Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrigblieb/The Remains of the Day

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 53 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Kirsten.


  • Insgesamt, je weiter ich lese, desto mehr erscheint mir Stevens wie jemand, der komplett in der Rolle des "Butlers" aufgegangen ist und irgendwie keine eigenständige Person, sondern immer zuerst der Butler ist. Hinein versetzen kann ich mich da auch nicht, aber ich denke, dass genau das für ihn auch einen großen Butler ausmacht und ich habe so das Gefühl, dass Stevens zu den großen Butlern gerechnet wird!


    Ganz Deiner Meinung.


    Zitat

    Gerade da ja Miss Kenton meint, er sehe aus "als hätte er einen Edelstein verloren".


    Das ist so treffend ausgedrückt - es ist zwar kein Edelstein, was er verloren hat, aber etwas sehr Wertvolles und Wichtiges.


    Zitat

    Außerdem habe ich mich auch gefragt, ob denn ein Butler es sich erlauben konnte in Rente zu gehen? Habe die denn Rente bekommen? Ich vermute ja fast eher, dass die auch einfach bis zu ihrem Lebensende arbeiten mussten?


    Gute Frage - das müsste ich direkt mal nachschlagen.



    Die Reaktion von Miss Kenton hat mich auch sehr überrascht und bei mir für sehr viel Respekt für sie gesorgt. Die Reaktion empfand ich auch als keineswegs falsch, aber ich hätte es von einer Frau in ihrer Zeit und in dieser Position auch nicht erwartet. Vor allem habe ich mich gefragt, ob das nicht auch gefährlich ist? War sie denn als Haushälterin dem Butler unterstellt? Denn wenn ja, kann er ja auch Beschwerde gegen sie beim Hausherrn einreichen, oder?


    Das meinte ich eben mit "sich ein Eigentor schießen". Schon mutig, die Dame. Ich mag sie, soweit ich sie schon kenne.


    Zitat

    So weit es Stevens jetzt im Kapitel Dritter Tag, Morgen dargestellt hat, hat Mr. Darlington wohl tatsächlich mit Nazis verkehrt, aber nur so lange er keine Ahnung hatte, welche Gesinnung sie vertreten. So bald offenbar wurde, dass sie rechten Ideengut anhängen, hat er sich ja anscheinend von ihnen distanziert. Trotzdem muss da wohl ein ziemlich übles Gerede aufgekommen sein.


    Da bin ich mal gespannt, ob sich das noch aufklärt, wie stark die Verbindung zu den Nazis tatsächlich war.


    Zitat

    Gespannt bin ich ja jetzt wirklich auf das Treffen zwischen Stevens und Miss Kenton. In der Vergangenheit habe sie ja doch ganz schöne Konflikte ausgetragen. Da bin ich ja jetzt echt neugierig, wie das Aufeinandertreffen nach so langer Zeit sich gestalten wird! :smile:


    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass zwischen den beiden damals eine gewisse Anziehung vorhanden war und sie vielleicht gerade deshalb so schroff miteinander umgegangen sind. Ich denke z.B. an Miss Kentons Bemühungen, Stevens' kahles Zimmer mit einer Blume zu verschönern.


    Zitat

    Die Begegnungen, die Stevens während seiner Fahrt in der Gegenwart hat, finde ich ja einfach immer herzerwärmend. :herz:


    Ich auch. Ich lese so gerne, wie er sich bemüht, mit der Welt "da draußen" klarzukommen. Nett war auch, dass er immer diese Radiosendung anhört oder sich selbst kleine Aufgaben stellt, um sich im flotten verbalen Schlagabtausch zu trainieren.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)


  • Ich auch. Ich lese so gerne, wie er sich bemüht, mit der Welt "da draußen" klarzukommen. Nett war auch, dass er immer diese Radiosendung anhört oder sich selbst kleine Aufgaben stellt, um sich im flotten verbalen Schlagabtausch zu trainieren.


    Wie schwierig es für Stevens ist, mal einen kleinen Scherz zu erwidern, finde ich irgendwie traurig.

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr


  • Wie schwierig es für Stevens ist, mal einen kleinen Scherz zu erwidern, finde ich irgendwie traurig.


    Ist es auch in gewisser Weise. Er hat es halt nie gelernt - aber mir gefällt, dass er doch versucht, es irgendwie zu lernen.

