David Mitchell - Die tausend Herbste des Jacob de Zoet

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 11 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Kirsten.

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    Inhalt
    Ja, um was geht es in diesem Buch? Es geht um den Holländer Jacob de Zoet, der als Helfer eines Inspektors nach Dejima kommt. Japan schottet sich von der Außenwelt komplett ab, nur auf der Insel Dejima dürfen sich holländische Kaufleute aufhalten und Handel treiben. Es geht also auch um die Lebensumstände auf der Insel, um den Austausch der Kulturen und die vielen großen und kleinen Differenzen. Außerdem geht es um eine unmögliche Liebe, eine Liebe, die von der japanischen Kultur nicht akzeptiert wird. Und es geht um den Kampf um die Herrschaft auf Dejima, denn auch die Engländer würden gerne Handel mit Japan treiben.


    Meine Meinung
    Dieses Buch überrollt einen förmlich. Mir fällt es unglaublich schwer, eine sinnvolle Inhaltsangabe dazu zu schreiben, weil es einfach so viele verschiedene Handlungsstränge hat, die teilweise nichts miteinander zu tun haben. Personen tauchen auf und verschwinden, spielen mal eine größere, mal eine kleinere Rolle. Im zweiten Teil des Buches kommt Jacob de Zoet z.B. nur sehr sporadisch vor, während er im ersten Teil die Hauptperson ist. Mir hat diese Erzählweise sehr gut gefallen, allerdings muss man sich darauf einlassen.


    Einlassen muss man sich auf das Buch von Anfang an. Man wird nämlich einfach in eine Handlung hineingeworfen, ohne zu wissen, wer die Personen sind oder was sie überhaupt vorhaben. Man sollte sich aber von den vielen verschiedenen Namen nicht abschrecken lassen. Irgendwann weiß man, wer wer ist und wen man nicht kennt, der ist nicht unbedingt wichtig. Man muss sich in dieses Buch genauso einleben, wie Jacob sich auf Dejima einleben muss. Nach und nach erfährt man auch immer mehr über die einzelnen Personen, denn ab und zu erzählen sie Ausschnitte aus ihrem Leben. Die Personen gewinnen so nach und nach mehr an Tiefe, ich fand diesen Aufbau klasse!


    Auch von der ersten Szene sollte man sich nicht zum Weglegen des Buches verleiten lassen. Überhaupt sollte man sich bewusst sein, dass das hier kein Hochglanz-Historienroman ist. Dejima und Umgebung sind schmutzig, es stinkt und die Leute haben so manch gewöhnungsbedürftige Angewohnheit (nix mit Privatsphäre beim Toilettengang).


    Lässt man sich von diesen Punkten nicht abschrecken, darf man einen äußerst gelungenen Roman lesen, der zumindest mich begeistert hat. Vielfältige Charaktere (Jacob ist mir manchmal etwas zu moralisch, aber was solls), interessante Einblicke in die japanische Kultur und hochgradige Spannung garantiert. Ich bin begeistert und war erstaunt, wie schnell sich 700 Seiten weglesen lassen.
    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

    "Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne." (Jean Paul)


  • Danke für diese Rezi. Auf dieses Buch war ich schon lange gespannt! :winken:


    Hm, irgendwie habe ich den Eindruck, dass wir einen ähnlichen Lesegeschmack haben. :breitgrins:

    "Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne." (Jean Paul)

  • Danke für deine Rezi, mondy! Das Buch subt bei mir, seit ich ein äußerst sympathisches Interview mit dem Autor gesehen habe. Ich bin sehr gespannt auf das Buch und werde mich bald ans Lesen machen. :lupe:

  • Ich lese das Buch auch gerade, nachdem ich schon 2 Jahre um die englische Ausgabe herumgeschlichen war. Was bin ich froh, dass Rowohlt die schöne Gestaltung behalten hat.


