Anthony Doerr - Alles Licht das wir nicht sehen

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 25 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Valentine.

  • Anthony Doerr - Alles Licht das wir nicht sehen

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    OA: 2014
    OT: All the Light we cannot see
    528 Seiten
    ISBN: 978-3406667510


    Inhalt:
    Saint-Malo 1944: Marie-Laure, ein junges, blindes Mädchen, ist mit ihrem Vater, der am "Muséum National d'Histoire Naturelle" arbeitet, aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer geflohen. Einst hatte er ihr ein Modell der Pariser Nachbarschaft gebastelt, damit sie sich besser zurechtfinden kann. Nun ist in einem Modell Saint-Malos, der vielleicht kostbarste Schatz aus dem Museum versteckt, den auch die Nazis jagen. Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert, auf eine Napola geschickt und dann in eine Wehrmachtseinheit gesteckt, die mit Peilgeräten Feindsender aufspürt, über die sich der Widerstand organisiert. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, über den Etienne, Marie-Laures Onkel, die Résistance mit Daten versorgt...


    Eigene Meinung:
    Ich weiß schon jetzt, dass dieses Buch zu meinen Lese-Highlights dieses Jahres gehören wird, denn es war ein wirklich aussergewöhnliches Buch.
    Zu erst einmal besticht es einfach schon optisch. Das wunderschöne und stabile Cover, hat einen ganz eigentümlichen, fast schon mystischen Eindruck. Es glänzt und man hat das Gefühl ein ganz besonderes Buch in den Händen zu halten.
    Das dem auch so ist, folgt jetzt in meiner Bewertung des Inhaltes.
    Es gibt so viele Romane über den zweiten Weltkrieg, das besetzte Frankreich und die Invasion der Deutschen, aber dieses Buch unterscheidet sich von allen, welche ich zu diesem Thema gelesen habe.
    In zwei Ebenen, in der dritten Person, wird diese Geschichte erzählt. Sie beginnt in der frühen Kindheit der beiden Protagonisten und endet in ihrer späten Jugend.
    Die Kapitel sind streckenweise sehr kurz, manchmal nur eine Seite lang, aber die Befürchtung, dass sich die permanenten Sprünge zu den Protagonisten und ihren Orten störend auf die Geschichte auswirken, sind unbegründet. Im Gegenteil, diese Form der Erzählung ist sogar aussergewöhnlich gut gelungen, da man niemals einen der beiden Charaktere aus den Augen verliert und sich die Geschichte der beiden gegenseitig auf wundervolle Weise ergänzen. Ja nicht nur ergänzen - die Leben der beiden, ebenso wie die Geschichten, bewegen sich im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander zu, bis sie am Ende aufeinandertreffen.
    Werner und Marie-Laure sind hervorragend dargestellt und man erlebt hautnah die Auswirkungen, welche der Krieg auf die beiden hat. Sie verändern sich, sie werden geprägt und sie sind absolut glaubhaft, weil sie nicht die Überhelden sind. Sie haben Charakter und Tiefe.
    Aber auch die Nebencharaktere kommen hier nicht zu kurz und wenn auch nur am Rande gestreift, so bekamen sie Leben eingehaucht und bleiben auch so in eindrucksvoller Erinnerung.
    Wenn der Autor die Umgebung beschreibt, dann beschreibt er sie mit allen Sinneseindrücken die es gibt. Man hat das Gefühl die Orte nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören, zu riechen und zu fühlen. Es ist ein sehr „sinnreiches“ Buch.
    Schön ist auch, dass dieser Autor es nicht nötig hat, Szenen mit gewaltreichen Bildern zu beschreiben. Seine Beschreibungen gehen nie ins Detail, aber dieser bildliche Voyeurismus ist hier auch gar nicht nötig. Der Leser kann sich die Situationen auch so mehr als deutlich vorstellen.
    Ansonsten ist es Anthony Doerr gelungen, diesem Roman, trotz der fürchterlichen Umstände, welche im Krieg herrschen, eine gewisse Anmut und Poesie zu verleihen.
    Auch das Ende des Buches ist perfekt. Einiges wird geklärt, anderes bleibt offen, aber so ist das Leben.


    Fazit:
    Dieses Geschichte ist zu tiefste bewegend, unglaublich emphatisch und absolut glaubhaft. Hintergrund ist der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich und es scheint, dass nur das blinde Mädchen wirklich sieht.
    Dieses Buch wird mir in sehr starker Erinnerungen bleiben.