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    (Agnès Varda)

  • Im Dritten Tag - Abend gibt es wieder eine sprachliche Eigenheit. Als Miss Kenton wissen will, warum Stevens nicht hat durchblicken lassen, dass er die Entlassung der beiden Hausmädchen auch nicht i. O. fand, verteidigt er sich mit


    Zitat

    Natürlich hat man die Entlassungen missbilligt. Man hätte doch gedacht, dass sei offenkundig gewesen.

    Will er mit dieser Ausdrucksweise auf Distanz gehen?


    Wie oft Miss Kenton wohl den Wunsch hatte, ihren knochentrockenen, zugeknöpften, unnahbaren Chef zu erwürgen?

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Ist es auch in gewisser Weise. Er hat es halt nie gelernt - aber mir gefällt, dass er doch versucht, es irgendwie zu lernen.


    Ich finde es auch total bewundernswert, dass er versucht "lustig zu antworten" zu lernen. Aber es zeigt auch, dass das nicht so selbstverständlich ist, mal schlagkräftig zu antworten, wenn man es sein Leben lang gerade nicht getan hat. Seine Hilflosigkeit dabei macht mich dabei aber auch schon ein bisschen traurig. Obwohl es gleichzeitig sehr amüsant ist, über seine Bemühungen zu lesen. Ich finde ja, dass er teilweise gar nicht so schlecht ist, aber leider viel zu anspruchsvolle Antworten gibt! :zwinker:


    Liebe Grüße
    Tammy :winken:

    &WCF_AMPERSAND"Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönheit zu erkennen, wird nie alt werden.&WCF_AMPERSAND" (Franz Kafka)

  • Kiba : das Verhalten von Stevens in dieser Sache kann ich auch nicht verstehen. Ich habe von seiner Seite keine Missbilligung gesehen. Vielmehr ist mir wieder einmal aufgefallen, wie wenig er die Entscheidungen Lord Darlingtons hinterfragt. Natürlich muss er sie ausführen, aber dieser blinde Gehorsam geht mir schon ein bisschen weit.

    I'm young enough to still see the passionate girl that I sued to be. But I'm old enough to say I got a good look at the other side.

  • Ich stecke auch gerade mitten im "Dritten Tag - Abend", mehr dazu heute abend, wenn ich das Buch da habe.


    Sein Verhalten bei der Entlassung der Dienstmädchen hat mir auch nicht geschmeckt, da hätte ich mir doch etwas mehr Courage seinerseits gewünscht. Aber das widerspricht wohl völlig seiner Auffassung von seinem Job, Entscheidungen des Arbeitgebers zu hinterfragen oder gar offen anzufechten.


    Miss Kenton hat ihm zu dem Thema dann aber ganz schön eingeschenkt, und mit Recht! Die Frau gefällt mir.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Miss Kenton hat ihm zu dem Thema dann aber ganz schön eingeschenkt, und mit Recht! Die Frau gefällt mir.


    Mir auch! Trotzdem hat sie mir bei der ganzen Sache auch leid getan, weil sie völlig hilflos war. Keiner war offen ihrer Meinung, dass die Kündigung der beiden Mädchen unrecht war. Ihre eigene Kündigung hat sie letztendlich nur nicht eingereicht, weil sie keinen Ort zum Hingehen hatte. Die Arme.


    Diese Angelegenheit hat mich Lord Darlington in ganz neuem Licht sehen lassen. Stevens beschreibt ihn immer als den perfekten Gentleman. Aber jetzt habe ich so meine Zweifel und überlege mir, ob Stevens da nicht etwas sehr verklärt.

    I'm young enough to still see the passionate girl that I sued to be. But I'm old enough to say I got a good look at the other side.


  • Mir auch! Trotzdem hat sie mir bei der ganzen Sache auch leid getan, weil sie völlig hilflos war. Keiner war offen ihrer Meinung, dass die Kündigung der beiden Mädchen unrecht war. Ihre eigene Kündigung hat sie letztendlich nur nicht eingereicht, weil sie keinen Ort zum Hingehen hatte. Die Arme.