    Zu der Einstiegsszene (ich denke nicht, dass das ein Spoiler ist, konkret anzusprechen, was auf den ersten Seiten passiert): Was ist das eigentlich immer mit diesen ausufernden Geburtsszenen? Ich finde es immer überflüssig das so ausgiebig zu zelebrieren, es scheint mir nur immer des Effekts wegen gemacht zu werden, und das mag ich nicht. Danach gefällt mir das Buch ganz gut. Aber ich stelle fest, dass mir persönlich Mitchells Sprache etwas zu mächtig, fast schon zu überladen, ist

  • Das Buch habe ich schon im Januar beendet und möchte noch ein paar Zeilen dazu verlieren. Meiner Meinung nach ist dieses Buch eine echte Perle. Ich hatte durchaus meine Schwierigkeiten, mich einzulesen, denn Mitchells Schreibstil ist völlig anders, als ich es jemals gelesen habe. Schwer zu beschreiben - man hat das Gefühl, er hätte an jedem Satz, den er zu Papier gebracht hat, besonders lange gefeilt. Der Schreibstil wirkt somit sehr geschliffen, auch elegant, aber eben auch sehr anspruchsvoll. Von Zeit zu Zeit kam mir der Schreibstil etwas überfrachtet vor, weshalb ich das Buch auch sehr langsam gelesen habe (für meine Verhältnisse.^^ Aber 6 Wochen für ein Buch sind bei mir schon sehr lang), um es in kleinen Happen genießen zu können. Ich hatte gelesen, dass seine Art des Schreibens eine Anlehnung an japanische Haikus (kurze Gedichte) sein soll.


    Man wird direkt in die Szenerie "geworfen" und muss sich erst einmal durch eine Vielzahl an niederländischen und japanischen Namen kämpfen. Bis zum Schluss konnte ich nicht 100% der genannten Namen zuordnen. Mitchell fordert also große Aufmerksamkeit vom Leser. Ich weiß nicht, wie euch das ging, aber ich hatte oft das Gefühl, einen "Film zu lesen", weil man so nah am Geschehen ist, was sicherlich an der fehlenden Erzähler"stimme" liegt.


    Im Verlauf kristallisieren sich zwei Handlungsstränge heraus, die abwechselnd erzählt werden: Das Geschehen auf Dejima rund um Jacob und das Schicksal von Orito Aibagawa. Gerade letzteren Handlungsstrang fand ich ungemein spannend und interessant, hier kommen auch ein paar mystische/phantastische Elemente auf. Da mich die japanische Kultur sehr interessiert, habe ich diese Abschnitte immer besonders gern gelesen.


    Mitchell selbst hat auch einige Jahre in Japan gelebt und ist mit einer Japanerin verheiratet, so dass ich davon ausgehe, dass seine Darstellung vom damaligen Leben korrekt und gut recherchiert sind. Die Atmosphäre kommt zumindest sehr gut rüber.


    Spannend ist vor allem, wie die Kolonialisten, sprich Niederländer, und die Japaner miteinander umgehen. Da prallen zwei Kulturen heftig aufeinander, was gerne auch zu Missverständnissen führt. :breitgrins:


    In jedem Falle ist dies ein sehr opulentes, buntes Werk, geschrieben in einer poetischen Sprache. Man muss sich darauf einlassen und ein wenig Geduld mitbringen, denn gerade der Einstieg ist gewöhnungsbedürftig. Dennoch bin ich sehr beeindruckt von Mitchells Erzählkunst (der Autor ist vorgemerkt^^), die so erfirschend anders ist als das, was man unter der Sparte "Historischer Roman" sonst so geboten bekommt.