    5ratten + :tipp:

  • Der 8. August 1944 ist ein schicksalhaftes Datum für Saint-Malo. Bis zu diesem Tag hat die alte Korsarenstadt allen Widrigkeiten getrotzt, doch nun legen Bombenangriffe sie zu einem Großteil in Schutt und Asche.


    Zu den Überlebenden gehören die sechzehnjährige Marie-Laure, die mit ihrem Vater vor den Deutschen aus Paris zu ihrem Onkel in die vermeintliche Sicherheit von Saint-Malo geflohen war, und der achtzehnjährige Werner, ein junger deutscher Soldat, der am Atlantik stationiert ist.


    Die beiden kennen sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, doch was sie verbindet, ist eine nicht alltägliche und von Schwierigkeiten geprägte Kindheit. Marie-Laure ist als Kind erblindet und musste sich die Welt von da an völlig neu erschließen, und Werner ist mit seiner jüngeren Schwester in einem Waisenhaus im Ruhrgebiet aufgewachsen, wo er sich durch seine enorme technische und mathematische Begabung hervorgetan und stets gehofft hat, nicht wie die anderen Jungen aus dem Heim eines Tages im Bergwerk schuften zu müssen. .


    Anthony Doerr enthüllt in Rückblenden nach und nach die Vorgeschichte der beiden, in kurzen, knappen Episoden voller wundervoll eingefangener Sinneseindrücke, Beobachtungen, Gedanken und Träume, und verfolgt ihre Lebenswege durch die Brutalitäten des Naziregimes und die Entbehrungen des Krieges bis in die Ruinen von Saint-Malo.


    Nicht nur, weil ich die Stadt gut kenne, in der ein Gutteil der Handlung spielt, hat dieser großartige Roman einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.


    Doerrs Sprache ist an vielen Stellen zum Niederknien schön, es gibt so viele Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen möchte und andere, die in ihrer Schlichtheit und Knappheit Ungeheuerliches fast beiläufig vermitteln, so dass man zweimal hinschauen muss, um die Tragweite des Gesagten wirklich zu erfassen. Es ist kein actionreicher Kriegsroman, vielmehr zeigt das Buch in oft ganz ruhig gezeichneten Bildern die Schrecken und die Tragik des Krieges, die ideologische Verblendung der Nazis und die vielen kleinen und großen Schwierigkeiten, die der Alltag im Krieg mit sich bringt. Ein wirklich großartiges Buch über eine furchtbare Zeit, das emotional ist, ohne jemals kitschig zu werden, und bei aller beschriebenen Grausamkeit auch sehr viel Menschlichkeit ausstrahlt.


    Definitiv ein Jahreshighlight, und ein Buch, dass ich noch einmal in Ruhe lesen möchte, um mich dann ganz auf die wunderschöne Sprache zu konzentrieren. Bei diesem ersten Durchgang konnte ich mich kaum bremsen beim Lesen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht.


    5ratten

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

    Einmal editiert, zuletzt von Valentine ()

  • >>Alles Licht,das wir nicht sehen<< von Anthony Doerr,
    hat mich das Licht durch diesen tollen Roman sehen lassen. Die Geschichte von zwei Kindern während des 2. Weltkriegs. Zum einen Werner Hausner der mit seiner Schwester Jutta in einem Kinderheim in Deutschland lebt und der besonders talentiert Radios reparieren kann. Alles ändert sich als er zur Aufnahmeprüfung einer Eliteschule von Hitler eingeladen wird und als er auch noch besteht, ist nichts mehr wie zuvor und er wird auf die Wehrmacht vorbereitet.
    Marie Laure ein blindes Mädchen das mit ihren Vater in Paris lebt und dort wirklich behütet heranwächst. Da sie die Welt so nicht mehr sehen kann macht er ihr ein Modell von ihren Wohnort mit allen Häusern, damit sie fühlen kann wo sie lebt und sie sich draußen dann auch mal alleine zurecht finden kann. Marie Laure liebt ihren Vater und ihre Bücher in Blindenschrift über alles.
    Der Lebensweg von beiden führt beide nach Saint-Malo und dort treffen sie auch aufeinander, der 2. Weltkrieg hat so viel zerstört und der Autor hat in einem tollen Schreibstil die Geschichte mit ganz viel Kraft und irgendwie Geheimnisvoll erzählt. Die kurzen Kapitel haben geschafft das ich beim lesen das Gefühl hatte in der Geschichte zu sein und mir vor Augen geführt wie viele durch den Krieg viel zu schnell Erwachsen geworden sind, auch wenn sie es gar nicht gewollt haben.


