Diskussionsrunde: Donal Ryan - Die Sache mit dem Dezember

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Es gibt 43 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Delena.

  • Für mich war das eine ganz klare Lüge, um Johnsey zum Kauf zu bewegen. So nach dem Motto: Na wenn das mein Dad gewollt hat, dann kann das nur richtig sein. Aber irgendwie scheint er die Nummer ja durchschaut zu haben, weshalb ich auch nicht sicher bin wie schlau oder nicht schlau Johnsey ist... :rollen:


    Das war eine Lüge, denke ich. Es wird vermutet, dass Johnsey alles glaubt, was man ihm sagt. Da sein Vater ein Vorbild für ihn war, wird man diese Behauptung vorgeschoben haben, um Johnsey zu beeinflussen.



    Was sagt ihr eigentlich zu dem Ende? Ich bin damit ein wenig unglücklich, da man ja nun echt in jede Richtung deuten kann. War Dave wirklich tot durch den Autounfall oder nicht? Was passiert mit Johnsey? Schießt er auf die Leute oder schießt die Polizei auf ihn?


    Hm, ich war jetzt davon ausgegangen, dass Dave "nur" aus dem Auto herausgeschnitten wurde und keine schwereren Verletzungen hatte.


    Ja und bei der Schlussszene vermute ich, dass Johnsey die Waffe erhoben und daraufhin die Polizei das Feuer eröffnet hat, ein bisschen Spielraum bleibt da allerdings, da hast du recht.

    Das sind keine Stirnfalten. Das ist ein Sixpack vom Denken.


  • Ja und bei der Schlussszene vermute ich, dass Johnsey die Waffe erhoben und daraufhin die Polizei das Feuer eröffnet hat, ein bisschen Spielraum bleibt da allerdings, da hast du recht.


    Mir kam gerade noch der Gedanke: Sollten sie ihn leben lassen, dann werden sie ihn bestimmt nicht sich selbst überlassen. Wahrscheinlich kommt er in eine Psychiatrie, weil er mit einer Waffe auf andere los gegangen ist und von seinem Land hat er dann nichts, weil man ihn enteignet.


    Beim Lesen habe ich jedenfalls die ganze Zeit gespürt, dass es mit Johnsey kein gutes Ende nehmen wird.

    &WCF_AMPERSAND"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende&WCF_AMPERSAND" (H.M. Enzensberger)


  • Mir kam gerade noch der Gedanke: Sollten sie ihn leben lassen, dann werden sie ihn bestimmt nicht sich selbst überlassen. Wahrscheinlich kommt er in eine Psychiatrie, weil er mit einer Waffe auf andere los gegangen ist und von seinem Land hat er dann nichts, weil man ihn enteignet.


    Die Einwohner würden bestimmt darauf drängen, ihn als nicht zurechnungsfähig einstufen zulassen und dann hätten sie freie Bahn.



    Beim Lesen habe ich jedenfalls die ganze Zeit gespürt, dass es mit Johnsey kein gutes Ende nehmen wird.


    Das ging mir ganz genauso, das Buch hat eine traurige Grundstimmung und man hat etwas geahnt.

    Das sind keine Stirnfalten. Das ist ein Sixpack vom Denken.

    Einmal editiert, zuletzt von Delena ()

  • Nur ein kurzer Einstieg, da ich leider noch einen unvorhergesehenen Termin habe und gleich nicht mehr online sein kann...


    Das Buch ist eines von der Art, dass unscheinbar daherkommt und einen dann überrennt, weil es so viel Stoff zum Nachdenken und Mitfühlen in sich hat. Ich habe ständig geschwankt zwischen Hoffen und Bangen, Empörung, Unverständnis und Trauer, kann aber auch sagen, dass es durchaus freudige und lustige Momente gab.


