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Es gibt 20 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von sandhofer.

  • Hallo zusammen!


    Ich Euch schon mal aufgefallen, wie viele Klappen- bzw. amazon-Werbe-Texte mit "Eigentlich sollte/könnte/müsste/dürfte" beginnen? Unterdessen verspüre ich jedesmal, wenn ich so einen Klappentext lese, ein leichtes Würgen im Hals. (Meistens ist es dann noch ein Mann, der "eigentlich sollte/könnte/dürfte/müsste und meistens ist es ein erfolgreicher Mann, den man so definiert, dass er einen guten Job mit viel Lohn hat, ein eigenes Haus und eine gut aussehende Freundin. Freundin, nicht Frau.) Eigentlich sollte man solche Bücher einstampfen. Oder die Klappentexter ...


    Grüsse


    sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Eigentlich achte ich ja darauf, wie ich mich ausdrücke. :breitgrins: Aber ich habe mir mal den Spaß gemacht und über die Forumssuche danach gesucht, wie oft ich hier das Wort "eigentlich" verwende: Ich habe 30 Treffer erzielt. Also eigentlich finde ich das Wörtchen "eigentlich" gar nicht so schlimm ... :breitgrins:

    Andere Orte im Internet erkundet und für uninteressant befunden.

  • Nee, ist mir eigentlich noch nicht aufgefallen. Hast du mal ein paar Beispielbücher.


    Gruß, Thomas

  • Hihi, ja, das ist durchaus ein beliebtes Stilmittel bei den Klappentext-Textern, aber es gibt andererseits halt auch ziemlich viele Handlungsverläufe, die sich damit gut zusammenfassen lassen ;)

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Ich habe gerade ein paar Bücher von meinem SuB durchgesehen und konnte bisher keines entdecken, wo das Wort "eigentlich" verwendet wird. Aufgefallen ist es mir bisher aber auch nicht, dass es so sein soll. :zwinker:

  • Eigentlich sollte Julia rundum zufrieden sein - https://literaturschock.de/lit…/topicseen.html#msg712649


    Eigentlich sollte sich Kriminalhauptkommissar Viktor A. Monk ... - https://literaturschock.de/lit…/topicseen.html#msg726875 (gerade heute erst)


    Eigentlich könnte es Martin Keller bestens gehen ... - https://literaturschock.de/lit…/topicseen.html#msg726873 (auzch heute)


    Bin ich der einzige, der diese Texte liest? :smile:


    (Und ich habe jetzt nur nach "eigentlich sollte" und "eigentlich könnte" gesucht und nur in den Krimis der letzten 2 Quartale.)

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)


  • Bin ich der einzige, der diese Texte liest? :smile:

    ´


    Jetzt nicht mehr- ich habe sie auch gelesen :winken: Aber mir geht es wie MacOss- eigentlich finde ich dieses Wort gar nicht so schlimm :zwinker:

    Man muss mutig sein, damit du die Angst überwindest, das Unmögliche möglich zu machen.

  • Es ist ja nicht nur das Wort "egetnlich" - es ist "eigentlich + Modalverb-im-Konjunktiv". Das ist so was wie der nachts in der Ferne bellende Hund im Schauerroman.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Na ja, viele Bücher - ich denke da vor allem an Beziehungsromane/ -komödien - bauen ihren Spannungsbogen aus einer Abweichung vom Normalen auf.
    Und dann ergibt sich leicht die Formulierung "eigentlich könnte/ sollte (alles ganz normal sein), wenn da nicht (meine Handlug einsetzen würde)".


    Ich weiß nicht, ob diese Formulierung dort verwendet wird, aber mir fallen spontan Evelyn-Sanders-Romane ein. Ihre Kurzgeschichtensammlung heißt auch "Eigentlich wollte ich Blumen kaufen"! :zwinker:


    Alternative Formulierungen im Klappentext, gerade für Krimis oder Horrorromane, sind "... aber dann...", "... bis plötzlich/ eines Tages...".
    Solche Formulierungen häufen sich ja zwangsläufig, wenn man beschreiben will, wie die Handlung vom Normalen/ Erwarteten abweicht.


    Liebe Grüße von
    Keshia

    Ich sammele Kochbücher, Foodfotos und Zitate.


    <3 Aktuelle Lieblingsbücher: "The good people" von Hannah Kent, "Plate to pixel" von Hélène Dujardin und "The elegance of the hedgehog" von Muriel Barbery.

