schon einmal lesen wollte und aber nach 200 Seiten aufgegeben habe. In meinem Lesetagebuch sind zu dem damaligen Eintrag Begriffe wie "zäh" und "langatmig" vermerkt, was ich aber bisher so gar nicht bestätigen kann. Man braucht sicher Ruhe für dieses Buch, aber bisher ist trotz der langen, verschachtelten Sätze ein relativ flüssiges Lesen möglich.


    Sehr schön beschrieben fand ich die Großtante:

    Zitat

    Jedesmal wenn andere einen noch so kleinen Vorteil vor ihr voraushatten, redete sie sich ein, daß es kein Vorteil, sondern ein Mangel sei, und bedauerte sie, um sie nicht beneiden zu müssen.


    Diese Figur ist bisher tatsächlich die unsympathischste, während mir die Großmutter, die mit "zerzausten grauen Haaren" auch bei Regen im Garten herumläuft, ganz gut gefällt.


    Bis jetzt habe ich auf jeden Fall noch gar nicht das Gefühl, wieder mit dem Buch aufhören zu wollen, ganz im Gegenteil :daumen:...

    :lesen: Anthony Powell - The Kindly Ones <br /><br />Mein SUB<br />Meine [URL=https://literaturschock.de/literaturforum/forum/index.php?thread/32348.msg763362.html#msg763362]Listen

  • Guten Morgen! :winken:


    knödelchen
    Über disen Satz der Großtante bin ich ebenfalls gestolpert und finde, dass dieser die Großtante kurz aber prägnant beschreibt. :smile:


    Ich bin gestern doch noch recht weit gekommen, bis Seite 148. Wenn man sich erst einmal an den Stil gewöhnt und sich eingelesen hat, geht es wie von selbst. Sympathisch fand ich die Leseleidenschaft des Erzählers. :zwinker:

  • Hallo Knödelchen,



    Bis jetzt habe ich auf jeden Fall noch gar nicht das Gefühl, wieder mit dem Buch aufhören zu wollen, ganz im Gegenteil :daumen:...


    Ein gutes Zeichen! Der beste Beweis, dass alles seine Zeit hat, man muss sie nur finden. Sozusagen "Auf der Suche nach der richtigen Zeit" :zwinker:.


    Ophelia, du legst ja ein ordentliches Tempo vor! Bei mir geht es nicht so schnell voran, denn ich lese die Suche nur mittags, wenn mein Hirn am aufnahmefähigsten ist. Inzwischen habe ich das erste Kapitel fertig. Für mich ist es geprägt von der zumeist unerfüllten Liebe des Jungen zu seiner Mutter, die seinen Erwartungen nicht ganz gerecht wird. Trotzdem versucht er, sich brav zu fügen und leidet einsam in seinem Zimmer, bis die Nacht vorrüber ist. Da spricht Proust, der Zeit seines Lebens eine starke Bindung zu seiner Mutter hatte, aus eigener Erfahrung. Teilweise wurde die Bindung zu ihr schon als krankhaft bezeichnet. Mir ist entgangen, wie alt der Junge im ersten Kapitel ist, aber man erkennt schon die Tendenz zu einer sehr ausgeprägten Hingabe zur Mutter.


    Wurde eigentlich erwähnt, wie alt der Junge ist? Mit der Zeit komme ich etwas ins Schleudern, denn als von Swann die Rede ist, kommt er zunächst alleine zu Besuch, dann wird von seiner Hochzeit berichtet und bald darauf scheint die Ehe schon wieder am Scheitern zu sein. Demnach müsste von einer Passage zur nächsten einige Zeit ins Land gegangen sein, aber das kommt mir nicht so vor, wenn der Junge von sich selbst und seinen abendlichen Erlebnissen spricht.

  • Ahoi,...
    Ich habe zwar auch schon angefangen, bin aber noch nicht so arg weit gekommen. Der Schlaf übermannte mich, nicht aus langeweile über das geschriebene, eher aus purer Müdigkeit. :breitgrins:
    Bisher kann ich nur sagen, dass mir der Schreibstil gut gefällt und ich es mir echt schlimmer vorgestellt hätte - viel schlimmer.