    Johnsey ist für mich ein Mensch mit naivem Gemüt, nicht gerade eine Intelligenzbestie, aber auch nicht dumm. Er kommt mit dem aus, was er besitzt, er strebt nicht nach mehr. Ihn zeichnet aus, dass er gutmütig und äußerst friedfertig ist. Umso schlimmer ist es, dass gerade er immer wieder das Opfer von gewalttätigen Attacken wird. Eben weil er sich auch nicht zu wehren in der Lage sieht, obwohl er die Bösartigkeit durchaus erkennt. Es hat mich eins um andere Mal wütend gemacht, dass immer die Menschen Ziel von Mobbing und körperlichen Angriffen werden, die niemandes Feind sind. Und wenn es dann nicht einmal Konsequenzen für die "Mistbolzen" gibt, könnte ich aus der Haut fahren. Aber zwischen Recht und Gerechtigkeit liegen oft Welten. Selbst mir, die ich "vom Fach" bin, leuchtet das ein, gut heiße ich es trotzdem nicht...


    Und die Ungerechtigkeit betrifft ja nicht nur das Niederschlagen durch Eugene Penrose und den anderen Typen, sondern das gesamte Verhalten gegenüber Johnsey, als er sich überraschenderweise quer stellt und nicht am großen Geld interessiert ist. Es ist erschreckend, was ihm alles angehängt, unterstellt und nachgesagt wird. Wie missgünstig, grausam und hässlich können Menschen sein. Angesichts dessen ist das Ende zwar schockierend, jedoch gleichwohl konsequent. Denn es macht deutlich, wie die Welt auf Außenseiter reagiert.

    Das Leben ist das schönste Märchen. Hans Christian Andersen


  • Das war eine Lüge, denke ich. Es wird vermutet, dass Johnsey alles glaubt, was man ihm sagt. Da sein Vater ein Vorbild für ihn war, wird man diese Behauptung vorgeschoben haben, um Johnsey zu beeinflussen.


    Für mich war das auch eine Lüge, zwischendurch wird ja auch erwähnt, dass der Vater sich nicht für Geld interessiert (als es um seine Preise für Maurerarbeiten ging oder so), da wird er bestimmt nicht seine geliebte Landwirtschaft für Einfamilienhäuser oder Industriegebiete aufgeben wollen.


    Hm, ich war jetzt davon ausgegangen, dass Dave "nur" aus dem Auto herausgeschnitten wurde und keine schwereren Verletzungen hatte.


    Ja und bei der Schlussszene vermute ich, dass Johnsey die Waffe erhoben und daraufhin die Polizei das Feuer eröffnet hat, ein bisschen Spielraum bleibt da allerdings, da hast du recht.


    Ich glaube auch, dass Dave nicht tot ist, sondern nur verletzt. Und was den Schluss angeht: Johnsey hebt das Gewehr und wird er- oder vielleicht auch nur angeschossen, das bleibt offen, wenn er nicht tot ist, dürfte er (mit etwas Pech und wie auch immer da die Gesetze in Irland sind) den Rest seines Lebens in einer Forensik verbringen. :rollen:

  • Ich denke Johnsey ist irgendwie auch ein vereinfachtes Sinnbild für die "einfache" Landbevölkerung Irlands, die von dem Finanzboom, den das Land zwischendurch hatte, überrannt wurde. Einfach nur das machen, was Vater, Großvater und Co gemacht haben und Sonntags zur Messe gehen reicht nicht mehr, es gibt neue tolle Möglichkeiten und wer die nicht ergreifen will, ist dumm. Dass das Leben nicht für alle aus Gewinnmaximierung besteht, sondern sie zufrieden sind mit dem was sie haben, gilt nicht. Und das ist dann das tiefgründige an dem Buch, was über die Erzählung des aufregendsten Jahres eines einfachen Kerls hinausgeht.


  • Ich denke Johnsey ist irgendwie auch ein vereinfachtes Sinnbild für die "einfache" Landbevölkerung Irlands, die von dem Finanzboom, den das Land zwischendurch hatte, überrannt wurde. Einfach nur das machen, was Vater, Großvater und Co gemacht haben und Sonntags zur Messe gehen reicht nicht mehr, es gibt neue tolle Möglichkeiten und wer die nicht ergreifen will, ist dumm. Dass das Leben nicht für alle aus Gewinnmaximierung besteht, sondern sie zufrieden sind mit dem was sie haben, gilt nicht. Und das ist dann das tiefgründige an dem Buch, was über die Erzählung des aufregendsten Jahres eines einfachen Kerls hinausgeht.


