Shirley Jackson - Wir haben schon immer im Schloss gelebt

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 8 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von illy.

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    Klappentext:


    Ich heiße Mary Katherine Blackwood. Ich bin achtzehn Jahre alt, und ich lebe zusammen mit meiner Schwester Constance. Ich habe oft gedacht, dass ich mit ein bisschen Glück als Werwolf auf die Welt gekommen wäre, weil Mittel- und Ringfinger an beiden Händen gleich lang sind, aber ich muss mich mit dem zufriedengeben, was ich nun einmal bin. Ich wasche mich nicht gern und mag weder Hunde noch Lärm. Ich mag meine Schwester Constance, Richard Plantagenet und Amanita phalloides, den grünen Knollenblätterpilz. Sonst lebt niemand mehr von meiner Familie.

    Meine Meinung:


    Selten habe ich ein Buch gelesen, das so viel Wucht hat wie dieses. Das so beklemmend, ausweglos und verführerisch ist wie dieses.


    Shirley Jackson ist eine ausgezeichnete Autorin. In den USA gehört sie zum Kanon, in Deutschland ist sie weitgehend unbekannt. Sicher - im Bereich des Unheimlichen, des psychologischen Horrors ist sie durchaus ein Name, doch ihre Texte sind mehr als bloße Schauergeschichten, Gruselsezenarien und Gothic Novels. Shirley Jacksons Texte sind literarisch.


    "Wir haben schon immer im Schloss gelebt" ist nur hundertsiebzig Seiten lang, ein unauffälliges kleines Bändchen. Der Klappentext verspricht die Geschichte zweier Mädchen, Geschwister, die nach einem verheerenden Unglück als einzige Überlebende der Familie in einem Schloß weiterleben. Vom Dorf werden sie geächtet, und keine der beiden bemüht sich, diesen Umstand zu ändern.


    Dies also ist die Geschichte, die auf der Oberfläche erzählt wird. Mit großer Spannung und einer blutvollen Sprache. Doch es ist eben nur die Geschichte auf der Oberfläche. Bereits nach einer Seite merken wir, daß hier noch eine zweite, eine ganz andere Geschichte erzählt wird: Wir befinden uns womöglich mitten in einem psychotischen Hirn. Langsam spüren wir: Nichts ist so, wie wir es lesen.


    Dies ist ein Schauerroman und es ist keiner. Die Geschichte ist zugleich real lesbar und als Bild. Natürlich gibt es dieses Schloss, aber nur auf der Oberfläche der Geschichte. Tauchen wir ein wenig tiefer in unser eigenartiges Gefühl beim Lesen, tauchen UNTER die Oberfläche, wird dieses Schloss zum Hirn eines Menschen, der dieses Buch erdenkt. Es gibt nur diese eine Hirn, und in diesem leben die beiden Schwestern. Alles geschieht jetzt. In der Gegenwart, in einer einzigen Person. Wir sind Zeuge, wie ein Hirn zugrunde geht. Es ist eine verstörende, eine tief berührende und zugleich verführerische Geschichte des Wahnsinns.


    Das Starke an diesem Buch ist sein Humor. Ja, es ist düster, doch zugleich humorvoll, kein schwarzer Humor, sondern echte Leichtigkeit. Wie in ihrem bekanntesten Roman "Spuk in Hill House" vermag es Shirley Jackson auch in diesem Buch, durch die Leichtigkeit jenen Kontrast herzustellen, der das Kranke, Schwere und Psychotische erst unentrinnbar macht.


    Fazit:


    "Wir haben schon immer im Schloss gelebt" ist ein erstklassiges Buch. Geschrieben in einer ungewöhnlich fantasievollen und dabei doch knappen Sprache, mit einer Soghaftigkeit, die ihresgleichen sucht.
    Lest es nicht, wenn ihr gerade labil und angreifbar seid - es wird euch mit Leichtigkeit in jene Zwischenbereiche ziehen, die riskant und von verstörender Verführungskraft sind. Lest es, wenn ihr stark seid. Und genießt seine dunkle Schönheit!

    :winken:

  • Hallo ihr Lieben,


    dank TAMKA habe ich endlich mein erstes Shirley Jackson Buch gelesen und bin ebenso begeistert wie Dark Swan. :zwinker:


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    Inhalt:
    Mary Katherine und ihre Schwester Constance Blackwood leben zusammen mit ihrem Onkel Julian außerhalb des Dorfes in ihrem großen, schönen Haus. Von den Dorfbewohnern werden sie gemieden, sogar gefürchtet, denn vor einigen Jahren ist etwas Schreckliches im Blackwood-Haus passiert....


