Philip K. Dick - Blade Runner

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Es gibt 27 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Alfa_Romea.

  • Ich habe das Buch vor ein paar Monaten gelesen. Es war interessant, aber:

    Beim Roman selbst ging es mir ein wenig so wie Wendy, der Autor wirft sehr viele Ideen und Konzepte in den Raum, von denen die meisten leider sehr oberflächlich bleiben.

    Genau das hat mich auch gestört. Ich wartete immer darauf, dass noch "etwas passiert" im Sinne von mehr Tiefe. Natürlich, hätte man alles, was in dem Roman angerissen wird, vertieft, würde der Roman dreimal so dick.

    Meiner Meinung hätte es dem Buch gut getan, wenn weniger angedeutet und zumindest eins der aufgeworfenen Themen vom Autoren vertieft behandelt worden wäre.

    So wirkt es ein wenig wie ein Kellner, der einem all die leckeren Speisen zeigt und am Ende "Danke für den Besuch" sagt, ohne dass man nur ein Stück hätte probieren dürfen.


    Natürlich könnte man den Roman als Inspiration dazu sehen, sich über Androiden und künstliche Intelligenzen selber Gedanken zu machen. Die Thematik wird mit der Weiterentwicklung in den Bereichen Robotik und künstliche Intelligenz sowieso auf uns zukommen. (Ob Philip K. Dick das vorausgesehen hat oder nicht, weiss ich nicht.) Trotzdem wäre es nett gewesen, ein paar vertiefte Denkanstösse mit auf den Weg zu bekommen.


    (Geradezu meisterhaft schafften das übrigens die Autoren der Star-Trek-Folge "Wem gehört Data?", die der Frage nachgeht, ab wann ein Android nicht mehr als Werkzeug, sondern als Wesen mit Rechten angesehen wird.)


    Ich hatte vor der Lektüre von "Blade Runner" über das Buch gelesen, um herauszufinden, wie es zu verstehen ist - aber letztlich konnte es mich trotz dieser Vorrecherche nicht begeistern.

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.

  • Das erinnert mich ein bisschen an meine Erfahrungen mit Dick. Ich habe "The Man in the High Castle" gelesen, weil ich die darauf basierende Amazon-Serie angefangen hatte zu gucken. Die Ideen fand ich spannend, die Charaktere eher flach, den Schluss merkwürdig-aber-irgendwie-doch-genial, aber ja, mir hätte ein bisschen mehr Ausführlichkeit auch besser gefallen. Vieles musste man sich auch für meinen Geschmack etwas zu sehr zusammenreimen.

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Danke für die Information, Valentine . In dem Fall werde ich vorerst keine weiteren Bücher von Dick mehr lesen. Die Lektüre war schon ein wenig enttäuschend.

    Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ein Teil der im Buch aufgeworfenen Fragen ("Was unterscheidet den Menschen von der Maschine und wie testet man das?") heute nicht mehr so theoretisch sind wie damals, sondern in gewissen Kreisen schon recht breit diskutiert werden und es schon Alltagsbezüge dazu gibt (zB Bots auf Twitter, die auf Tweets antworten).


    Was da noch Zukunftsvision war, ist heute bereits ein reales Problem. Wenn auch noch nicht in physischer Form wie im Roman.


    Davon abgesehen, was haben die Menschen auf der Erde eigentlich konkret gegen Androiden? So weit ich mich erinnere, wird nirgends erwähnt, dass die Andys den Menschen irgendwelche Ressourcen streitig machen. Das lässt die Menschen respektive die Kopfgeldjäger doch ein bisschen - mangels eines besseren Wortes - rassistisch wirken. Sie werden getötet, weil sie keine Menschen sind. Bisschen dünn.

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.

  • Davon abgesehen, was haben die Menschen auf der Erde eigentlich konkret gegen Androiden? So weit ich mich erinnere, wird nirgends erwähnt, dass die Andys den Menschen irgendwelche Ressourcen streitig machen. Das lässt die Menschen respektive die Kopfgeldjäger doch ein bisschen - mangels eines besseren Wortes - rassistisch wirken. Sie werden getötet, weil sie keine Menschen sind. Bisschen dünn.

    Wobei das ja leider nicht so weit hergeholt ist vom ganz realen und aktuellen Rassissmus. Es gibt ja auch keinen haltbaren Grund für Rassismuss und Hass gegenüber Menschen anderer Hautfarben, das Anderssein alleine reicht schon aus.

    “Grown-ups don't look like grown-ups on the inside either. Outside, they're big and thoughtless and they always know what they're doing. Inside, they look just like they always have. Like they did when they were your age. Truth is, there aren't any grown-ups. Not one, in the whole wide world.” N.G.

  • Dicks Romane leben meiner Meinung nach von der Stimmung, die sie evozieren. Nicht von der - oft mangelhaften - Logik der Handlung. Wie kann ein Android, der ja gemäss Dick nur eine Lebenserwartung von etwa 4 Jahren hat, zum Opernstar werden? Jeder Musikkritiker möchte doch wissen, wo und wann der seine Ausbildung absolviert hat. Solche seltsamen Löcher haben alle seine Romane. Jedenfalls die, die ich kenne.


    Aber ich finde die Stimmung, die er hervorruft, dennoch faszinierend.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Es gibt ja auch keinen haltbaren Grund für Rassismuss und Hass gegenüber Menschen anderer Hautfarben, das Anderssein alleine reicht schon aus.

    Schon richtig. Von Rassisten erwarte ich auch keine Rechtfertigung für ihren Hass. Aber von einem hochgelobten (?) SciFi-Autoren hätte ich einen Hinweis darauf erwartet, woher der Hass seiner Protagonisten rührt...


    Dicks Romane leben meiner Meinung nach von der Stimmung, die sie evozieren.

    Guter Punkt. Die Stimmung dieser postapokalpytischen Welt und wie die Protagonisten damit umgehen war beim Lesen tatsächlich zu spüren.


    Mir schienen alle recht resigniert, auch wenn sie das unterschiedlich zeigten. Deckard mit Sarkamus und einer der Hemdsärmeligkeit, derjenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Deckards Frau mit der Flucht in spirituelle Welten (wenn man die Übernutzung der Einswerdungsbox mal so interpretieren möchte). Der "Spezialfall" Isidore mit der Zufriedenheit, die er sich fast wie ein Mantra einredet, um seine Ängste im Zaum zu halten.

    Die Androiden dagegen waren weniger gut zu "spüren", obwohl sie unterschiedliche Charakterzüge aufwiesen.


    In diesem Aspekt ist Dick tatsächlich ein sehr guter Roman gelungen.


    Schade, wurde der Rest so vernachlässigt. Die Logiklöcher stören mich nicht mal am meisten, sondern - wie angesprochen - die grossen, nur angeritzten philosophischen Fragen. Da hätte ich vertieftere Antworten oder besser gesagt Denkanstösse erwartet.

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.

  • Ja, Philosophie muss in sich logisch sein.


    Aber du kannst einen (kleinen) Logikfehler im Storytelling1 machen, ohne dass die Fragen, die auf einer abstrakten Ebene behandelt werden2, davon berührt sind.


    1 Luba Luft ist weltberühmt, obwohl sie keine glaubwürdige Biografie hat.

    2 Was unterscheidet den Menschen vom hochentwickelten Androiden?

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.