Andreas Eschbach - Todesengel

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  • Hi zusammen


    Ich staune, dass es zu diesem Buch noch keinen Thread gibt, es ist ja schliesslich schon über ein halbes Jahr draussen und hier gibt es doch einige fleissige Eschbach-Leser... Aber ich mache gerne den Anfang mit meiner Besprechung ;)


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    Inhalt:
    Der Rentner Erich Sassbeck ist auf dem Heimweg, als er in einer U-Bahn-Station zwei Jugendliche sieht, die eine Sitzbank demolieren. Da sonst weit und breit niemand zu sehen ist, fordert er sie auf, das zu lassen. Die Jugendlichen lassen die Bank darauf tatsächlich in Ruhe, um sich stattdessen an Sassbeck auszulassen. Als er zusammengeschlagen am Boden liegt und nur darauf wartet, dass ihm die beiden den Rest geben, taucht aus dem Nichts ein weisser Engel auf, der die Täter mit gezielten Kopfschüssen hinrichtet. Es ist das erste, aber nicht das letzte Mal, dass der Racheengel Menschen in akuter Not hilft und bald entbrennt eine Debatte darüber, ob eine solche Form von Selbstjustiz (an einen wahren Engel mag niemand wirklich glauben) in Ordnung oder ein Verbrechen ist.


    Meine Meinung:
    In Andreas Eschbachs Büchern geht es oft um die ganz grossen Fragen von westlichen Gesellschaften. Diesmal geht es um ein kleineres, aber in den letzten Jahren immer wieder höchst kontrovers diskutiertes Thema: Welche Strafe ist für Gewalttäter angemessen? Reichen die Mittel unserer Justiz aus oder wäre es nicht angebrachter, nach dem Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn" vorzugehen. Aus dem Stand würden die meisten zivilisierten Menschen wohl Ersteres wählen, aber es wird schon schwieriger, wenn die Justiz Opfer zu Tätern macht, wie in "Todesengel" an ein paar eindrücklichen Beispielen illustriert. Da ist der Lehrer für Selbstverteidigung, der von vier bewaffneten Jugendlichen grundlos angegriffen wird, zunächst versucht, zu deeskalieren und dann am Ende alle zusammenschlagen muss, um seine Haut zu retten. Darauf bekommt er eine Anzeige wegen Körperverletzung, weil seine Notwehrmassnahmen möglicherweise das zulässige Mass überschritten haben. Solche Fälle sind ebenso Realität wie rückfällige Täter, die von Normalbürgern gerne als tickende Zeitbomben wahrgenommen werden und die man teilweise am liebsten für immer hinter Gittern sähe. Das dabei ewig vorgebrachte Argument, dass die Opfer ja auch eine lebenslange Strafe zu erdulden hätten (sofern sie überhaupt noch leben), fehlt dabei natürlich auch nicht.


    Mit dem Racheengel, der irgendwie immer zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein scheint, rührte Eschbach auch bei mir erfolgreich an die Instinkte, die finden, das sei jetzt aber schon richtig, dass die bösen Buben die Strafe erhalten, die sie für ihre Opfer in Kauf nehmen würden. Dabei weiss ich ganz genau, dass unser Rechtssystem der Sanktion von Straftaten dient und kein Racheinstrument ist. Mir ist klar, dass wenn man einen Vergewaltiger 30 Jahre (oder länger) ins Gefängnis schicken wollte, man bei Mördern vermutlich die Todesstrafe mit vorangehender Folter einführen musste. Und das befürworte ich nicht. Eschbach schafft es, diese rationale, eigentlich feste Meinung gelegentlich ins Wanken zu bringen. Er spielt sehr geschickt mit den Emotionen des Lesers, ich habe mich viel eher in die Opfer einfühlen können, weil ich mich als friedfertigen Menschen sehe, der sehr viel wahrscheinlicher zusammengeschlagen wird als mal selber jemanden zu verprügeln.


    Es kommt noch dazu, dass die Symphatieträger in dem Buch klar machen, dass aus ihrer Sicht von Behörden und Psychologen zu schnell Erklärungen oder Entschuldigungen für das Handeln der Täter ("Er hatte eine schwere Jugend, er wurde systematisch vernachlässigt, er hatte keine Perspektive im Leben...") gesucht werden, während sich niemand um die Leiden der Opfer zu kümmern scheint. Und auch das Zelebrieren der Täter in den Medien (Lebensläufe, Hintergründe, Expertenmeinungen) - das ich persönlich übrigens zum Kotzen finde - wird in dem Buch kritisiert. Opfer verkaufen keine Zeitungen, bringen keine Einschaltquote, sind nicht sexy. Täter schon. Leider nur allzu wahr.


    In diesem Sinne war die Lektüre trotz des gewohnt sauberen, schnörkellosen Schreibstils, anstrengend. Für mich war es eine Gelegenheit, meine Meinung zu Selbstjustiz und gerechter Strafe für Gewalttäter auf den Prüfstand zu stellen. Das Ende der Geschichte war genauso brutal wie manche der vorangegangenen Taten, es hat aber vieles ins - wie ich finde - letztlich richtige Licht gerückt. Ende gut, alles gut kann man bei diesem Buch wahrlich nicht sagen, aber es ist bestes Lehrmaterial für ein emotional sehr stark besetztes Thema.


    Fazit:
    Leseempfehlung für alle, die sich für das Thema Jugendgewalt und den Umgang unserer Gesellschaft damit interessieren und dazu mal etwas anderes lesen möchten, als Experteninterviews.


    8 von 10 Punkten gebe ich dafür.

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.