    Deine Gedanken unterschreibe ich sofort. :winken:

    &WCF_AMPERSAND"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende&WCF_AMPERSAND" (H.M. Enzensberger)

  • Das halbe Buch war bei mir voll mit Post- its, die tolle Sätze markiert haben. An diesen Zitaten lasse ich euch gern teilhaben.


    S. 17: "Aber Zärtlichkeit konnte man auch für eine Missgeburt von einer Promenadenmischung empfinden, die man am besten direkt nach der Geburt ertränkt hätte."


    S. 22: "... und ein paar nervös wirkende Hirnis standen daneben, wie alte, zerkochte Brokkoli- Röschen neben einem Teller mit Steak und Pommes."


    S. 27: "... um die Tragödie auseinanderzurupfen wie Krähen eine weggeworfene Imbissverpackung."


    S. 30: "Es wäre ohnehin zu viel PLatz darauf gewesen, und dieser leere Platz hätte die Traurigkeit aus ihnen herausgesaugt, wie ein Staubsauger den Staub hinter dem Fernseher hervorsaugt: Man hatte vergessen, dass er da war, bis man sich auf die Suche danach machte."


    S. 59: "... denn wenn man zulässt, dass die Krähen dem toten Hund die Augen auspicken, kann man nicht mehr so tun, als würde er nur schlafen."


    S. 69: "Oft waren es zwei alte Brüder, die dasselbe Land bestellten und wie zwei stinkende, alte Erbsen in einer halb verfallenen Schote von einem Haus lebten."


    S. 77: "... während die Worte in seinem Kopf herumpurzelten wie die Kugeln bei der Lottoziehung."


    S. 86: "Eugene Penrose atmete schwer durch die Nase, und seine feuchten Nüstern bebten wie die eines jungen Bullen."


    S. 143: "Es war, als wäre die Luft fest geworden, wie Bratensoße, die zu lange offen in einer Schale gestanden hat."


    S. 161: "Es fühlte sich an, als würde man sich nach einem langen Arbeitstag in einen Heuhaufen fallen lassen, der warm war von der Sonne."


    S. 163: "Die Wahrheit ist, was am lautesten geschrien und von den meistern wiederholt wird."


    S. 175: "Trotzdem sah eine gedruckte Lüge wahrer aus, als die Wahrheit aus dem Mund eines Idioten klang."


    S. 193: "Sarkasmus ist die Waffe der geistig Schwachen."


    Die beiden fett markierten sind die, die in meinen Augen aus dem Leben gegriffen sind und absolut wahr sind. Was meint ihr?


    Habt ihr auch Sätze gefunden, die euch fasziniert haben?

    &WCF_AMPERSAND"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende&WCF_AMPERSAND" (H.M. Enzensberger)

  • Vielen Dank für die Aufklärung bezüglich des Brautschuhschweins! :winken: Mir ist dieser Brauch völlig unbekannt. Wieder mal was dazugelernt.





    Das hatte ich für eine Lüge des Nachbarn gehalten, um Johnsey zum Verkauf zu überreden. Johnseys Vater hat seine Arbeit und sein Land wohl sehr geliebt, deswegen glaube ich nicht, dass er wirklich zugestimmt hätte, dort ein Kino und Geschäfte zu errichten.


    Darüber habe ich mich auch gewundert, aber es einfach als einen der Widersprüche abgetan, von denen es im Buch noch andere gibt. Für eine Lüge habe ich das nicht gehalten.



    Ich bin mir eigentlich sicher, dass dies nicht nur ein typisches Phänomen für Irland ist, sondern sich auch in jedem deutschen Dorf abspielen könnte.


    Hm, gerade in Dörfern kenne ich das eigentlich nicht so. Da halten die Alteingesessenen zusammen. Insbesondere, und das war auch bei uns in der Stadt früher so, gibt es einen starken Familienzusammenhalt, der Leute wie Johnsey auffangen könnte, ebenso möglicherweise einen Freundeskreis der Familie. Das fehlt hier. So eine Zeitungs-Rufmordkampagne gegen eine Einzelperson kann ich mir hier nicht so recht vorstellen, ohne dass auch Gegenstimmen zu Wort kämen. Aber vielleicht lese ich nicht die "richtigen" Zeitungen...



    Hat euch Johnsey auch ein wenig an Forrest Gump erinnert?


