Doris Lessing - Afrikanische Tragödie

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    Inhalt:
    Die Farmersfrau Mary Turner ist von ihrem schwarzen Hausdiener ermordet worden. Der Fall wird als typisches Verbrechen eines "minderwertigen Schwarzen" heruntergespielt. Erst im Lauf der Erzählung, die in den dreißiger und vierziger Jahren in Rhodesien spielt, erfährt man, wie es unausweichlich zu diesem Mord kommen mußte. Mary ist in sehr ärmlichen Verhältnissen groß geworden. Enge Freundschaften, emotionale Bindungen geht sie nicht ein. Sie merkt nicht, dass sie dazu gar nicht fähig ist. Um nicht zur alten Jungfer zu werden, heiratet sie mit Dreißig den Farmer Richard Turner und geht mit ihm auf seine einsame Farm. Sie stellt fest, dass ihr Mann nie aus seiner finanziellen Misere herauskommen wird. Mary verfällt schließlich zunehmend in Apathie. Eines Tages wird der schwarze Farmarbeiter Moses, dem sie einmal jähzornig mit der Peitsche ins Gesicht geschlagen hat, als Diener ins Haus geholt. Mary hat Angst vor ihm. Sie ahnt, dass er sich für den Peitschenhieb, der ihn zutiefst gekränkt hat, rächen wird.


    Start: 24. Januar 2014


    Teilnehmer:


    Jari
    kleinerHase
    Tina


    Viel Spaß bei dieser Leserunde, auch den TeilnehmerInnen, die noch spontan dazustoßen!

  • Ich bin auf Seite 50 und bisher gefällt mir die Geschichte sehr gut. Auch der Schreibstil gefällt mir. Er ist anspruchsvoll, doch nicht zu schwer. Lessing scheint ein gutes Auge für wichtige Details zu haben. Das erste Kapitel hat mich sehr neugierig auf Marys Geschichte gemacht und ihre Person gefällt mir im angebrochenen zweiten Kapitel sehr gut. Nun bin ich auf die Tragödie gespannt, die Doris Lessing bereits so gut heraufbeschworen hat.

    //Grösser ist doof//

  • Ich habe gerade das erste Kapitel gelesen und mir geht es wie Dir. Ich möchte jetzt gerne wissen, was wirklich geschehen ist und wie der wahre Charakter der Beteiligten aussieht. Mit Sicherheit kommt da noch einiges zu Tage, was zu dem Mord geführt hat. Dass es sich um einen Raubmord gehandelt hat, glaube ich nicht.


    Ich finde die Beschreibung von Slatter sehr interessant. Er scheint ein sehr ambivalenter Typ zu sein und ich habe den Eindruck, als könne sich die Autorin selbst gar nicht entscheiden was sie von ihm halten soll. Einerseits wird er negativ beschrieben, dann im nächsten Satz wird dies fast schon wieder relativiert.
    Ausserdem bin ich neugierig, ob Tony in Rhodesien bleibt oder zurückkehrt, denn eigentlich erwarte ich nur von ihm eine objektive und detaillierte Beschreibung der Vorfälle auf der Farm.


    Ich werde vielleicht heute Abend weiterlesen. Mal sehen, wie ich mich darauf konzentrieren kann.


  • Dass es sich um einen Raubmord gehandelt hat, glaube ich nicht.


    Das glaube ich auch nicht. Es ist so einfach, dem Schwarzen die Schuld zu geben. Die sind sowieso an allem Schuld, das macht es einfacher. Ich bin wirklich neugierig darauf, was da alles im Busch liegt.



    Ich finde die Beschreibung von Slatter sehr interessant. Er scheint ein sehr ambivalenter Typ zu sein und ich habe den Eindruck, als könne sich die Autorin selbst gar nicht entscheiden was sie von ihm halten soll. Einerseits wird er negativ beschrieben, dann im nächsten Satz wird dies fast schon wieder relativiert.
    Ausserdem bin ich neugierig, ob Tony in Rhodesien bleibt oder zurückkehrt, denn eigentlich erwarte ich nur von ihm eine objektive und detaillierte Beschreibung der Vorfälle auf der Farm.