    Ja, mir tat sie auch leid, dass sie so auf verlorenem Posten stand mit ihrem Kampf für die armen Mädels. Aber sie hat es zumindest versucht :daumen:


    Zitat

    Diese Angelegenheit hat mich Lord Darlington in ganz neuem Licht sehen lassen. Stevens beschreibt ihn immer als den perfekten Gentleman. Aber jetzt habe ich so meine Zweifel und überlege mir, ob Stevens da nicht etwas sehr verklärt.


    Sicherlich tut er das. Und Lord Darlington war da wohl blind vor Verliebtheit in diese komische Witwe. Die hat ihm doch sicher eingeredet, er müsse die jüdischen Dienstboten loswerden.

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    (Agnès Varda)

  • Ich wundere mich immer mehr über Stevens. Er will Miss Kenton sein Beileid aussprechen zum Tod ihrer Tante. Und was tut er? Er rügt sie wegen Porzellan, das anders in den Schrank geräumt wurde als sonst. :tsts:


    Stevens scheint im zwischenmenschlichen Bereich ja vollkommen hilflos zu sein.

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Ich blättere gerade noch mal nach, was ich gestern gelesen habe. Miss Kenton spricht mir aus dem Herzen, als sie fragt: "Why, Mr. Stevens, why, why, why do you always have to pretend?"


    Gute Frage. Ob er das überhaupt sagen kann? Ob er sich dessen bewusst ist, dass er immer nur pflichtbewusst seine Rolle als treuer Diener spielt und dabei verlernt hat, auf sein Herz zu hören?


    Und dann sehen wir Stevens wieder in der Gegenwart, wieder ziemlich hilflos ganz Alltäglichem ausgeliefert wie einem sich leerenden Benzintank. Dieses Weltfremde wird auf seinem Ausflug besonders deutlich, mehr noch als auf Darlington Hall - er ist schließlich außerhalb seines geschützten kleinen Universums ...

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Ich bin heute fertig geworden.


    Die politischen Fragen, die Darlingtons Gäste an Stevens gerichtet haben, waren ja wohl ein Armutszeugnis. Einen Untergebenen absichtlich so vorzuführen, tz!


    Dr. Carlisle, der Stevens wieder zu seinem leergefahrenen Auto bringt, war etwas merkwürdig und gönnerhaft, wie er Stevens immer mit "alter Junge" anredete.


    Dafür, dass Ishiguro den Leser so lange auf Miss Kenton vorbereitet, ist ihr eigentlicher Auftritt dann ja sehr kurz. Aber das sie tatsächlich die Karten aufdeckt und ausspricht, was hätte sein können, ist wieder eine verblüffende Wendung.


    Was zum Schluss bleibt, ist Traurigkeit, Bedauern und das zaghafte Suchen nach dem Weg, wie es wohl weitergehen kann, in Stevens Fall mit dem ernsthaften Betreiben weiterführenden Scherzstudien.


    Der Roman liegt recht weit ab von meinem üblichen Lesestoff und hat mir trotzdem gut gefallen. Ich bin froh, dass ich ihn durch die Leserunde zusammen mit euch in Angriff nehmen konnte! :smile:

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Hallo Ihr Lieben,


    ich stecke gerade im Kapitel Vierter Tag - Nachmittag.



    Ich blättere gerade noch mal nach, was ich gestern gelesen habe. Miss Kenton spricht mir aus dem Herzen, als sie fragt: "Why, Mr. Stevens, why, why, why do you always have to pretend?"


    Gute Frage. Ob er das überhaupt sagen kann? Ob er sich dessen bewusst ist, dass er immer nur pflichtbewusst seine Rolle als treuer Diener spielt und dabei verlernt hat, auf sein Herz zu hören?


    Diese Geschichte mit den Dienstmädchen, die nur, weil sie Jüdinnen sind entlassen werden, fand ich auch ganz schlimm. Vor allem Stevens' nicht vorhandene Reaktion und dass er dann auch noch Miss Kenton die ganze Zeit damit aufzieht, dass sie doch eigentlich kündigen wollte! Ja, ihren Ausruf, warum er sich immer so verstellen muss, konnte ich auch sehr gut nachvollziehen. Ein bisschen macht er ja mittlerweile schon einen richtigen autistischen Eindruck!



    Ich wundere mich immer mehr über Stevens. Er will Miss Kenton sein Beileid aussprechen zum Tod ihrer Tante. Und was tut er? Er rügt sie wegen Porzellan, das anders in den Schrank geräumt wurde als sonst. :tsts:


    Stevens scheint im zwischenmenschlichen Bereich ja vollkommen hilflos zu sein.