  • Dummerweise ist mittlerweile die Abweichung zum Normalen geworden. Ein Krimi, in dem der Alltag einfach weitergeht - das gibt es heute nicht mehr ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Haha, ich liess die Forensoftware meine "eigentlich" zählen und die Suche spuckte 30 Beiträge aus. Dabei fiel mir besonders der zu Sofi Oksanens Fegefeuer auf, da habe ich mich richtig ausgetobt und das Wort viermal verwendet...


    Mir ist die "eigentlich"-Häufung nicht aufgefallen, aber es ist halt so mit Formulierungen, die man nicht mag: Sie fallen einem auf (die Nerven).


    Mir geht es beispielsweise so mit Anmoderationstexten in Radio und TV, in denen diese Wendung vorkommt:


    "Sie sind klein, flauschig und bei Nicht-Allergikern höchst beliebt. Die Rede ist von Katzen."
    Ich nehme an, dass so etwas den meisten Leuten nicht auffällt, aber ich reagiere darauf ähnlich wie sandhofer auf "eigentlich", weil ich mittlerweile fest davon überzeugt bin, dass etwa jeder dritte Beitrag in privatrechtlich geführten Sendern (in der Schweiz) so anfängt.



    Dummerweise ist mittlerweile die Abweichung zum Normalen geworden. Ein Krimi, in dem der Alltag einfach weitergeht - das gibt es heute nicht mehr ...


    Das gibts ja beispielsweise auch bei massentauglichen Filmen nicht (mehr). Wenn da nicht mindestens drei Häuser in die Luft fliegen oder der Protagonist sich nicht alle fünf Minuten so blamiert wie normale Menschen vielleicht zweimal im Leben (je nachdem, ob man einen Actionstreifen oder eine romantische Komödie schaut), ists kein Film. Jedenfalls nicht in der Meinung des Durchschnittszuschauers, der halt ziemlich genau das vorgesetzt bekommt, was er sich wünscht.

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.

  • Mir geht es beispielsweise so mit Anmoderationstexten in Radio und TV, in denen diese Wendung vorkommt:


    "Sie sind klein, flauschig und bei Nicht-Allergikern höchst beliebt. Die Rede ist von Katzen."
    Ich nehme an, dass so etwas den meisten Leuten nicht auffällt, aber ich reagiere darauf ähnlich wie sandhofer auf "eigentlich", weil ich mittlerweile fest davon überzeugt bin, dass etwa jeder dritte Beitrag in privatrechtlich geführten Sendern (in der Schweiz) so anfängt.


    Hallo Alfa Romea,


    wie würdest Du denn das Interesse der Leute wecken.
    Um mal bei Deinem Beispiel zu bleiben: Fängt man schnöde mit "Katzen sollten Freigang haben..." oder etwas in der Art an, hat man schon alle Zuhörer verloren, die sich nicht für Katzen interessieren, ihren Katzen schon Freigang geben, glauben, genug über das Thema zu wissen usw.
    SElbst wenn dann noch etwas Hochinteressantes folgt, sind die weg.
    Mit der zitierten Anmoderation hört der Hörer erst mal hin, weil er wissen will, um was es geht (es könnten auch Gremlins oder Chinchillas sein) und in dieser Zeit kann der Moderator noch etwas interessantes sagen, dass den Hörer vielleicht länger als sonst aufmerken lässt.


    So geht es ja auch den Klappentextverfassern:
    Der potentielle Leser steht vielleicht am Regal in der Buchhandlung und nimmt alle möglichen Bücher kurz in die Hand. Wenn man den nun als Leser gewinnen möchte, muss der erste (Halb-)Satz sitzen, sonst wird das Buch schnell wieder weg gelegt bzw. in eine Schublade gesteckt und hat keine Chance.


    Aufmerksamkeit erhält heute oft ja nur noch, was ungewöhnlich und schon in den ersten Sekunden/ bei den ersten Worten interessant klingt.
    Alles was bekannt klingt, wird schnell als potentiell langweilig oder alter Hut ignoriert.


    Also ganz ernsthaft gefragt:
    Wie würdest Du dieses Dilemma ohne Stereotypie kreativ lösen?


    Liebe Grüße von
    Keshia

    Ich sammele Kochbücher, Foodfotos und Zitate.


    <3 Aktuelle Lieblingsbücher: "The good people" von Hannah Kent, "Plate to pixel" von Hélène Dujardin und "The elegance of the hedgehog" von Muriel Barbery.


  • Also ganz ernsthaft gefragt:
    Wie würdest Du dieses Dilemma ohne Stereotypie kreativ lösen?