    Ich hoffe auch, dass Tony der Geschichte noch erhalten bleibt. Er war mir von Anfang an sympathisch, da er aus dem Gehabe der anderen Leute heraussticht. Bei Slatter habe ich das Gefühl, dass er tiefer in der Sache drinsteckt, als man im ersten Kapitel vielleicht denken mag. Er weiss bestimmt irgendetwas, auch wenn es vielleicht nur etwas Kleines ist.

    //Grösser ist doof//


  • Bei Slatter habe ich das Gefühl, dass er tiefer in der Sache drinsteckt, als man im ersten Kapitel vielleicht denken mag. Er weiss bestimmt irgendetwas, auch wenn es vielleicht nur etwas Kleines ist.


    Das Gefühl hatte ich bei fast allen, ausser Tony. Ich glaube er war der einzige, der nicht begriff, was da geschehen war, bzw. die erklärende Vorgeschichte kannte und ich bin mir sicher, da gibt es eine.

  • Ich habe gerade das fünfte Kapitel beendet. Mary hat nun alle meine Sympathien verloren. Sie tut mir zwar irgendwie leid, aber trotzdem empfinde ich sie im Moment als Zicke. Man ist früher nicht gut mit den schwarzen Arbeitern umgegangen, aber Marys Verhalten finde ich einfach nur... blöd? :gruebel: Mir jedenfalls tun die Schwarzen leid und kann verstehen, dass sie sich baldmöglichst wieder verziehen.

    //Grösser ist doof//

  • Ich habe das 4. Kapitel gelesen und es tut mir Leid, dass Mary sich so hat beeinflussen lassen. Sie war zufrieden mit ihrem Leben und wenn ihr kein Mann gefehlt hat, dann war es doch in Ordnung. Warum meinen Menschen immer das Mass aller Dinge zu sein und zu wissen was für andere gut ist. Wenn man dann natürlich hört, was hinter dem eigenen Rücken getuschelt wird, dann verliert man schnell jegliches Vertrauen in seine Umwelt.
    Dass Mary sich aber dann dazu entschlossen hatte zu heiraten, nur um zu heiraten, fand ich ziemlich bescheuert, Warum? Nur wegen dem was andere sagen? Sie hatte ein so gutes Leben, war ihr eigener Herr, musste niemanden Rechenschaft ablegen und lebt in einem gewissen Wohlstand.
    Nun sitzt sie mitten im Busch in einer heruntergekommenen Behausung und ist erschrocken. :rollen:
    Das die Heirat ein großer Fehler war, kann man schon an dem ersten Tag dort erkennen.
    Samson tut mir Leid, weil nun ein Eindringling erscheint, der alles geregelte aus dem Lot bringt und nur für Ärger sorgt.

  • Wobei man nicht vergessen darf, in welcher Zeit Mary lebt. Ich gehe mal davon aus, dass es die 40er oder 50er sind. Da giltet man nichts als unverheiratete Frau. Es ist sehr traurig, dass Mary das passiert ist, aber wenn man bedenkt, welchen Zwang die Gesellschaft damals auf die Frauen ausübte, ist es verständlich, dass sie irgendwann nachgegeben hat. Hätte sie dieses blöde Gespräch doch niemals belauscht, dann hätte sie ein schönes, ruhiges Leben haben können... Obwohl ich denke, dass sie das Getuschel früher oder später mitbekommen hätte. Aber vielleicht hätte sie es mit 40 oder 50 nicht mehr so beeindruckt?

    //Grösser ist doof//

  • Ich bin ja leider bisher nur bis zum ersten Kapitel gekommen und hoffe, heute/morgen noch etwas aufholen zu können.


    Das Gefühl hatte ich bei fast allen, ausser Tony. Ich glaube er war der einzige, der nicht begriff, was da geschehen war, bzw. die erklärende Vorgeschichte kannte und ich bin mir sicher, da gibt es eine.


    So ging es mir auch.
    Vor allem fand ich es verstörend, dass man über Tonys Bericht einfach so weggesehen hat und es mit den Worten "Das können Sie bei der Verhandlung sagen" abgetan hat. Ich hoffe, dass ich im Verlauf der Geschichte schnell erfahre, was für Charaktere die Turners sind/waren.


  • Obwohl ich denke, dass sie das Getuschel früher oder später mitbekommen hätte. Aber vielleicht hätte sie es mit 40 oder 50 nicht mehr so beeindruckt?