    5 Sternchen von mir

  • INHALT
    Saint-Malo 1944: Marie-Laure, ein junges, blindes Mädchen, ist mit ihrem Vater, der am „Muséum National d’Histoire Naturelle“ arbeitet, aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer geflohen. Einst hatte er ihr ein Modell der Pariser Nachbarschaft gebastelt, damit sie sich besser zurechtfinden kann. Nun ist in einem Modell Saint-Malos, der vielleicht kostbarste Schatz aus dem Museum versteckt, den auch die Nazis jagen.
    Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert, auf eine Napola geschickt und dann in eine Wehrmachtseinheit gesteckt, die mit Peilgeräten Feindsender aufspürt, über die sich der Widerstand organisiert. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, über den Etienne, Marie-Laures Onkel, die Résistance mit Daten versorgt …
    Kunstvoll und spannend, mit einer wunderschönen Sprache und einem detaillierten Wissen um die Kriegsereignisse, den Einsatz des Radios, Widerstandscodes, Jules Verne und vieles andere erzählt Anthony Doerr mit einer Reihe unvergesslicher Figuren eine Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg, und vor allem die Geschichte von Marie-Laure und Werner, zwei Jugendlichen, deren Lebenswege sich für einen folgenreichen Augenblick kreuzen.
    (Quelle C.H. Beck Verlag)