    Nein. Eher an Simpel aus dem Buch von Marie-Aude Murail. Aber jetzt wo du es sagst, passt auch Forrest Gump, nur dass der mehr Glück hatte und aktiver war.



    Was sagt ihr eigentlich zu dem Ende? Ich bin damit ein wenig unglücklich, da man ja nun echt in jede Richtung deuten kann. War Dave wirklich tot durch den Autounfall oder nicht? Was passiert mit Johnsey? Schießt er auf die Leute oder schießt die Polizei auf ihn?


    Den Schluss habe ich so verstanden, dass Dave bei dem Autounfall starb und die Polizei Johnsey erschoss, als er sich anschickte, mit dem Gewehr zu schießen. Sie mussten ja davon ausgehen, dass es geladen war. Deswegen finde ich das Ende ja so traurig.


    Zitate:
    Ich fand besonders eines gut, in dem es darum ging, dass man keine Chance hat gegen jemanden, der aus Worten eine Mauer bauen kann. Ich muss den genauen Wortlaut nochmal suchen gehen.

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.


  • Ich denke Johnsey ist irgendwie auch ein vereinfachtes Sinnbild für die "einfache" Landbevölkerung Irlands, die von dem Finanzboom, den das Land zwischendurch hatte, überrannt wurde. Einfach nur das machen, was Vater, Großvater und Co gemacht haben und Sonntags zur Messe gehen reicht nicht mehr, es gibt neue tolle Möglichkeiten und wer die nicht ergreifen will, ist dumm. Dass das Leben nicht für alle aus Gewinnmaximierung besteht, sondern sie zufrieden sind mit dem was sie haben, gilt nicht. Und das ist dann das tiefgründige an dem Buch, was über die Erzählung des aufregendsten Jahres eines einfachen Kerls hinausgeht.


    Sehr schön gesagt, hier kann auch ich dir zustimmen. Allerdings stimmt ja nicht ganz, dass Johnsey das tut, was seine Vorfahren gemacht haben. Dann würde er das Land bestellen. Aber er tut gar nichts.

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.


  • Nur ein kurzer Einstieg, da ich leider noch einen unvorhergesehenen Termin habe und gleich nicht mehr online sein kann...


    Na, noch ein paar Gedanken zum Buch und den Beiträgen der anderen? :winken:

    LG, Dani


    **kein Forums-Support per PN - bei Fragen/Problemen bitte im Hilfebereich melden**

  • Hier ist das Zitat mit der Mauer, das mir so gut gefiel. S. 177 unten:


    Leute wie Johnsey, die kaum einen Satz herausbekamen, ohne einen hochroten Kopf zu bekommen und ohne dass ihr Gehirn aus Protest die Arbeit niederlegte, hatten doch keine Chance gegen Leute, die Wörter derart in eine Reihenfolge bringen konnten, dass sie eine stabile Mauer ergaben, von Widerreden unmöglich zu erklimmen.


    Das ist sehr gut ausgedrückt und hier kann ich Johnsey sehr gut nachfühlen!

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.


  • Was sagt ihr eigentlich zu dem Ende? Ich bin damit ein wenig unglücklich, da man ja nun echt in jede Richtung deuten kann. War Dave wirklich tot durch den Autounfall oder nicht? Was passiert mit Johnsey? Schießt er auf die Leute oder schießt die Polizei auf ihn?


    Beim ersten Lesen hatte ich nicht gedacht, dass Johnsey erschossen wird. Eher, dass er von der Polizei überwältigt und wahrscheinlich angeklagt und eingesperrt wird oder in die Psychiatrie. Sterben wollte ich ihn aber nicht lassen... :sauer:
    Jetzt habe ich den letzten Absatz nochmal gelesen und da der Satz mittendrin endet, sehe ich es für mich leider doch so, dass wohl das Feuer auf Johnsey eröffnet wird. Die Polizei wird wohl kaum warten, bis er einen von ihnen umlegt, auch wenn Johnsey das wahrscheinlich nie vorhatte.