    Meine Meinung:
    Wer sich gerne gruselt, ohne es gleich mit Monstern oder Geistern zu tun haben zu wollen, der ist hier an der richtigen Adresse. Mary Katherine, 18 Jahre alt, schildert in diesem kurzen Roman ihren Tagesablauf, und die Geschehnisse, die diesen durcheinander bringen. Sie und ihre Schwester Constance leben glücklich (?) in ihrem Haus. Constance pflegt ihren Garten und kocht, Onkel Julian genießt von seinem Rollstuhl aus die Sonne und versucht seine Aufzeichnungen in Ordnung zu bringen. Und Mary Katherine, liebevoll genannt Merricat, die plant am liebsten wie ihr Leben auf dem Mond wäre...


    Was mich von Anfang an gepackt hat, war die Stimmung dieser Geschichte. Gleich zu Beginn macht Mary Katherine einen ihre zwei wöchentlichen Besuche im Dorf, um Lebensmittel zu kaufen. Die offensichtliche Feindseligkeit der Dorfbewohner und Mary Katherines extreme Reaktion darauf, geben gleich ein Gefühl, in welcher Art Buch man sich befindet. Merricat wirkt ganz und gar nicht wie eine ausgeglichene 18-jährige Frau, sondern viel eher wie ein junges Mädchen, das in seiner eigenen Fantasiewelt lebt. Sobald etwas ihre Routine durcheinander zu bringen droht, wünscht Merricat diesem Etwas den Tod an den Hals...


    Ich möchte hier gar nicht erwähnen, was in der Vergangenheit der Blackwood-Familie geschehen ist, obwohl es relativ früh im Roman erklärt wird. Aber ich gönne jedem Leser, ebenso mit offenem Mund dazusitzen wie ich und zu überlegen und grübeln, was die Hintergründe der Tragödie sein könnten. Auch die weitere Handlung halte ich lieber geheim, weil sie sich so schön langsam entfaltet, dass man es gar nicht bemerkt und dann schon mittendrin steckt. Der Überraschungseffekt am Ende ist für mich ausgeblieben, weil doch zu viele Hinweise in der Geschichte versträut waren, aber auch das hat mir die Lektüre nicht weniger schmackhaft gemacht.


    Shirley Jackson hat ein tolles Gespür für Charaktere und wie diese miteinander umgehen. Seien es die Dialoge zwischen den seltenen Besuchern im Blackwood Haus oder Onkel Julians Geschwafel, jeder hat seine eigenen Persönlichkeit - allen voran Mary Katherine. Als Ich-Erzählerin war sie zugleich die faszinierendste Figur der Geschichte, teils weil ich nicht wusste, wie viel ich ihr glauben kann, teils weil sie verrückt wirkt. Kaum passiert ein Moment in dem sie einer normalen Frau gleicht, springt sie über in ein trotziges Kind, das an Geister und Dämonen glaubt. Aber gerade diese Mischung aus traumatisiert und wahnsinnig macht sie so aufregend.


    Während der Lektüre verfällt man fast in eine Art Trance - was die 160 Seiten noch kürzer wirken lässt - und wird von der Autorin von Stimmung zu Stimmung getragen. Ich habe bemerkt, dass ich mich den Blackwood Schwestern immer näher gefühlt habe und sie am Ende richtig lieb gewinnen konnte. Was das über mich sagt, will ich lieber gar nicht hinterfragen. :breitgrins: Der Roman war jedenfalls spannend, fantastisch geschrieben und hat mir große Lust auf mehr Shirley Jackson gemacht.


    4ratten


    Liebe Grüße,
    Wendy

    Jahresziel: 2/52<br />SLW 2018: 1/10<br />Mein Blog

  • Dieses Buch ist eigentlich nur deshalb auf meiner Wunschliste gelandet, weil ich den Buchtitel so genial finde, das ich das Buch ständig im Kopf hatte. Ich hatte nie wirklich eine Ahnung worum es eigentlich geht und bin gerade zunehmenden faszniert von der Handlung.

  • Auf dieses Buch bin ich auch schon sehr gespannt. Es wird im Juni vom Festa Verlag als Hardcover rausgebracht, was ich mir natürlich krallen werde.^^

    Liebe Grüsse Hanni 8)

  • Hanni

    Ja diese Version hab ich auch gesehen, als ich das Buch auf meinen SUB gelegt hab. Sieht echt schick aus!


