Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrigblieb/The Remains of the Day

Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 53 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Kirsten.

  • Dritter Tag - Abend


    Ich habe nun auch diesen Abschnitt beendet und obwohl ich Stevens schon irgendwie mag, kommen doch auch immer wieder, was ihn anbelangt, ein paar negative Empfindungen zu Tage. So auch seine Einstellung Mr. Smith gegenüber, die meines Erachtens ein wenig abschätzig war und ich nicht denke, dass es Stevens zu steht über ihn zu urteilen, zumal jener ja niemals im Krieg war und diesen nur aus den sicheren Gemäuern von Darlington "erlebt" hat. Vielleicht habe ich es aber auch falsch interpretiert.

  • Mir ging es da ähnlich wie Dir. Stevens sitzt schon auf einem recht hohen Ross.


    Aber gerade das finde ich ja so gelungen an diesem Buch. Stevens ist ein Mensch, ein Mensch mit Fehlern, und eben weil er so treffend dargestellt wird, mag ich ihn irgendwie trotz seiner steifen Art und seiner manchmal reichlich seltsamen Ansichten.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Hallo Ihr Lieben,


    Tina : Ich hoffe dir geht mittlerweile ein bisschen besser! Fühl dich nochmal :knuddel:


    Ich habe das Buch mittlerweile beendet und musste am Ende ganz schön mit den Tränen kämpfen. Nein, schmalziges Liebes-Happy-End hätte auf keinen Fall zu diesem Buch gepasst, aber irgendwie ist es echt traurig, wenn man so am Ende sich endlich ausspricht und feststellen muss, dass das eigene Leben auch ganz anders hätte verlaufen können! Gerade für Stevens stellt sich ja schon die Frage, ob er wirklich das Leben gelebt hat, das er wollte oder er es sich vielleicht doch anders gewünscht hätte? Obwohl ich ja bei ihm das Gefühl habe, dass er einfach immer an erster Stelle Butler bleiben wird und daher genau so gelebt hat und weiter leben wird, wie er das wollte!


    Die Geschichte von Lord Darlington ist ja auch sehr tragisch. Dass er jahrelang als Marionette der Deutschen missbraucht wurde und schließlich feststellen musste, dass sie ihn gnadenlos an der Nase herum geführt haben, ist wirklich übel! Am Ende hat er mir einfach nur noch leid getan!



    Ich habe es jetzt doch tatsächlich geschafft noch ein wenig weiterzulesen. Mich hat die Entlassung der beiden Dienstmädchen wirklich geschockt. Das warf für mich ein noch viel schlechteres Licht auf Lord Darlington, als auf Stevens. Was für ein Arbeitgeber, der sich so leicht beeinflussen lässt. Kein Mensch von Prinzipien oder Loyalität sich selbst gegenüber, aber auch Stevens hätte, zumindest in Gegenwart von Miss Kenton, zugegeben können, dass die Entlassung nicht Rechtens war, denn das war es ja in seinen Augen nicht und sie hatte ja offen seine Meinung bestätigt. Er hatte immer wieder bei Lord Darlington nachgefragt, als ob er (Stevens) glaubte sich verhört zu haben. Ich denke, hier drückte er, für seine Unterwürfigen Verhältnisse sogar Zweifel an dieser Entscheidung aus.


    Ja, ich hatte auch das Gefühl, dass Stevens die Entscheidung nicht gut heißt und doch selber geschockt ist und ja auch wirklich nochmal nachfragt. Die Entscheidung von Lord Darlington fand ich auch ganz furchtbar, aber sie zeigt auch nur, wie stark er sich hat beeinflussen lassen. Dass er ein Jahr später Reue zeigt, ist dann leider auch schon zu spät! :sauer:



    Mir ging es da ähnlich wie Dir. Stevens sitzt schon auf einem recht hohen Ross.


    Aber gerade das finde ich ja so gelungen an diesem Buch. Stevens ist ein Mensch, ein Mensch mit Fehlern, und eben weil er so treffend dargestellt wird, mag ich ihn irgendwie trotz seiner steifen Art und seiner manchmal reichlich seltsamen Ansichten.