    MEINE MEINUNG
    Mit „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ist dem amerikanischen Autor Anthony Doerr ein hervorragend erzählter, vielschichtig angelegter historischer Roman gelungen, für den er 2015 zu Recht den Pulitzer-Preis für Belletristik erhielt.
    Sehr beeindruckend sind Doerrs anspruchsvoller, sprachgewaltiger Erzählstil und seine eindringlichen, oft poetischen Formulierungen. Trotz sehr kurzer Kapitel von bisweilen nur wenigen Seiten gelingt es Doerr unglaublich gut, eine dichte Atmosphäre und die Emotionen seiner Figuren zu vermitteln. Sehr passend ist die Erzählzeit im Präsens gewählt, die den Leser hervorragend in die Ereignisse jener Zeit eintauchen und vieles hautnah miterleben lässt.
    Über eine Zeitspanne von etwa 10 Jahren erstreckt sich diese ergreifende, während des zweiten Weltkriegs angesiedelte Geschichte, die in Nazideutschland und im von den Deutschen besetzten Frankreich spielt.
    Im Mittelpunkt der komplexen Geschichte, die unchronologisch, aus unterschiedlichen Perspektiven und mit vielen Zeitsprüngen erzählt wird, stehen die Einzelschicksale der beiden jugendlichen Protagonisten, des Deutschen Werner und der Französin Marie-Laure, in jener grauenvollen Zeit. In zwei unterschiedlichen Handlungssträngen lässt uns der Autor in vielen berührenden Episoden an ihrem Leben Anteil nehmen und miterleben, wie sich ihre Lebenswege auf unheilvolle Weise aufeinander zu bewegen und an einem tragischen Tag im August 1944 für einen kurzen bedeutsamen Moment kreuzen – dem Tag, an dem das von Deutschen besetzte Saint-Malo von den Amerikanern fast völlig in Schutt und Asche gelegt wird.
    Durch die ständigen Perspektiv- und Schauplatzwechsel und die Intensität der geschilderten Ereignisse baut sich eine unglaubliche Spannung auf, die den Leser gebannt und fast atemlos immer weiter lesen lässt.
    Der dritte Handlungsstrang dreht sich um einen geheimnisvollen Diamanten, das legendäre „Meer der Flammen“, seinen ominösen Fluch und die Jagd des fanatischen deutschen Stabsfeldwebels Reinhold von Rumpel nach im Krieg verschollen Kunstgegenständen. Diese Rahmenhandlung, die eine Verbindung zu den geschickt miteinander verflochtenen Geschichten der beiden Protagonisten herstellt, bringt zusätzlich Spannung und eine sehr mystische Komponente in die Geschichte.
    In einer lebendigen, abwechslungsreichen Folge von beeindruckenden Szenen beleuchtet Doerr sehr geschickt viele wichtige historische, aber auch für die Protagonisten bedeutsame Geschehnisse, die sich in Deutschland und Frankreich vor dem Krieg und während des Kriegsgeschehens abgespielt haben.
    Der Autor zeichnet ein sehr vielschichtiges, authentisches Bild jener Zeit und der Auswirkungen des Kriegs auf die Menschen. So erleben wir die Flucht der Pariser Bevölkerung vor den einmarschierenden Deutschen mit, Werners Ausbildungszeit in der Napola, seine Erlebnisse bei der Jagd auf Partisanensendern an der Ostfront, die Aktivitäten der Resistance und schließlich die Bombardierung St. Malos.
    Die einfühlsame, detaillierte Figurenzeichnung der vielen so unterschiedlichen Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen ist Doerr hervorragend gelungen. Geschickt lässt er uns in den unterschiedlichen Kapiteln anhand vieler kleiner, liebevoll ausgearbeiteter Details an den Sorgen und Nöten, Träumen und Wünschen der beiden sympathischen Hauptfiguren teilhaben und vermittelt ein sehr lebendiges, tiefgründiges Bild ihrer Persönlichkeit. Sehr glaubwürdig und anschaulich hat er das Gefühlsleben und die charakterliche Weiterentwicklung der beiden während der sich zunehmend eskalierenden Geschehnisse herausgearbeitet.
    Auf der einen Seite lernen wird den jungen Deutschen Werner kennen, der mit seiner jüngeren Schwester Jutta in einem Waisenhaus im Kohlenpott groß wird und der durch seine herausragende technische Begabung von den Nazis die Chance erhält, in einer speziellen nationalsozialistischen Erziehungsanstalt, einer sogenannten Napola, zu einem Ingenieur für Radio- und Funktechnik ausgebildet zu werden. So wird ihm die Nazi-Ideologie eingetrichtert, er wird wie selbstverständlich Teil des nationalsozialistischen Systems und beginnt als Spezialist in besetzten Gebieten Partisanensender aufspüren und liquidieren. Sehr eindringlich und berührend wird dargestellt, wie sich bei Werner erst allmählich neben blindem Gehorsam ein Gewissen zu regen beginnt, ihm die Augen geöffnet werden und er die menschenverachtenden Machenschaften der Nazis und Zeuge vielen grauenvollen Taten zu hinterfragen beginnt.
    Auf der anderen Seite erleben wir die blinde Marie-Laure aus großbürgerlichem Hause, die mit ihrem Vater zu Fuß vor den einmarschierenden Deutschen aus Paris zu ihren Verwandten ins bretonischen Küstenstädtchen Saint-Malo fliehen muss. Ein Geheimauftrag des Vaters bringt beide in große Gefahr, denn im Gepäck führen sie einen bedeutsamen Gegenstand mit sich, der nicht in die Hände des Feindes gelangen darf. Sehr berührend ist ihre enge, fürsorgliche Beziehung beschrieben. Bewundernswert ist Marie-Laures Fähigkeit, sich ihre Welt wegen ihrer Sehbehinderung zu erfühlen und sich den täglichen Herausforderungen trotz aller Widrigkeiten mutig und voller Zuversicht zu stellen. Vor allem die Darstellung ihrer Empfindungen und „sinnlichen“ Wahrnehmungen ist sehr faszinierend und plastisch ausgearbeitet.
    Zum gelungenen Abschluss des Romans streift die Geschichte dann nach Kriegsende zwei weitere Zeitepochen, in denen die Schicksale einiger Figuren nochmals aufgegriffen werden und ihr Bild perfekt abrundet wird.


    FAZIT
    Ein hervorragend erzählter, vielschichtiger und fesselnder historischer Roman, der vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs spielt und mich sehr überzeugen konnte.
    Sehr lesenswert!


    5ratten

  • Saint-Malo im zweiten Weltkrieg: Marie-Laure, ein blindes Mädchen, flieht mit ihrem Vater von Paris nach Saint-Malo. Die beiden leben dort bei einem Onkel, der sich seit Jahren nicht mehr getraut hat, sein Haus zu verlassen. Ihre Haushälterin engagiert sich in der Résistance, zuerst nur mit kleinen Gemeinheiten gegenüber den Besatzern, aber später werden die Aktionen besser organisiert und gefährlicher.