    4ratten

  • Ganz einfach macht David Mitchell es seinen Lesern nicht, aber wer etwas Ruhe und Ausdauer mitbringt, wird auf jeden Fall belohnt. Es war ein bisschen kompliziert, bei den vielen Personen den Überblick nicht zu verlieren, aber notfalls kann man auch das Register am Ende des Buches zu Rate ziehen. Mit der Zeit weiß erkennt man aber, wer wichtig ist. Sprachlich ist es ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Sozusagen sehr japanisch: Sorgfältig und zurückhaltend formuliert, aber trotzdem poetisch.


    Das Buch ist in mehrere Abschnitte eingeteilt, die jeweils einen anderen Schwerpunkt haben. Der Wechsel von einer Hauptperson zur anderen kam dabei immer zur Unzeit. Kaum steckt man richtig in der Handlung, steht plötzlich eine andere Figur im Mittelpunkt. Dabei bleiben alle Beteiligten weiterhin im Spiel, aber es störte doch, dass sich mitten im Buch gewissermaßen das Genre ändert. Die Entwicklung der Charaktere nimmt viel Zeit in Anspruch, lässt aber kaum Fragen offen. Nur im Fall von Orito gibt es Defizite.


    Wenn man diese Hürden überwunden oder akzeptiert hat, kann man sich richtig auf die Geschichte einlassen. Japan, seine Sitten und die historischen Ereignisse sind spannend dargestellt, die Geschichte ist rund, aber der letzte Kick fehlte.


    4ratten

  • Das Buch ist in mehrere Abschnitte eingeteilt, die jeweils einen anderen Schwerpunkt haben. Der Wechsel von einer Hauptperson zur anderen kam dabei immer zur Unzeit. Kaum steckt man richtig in der Handlung, steht plötzlich eine andere Figur im Mittelpunkt. Dabei bleiben alle Beteiligten weiterhin im Spiel, aber es störte doch, dass sich mitten im Buch gewissermaßen das Genre ändert.


    Das ist bei seinem Buch "Der Wolkenatlas" aber genauso und das fand ich gerade faszinierend, weil ich das Gefühl hatte, immer wieder ein neues Buch zu lesen und das machte es unglaublich vielseitig. Ich denke anhand deiner Rezi, dass mir dieses Buch auch gut gefallen könnte. Mal schauen. Ich möchte erst noch "Chaos" von ihm lesen, denn das habe ich schon.


  • Das ist bei seinem Buch "Der Wolkenatlas" aber genauso und das fand ich gerade faszinierend, weil ich das Gefühl hatte, immer wieder ein neues Buch zu lesen und das machte es unglaublich vielseitig.


    Neue Bücher lese ich sowieso :zwinker:. Wenn innerhalb eines Buches ein Handlungsstrang so plötzlich endet, stört mich das immer. Es ist in Ordnung, wenn sich zwei oder mehrere Stränge innerhalb kürzerer Zeit regelmäßig abwechseln, aber hier war eben ein Abschnitt vorbei und wirklich beendet. Wenn eine Person später wieder auftauchte, waren Jahre vergangen, deren Entwicklung mir dann einfach fehlt.

  • Meine Meinung

    Die tausend Herbste des Jakob de Zoet war für mich kein einfaches Buch. Zum einen weiß ich nur wenig über den geschichtlichen Hintergrund. Zum anderen fand ich es schwer, bei den vielen Personen und ihren Funktionen den Überblick zu behalten.


    Trotzdem hat sich die Lektüre gelohnt. Denn David Mitchell schreibt keine schöne Geschichte, wie schon weiter oben erwähnt. Er beschreibt die Dinge so, wie ich sie zu dieser Zeit erwarten würde, mit allen schönen und auch den weniger appetitlichen Aspekten.


    Was mir immer wieder zu schaffen gemacht hat war, dass die Leute oft mehr oder weniger offen gelogen haben oder Unangenehmes einfach ignoriert wurde, egal wie oft man es auch angesprochen hat. In so einer Umgebung hätte ich nicht leben wollen.

    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

    I'm young enough to still see the passionate girl that I sued to be. But I'm old enough to say I got a good look at the other side.