    Ganz ernsthaft: Gar nicht.


    Ich kenne die wahnhaften Vorstellungen von Chefredaktoren bei elektronischen und Print-Medien, die besagen, dass man den Hörer/Zuschauer/Leser am Anfang des Beitrags oder in der Anmoderation packen muss, weil er sonst weg ist. Ich weiss auch, dass das in den meisten Lehrbüchern so steht. Ich halte es dennoch für falsch, besonders im Bereich der elektronischen Medien. (Dazu komme ich gleich.) Im Gegensatz dazu kann man einen Zeitungs-/Magazin-Leser mit einem guten Titel und einem spannenden Lead schon dazu verführen, einen Artikel zu beachten, den er sonst überblättert hätte - mit dem Resultat, dass die Enttäuschung dann umso grösser ist, wenn der Artikel dann nicht hält, was der Einstieg versprach. Deshalb bin ich der Meinung, dass man sich dort nur besonders kreativ werden soll, wenn der Artikel inhaltlich oder formal mindestens so aufregend ist. Sonst verkauft man eine Mogelpackung - das kann man ein paar Mal machen, aber irgendwann lässt sich der Leser auch nicht mehr in die Falle locken. Deshalb sollte man den Lead und den Titel auch immer erst am Ende des Artikels formulieren. Dann weiss man nämlich, ob ein sauberer Einstieg mit trockenen Fakten oder etwas Kreativeres angebracht ist.


    Dann zur anlockenden Anmoderation in Radio/TV: Es funktioniert schlicht nicht. Auch wenn die Chefredaktoren gerne eine andere Meinung vertreten. Du kannst mit einer interessanten Einleitung zwar Aufmerksamkeit wecken, sobald der Hörer/Zuschauer dann aber merkt, dass es doch wieder nur um Katzen geht, entscheidet einzig seine Vorliebe darüber, ob er dem Beitrag selber noch seine Aufmerksamkeit schenkt. Im besten Fall schaffst du dasselbe wie beim Print: du lockst ihn noch ein Stück weit in den Beitrag hinein, aber dann ist Sense.


    Ob ein Mensch sich einen Beitrag anhört/ansieht hängt zuletzt an einer guten Anmoderation. Vorher spielen noch ganz andere, von aussen nicht zu beeinflussende Faktoren eine Rolle, wie persönliche Vorlieben, Konsumsituation (höre ich den Beitrag während ich eigentlich konzentriert arbeite oder beim Stricken, wo ich den Kopf frei habe? Habe ich neben dem TV noch grad das Tablet in den Fingern und checke Twitter?) und Tagesform. So hart es klingt: du hast mit einer Anmoderation so gut wie gar keinen Einfluss darauf, wie aufmerksam der Hörer/Zuschauer das Folgende aufnimmt...


    Wenn du allerdings einen Beitrag hast, von dem du unbedingt möchtest, dass jeder den Einstieg hört, musst du radikal werden. Beispiel fürs Radio: Das letzte Musikstück klingt aus, dann kommst du (als Moderatorin) und sagst nur: "So. Und jetzt Katzen." Und dann spielst du den Beitrag ein. Diese Überrumpelungstaktik funktioniert, sie muss allerdings sparsam eingesetzt werden, weil das einerseits so ziemlich jedes ungeschriebene Gesetz der Anmoderation verletzt und zum anderen gewöhnt sich der Hörer mit der Zeit auch daran.


    Das Problem mit dem Stilmittel "Die Rede ist von..." ist nicht, dass es an sich schlecht wäre. Man kann das wirklich ab und zu bringen. Aber es wird für meinen Geschmack zu oft eingesetzt, weil es halt so praktisch ist. (Klammerbemerkung, weil das nicht zum Thema gehört: Das Tragische daran ist, dass der anschliessende Beitrag dann meist die elementarsten Dinge wie einfache Sätze und die korrekte Verwendung der Sprache vermissen lässt. Wobei Letzteres ein Phänomen ist, das vermutlich nur die Deutschschweiz betrifft. Ein sauberes Schweizerdeutsch bekommen die meisten Angstellten von Radio und TV nicht mehr hin. Es kommt gerne vor, dass Agenturtexte 1:1 vom Deutschen ins Schweizerdeutsche übersetzt werden und das hat dann etwa das Niveau einer Google-Translate-Übersetzung = nicht zu gebrauchen. Das Schlimmste daran ist, dass niemand interveniert und die Deppen mal fragt, ob sie im Alltag auch so reden würden. Aber das ist ein Phänomen, dass sich Leuten, die kein Schweizerdeutsch können, gar nicht vernünftig erklären lässt.)