    &quot;Bücher sind Spiegel: Man sieht in ihnen nur, was man schon in sich hat&quot;<br />Carlos Ruiz Zafón<br />:lesen:


  • Ophelia, du legst ja ein ordentliches Tempo vor!


    Naja, zum einen kann ich nicht langsam lesen, zum anderen gefällt mir das Buch zu gut, als dass ich lange Pausen dazwischen machen möchte. Ich lese auch nur abends, wenn alles andere erledigt ist, ein bisschen.




    Wurde eigentlich erwähnt, wie alt der Junge ist? Mit der Zeit komme ich etwas ins Schleudern, denn als von Swann die Rede ist, kommt er zunächst alleine zu Besuch, dann wird von seiner Hochzeit berichtet und bald darauf scheint die Ehe schon wieder am Scheitern zu sein. Demnach müsste von einer Passage zur nächsten einige Zeit ins Land gegangen sein, aber das kommt mir nicht so vor, wenn der Junge von sich selbst und seinen abendlichen Erlebnissen spricht.


    Das wollte ich euch auch schon fragen. Meines Erachtens wurde das nicht erwähnt, vielleicht habe ich es auch überlesen. Aber ich schätze ihn auf 10-12 Jahre. :gruebel: So, wie er an seiner Mutter hängt, kann er noch nicht sehr alt sein - obwohl, wenn man bedenkt, wie Proust noch als Erwachsener an "Maman" hing, kann ich mir auch durchaus vorstellen, dass der Junge älter ist, als wir vermuten. :breitgrins:


    Proust springt schon ein bisschen in der Zeit, das denke ich auch. Wenngleich das Ganze (noch) recht undurchsichtig und schwammig erscheint.



    Ich bin gerade auf Seite 184 angelangt. (Achtung Spoiler!)
    Bis hierhin lernen wir die Tante (Léonie) des Erzählers näher kennen, sowie ihre Wehwehchen, die sie dazu bringen, so gut wie nie das Bett zu verlassen. Ziemlich exzentrische, aber nicht unsympathische Person.
    Monsieur Legrandin scheint ein Geheimnis zu haben - er verhält sich der Familie gegenüber auf einmal sehr merkwürdig. Die Ursache scheint weiblicher Natur zu sein; ich bin gespannt, was hier noch verraten wird. In einer Szene verneigt sich Legrandin so merkwürdig, diese Passage ist so herrlich beschrieben und hat mir ein unterdrücktes Lachen in der Straßenbahn beschert:


    Zitat

    [...] er machte eine tiefe Verbeugung mit anschließendem Zurückschnellen des Rückens über die Ausgangsposition hinaus: offenbar hatte der Mann seiner Schwester [...] ihm das beigebracht. Dieses rasche Wiederaufrichten löste in Legrandins Rückseite, die ich nicht für so fleischig gehalten hätte, eine Art stürmisch wogender Muskelbewegung aus; und, ich weiß nicht warum, das Wabern der bloßen Materie, das Fluten von purem Fleisch, in dem nichts Geistiges sich verbarg, sondern das seinen stürmischen Bewegungsimpuls einzig von niedriger Unterwürfigkeit her empfing, ließ in meinem Bewusstsein plötzlich die Ahnung von einem ganz anderen Legrandin aufkommen.


    :breitgrins:


    Ninette
    Schön, dass du da bist! :winken:


  • Naja, zum einen kann ich nicht langsam lesen, [...]


    *neid* Ich kann nicht schnell lesen. :rollen: Ich schaff im Schnitt 30-40 Seiten pro Stunde, wenn es nicht grad auf Nackenbeißer-Niveau ist (aber da hab ich auch noch nie geschaut wie schnell ich bin), dh. um mal zur Seite 150 zu gelangen muss ich ca. 5 Stunden lesen, was in etwa 5 Tage bedeutet, wenn ich am Abend immer noch ein Stündchen lese... :verlegen: Da ist klar, dass ich bei Leserunden immer das Schlusslicht bin, falls ichs überhaupt noch so schaffe, dass man von einer "Leserunde" noch sprechen kann. :redface:

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  • Hallo Ninette, schön, dass du nun auch dabei bist. Ich bin auch nicht sehr schnell mit dem Lesen (heute bis Seite 118 gekommen). Zu viel Proust auf einmal geht dann auch wieder nicht, so schön es sich auch liest. Langsam setzt aber eine Gewöhnung ein und ich merke, dass es schneller voran geht.