    Ja, vielleicht hätte sie dann ausreichend Selbstbewusstsein gehabt um zu sagen: "Dann redet doch was ihr wollt." Vielleicht hätte sie auch erkannt, dass hinter solch einem Gerede ganz oft sehr viel Neid steckt auf eine Frau, die alle Freiheiten hat und sich niemals irgendjemandem gegenüber rechtfertigen muss.


    Da ich nun auch das fünfte Kapitel gelesen habe kann ich Deine Gedanken gut nachvollziehen. Es ist menschenverachtend wie Mary die Hausangestellten behandelt und es schmerzt, wenn man so etwas liest. Allerdings muss man sagen, dass es damals so Usus war und von den Eingeborenen ja ganz oft als "Wilde" gesprochen wird. Das soll auf keinen Fall eine Rechtfertigung sein, aber vielleicht eine Erklärung. Auch Dick behandelt seine Arbeiter als zweitklassische Menschen.


    FÜr Mary kann ich auch keine Sympathien empfinden, nur Bedauern, dass es überhaupt so weit kommen musste. Sie ist es gewohnt für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, sie hat sehr gut gelebt und ihr hat es niemals an etwas gemangelt. Weder an Freunden, noch an Beschäftigung, Freizeit und Geld. Nun hat sie geheiratet und sie hat sich dermassen in ihrem Lebensstandard und somit auch ihrer Zufriedenheit verschlechtert, dass es eigentlich unerträglich sein muss. Ich habe mich selbst gefragt, was ich den ganzen Tag auf so einer Farm machen würde und mir graute davor. Weit ab von jeder Zivilisation und Kultur, die vertraut ist.


    Letztendlich sieht man jetzt schon, dass dieses ganze Geschichte nur in einer Tragödie enden kann.

  • Auch die Farmer sehen auf die Arbeiter herab, damals war es Gang und Gäbe. Dick ist immerhin noch einigermassen menschlich zu ihnen. Ich fand es lieb, dass er Samson damals immer etwas zu Essen extra gab. Aber Mary ist da sehr deftig. Psychologisch nachvollziehbar: Wie du sagst, hatte sie ein gutes Leben ohne Verzicht, und jetzt sitzt sie plötzlich in der Pampa. Ihren ganzen Frust lässt sie an den Arbeitern aus, die sich nicht wehren können. Die "Wilden" sind für Mary das Symbol ihrer Ohmacht, des Elends, in dem sie sich befindet. Wahrscheinlich ist sie sich dessen gar nicht bewusst, es ist einfach ein Programm, das in ihrem Gehirn abläuft.

    //Grösser ist doof//


  • Die "Wilden" sind für Mary das Symbol ihrer Ohmacht, des Elends, in dem sie sich befindet. Wahrscheinlich ist sie sich dessen gar nicht bewusst, es ist einfach ein Programm, das in ihrem Gehirn abläuft.


    Damit hast du sicher Recht.
    Besonders deutlich wird es im 6. Kapitel.
    Ich hatte mich schon die ganze Zeit gefragt, warum sie nicht wieder in die Stadt zurückkehrt, zu ihren alten Bekannten, ihrer Arbeit und ihrer Selbstständigkeit, aber wie ich sehen musste, war das wohl nicht mehr möglich. Irgendwie war mir auch gar nicht bewusst, dass schon 6 Jahre vergangen waren und wie sehr sie sich verändert hatte. Ich fand es so tapfer von ihr, ihren Stolz hinunterzuschlucken und den Weg in die Stadt zu nehmen und dann die Enttäuschung, festzustellen, dass sie hier niemand mehr will. Das tat mir so leid.
    Wenn es funktioniert hätte wäre es das beste für alle Beteiligten gewesen und man hätte es als eine Lebenserfahrung verbuchen können, aber so kam es denn nun doch nicht.


    Ich kann übrigens ihren Zorn auf Dick verstehen. Er ist einfach unfähig, etwas zu Ende zu bringen. Er will mit den großen Hunden pinkeln, bekommt aber das Bein nicht hoch. Er ist so realtitätsfremd, dass man ihn schütteln könnte, vor allem weil er auch keinen Rat annimmt und immer wieder denkt, jetzt macht er das große Geld. :rollen:


    Ich muss feststellen, dass Doris Lessing hervorragend schreibt, denn die Geschichte nimmt mich richtig mit.