    Hm, gerade in Dörfern kenne ich das eigentlich nicht so. Da halten die Alteingesessenen zusammen. Insbesondere, und das war auch bei uns in der Stadt früher so, gibt es einen starken Familienzusammenhalt, der Leute wie Johnsey auffangen könnte, ebenso möglicherweise einen Freundeskreis der Familie. Das fehlt hier. So eine Zeitungs-Rufmordkampagne gegen eine Einzelperson kann ich mir hier nicht so recht vorstellen, ohne dass auch Gegenstimmen zu Wort kämen. Aber vielleicht lese ich nicht die "richtigen" Zeitungen...


    Gerade in Dörfern ist es aber leider auch so, dass man besser nicht anders sein sollte und Johnsey ist nun mal anders. Deswegen kann ich mir so eine Hetzkampagne gegen ihn gerade in einem Dorf schon gut vorstellen. Ob es sich dabei um ein irisches oder deutsches Dorf handelt, spielt wahrscheinlich keine große Rolle.

    :lesen: Anthony Powell - The Kindly Ones <br /><br />Mein SUB<br />Meine [URL=https://literaturschock.de/literaturforum/forum/index.php?thread/32348.msg763362.html#msg763362]Listen


  • Ach, ich Eumel habe leider vergessen, während des Lesens Sätze zu markieren, die mir bedeutsam vorkamen. Aber die oben zitierten sind mir auch im Gedächtnis geblieben, genauso wir der hier:



    Leute wie Johnsey, die kaum einen Satz herausbekamen, ohne einen hochroten Kopf zu bekommen und ohne dass ihr Gehirn aus Protest die Arbeit niederlegte, hatten doch keine Chance gegen Leute, die Wörter derart in eine Reihenfolge bringen konnten, dass sie eine stabile Mauer ergaben, von Widerreden unmöglich zu erklimmen.


    Ich fand viele Gedanken von Johnsey sehr treffend, zum Beispiel den, dass es seltsam ist, dass ihn jemand Behindi nennt, der sich selbst nicht um seine Kinder und seine Frau kümmert und seinen Lohn im Wirtshaus versäuft. Oder dass zwar alle Leute ihm Beileid wünschen und ihm sagen, sie wären immer für ihn da und könnten jederzeit vorbeikommen, dann aber wahrscheinlich furchtbar genervt wären, wenn er es tatsächlich täte.
    Da durchschaut er in seiner Einfalt die menschliche Heuchelei ziemlich gut...

    :lesen: Anthony Powell - The Kindly Ones <br /><br />Mein SUB<br />Meine [URL=https://literaturschock.de/literaturforum/forum/index.php?thread/32348.msg763362.html#msg763362]Listen


  • Das Markieren habe ich wieder verschlampt, die obigen fand ich aber ebenfalls gut genug, dass sie beim lesen deines Beitrags direkt wieder da waren.



    Ich fand viele Gedanken von Johnsey sehr treffend, zum Beispiel den, dass es seltsam ist, dass ihn jemand Behindi nennt, der sich selbst nicht um seine Kinder und seine Frau kümmert und seinen Lohn im Wirtshaus versäuft. Oder dass zwar alle Leute ihm Beileid wünschen und ihm sagen, sie wären immer für ihn da und könnten jederzeit vorbeikommen, dann aber wahrscheinlich furchtbar genervt wären, wenn er es tatsächlich täte.
    Da durchschaut er in seiner Einfalt die menschliche Heuchelei ziemlich gut...


    Genau, Johnsey fehlt die "Bauernschläue", mit der man sich seine Vorteil sichert, aber moralisch steht er auf sehr sicheren Füssen und lässt sich nicht von der Fassade der anderen Menschen blenden, sondern durchschaut sie.


  • Hier ist das Zitat mit der Mauer, das mir so gut gefiel. S. 177 unten:


    Leute wie Johnsey, die kaum einen Satz herausbekamen, ohne einen hochroten Kopf zu bekommen und ohne dass ihr Gehirn aus Protest die Arbeit niederlegte, hatten doch keine Chance gegen Leute, die Wörter derart in eine Reihenfolge bringen konnten, dass sie eine stabile Mauer ergaben, von Widerreden unmöglich zu erklimmen.


    Das ist sehr gut ausgedrückt und hier kann ich Johnsey sehr gut nachfühlen!


    Oh ja das ist ein sehr intensiver Satz. Ich hätte sicher auch noch mehr Zitate gefunden, aber dann wäre ich wohl noch später mit dem Lesen fertig gewesen. :zwinker:

    &WCF_AMPERSAND"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende&WCF_AMPERSAND" (H.M. Enzensberger)

  • Oh Mensch das mit den Zitaten habe ich verbaselt. Das war meine erste Postleserunde, da muss ich noch üben :smile:
    Ihr habt wirklich schöne Zitate markiert, sie waren beim erneuten Lesen aber gleich wieder präsent.

    Das sind keine Stirnfalten. Das ist ein Sixpack vom Denken.


  • Beim ersten Lesen hatte ich nicht gedacht, dass Johnsey erschossen wird. Eher, dass er von der Polizei überwältigt und wahrscheinlich angeklagt und eingesperrt wird oder in die Psychiatrie. Sterben wollte ich ihn aber nicht lassen... :sauer:
    Jetzt habe ich den letzten Absatz nochmal gelesen und da der Satz mittendrin endet, sehe ich es für mich leider doch so, dass wohl das Feuer auf Johnsey eröffnet wird. Die Polizei wird wohl kaum warten, bis er einen von ihnen umlegt, auch wenn Johnsey das wahrscheinlich nie vorhatte.


    Über das Ende musste ich auch nachdenken, denn es endet wirklich mitten im letzten Gedanken von Johnsey .
    Eigentlich bin ich beim Lesen davon ausgegangen, dass die irische Polizei ähnlich wie die britische unbewaffnet ist, und nur Polizisten eines Sondereinsatzkommandos Waffen tragen. Für mich war es daher klar, dass Johnsey also nicht erschossen wird, sondern wie schon ausgemalt habt, eher enteignet und in die Psychiatrie abgeschoben wird, da er ja auch keine Fürsprecher hat.
    Trotzdem ein sehr trauriges und tragisches Ende! :sauer:
    Bei uns oder vor allem in Amerika wäre diese kritische Situation sicher deutlich dramatisch/finaler abgelaufen...


  • Das hatte ich für eine Lüge des Nachbarn gehalten, um Johnsey zum Verkauf zu überreden. Johnseys Vater hat seine Arbeit und sein Land wohl sehr geliebt, deswegen glaube ich nicht, dass er wirklich zugestimmt hätte, dort ein Kino und Geschäfte zu errichten.


    Haha - lustig, da hat mich Ryan ja auch perfekt getäuscht und ich bin auf die Lüge reingefallen. :breitgrins:
    Genial gemacht!
    Seltsam ist aber trotzdem, dass ausgerechnet so viele Grundstücke von Johnseys Vater für die Umwidmung genommen wurden, ich hätte ja eher gedacht, dass die Entscheidungsträger in der Gemeinde darauf achten, dass sie um ihre eigenen Flurstücke herum planen.



    Hm, gerade in Dörfern kenne ich das eigentlich nicht so. Da halten die Alteingesessenen zusammen. Insbesondere, und das war auch bei uns in der Stadt früher so, gibt es einen starken Familienzusammenhalt, der Leute wie Johnsey auffangen könnte, ebenso möglicherweise einen Freundeskreis der Familie. Das fehlt hier. [/quote]
    Ich finde, Ryan hat das in seinem Roman eigentlich gut dargestellt:
    Dieses idyllische Dorf mit den vielen Alteingessenen und dem tollen Zusammenhalt gibt es einfach nicht mehr - die alten Strukturen sind kaputt.
    Seit die Wirtschaftskrisen die Menschen in die Arbeitslosigkeit getrieben haben und selbst Jugendliche auf der Straße rumlungern, hat sich eben alles verändert, jeder kämpft ums Überleben und die anderen lassen unbehelligt ihren Frust raus und besaufen sich.

  • Mich würde mal interessieren, ob jemand von euch ein positives Ende für Johnsey sieht?


    Dass er erschossen wird, habe ich mir nicht vorgestellt, sondern eher dass man ihn wegsperrt und enteignet. Nichts deutet für mich darauf hin, dass es mit ihm ein gutes Ende nimmt.


    Er könnte ja auch mit Siobhan glücklich werden. :zwinker: Aber ohne das große Geld wird sie nichts für ihn übrig haben. :rollen:

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