    Heute bin ich aufgegangen in der Beschreibung der Lindenblütenblätter, der von der Haushälterin aufgegossen wurde. Selbst das, was sich unsereins achtlos einfach aufbrüht, findet bei Proust Erwähnung und entpuppt sich als kleines botanisches Wunderwerk. Die Tante, für die der Tee bestimmt war, ist herrlich schrullig. Da gibt es einige Parallelen zwischen ihr und Proust, mit denen er sich wohl selbst ein bisschen auf die Schippe nehmen will.


    Über das Alter des Jungen bin ich weiter unschlüssig. Manchmal benimmt er sich richtig kindlich, aber zwischendurch kommt doch schon ein leichtes Aufbegehren durch, das auf einen Teenager hinweist.

  • Ich habe gestern eine Lesepause eingehalten, die ich wahrscheinlich heute auch noch einhalten werde. Macht irgendwie auch wenig Spaß, wenn ihr noch so weit am Anfang seid und man nicht so richtig über das Buch schreiben kann. :zwinker:


    Doris
    Ja, solche Art Beschreibungen fallen mir in diesem Buch immer wieder auf, und ich finde sie köstlich! :smile: Aber warte mal, bis die Haushälterin ein Huhn zur Strecke bringt, die Gute kann auch ganz andere Seiten aufziehen.

  • Mehr lese ich auch nicht bei Proust.


    Gruß, Thomas


    Das ist leider mein generelles Lesetempo, bei Proust sind es dann vermutlich 10 Seiten pro Stunde... *g* :rollen: Nein, im Ernst, mein Proustsches Lesetempo müsste ich erst mal bestimmen, aber bei Döblins Berge Meere und Giganten waren es auch nur 25 Seiten pro Stunde (das trau ich mich kaum laut sagen), also naja.. kein Wunder, dass ich so extrem langsam bin. Meine Auffassungsgabe ist offenbar nicht die beste bzw. weiß ich nicht, woran es liegt.

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  • @Isidora
    Es kommt doch nicht darauf an, wieviele Seiten man in welcher Zeit schafft. Lesen soll immer ein Vergnügen sein und jeder hat nunmal sein eigenes Tempo :smile:!


    Ich habe es bisher auch erst zum Anfang des zweiten Kapitels geschafft und mich sehr über die schrullige Tante amüsiert, die ihre Wehwechen pflegt und das Leben im Ort von ihrem Fenster aus beobachtet und kommentiert (das kenne ich von lebenden Personen auch :zwinker:).


    Wunderschön fand ich am Ende des ersten Kapitels aber noch den Vergleich der Madeleine-Erinnerung mit dem japanischen Wasserspiel. Tatsächlich hört, riecht, schmeckt oder sieht man oft Dinge, die man im ersten Moment nicht zuordnen kann, die aber einen Platz im Gedächnis haben. Und dann fällt einem doch wieder ein, wann man z.B. das Lied zum ersten Mal gehört oder diesen Geruch zum ersten Mal in der Nase hatte.


    Über das Alter des Jungen habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Ich schätze ihn so zwischen 8 und 11 Jahre, aber im Buch selbst wird das Alter - glaube ich zumindest - nicht erwähnt. Am Anfang fand ich diese extreme Fixierung auf die Mutter etwas befremdlich, aber hier hat Proust wohl auf seine eigenen Erlebnisse zurückgegriffen. Ein Freund von Proust soll gesagt haben, Proust habe nur zwei Menschen geliebt, seine Mutter und seine Haushälterin Celeste...

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  • Ich habe es bisher auch erst zum Anfang des zweiten Kapitels geschafft und mich sehr über die schrullige Tante amüsiert, die ihre Wehwechen pflegt und das Leben im Ort von ihrem Fenster aus beobachtet und kommentiert.


    Das nimmt noch fast beängstigende Ausmaße an. Irgendwo um Seite 160 herum wird beschrieben, wie sie sich zum Zeitvertreib vorstellt, Françoise hätte sie bestohlen und sich Wortgefechte mit ihr liefert, wobei sie für beide Parteien das Sprechen übernimmt. Auch ihr zwanghaftes Festhalten an familieninterne Abläufe stimmt mich nachdenklich. In unserer Zeit würde man sich Gedanken machen, ob nicht eine psychische Störung dahintersteckt. In Verbindung mit ihrer freiwilligen Abkapselung nimmt das schon fragwürdige Dimensionen an.