  • Obwohl ich ihre Flucht auch etwas kindisch fand. Sie hatte gar nichts geplant und denkt sie wirklich, dass sie so einfach wieder in ihr altes Leben zurück kann? Nach sechs Jahren? Dass jeder sie mit offenen Armen empfangen wird? Diese Gedanken sind doch sehr realitätsfremd.

    //Grösser ist doof//

  • Ja natürlich ist es realitätsfern, aber mit zunehmender Verzweiflung gerät rationales in den Hintergrund. Da denkt man manches Mal: "Nur noch weg hier".


  • Dass Mary sich aber dann dazu entschlossen hatte zu heiraten, nur um zu heiraten, fand ich ziemlich bescheuert, Warum? Nur wegen dem was andere sagen? Sie hatte ein so gutes Leben, war ihr eigener Herr, musste niemanden Rechenschaft ablegen und lebt in einem gewissen Wohlstand.
    Nun sitzt sie mitten im Busch in einer heruntergekommenen Behausung und ist erschrocken. :rollen:
    Das die Heirat ein großer Fehler war, kann man schon an dem ersten Tag dort erkennen.
    Samson tut mir Leid, weil nun ein Eindringling erscheint, der alles geregelte aus dem Lot bringt und nur für Ärger sorgt.


    Ohne das Gespräch, das sie belauscht hat, hätte sie sicher nicht dieses innere Bedürfnis in Form dieser Unruhe entwickelt, sich zu verheiraten.
    Ich stimme euch zu: sie hätte sicherlich ein schönes Leben haben können, allerdings hätten irgendwann alle öffentlich über sie gesprochen, wenn noch länger nicht verheiratet gewesen wäre.


    Die Beschreibungen, wie sie ihren zukünftigen Mann kennenlernt fand ich allerdings lustig. Sie trägt Hosen und dann nimmt er sie nicht mehr als weibliches Wesen wahr. :breitgrins:

  • Ich stecke grad mitten im neunten Kapitel und obwohl mir die Augen weh taten, las ich bis zur Endstation. Mir gefällt Lessings Ausdruckweise richtig gut.
    Aber die Beschreibungen von Marys Zustand in Kapitel acht waren entsetzlich. Die arme Frau! Ich hielt es fast nicht aus, zu lesen, wie sie mehr und mehr kaputt geht :sauer: Aber jetzt, im neunten Kapitel, wird es wieder sehr spannend: Samson kommt in den Haushalt.

    //Grösser ist doof//

  • Du bist im neunten Kapitel? Wow! Ich bin gerade mal bis zum sechsten gekommen. :redface:

  • Momentan lese ich eigentlich auch nur Uni-Sachen nebenher. :breitgrins:


    Was ich von Mary halten soll, weiß ich übrigens noch nicht.
    Sie hat keinerlei Gefühle für ihren Ehemann, scheint zudem eine herrschsüchtige Persönlichkeit zu sein, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe für etwas Besseres hält. So etwas kann mich richtig nerven! Allerdings erkenne ich es an, dass sie nun auf der Farm kein leichtes Leben hat. Ihr Ehemann tut mir jedoch auch Leid. Nicht nur, dass er seinen alten Hausangestellten Samson verloren hat, er hat sich Liebe, Zuneigung und Kinder erhofft und was hat er bekommen? Bestenfalls eine Freundin, die manchmal nett zu ihm ist. Alles in allem hat keiner von ihnen es besonders gut.

  • Mir geht es bei Mary wie dir, kleinerHase. Einerseits kann ich ihr Verhalten nicht billigen, andererseits tut sie mir leid. Jedoch war es damals leider gang und gäbe, dass man sich als Weisser für etwas besseres hielt... :sauer:
    Dick ist ein armer Mensch. Er hätte sich besser ein Mädchen aus der Umgebung geholt, das das Leben auf der Farm kennt. Eine Frau aus der Stadt (die sogar Hosen trägt!) wird mit einem entbehrungsreichen Leben auf der Farm nur schwerlich glücklich.
    Zum Glück ist es zumindest bei uns nicht mehr Standart nur des Heiratens wegen zu heiraten. Wohin das führt, das sehen wir hier ja...

    //Grösser ist doof//