    Auf der anderen Seite lernt der Leser Werner kennen. Werner ist ein kleiner, deutscher Waisenjunge, der von einer liebevollen Frau gemeinsam mit anderen Kindern grossgezogen wird. Er ist extrem klug, bastelt sich sein eigenes Radio zusammen und es dauert nicht lange, bis die Nazis auf ihn aufmerksam werden. Sie schicken ihn zuerst auf eine Eliteschule und danach quer durch besetzte Gebiete um versteckte Sender zu finden.


    Fast nebenbei erfährt man, wie Marie-Laure sich in ihrer Umgebung zurecht findet. Zu Hause hat sie Fäden gezogen, auf den Boden geklebte Hilfen und eine strenge Ordnung, draussen zählt sie Gullis und lernt ihre Umgebung durch ein Modell auswenig, das ihr Vater ihr geschnitzt hat. Werner ist ein Meister der Radiotechnik, er weiss, wie Radios gebaut werden, wie weit sie senden können und wie feindliche Funker geortet werden können. Werner ist kein Nazi, aber er will auf keinen Fall wie sein Vater in der Kohlengrube schuften und sterben. Deshalb macht er alles mit, was von ihm gefordert wird, auch wenn es falsch ist.


    Die Geschichte springt zwischen Werner und Marie-Laure, und auch in der Zeit hin und her. So weiss man als Leser zwar, wer überleben wird, aber nicht was in der Zwischenzeit passiert ist und wie es so weit kommen konnte.


    "Alles Licht, das wir nicht sehen" ist ein spannender und fesselnder historischer Roman, in einem schönen, fast schon märchenhaften Stil geschrieben, der im Kontrast steht zum schwer verdaulichen Inhalt. Ein Buch, das ich absolut empfehlen kann!


    5ratten

  • Marie, ein blindes Mädchen, ist mit ihrem Vater vor dem Krieg nach Saint-Malo zu einem Onkel geflohen. Als der Vater verhaftet und in ein Lager gesteckt wird, ist Marie ganz auf ihren Onkel und dessen Haushälterin angewiesen. Zur selben Zeit lebt Werner, ein technisch hoch begabter Waisenjunge, mit seiner Schwester in Deutschland bei einer Pflegefamilie. Werners Begabung bleibt nicht unerkannt, deshalb landet er in einer Schule der Nazis, in der besonders ausgewählte Kinder für Spezialeinsätze an der Front ausgebildet werden. Schließlich kreuzen sich ihre Wege, nur für kurze Zeit, aber mit sehr intensiven Gefühlen. Für eine kurze Zeit vergessen sie den Krieg, der sie zwingt, gegeneinander zu kämpfen, weil sie auf unterschiedlichen Seiten stehen.


    Man lernt die Kinder in ihrem jeweiligen Umfeld in ihren frühen Jahren kennen und erlebt mit, wie sie die Kriegsjahre empfinden und sich langsam zu Jugendlichen entwickeln. Der Krieg verwirrt sie, doch er gehört zum Leben, so dass sie ihn lange nicht kritisch hinterfragen, und wenn doch, dann nur in Gedanken. Gerade Werner wächst in einer Umgebung auf, in der schon die Kleinsten geschult und gedrillt werden, um staatstreue Bürger zu werden. Es erscheint nur logisch, dass er sein technisches Talent dem Staat zur Verfügung stellt.


    Die Handlung springt in kurzen Kapiteln, manchmal in reinen Momentaufnahmen, zwischen den beiden jungen Menschen hin und her und schildert ihr Heranwachsen. Ihnen fehlt jegliche Zukunftsperspektive, oft genug geht es ums bloße Überleben. Sie fügen sich, weil sie es nicht anders kennen. Die Anforderungen lassen sie früh erwachsen werden. Als sie dann schließlich ganz auf sich alleine gestellt sind, handeln sie schließlich instinktiv so, wie sie es selbst für richtig halten. Widerstand gegen das Regime mit den wenigen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen.


    Abgesehen von den häufigen Wechseln zwischen den Schauplätzen, an die man sich irgendwann auch gewöhnt, gefiel mit das Buch sehr gut. Anthony Doerr pflegt einen Stil, der die schönen wie die schrecklichen Momente zu etwas Eindrucksvollem macht. Das Licht aus dem Titel ist allgegenwärtig, egal ob über dem Meer, dem es unterschiedliche Farben verleiht, oder im Funkeln eines Diamanten; es ist selbst dann noch von Bedeutung, wenn man blind ist oder im verschütteten Keller im Dunkeln sitzt. Eine berührende Geschichte.


    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

  • Anthoy Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen


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    Inhalt: (Klappentext)


    Saint-Malo 1944: Die erblindete Marie-Laure flieht mit ihrem Vater, einem Angestellten des "Muséum National d'Histoire Naturelle", aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer. Verborgen in ihrem Gepäck führen sie den wahrscheinlich kostbarsten Schatz des Museums mit sich. Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert und landet auf Umwegen in einer Spezialeinheit der Wehrmacht, die die Feindsender der Widerstandskämpfer aufzuspüren versucht. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, der die Résistance mit Daten versorgt... Hochspannend und mit einer außergewöhnlichen Sprachkunst erzählt Anthony Doerr die berührende Geschichte von Marie-Laure und Werner, deren Lebenswege sich für einen schicksalsträchtigen Augenblick kreuzen.


    Meine Leseeindrücke:


    illy , du kannst beruhigt sein. :breitgrins::breitgrins:


    Ich habe heute abend die ersten ca. 70 Seiten gelesen und es gefällt mir ausgesprochen gut. Zunächst war der sehr detailreiche Schreibstil etwas gewöhnungsbedürftig, aber es gelingt Anthony Doerr sehr gut, damit Menschen und Situationen genau zu charakterisieren und im Kopf des Lesers Bilder zu malen. Ebenso gewöhnungsbedürftig waren die Erzählform im Präsens und die sehr kurzen Kapitel, die immer zwischen Werner und Marie-Laure hin- und her springen. Ich befinde mich noch in dem Teil, der mit "1934" überschrieben ist. Durch die wechselnde Erzählform entsteht der Eindruck einer Gleichzeitigkeit der Geschehnisse. Aber ob daswirklich so ist? Anfangs war ich etwas verwirrt, zum Beispiel kann Werner, wenn er 1944 18 Jahre alt und damit Jahrgang 1926 ist, nicht die Inflation erlebt haben, auch hat die Reichsmark keine solche Entwertung erfahren ("ein Ei für 2 Mio Reichsmark"), aber alles andere kommt mir einigermaßen stimmig vor.


    Ich muss gestehen, das ich etwas gezaudert habe, dieses Buch zu lesen, da ich nicht gern über Blindheit lese. Doch es ist nicht so schlimm, wie ich es erwartet habe. Gut gefällt mir die doppelte Bedeutung des "Lichts, das wir nicht sehen". Marie-Laure sieht kein Licht, aber hört Geräusche farbig (sehr interessant, das geht durchaus), und Werner interessiert sich vor allem für das elektromagnetische Spektrum außerhalb des sichtbaren Bereichs.


    Ich frage mich, ob diese französische Radiostimme, die Werner und Jutta hören, nicht vielleicht aus dem Museum kommt, in dem Maries Vater arbeitet. Vielleicht ist es sogar der Vater selbst, der da spricht, oder dieser Weichtierexperte?


    Nun bin ich gespannt, wie es weitergeht und wie Marie nach Saint-Malo kommt, ob vielleicht das ganze Museum evakuiert wird? In Saint Malo war ich 1997 und fand es beeindruckend. Ich kann mich noch gut an den Strand erinnern. Muss morgen mal die Fotos heraussuchen.

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.

  • Schön, dass es Dir bislang gefällt, das war ja eines meiner großen Highlights im letzten Jahr.


    Falls es Dich interessiert, ich hatte nach der Postleserunde zu diesem Buch in der Galerie ein paar Fotos aus Saint-Malo gepostet :smile:

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Ich spare mir das Buch für den nächsten Urlaub in Frankreich auf - die Gegend um St. Malo ist aktuell noch ein potentieller Urlaubsort für den nächsten Sommer. :breitgrins:

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)

  • Macht bitte "definitiv" aus "potentiell", ist wirklich superschön da ;) Und das Buch vor Ort zu lesen hätte bestimmt noch einen ganz besonderen Reiz.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Ich weiß, aber die Ferienhaussuche gestaltet sich gerade etwas schwierig: entweder hässlich und klein oder riesig für 10 Personen und entsprechend teuer... :rollen:

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)


  • Falls es Dich interessiert, ich hatte nach der Postleserunde zu diesem Buch in der Galerie ein paar Fotos aus Saint-Malo gepostet :smile:


    Ja, danke, das interessiert mich. Galerie? Muss ich mal suchen gehen.


    Ich bin ein Stück weitergekommen und finde es nach wie vor schön. Inzwischen zeichnen sich Motive ab, die dominierend werden und sicher irgednwann zu der Begegnung von Werner und Marie führen: Radios, dieser Stein.


    Werner ist mittlerweile in Schulpforta, schön dass ich hier nun auch über etwas heimatnahe Gefilde lesen darf. Allerdings scheint mir, merkt man schon, dass der Autor kein Deutscher ist, so wie er die Zeitumstände schildert. Möglicherweise gilt das auch für den französischen Teil, das kann ich aber nicht so gut einschätzen. Hier fällt mir nur das Klischee auf, dass Franzosen offenbar immer und überall rauchen müssen. :rollen: Und dann stolpere ich manchmal über Details. So essen sie in Saint-Malo Fischsuppe mit grünen Tomaten. Valentine , vielleicht weißt du das als Frankreich-Expertin: isst man in der Bretagne grüne Tomaten? Ich hielt dies für eine mittelamerikanische Spezialität. Normale, unreife Tomaten sind damit sicher nicht gemeint, denn diese isst man sicher auch in Frankreich nicht.

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.

  • Grüne Tomaten sind mir noch nicht begegnet, aber ich habe auch noch keine einheimische Fischsuppe dort gegessen.


    An der Raucherei ist bestimmt was dran, ich glaube, das war in Frankreich früher mindestens so verbreitet wie hierzulande.


    Die Galerie findest Du übrigens in der Menüzeile als "Bildergalerie" (dritter Menüpunkt von rechts).

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    (Agnès Varda)

  • kaluma : Die grünen Tomaten mit denen in Frankreich alles mögliche wie Quiche, Confiture, sogar Kuchen hergestellt wird, sind normale rote Tomaten, die noch nicht reif sind und die gepflückt werden mussten. Die Tomatillo aus deinem Link habe ich in Rezepten nicht gefunden.

  • Danke für die Info. Das hätte ich nicht gedacht, dass es da richtige Rezepte dafür gibt. Gesund ist das nicht. Unreif geerntete Tomaten sollte man unbedingt reifen lassen.


    Auch die Galerie habe ich gefunden, vielen Dank! Sehr schöne Fotos, Valentine, und man sieht die Schaupätze des Buches viel besser vor sich.


    Ich bin fast durch und finde es spannend, wie die Ereignisse sich aufeinander zu bewegen. Nun weiß Werner also, woher die Sendungen kamen, die er als Kind im Radio gehört hat. Und ich bin gespannt, wohin das Ganze sich noch entwickelt. Richtig unheimlich ist mir ja dieser Stabsfeldwebel Rumpel, der nun auch seine eigenen Kapitel bekommen hat.


    Hoffentlich geht es gut für unsere beiden jungen Leute aus, die ja nun auf verschiedenen Seiten stehen.

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    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.


  • Richtig unheimlich ist mir ja dieser Stabsfeldwebel Rumpel, der nun auch seine eigenen Kapitel bekommen hat.


    Ja, das ist ein ziemlich gruseliger Typ :entsetzt:

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    (Agnès Varda)

  • Ich bin durch. Ein schönes Buch! Rezi folgt



    Hoffentlich geht es gut für unsere beiden jungen Leute aus, die ja nun auf verschiedenen Seiten stehen.


    Angesichts des Endes mache ich mir gerade Gedanken über diese Frage. Es ist zwar bedauerlich, dass

    , aber trotzdem bin ich mit dem Ende sehr zufrieden und finde schon, dass es tatsächlich gut ausgeht. Denn Werner hat seine Menschlichkeit wiederentdeckt und bewiesen, und das ist es, was letztendlich zählt. Ohne das wäre es wirklich traurig gewesen.


    Und nun werde ich mal schauen, ob ich eure Leserunde irgendwo in den Tiefen des Forums wiederfinden kann.

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  • Denn Werner hat seine Menschlichkeit wiederentdeckt und bewiesen, und das ist es, was letztendlich zählt. Ohne das wäre es wirklich traurig gewesen.


    Das habe ich genauso empfunden.

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    (Agnès Varda)

  • Valentine


    da hast du wahrscheinlich recht.

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    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.

  • Denselben Gedanken hatte ich auch.


    Hast Du die Leserunde gefunden?

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    (Agnès Varda)