    Am Anfang fand ich diese extreme Fixierung auf die Mutter etwas befremdlich, aber hier hat Proust wohl auf seine eigenen Erlebnisse zurückgegriffen. Ein Freund von Proust soll gesagt haben, Proust habe nur zwei Menschen geliebt, seine Mutter und seine Haushälterin Celeste...


    Wie es sich mit Céleste verhält, kann ich nicht sagen - noch nicht, denn ihr Buch, in dem sie über ihre Jahre mit Proust schreibt, liegt hier bereits in Wartestellung. Aber das Verhältnis zu seiner Mutter war tatsächlich außerordentlich innig.


    Gestern habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Buch wirklich alle Aufmerksamkeit von mir fordert. Wenn es mit der Konzentration nicht stimmt, bleibt vom Inhalt wirklich gar nichts hängen. Das nächste Mal fange ich gar nicht erst an, wenn die äußeren Umstände nicht passen. Komisch, denn früher konnte ich sogar mit Fernseher im Hintergrund lesen, aber Proust würde ich mich am liebsten in einen schalldichten Raum verziehen oder in meinen Garten, wenn nichts außer Vogelgezwitscher zu hören ist.

  • Aber warte mal, bis die Haushälterin ein Huhn zur Strecke bringt, die Gute kann auch ganz andere Seiten aufziehen.


    Das Huhn musste nun auch bei mir daran glauben. Das wirft tatsächlich ein ganz anderes Bild auf Françoise. Man könnte fast meinen, sie hätte einen imaginären menschlichen Widersacher vor sich, während sie stellvertretend für ihn dem Huhn den Garaus macht. Aber etwas weiter (Seite 182) wird auch erzählt, dass sie eines der Hausmädchen, das beim Spargelschälen asthmatische Anfälle erleidet, den ganzen Sommer hindurch fast täglich Spargel putzen lässt, und das legt nun wiederum den Verdacht nahe, dass sie generell einen Hass auf ihre Mitmenschen hegt, dem sie bei Untergebenen freien Lauf lässt. Meine positive Meinung von ihr hat einen kleinen Knacks erlitten.


    So wie Proust Combray und seine Umgebung schildert, bekommt man den Eindruck einer sehr dörflichen und naturbelassenen Landschaft. Er nimmt sich viel Zeit, um die Botanik zu beschreiben, misst selbst den kleinsten Pflänzchen Bedeutung bei und gönnt ihnen ein paar Zeilen, obwohl er auf Seite 206 selbst behauptet, "nicht genügend Beobachtungsgabe" zu besitzen, wenn sich diese Aussage auch konkret auf den Anblick eines jungen Mädchens bezieht. Er stellt das genaue Gegenteil dar, denn er hat noch einen Blick für Einzelheiten, die unsereins in einer reizüberfluteten Umwelt schon fast abhanden gekommen ist.


    Leider musste ich an diesem Punkt unvorhergesehen meine heutige Lektüre beenden, als er in seinen Betrachtungen versunken vor einer Weißdornhecke steht, hinter der plötzlich wie Dornröschen das Mädchen auftaucht. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dürfte das eine wichtige Begegnung für ihn werden.

  • Also, ihr Lieben... ich muss gestehen: Ich bin eben mit dem Buch fertig geworden. :redface:


    Ich habe heute den zweiten und dritten Teil gelesen, und gerade ab dem zweiten Teil (Eine Liebe Swanns) hat es mich gänzlich gepackt. In diesem Teil geht es (wie in sämtlichen Klappentexten angekündigt) um die Liebe zwischen Swann und Odette. Proust besaß wirklich eine herausragende Beobachtungsgabe, seine Analysen und das "Psychologisieren" der Figuren haben mich sehr stark an Henry James erinnert, wenngleich Prousts Schreibstil weniger nüchtern, sondern von einer sehr großen Leidenschaft, Zartheit und Poesie ist. Wunderschön!


    Ich muss es erst einmal sacken lassen und noch das Nachwort lesen, ich bin noch ganz im Bann. :herz: