Thomas Hardy - Herzen im Aufruhr/Im Dunkeln (Jude the Obscure)

Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 52 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von tina.


  • Ob man damit auf 20-30 Seiten kommt, weiß ich nicht, aber es gibt schon zahlreiche Stellen, die für damalige Verhältnisse ziemlich deutlich, ziemlich fortschrittlich oder schlicht skandalös sind. Er sägt ja an so einigen Institutionen: der Klassengesellschaft, der Kirche, dem Universitätswesen und der heiligen Ehe.


    Das schon, aber ich hatte mit ganz konkreten Worten gerechnet. Durch die Blume haben ja auch andere Schriftsteller immer wieder gerne das System kritisiert (z. B. Jonathan Swift), aber das hat keinen Eklat ausgelöst, der den Urheber veranlasste, nicht mehr zu schreiben. Wenn jemand sehr direkt formuliert, gibt es kein Drumherum, dass er es vielleicht gar nicht so krass gemeint hat. Da lässt sich nichts mehr beschönigen. Aber so viele konkrete Stellen, die summa summarum auf 30 Seiten kommen, fand ich nicht. Wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass offene Kritik heutzutage ganz anders ausgedrückt wird als damals. Hardys Zeitgenossen sahen das sicher ganz anders.



    Little Father Time (wie heißt der eigentlich in der deutschen Ausgabe?)


    Der kleine Gnom. :rollen:


    Bis einschl. 6/Kap. VII
    Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um Sue. Sie empfindet sich noch als Frau von Phillotson. Der Tod der Kinder ist für sie ein Zeichen, dass Gott ihr Leben mit Jude nicht gut heißt. Obwohl sie weiß, dass es egoistisch ist, will sie zurück zu ihrem ersten Mann. Jude muss mit dieser Entscheidung leben, denn er hat keinen Einfluss mehr auf sie. Und sie geht davon aus, dass Phillotson sie wieder aufnimmt.


    Die alte Mrs Edlin ist die Einzige, die glaubt, dass Sue zu Jude gehört und erklärt, Sue solle ihrem Instinkt folgen und bei dem Mann bleiben, den sie liebt. Alle anderen wollen immer nur jemanden zufriedenstellen, sei es die Öffentlichkeit oder die Gefühle eines anderen Leidtragenden dieser unseligen Konstellation. Oder es wird Gottes Wille vorgeschoben. Eigentlich schön, wenn alle so selbstlos sind, aber wen macht das glücklich? Arabella taucht wieder auf und kommt unter einem Vorwand bei Jude unter. Sie macht sich daran, ihn wieder für sich einzufangen. Genau betrachtet ist sie Einzige, die aus Eigennutz handelt, wenn auch aus niedrigen Beweggründen.


  • Wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass offene Kritik heutzutage ganz anders ausgedrückt wird als damals. Hardys Zeitgenossen sahen das sicher ganz anders.


    Die Viktorianer waren ja Meister der Verblümerei, soweit ich weiß. Wahrscheinlich lasen die noch so einiges zwischen den Zeilen heraus, was uns heute gar nicht mehr auffällt, aus welchen Gründen auch immer.


    Zitat von Doris

    Der kleine Gnom. :rollen:


    Autsch!

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Die Viktorianer waren ja Meister der Verblümerei, soweit ich weiß. Wahrscheinlich lasen die noch so einiges zwischen den Zeilen heraus, was uns heute gar nicht mehr auffällt, aus welchen Gründen auch immer.


    Wir sind ganz anderes gewöhnt. Vieles, was damals Aufsehen errregend war, ist für uns ganz normal. Scheidungen sind heute an der Tagesordnung. Studieren darf auch jeder, der den nötigen Notendurchschnitt mitbringt. Dafür würden wir sofort nach der Lebensmittelkontrolle schreien, wenn der Metzger die Schweindärme im Bach wäscht.

  • Wie recht Du hast! Schon allein deshalb finde ich solche Klassiker(leserunden) so spannend - dieser Wandel der Zeiten, der Wahrnehmung und der gesellschaftlichen Werte ... und auch die Dinge, die sich niemals ändern wie die großen Gefühle oder auch Klatsch und Tratsch.

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    (Agnès Varda)

  • Ich habe mit Absicht nicht Eure letzten Beiträge gelesen, um nicht Dinge zu erfahren, die vielleicht noch geschehen werden. :breitgrins: Also kann es sein, dass meine Eindrücke von Euch schon genannt wurden.
    Das vierte Kapitel habe ich beendet und nun noch mehr Respekt vor Phillostone bekommen. Die Frauen in diesem Buch hinterlassen ja massenweise Scherbenhaufen.
    Sue geht mir allmählich immer mehr auf die Nerven. Diese quengelige Art und Weise ist einfach nur bescheuert. Sie will so unkonventionell sein, ist aber nicht in der Lage, Dinge differenziert zu betrachten. Sie sieht nur die Fehler bei anderen und vergisst dabei, dass sie auch kein Unschuldslamm ist. Hier wird von ihrer Seite mit zweierlei Mass gemessen und sie fühlt sich permanent ungerecht behandelt.
    Sie hat aber ein großes Problem. Sie will alles, dies mit allen erdenklichen Sicherheiten, aber sie selbst ist nicht in der Lage Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und einfach mal konsequent zu bleiben. Was sie allerdings mit ihrer Wankelmütigkeit anrichtet, dass ignoriert sie völlig.


    Was das Treffen mit Arabella anbelangt, das war wohl doch nicht so platonisch, denn wenn ich die "Dame" im Hotel richtig verstanden habe, waren die beiden wohl zusammen die Nacht über in ihrem Zimmer. So ein wenig Sex on-the-fly, welcher Mann kann da schon nein sagen, zumal es ja auch noch legal war. :breitgrins:


    Dumm nur, dass Sue es erfahren hat und nun eine Schnute zieht, wobei sie ja wohl nicht erwarten konnte, dass Jude wie ein Mönch lebt, wenn sie einen anderen heiratet.


  • Ich habe mit Absicht nicht Eure letzten Beiträge gelesen, um nicht Dinge zu erfahren, die vielleicht noch geschehen werden. :breitgrins:


    Am besten liest du auch den Klappentext nicht, so wie ich.



    Sue geht mir allmählich immer mehr auf die Nerven. Diese quengelige Art und Weise ist einfach nur bescheuert. Sie will so unkonventionell sein, ist aber nicht in der Lage, Dinge differenziert zu betrachten. Sie sieht nur die Fehler bei anderen und vergisst dabei, dass sie auch kein Unschuldslamm ist. Hier wird von ihrer Seite mit zweierlei Mass gemessen und sie fühlt sich permanent ungerecht behandelt.
    Sie hat aber ein großes Problem. Sie will alles, dies mit allen erdenklichen Sicherheiten, aber sie selbst ist nicht in der Lage Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und einfach mal konsequent zu bleiben. Was sie allerdings mit ihrer Wankelmütigkeit anrichtet, dass ignoriert sie völlig.


    Über Sue kann ich auch nur den Kopf schütteln. Dabei bin ich trotzdem hin- und hergerissen. Teilweise erscheint sie richtig berechnend, denn sie weiß, was ihre Fehler sind. Und doch handelt sie immer wieder so und erwartet danach, dass ihr verziehen wird, wenn sie reumütig ist. Wie ein kleines Kind, das etwas angestellt hat und einen danach so verschämt von unten ansieht, dass man fast nicht mehr böse sein kann. Ich glaube gar nicht, dass sie vergisst, dass sie kein Unschuldslamm ist. Sie sieht einfach großzügig darüber hinweg und begründet es damit, dass "sie nun mal so ist". Ich hasse diesen Satz, auch im wahren Leben. Damit entschuldigt man gar nichts, das ist bloß die einfachste Begründung. Wenn mir etwas an meinem Gegenüber liegt und sie oder er mit meiner Art nicht umgehen kann, versuche ich doch, mich zu mäßigen. Andererseits tut sie mir Leid. So richtig erwachsen ist sie noch nicht, da kann man nicht erwarten, dass sie sich so verhält. Manchmal wird man von seinen Gefühlen überwältigt und merkt erst lange danach, dass man mit seinem Verhalten andere verletzt hat.


    Bei Jude geht es mir ähnlich, auf die Dauer wird es auch zu viel mitanzusehen, wie er ständig Rücksicht nimmt. Damit wird er nicht weit kommen. Aber immerhin schadet er niemandem mit seinem Verhalten.

    Einmal editiert, zuletzt von Doris ()

  • Ja, Sue ist irgendwie ... unreif. Mal so, mal so, man weiß nie so recht, woran man bei ihr jetzt eigentlich ist :rollen: Durch das ständige Hin und Her wird sie immer unglaubwürdiger in ihren Ansichten.


    Doris, Du hast völlig recht damit, dass man zwar aus seiner Haut nicht heraus kann und jeder Fehler macht, es aber echt blöd ist, so gar nicht auf den anderen einzugehen.


    Jude hätte eigentlich Besseres verdient als das ewige Herumgeeiere, auch wenn ich ihn Sue gegenüber, wie Ihr, schon etwas zu verständnisvoll finde. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sie mehr liebt als sie ihn.