    Ja, eindeutig! Zwischenmenschlich funktioniert er gar nicht. Für meine Begriffe hat er so lange an sich gearbeitet, dass er seinen Begriff von "Würde" erfüllt, dass er komplett verlernt hat - wenn er es denn jemals konnte - eigene Gefühle auszudrücken, geschweige denn empathisch zu reagieren. Das Schlimme ist, dass er merkt, dass Miss Kenton zum Beispiel seine Unterstützung und Trost braucht, als sie vom Tod ihrer Tante erfährt, aber er ist einfach unfähig. Als er wirklich anstatt Trost auszusprechen anfängt an ihr zu kritisieren, musste ich wirklich die Augen verdrehen.


    Auch ganz schlimm, dass er gar nicht merkt, wie sehr sie sich eine Reaktion von ihm wünscht und wie sehr sie das verwirrt und traurig macht. Auch diese Szene, als er schließlich vehement ihren Kakao-Tagesabschluss für beendet erklärt, fand ich ganz schlimm zu lesen. Erst Jahre später reflektiert er ein bisschen darüber, will sich aber auch nicht mehr als nötig damit belasten! Schlimm!



    Und dann sehen wir Stevens wieder in der Gegenwart, wieder ziemlich hilflos ganz Alltäglichem ausgeliefert wie einem sich leerenden Benzintank. Dieses Weltfremde wird auf seinem Ausflug besonders deutlich, mehr noch als auf Darlington Hall - er ist schließlich außerhalb seines geschützten kleinen Universums ...


    Ja, das ist gut beschrieben. Stevens ist einfach wirklich komplett weltfremd und gerade bei dieser Aktion mit dem leeren Benzinkanister wird das doch etwas offenkundig. Aber ist ja kein Wunder. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat er ja Darlington Hall eigentlich nie wirklich verlassen, oder? :entsetzt:



    Die politischen Fragen, die Darlingtons Gäste an Stevens gerichtet haben, waren ja wohl ein Armutszeugnis. Einen Untergebenen absichtlich so vorzuführen, tz!


    Das fand ich auch einfach nur furchtbar! Aber noch schlimmer, dass Stevens das irgendwie gar nicht so auffasst, sondern einfach nur seine Rolle als Butler perfekt ausfüllt. Bis dahin, dass er sogar Darlington sagt, dass das doch vollkommen in Ordnung war! Also ganz ehrlich: Das ist echt heftig! Dieses komplette Akzeptieren, nicht Hinterfragen und alles schön darstellen, finde ich wirklich heftig. Zum Teil musste ich ihm zwar zustimmen, dass es natürlich nicht zielführend ist, wenn man andauernd seinen Dienstherrn hinterfragt, aber einfach ALLES ungefragt hinzunehmen, ist schon heftig. Und sehr traurig!


    Ob er wohl bis zum Ende noch aufwachen wird? Viele Seiten hat das Buch ja nicht mehr!


    Spannend finde ich übrigens, wie es diesem kleinen Büchlein so ganz nebenbei gelingt, auch noch höchst interessante politische Entwicklungen anzuschneiden. Bis jetzt sind wir ja doch an einigen politisch brisanten Themen der Weltgeschichte vorbei gekommen!


    Liebe Grüße
    Tammy :winken:

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  • ich würde so gerne Eure Beiträge lesen, aber dieses Mal komme ich nicht weiter. Sonst bin immer ich diejenige die davonläuft, beim Lesen, aber ich bin momentan so abgelenkt, dass ich mich nicht auf das Buch konzentrieren kann. Mir geht so viel durch den Kopf und mich belastet gerade einiges so sehr, dass ich noch etwas Zeit brauchen werde. Das Buch ist so schön und ich möchte es niemals mit negativen Empfindungen in Verbindung bringen. Also, ich werde auf alle Fälle weiterlesen, aber es wird noch ein wenig dauern. Sorry.


    Liebe Grüße Tina

  • Tina,
    hoffentlich geht es dir bald wieder rundum gut.
    Und dass ich ausnahmsweise mal als Erste fertig bin, ist doch mal eine nette Abwechslung. :zwinker:



    Von Stevens Mutter ist bis zum Schluss nicht mehr die Rede. Schade eigentlich, das wäre sicherlich noch interessant gewesen.