    Bisher ist alles irgendwie wie in einem seltsamen Traum. Mary Catherines Blickwinkel ist recht hmm... eigenwillig. Ich frage mich, ob die Ereignisse, so wie sie im Roman erscheinen, wirklich so passiert sind oder ob da eventuell doch noch eine andere Möglichkeit im Raum steht... Das ganze wirkt wie durch einen Schleier geschaut. Zum Teil auch etwas wirr.

    So dick ist das Buch ja nicht, aber ich finde mehr braucht die Handlung auch nicht, Jackson schafft in wenigen Worten einen ganzen Kosmos.

  • Dieses Buch ist eigentlich nur deshalb auf meiner Wunschliste gelandet, weil ich den Buchtitel so genial finde, das ich das Buch ständig im Kopf hatte.

    Den Titel finde ich auch so toll, vor allem auf englisch :herz:

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Meine Meinung:

    Ein wenig erstaunt war ich, als mir klar wurde, das die Handlung keinesfalls gegen Ende des 19. Jahrhunderts spielt. Die ganze Atmosphäre und die Art und Weise, wie die Autorin ihre Geschichte erzählt, wirkten auf mich eigentlich so, als ob es keine Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre.

    Auf nur wenigen Seiten entspinnt die Autorin eine ganz eigenwillige Geschichte mit noch eigenwilligeren Figuren. Die beiden Schwestern Constance und Merricat haben so ihre Eigenheiten kultiviert und ihre Welt ist auf wenige Plätze geschrumpft, seit der Familientragödie, die die Vorgeschichte für die eigentliche Handlung bietet.

    Für mich war dabei vieles immer wieder verwirrend und nicht eindeutig. Nach und nach stellt sich die Frage, ob man Merricat als Erzählerin wirklich vertrauen kann. Eigentlich wirkt sie auf mich vor allem verstörend. Sie hat so eine Art an sich, die nach und nach auch daraufhin deutet, das sie gerne die Kontrolle über alle Ereignisse im Haus hat.

    Und dann sind da noch die Dorfbewohner. Für mich ist der Roman ein gutes Beispiel dafür, wie sich Vorurteile festsetzen können und wie vor allem Gerüchte und Halbwahrheiten eine Umgebung vergiften können.

    Gleichzeitig scheint auch Verdrängung eine große Rolle zu spielen. So sprechen die beiden Schwestern kein Wort über die früheren Ereignisse und auch ihr Onkel Julian scheint zwar in der Vergangenheit festzuhängen, aber auch er umschifft die Wahrheit. Ob mit Absicht oder weil er vielleicht eine Art Demenz hat, wird nicht klar.


    Für mich ein eher merkwürdiger Roman, von dem ich noch nicht so recht weiß, wie ich das nun fand. Einiges fand ich etwas zäh zu lesen, ich vermute hier aber, das es an meiner Lesegewohnheit liegt.

    Faszinierend fand ich ihn aber schon. Vor allem die Beziehung der beiden Schwestern, die ich als eher verstörend und ungesund empfunden habe. Ich würde sagen, das hier vor allem versucht wurde, die psychische Verfassung von Merricat und ihrer Schwester so darzustellen, das man wirklich das Gefühl hat, diese mit zu erleben. Vielleicht wirkt deshalb auch manches verwirrend. Viele Fragen bleiben gleichzeitig ungeklärt. Das mag auch daran liegen, das die beiden Schwestern die Antworten ja kennen.

  • Außer einer leicht unheimlichen Grundannahme wusste ich nicht viel über das Buch, als ich anfing. Ich habe etwas in Richtung eines klassischen Gruselromans / einer Gothic Novel erwartet und wartete dadurch so einige Zeit darauf, dass sich eine der Figuren als Geist entpuppen würde.


    Das Unheimliche hier ist aber dann doch sehr natürlichen Ursprungs, dadurch aber nicht weniger beunruhigend. Die Autorin lässt ihre Leserinnen im Unklaren, was geschah, selbst die Einordung in Zeit und Raum ist nicht so einfach, es wirkt alles sehr altmodisch, nach 19. Jahrhundert, doch dann tauchen wieder moderne Bestandteile auf. Und auch wenn ich die Erzählerin für geistig nicht normal hielt und nicht viel Verständnis für sie aufbrachte, wollte ich dann doch nicht, dass sie einfach so ausgebootet werden würde, wie es zwischendurch den Anschein hatte. Und eine vertrauenswürdige Erzählerin ist sie natürlich auch nicht, so dass man beim Lesen irgendwann alles anzuzweifeln beginnt.


    Shirley Jackson ist trotz oder gerade wegen der vielen Unwägbarkeiten der Geschehnisse ein stimmungsvolles Buch gelungen, bei dem einem manches Mal ein gewisses Unbehagen überkommt.


    4ratten

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)