    Ja, da stimme ich dir voll und ganz zu.


    Liebe Grüße
    Tammy :winken:

    &WCF_AMPERSAND"Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönheit zu erkennen, wird nie alt werden.&WCF_AMPERSAND" (Franz Kafka)

  • Vielen Dank Tammy. Man wächst ja bekanntlich nicht nur mit den Aufgaben, die man gestellt bekommt, sondern auch mit den Erfahrungen die man macht. Ich habe beschlossen, eine gewisse Sache unter "gemachte Erfahrungen" abzulegen und werde nun wieder die sein, die ich bin und mich nicht klein kriegen lassen. Also, mir geht es wieder gut, auch wenn ich einen kleinen Dämpfer verpasst bekommen habe. :breitgrins:


    Ich fand das Ende sehr gut und nach dem ich nun Stevens auf seiner Reise nach Cornwall kennengelernt und auch etwas über Miss Kenton erfahren habe, habe ich mir doch tatsächlich am Ende die Frage gestellt, ob die beiden überhaupt zusammen gepasst hätten. Ich denke nicht und ich bezweifele, ob die Lebenslustige quirlige Miss Kenton mit Stevens glücklicher geworden wäre, als mit ihrem Mann.

  • denke nicht und ich bezweifele, ob die Lebenslustige quirlige Miss Kenton mit Stevens glücklicher geworden wäre, als mit ihrem Mann.


    Wobei sie mit ihrem Mann anfangs auch nicht so glücklich war. Vielleicht hätte sie sich Stevens "zurechtbiegen" können. Auf jeden Fall hat sie keine Scheu davor, sich eine Auszeit zu nehmen, wenn es ihr zuviel wird. Das fand ich für die damalige Zeit scho nsehr beachtlich.

    Klettern ist viel mehr als nur ein Sport. Draußen sein in der Natur, am Fels, das ist eine Lebenseinstellung.


  • Vielen Dank Tammy. Man wächst ja bekanntlich nicht nur mit den Aufgaben, die man gestellt bekommt, sondern auch mit den Erfahrungen die man macht. Ich habe beschlossen, eine gewisse Sache unter "gemachte Erfahrungen" abzulegen und werde nun wieder die sein, die ich bin und mich nicht klein kriegen lassen. Also, mir geht es wieder gut, auch wenn ich einen kleinen Dämpfer verpasst bekommen habe. :breitgrins:


    Das ist die richtige Einstellung :knuddel:


    Kirsten : ja, Miss Kenton hat eine ziemlich moderne Auffassung von Beziehungen für die damalige Zeit. Ich finde es auch recht ungewöhnlich, dass ihr Mann dafür Verständnis zu haben scheint.


    Dass beide, Miss Kenton und Stevens, bei ihrem Zusammentreffen auf so viel "ungelebtes Leben" zurückschauen, hat mich wie Euch ein bisschen traurig gestimmt ...

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    (Agnès Varda)

  • Valentine : ich hatte das Gefühl, als ob Miss Kenton doch ein bisschen die Angst gepackt hat, als sie ihren Mann verlassen hat. Vielleicht wusste sie nicht, wohin sie gehen soll und ist deshalb wieder zurück gegangen. Aber sie scheint nicht unglücklich über ihre Entscheidung gewesen zu sein.

    Klettern ist viel mehr als nur ein Sport. Draußen sein in der Natur, am Fels, das ist eine Lebenseinstellung.

  • Eine solche Entscheidung ist ja heute noch mit Ängsten und Unsicherheiten befrachtet; wobei es damals sicher noch schwieriger für eine Frau war, nach einer Trennung auf eigenen Füßen zu stehen.