    So viel dazu.


    Falls du dich übrigens dafür interessieren solltest, wie man gute Zeitungs- oder Magazintexte verfasst, lege ich dir den Deadline-Blog des Zürcher Journalisten Constantin Seibt ans Herz. Der verbreitet so nebenbei und für den Leser völlig kostenlos das wohl genialste Seminar für Schreiberlinge. Wenn man beherzigt, was der Mann schreibt, kann man sich jeden Schreibkurs für Journalisten sparen.


    :winken:


    Alfa Romea

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.

  • "Die Rede ist von" klingt auch in meinen Ohren nach und scheint mir typisch für das heute-journal im ZDF zu sein, bei den Tagesthemen wird weniger umständlich anmoderiert. Ich kann es aber nicht belegen. Vielleicht teilt jemand meine blasse Erinnerung.


    Gruß, Thomas

  • Falls du dich übrigens dafür interessieren solltest, wie man gute Zeitungs- oder Magazintexte verfasst, lege ich dir den Deadline-Blog des Zürcher Journalisten Constantin Seibt ans Herz. Der verbreitet so nebenbei und für den Leser völlig kostenlos das wohl genialste Seminar für Schreiberlinge. Wenn man beherzigt, was der Mann schreibt, kann man sich jeden Schreibkurs für Journalisten sparen.


    Boah. Was für ein hervorragender Link. Danke dafür.


    Gruß, Thomas

  • Ein sauberes Schweizerdeutsch bekommen die meisten Angstellten von Radio und TV nicht mehr hin. Es kommt gerne vor, dass Agenturtexte 1:1 vom Deutschen ins Schweizerdeutsche übersetzt werden und das hat dann etwa das Niveau einer Google-Translate-Übersetzung = nicht zu gebrauchen. Das Schlimmste daran ist, dass niemand interveniert und die Deppen mal fragt, ob sie im Alltag auch so reden würden. Aber das ist ein Phänomen, dass sich Leuten, die kein Schweizerdeutsch können, gar nicht vernünftig erklären lässt.


    Tatsächlich? Ich dachte immer, das liegt daran, dass die Moderatoren und -innen versuchen, einen hochdeutschen Text simultan ins Schweizerdeutsche zu übersetzen.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)


  • Tatsächlich? Ich dachte immer, das liegt daran, dass die Moderatoren und -innen versuchen, einen hochdeutschen Text simultan ins Schweizerdeutsche zu übersetzen.


    Das passiert auch, vor allem im Nachrichtensektor, wo die Leute entweder zu gestresst, zu faul oder zu unfähig sind, eine saubere Transkription zu machen. Mittlerweile ist diese unerträgliche Mischung aber auch in Beiträgen zu hören, die nicht unter Zeitdruck entstanden.


    Am schlimmsten finde ich es allerdings dort, wo sowieso keiner zuhört (ausser mir?): in der Werbung. Und ich spiele jetzt nicht mal auf das Grillen-Desaster von Coop an (lustiges Detail am Rande: nachdem es letzten Sommer noch hiess, man das sei jetzt nicht so tragisch, wurde es auf diese Saison hin konsequent geändert und es wird endlich wieder grilliert...). Ich meine eher die 1:1-Übersetzungen von Texten à la "Denn Kalk kann ihre Waschmaschine zerstören" --> "Dänn Chalch chan ihri Wöschmaschine zerstöre" --> Seid ihr noch zu retten? Und das sogar bei Off-Texten, wo sich die Macher nicht mal mit Problemen bei der Lippensynchronität rausreden könnten...


    Wenn man sich überlegt, was die Sendezeit für einen Werbespot kostet, frage ich mich, ob die das absichtlich machen. Ich meine, die nehme sich sogar die Mühe, einen Synchronsprecher aufzutreiben, der ihnen den Mist vertont. Kann ja nicht sein, dass da keiner zwei Minuten Zeit hat, sich zu überlegen, wie man das sauber formulieren könnte... oder der sich zumindest dafür einsetzt, dass das unmögliche "Dänn" gestrichen oder allerwenigstens durch ein "Well" ersetzt wird.


    Aber eben, ich wollte ja auf die Problematik gar nicht näher eingehen - das ist nun wirklich ein Thema für sich.


    klassikfreund: Gern geschehen - ich bin auch ganz begeistert von Seibts Texten (formal und inhaltlich).

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.