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Dr. Carlisle, der Stevens wieder zu seinem leergefahrenen Auto bringt, war etwas merkwürdig und gönnerhaft, wie er Stevens immer mit "alter Junge" anredete.


    Das war wirklich eine seltsame Begegnung. Er hat ja zugegeben, dass er sich am Anfang über Stevens' Rolle nicht sicher war. Als er dann wußte, dass er Butler ist, hat er sich einfach nur schlecht benommen. Mir kam es so vor, als ob er unbedingt zeigen wollte, dass er ihm gesellschaftlich überlegen ist. Wahrscheinlich hat er sich gegenüber Stevens mit seinen tadellosen Manieren nicht wohl


    Ja, das ist gut beschrieben. Stevens ist einfach wirklich komplett weltfremd und gerade bei dieser Aktion mit dem leeren Benzinkanister wird das doch etwas offenkundig. Aber ist ja kein Wunder. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat er ja Darlington Hall eigentlich nie wirklich verlassen, oder? :entsetzt:


    Bei dieser Situation wußte ich auch nicht genau, ob sie lustig oder traurig ist. Stevens hat ja alles getan, um die Sache zu erklären, aber letztendlich hat er war er der Sache einfach nicht gewachsen. Er hat einfach keine Erfahrung mit längeren Autofahrten. Mich hat gewundert, dass auf der Fahrt nur so wenig passiert ist.


    Dass Stevens so weltfremd ist, ist eigentlich logisch. Er hat jahrelang in seiner kleinen Welt gelebt und strenge Regeln eingehalten. Er kann gar nicht wissen, wie das Leben außerhalb von Darlington Hall ist. Die Besucher, die gekommen sind, haben nur wenig vom "wahren Leben" mitgebracht.


    Wie alt ist Stevens eigentlich? Das habe ich nirgendwo gefunden und ich kann ihn auch nicht einschätzen. Für mich kann er irgendwo zwischen 50 und 70 Jahren liegen.

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  • Tina : ach Mensch, das klingt nicht schön bei Dir gerade :knuddel: Ich hoffe, das klärt sich alles bald und es geht Dir wieder besser. Du kannst ja gerne Deine Kommentare später noch einfügen.



    Ja, eindeutig! Zwischenmenschlich funktioniert er gar nicht. Für meine Begriffe hat er so lange an sich gearbeitet, dass er seinen Begriff von "Würde" erfüllt, dass er komplett verlernt hat - wenn er es denn jemals konnte - eigene Gefühle auszudrücken, geschweige denn empathisch zu reagieren. Das Schlimme ist, dass er merkt, dass Miss Kenton zum Beispiel seine Unterstützung und Trost braucht, als sie vom Tod ihrer Tante erfährt, aber er ist einfach unfähig. Als er wirklich anstatt Trost auszusprechen anfängt an ihr zu kritisieren, musste ich wirklich die Augen verdrehen.


    Irgendwie hat er mir trotz allem auch leid getan in der Situation. Es muss schrecklich sein, wenn man sich so dermaßen unsicher ist, was man tun soll. Er möchte Mitgefühl zeigen und kriegt es einfach nicht gebacken, wahrscheinlich weil er Angst hat, das Falsche zu sagen und dann lieber gar nicht sagt oder sich auf inhaltsleeren Smalltalk oder eben das Gemecker wegen des Geschirrs verlegt.


    Zitat

    Auch ganz schlimm, dass er gar nicht merkt, wie sehr sie sich eine Reaktion von ihm wünscht und wie sehr sie das verwirrt und traurig macht. Auch diese Szene, als er schließlich vehement ihren Kakao-Tagesabschluss für beendet erklärt, fand ich ganz schlimm zu lesen. Erst Jahre später reflektiert er ein bisschen darüber, will sich aber auch nicht mehr als nötig damit belasten! Schlimm!


    Mit Gefühlen kann er ganz einfach nicht umgehen :sauer:


    Ich fand es auch recht traurig zu lesen, wie überfordert er mit der Situation bei den Taylors war. Es war natürlich auch nicht gerade nett, das halbe Dorf zusammenzutrommeln, um den "feinen Herrn" zu begutachten, aber er konnte mit diesen "einfachen" Menschen ja so gar nicht umgehen.