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    (Agnès Varda)

    Einmal editiert, zuletzt von Valentine ()

  • Arrgh, ich kann nicht warten bis der nächste Teil zu Ende ist. Ich rege mich dermassen auf, dass ich platzen könnte. Ich rege mich deshalb so auf, weil es solche bescheuerten Pissnelken auch heute noch gibt, die sich in die Angelegenheiten anderer einmischen, ihren völlig geistlosen Senf dazu geben, Leute anschwärzen, weil sie selbst s o ein mickriges Leben haben, dass keine Aufregung und nicht interessantes zu bieten hat. Da wird dem nächsten kein Quentchen Glück gegönnt und sie freuen sich darüber, wenn sie einen in die Pfanne hauen können.


    Ich beziehe mich hier auf den 5. Teil Kapitel 6, als die beiden ihre Beschäftigung verlieren, weil solche blöden A... unbedingt ihr Privatleben an die große Glocke hängen müssen. Was stört es denn, wenn die beiden hervorragende Arbeit leisten. :grmpf:

  • Das ist wirklich das Letzte - aber natürlich war es hoch skandalös, dass ein solches Paar in einer Kirche arbeitet! :rollen: (Hier fand ich übrigens die Beschreibung der Arbeit total schön.)

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    (Agnès Varda)


  • Das ist wirklich das Letzte - aber natürlich war es hoch skandalös, dass ein solches Paar in einer Kirche arbeitet! :rollen:


    Für die damalige Zeit kann ich ja noch Verständnis aufbringen, aber diese Diskriminierung ist auch heute noch der Fall. Ich denke nur an den Bericht über eine lesbische Frau, der nahegelegt wurde zu kündigen. Schlimm, dass einer der landesweit größten Arbeitgeber so agiert.



    Ich bin gestern mit dem Buch fertig geworden. Wie es endet, habe ich ja schon dem Klappentext entnommen. Unvorbereitet hätte ich das Ende in dieser Form nicht erwartet. Ich weiß genau, dass ich mit einem glücklichen Ende gerechnet hätte, obwohl das bei Hardy ja nicht immer für alle Beteiligten eintritt. Er beschreibt bestimmt nichts außergewöhnliches für diese Zeit, aber das Buch hat so eine negative Grundstimmung und so viele unsympathische Protagonisten, dass es für mich den letzten Platz in der meiner Rangliste der Hardy-Bücher einnimmt. Ich lasse es noch ein bisschen sacken und nachwirken. Mal abwarten, was mir und euch noch dazu einfällt.

  • Ich habe vorhin den 6. Teil begonnen bis zum 4. Kapitel und ich gestehe dass ich wirklich geschockt war.



    Ich wollte ich hätte den Klappentext gelesen, dann hätte mich das nicht so getroffen. Allerdings hätte es noch viel schlimmer sein können. Hardy hat den kleinen Jude ja nicht wirklich gut beschrieben, sondern immer wieder eher am Rande erwähnt, so dass dieses Kind relativ farblos blieb und ich somit zu ihm nicht den Bezug hatte, den ich ansonsten bei den Hardy Protagonisten finde.
    Jetzt dreht Sue ganz durch und nun empfinde ich einfach nur noch unendliches Mitgefühl mit ihr. Ich habe Ihr ab diesem Teil alles vergeben und vergessen. :sauer:



    Er beschreibt bestimmt nichts außergewöhnliches für diese Zeit, aber das Buch hat so eine negative Grundstimmung und so viele unsympathische Protagonisten, dass es für mich den letzten Platz in der meiner Rangliste der Hardy-Bücher einnimmt.


    Genauso ergeht es mir auch. Ich muss gestehen, dass ich auch bei diesem Buch mit einer Liebesgeschichte, eingebettet in eine wundervolle südenglische Landschaft, gerechnet habe und genau das bräuchte ich auch zur Zeit, da es mir wirklich seelisch bescheiden geht - tja und dann das! :rollen:


    Diese Geschichte ist letztendlich das krasse Gegenteil von dem, was mir momentan gut tun würde, aber ich lese sie jetzt zu Ende, schon alleine wegen der Leserunde.
    Auch bei mir wird dieses Buch an letzter Stelle meiner Hardys stehen, obwohl es genau so gut geschrieben ist wie die anderen, was Stil und Ausdruck anbelangt, aber die von Doris erwähnte düstere Grundstimmung ist man von ihm so nicht gewohnt.


    So, nun werde ich noch die letzten Seiten lesen und auch ich werde es noch einen Tag sacken lassen müssen, bis ich zu einem Fazit komme.


  • Für die damalige Zeit kann ich ja noch Verständnis aufbringen, aber diese Diskriminierung ist auch heute noch der Fall. Ich denke nur an den Bericht über eine lesbische Frau, der nahegelegt wurde zu kündigen. Schlimm, dass einer der landesweit größten Arbeitgeber so agiert.


    Ja, das ist leider eines dieser Dinge, die sich seit Hardys Zeit nicht wirklich geändert haben :grmpf:

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)