    Für ihre Verhältnisse klang es ziemlich resigniert, als sie (sinngemäß) sagte, sie sei zwar vielleicht nicht überglücklich, aber auch nicht wirklich unglücklich. Ich hätte ihr ein erfüllteres Leben gewünscht :traurig:

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    (Agnès Varda)

  • Ich hätte ihr ein erfüllteres Leben gewünscht :traurig:


    Ich auch. Nur nicht unglücklich sein reicht eben nicht.

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  • Andererseits: Wer ist schon nach sooo vielen Ehejahren überglücklich? Die meisten Ehepaare, sofern sie nicht sowieso geschieden oder getrennt sind, haben durchaus ihre Streitphasen, in dem sie es Miss Kenton gern nachmachen und sich absetzen würden, vermute ich mal. Und das sie mit Stevens "überglücklich" geworden wäre, glaube ich eigentlich auch nicht.

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr


  • Und das sie mit Stevens "überglücklich" geworden wäre, glaube ich eigentlich auch nicht.


    Das glaube ich auch nicht unbedingt. Aber wer weiß (man darf ja mal träumen ;) )



    Andererseits: Wer ist schon nach sooo vielen Ehejahren überglücklich? Die meisten Ehepaare, sofern sie nicht sowieso geschieden oder getrennt sind, haben durchaus ihre Streitphasen, in dem sie es Miss Kenton gern nachmachen und sich absetzen würden, vermute ich mal.


    Das stimmt, ohne Zoff geht es in keiner längeren Beziehung. Aber es gibt doch auch lange, glückliche Ehen. "Über"glücklich vielleicht selten, aber mehr als das, was Miss Kenton beschreibt, ist schon im Bereich des Möglichen.

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    (Agnès Varda)

  • Wobei ich meine mich zu erinnern, dass Miss Kenton schon damals als sie zu ihrem Mann gezogen ist nicht glücklich war. sagte sie nicht, dass erst ein ganze Zeit gedauert hat, bevor sie ihrem Mann liebevolle Gefühle entgegenbringen konnte? Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass ihr Fortgang von Darlington Hall fast ein wenig ein Erpressungsversuch Stevens gegenüber war, ganz so nach dem Motto: 'Schau nur. Wenn Du mich nicht willst, ist ganz schnell ein anderer da.' Warum hatte sie so unbedingt versucht, Stevens dazu zu bringen, sie genau an dem Abend dazubehalten, an welchem sie wusste, dass sie einen Antrag bekommen würde. Auch als sie dann wieder da war, und Stevens von dem Antrag erzählte, fragte sie ihn ja fast, ob sie ihn annehmen solle, als würde sie hoffen ihn dadurch wachzurütteln und ihn dazu zubewegen, ihr seine Liebe zu gestehen. Nachdem er dies aber nicht tat, hatte ich den Eindruck, als würde sie mit der schlechteren Alternative von dannen ziehen.


  • Wobei ich meine mich zu erinnern, dass Miss Kenton schon damals als sie zu ihrem Mann gezogen ist nicht glücklich war. sagte sie nicht, dass erst ein ganze Zeit gedauert hat, bevor sie ihrem Mann liebevolle Gefühle entgegenbringen konnte?


    Ja, jahrelang musste diese Liebe wachsen.


    Es war wohl richtig von Miss Kenton, eine Reaktion erzwingen zu wollen. Dann wusste sie wenigstens, woran sie war und ob es Zweck hatte, noch länger auf Stevens "Auftauen" zu warten.

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    Dieter Nuhr

  • Warum hatte sie so unbedingt versucht, Stevens dazu zu bringen, sie genau an dem Abend dazubehalten, an welchem sie wusste, dass sie einen Antrag bekommen würde. Auch als sie dann wieder da war, und Stevens von dem Antrag erzählte, fragte sie ihn ja fast, ob sie ihn annehmen solle, als würde sie hoffen ihn dadurch wachzurütteln und ihn dazu zubewegen, ihr seine Liebe zu gestehen.


    Leider hat er den Hinweis aber nicht verstanden. Oder vielleicht hat er ihn verstanden und beschlossen, ihn zu ignorieren. Sein Pech... aber leider auch ihres.

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