    Die politischen Fragen, die Darlingtons Gäste an Stevens gerichtet haben, waren ja wohl ein Armutszeugnis. Einen Untergebenen absichtlich so vorzuführen, tz!


    Ganz, ganz übel :entsetzt: (wie auch die Auffassung, die dahintersteckt, dass nämlich das "gemeine Volk" eh zu blöd ist, um eine Meinung zu haben).


    Zitat

    Zum Teil musste ich ihm zwar zustimmen, dass es natürlich nicht zielführend ist, wenn man andauernd seinen Dienstherrn hinterfragt, aber einfach ALLES ungefragt hinzunehmen, ist schon heftig. Und sehr traurig!


    Finde ich auch.


    Zitat

    Spannend finde ich übrigens, wie es diesem kleinen Büchlein so ganz nebenbei gelingt, auch noch höchst interessante politische Entwicklungen anzuschneiden. Bis jetzt sind wir ja doch an einigen politisch brisanten Themen der Weltgeschichte vorbei gekommen!


    Das geht mir genauso. Die Einstellung einiger Herren zur Demokratie ist ja reichlich gruselig!



    Wie alt ist Stevens eigentlich? Das habe ich nirgendwo gefunden und ich kann ihn auch nicht einschätzen. Für mich kann er irgendwo zwischen 50 und 70 Jahren liegen.


    Da bin ich mir auch unsicher, ich hätte ihn so auf Mitte 50 bis 60 geschätzt.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Habe ich es schon wieder vergessen oder haben wir Stevens´ Vornamen gar nicht erfahren? Der Vater heißt William, aber er?

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Das kommt tatsächlich nicht raus.


    Ich bin inzwischen auch fertig und werde noch ein bisschen was zum letzten Kapitel schreiben.


    Es kam ja kein großer Knalleffekt zum Schluss, aber das meine ich überhaupt nicht negativ. Ein tränenreiches Wiedersehen und gemeinsam In-den-Sonnenuntergang-Reiten mit Miss Kenton/Mrs. Benn hätte kein bisschen zum Buch gepasst. Dafür haben wir noch ein wenig über Lord Darlingtons "Niedergang" erfahren, und es hat mich schon ein wenig traurig gestimmt, dass auch Miss Kenton ihr Glück nicht so richtig gefunden hat ...

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    (Agnès Varda)

  • Dritter Tag - Morgen


    Ich habe es jetzt doch tatsächlich geschafft noch ein wenig weiterzulesen. Mich hat die Entlassung der beiden Dienstmädchen wirklich geschockt. Das warf für mich ein noch viel schlechteres Licht auf Lord Darlington, als auf Stevens. Was für ein Arbeitgeber, der sich so leicht beeinflussen lässt. Kein Mensch von Prinzipien oder Loyalität sich selbst gegenüber, aber auch Stevens hätte, zumindest in Gegenwart von Miss Kenton, zugegeben können, dass die Entlassung nicht Rechtens war, denn das war es ja in seinen Augen nicht und sie hatte ja offen seine Meinung bestätigt. Er hatte immer wieder bei Lord Darlington nachgefragt, als ob er (Stevens) glaubte sich verhört zu haben. Ich denke, hier drückte er, für seine Unterwürfigen Verhältnisse sogar Zweifel an dieser Entscheidung aus.
    Was die Fahrt anbelangt und dass auf dieser nicht mehr Missgeschicke geschehen sind, obwohl dies alles für ihn fremdes Terrain war, lag wohl an seinem organisatorischen Talent, alles akribisch bis ins Letzte zu planen und er hatte sich nun wirklich sehr intensiv mit der Vorbereitung der Reise beschäftig. Der leere Tank wiederum, zeigt einfach, dass Stevens vielleicht doch eher in Pferdekutschenzeit gepasst hätte. :breitgrins:
    Traurig fand ich die Entfremdung von Miss Kenton und Stevens welche sich in diesem Kapitel ja nach und nach immer mehr einstellte. Stevens ist emotional so, ich drücke es jetzt mal so aus, unterentwickelt, dass er gar nicht begreift, was er sich selbst da nimmt und welchen Schaden er sich persönlich zufügt, denn Miss Kenton gehörte, so wie es sich anhörte, schon zu seinem Leben und er schien doch die Abende in ihrem Wohnzimmer genossen zu haben.