Kazuo Ishiguro - Der begrabene Riese/The Buried Giant

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 7 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Kirsten.

  • Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese


    Verlag: Blessing
    Erstausgabe (D): 2015
    Ausgabe: Gebundene Ausgabe
    Originaltitel: The Buried Giant
    Originalausgabe: 2015


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    Klappentext:


    Britannien im 5. Jahrhundert: Nach erbitterten Kriegen zwischen den Volksstämmen der Briten und Angelsachsen ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice sind seit vielen Jahren ein Paar. In ihrem Dorf gelten sie als Außenseiter, und man gibt ihnen deutlich zu verstehen, dass sie eine Belastung für die Gemeinschaft sind. Also verlassen sie ihre Heimat in der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, den sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren, und bald ahnen sie, dass in ihrem Land eine Veränderung heraufzieht, die alles aus dem Gleichgewicht bringen wird, sogar ihre Beziehung.


    Meine Meinung:


    Wie soll man ein Buch beschreiben, das so voller Poesie und sprachlicher Kraft steckt? Jeder Satz geht durch die Haut, brennt sich auf der Netzhaut ein und hinterlässt einen lange andauernden Nachhall.


    Axl und Beatrice sind schon lange ein Paar, gelten in ihrem Dorf aber als Außenseiter. Sie fühlen sich ungewollt, als Störenfriede, die sie nicht sein wollen. Schließlich treffen sie eine Entscheidung: Sie ziehen los, um ihren Sohn zu finden, den sie lange nicht gesehen haben. Während ihrer Reise erfahren sie Dinge über sich und ihr Land, die alles in Frage stellt und verändern wird.


    Zwar verlagert Kazuo Ishiguro die Handlung in das Britannien des 5. Jahrhunderts, aber seine Geschichte ist zeitloser, wie sie keine sein kann. Man muss jedes Wort genießen, es sich auf der Zunge zergehen lassen, tief eintauchen in diese fremde und doch so bekannte Welt. Wissen wird gegen Unwissenheit getauscht. Die rote Pille oder die blaue? Welche Wahl trifft man, wenn man mit dieser Frage konfrontiert wird?


    Was für ein großer, was für ein großartiger Roman.


    5ratten



    Titel an Forumskonventionen angepasst. illy. :zunge:

    2018: In Belgien erschießt die Polizei ein 2-jähriges Kind. In Deutschland sitzt ein 2-jähriges Kind in Abschiebehaft. Europa wird also von 2-jährigen bedroht.

    Einmal editiert, zuletzt von illy ()

  • Oh, das klingt toll! Das Buch steht schon länger auf meinem Wunschzettel und ist jetzt noch mal ein Stück nach oben gewandert.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Fängt in der Leseprobe sprachlich stark an.


    Gruß, Thomas

  • .. ich hätt ihn so gern geliebt diesen Roman und hatte mich wirklich sehr darauf gefreut, hab ihn gleich bei Erscheinen gekauft, weil ich "Alles was wir geben mussten" von selben Autor so beindruckend fand und "Der begrabene Riese" von der Thematik her außerdem voll in mein "Beuteschema" fällt.
    Das Buch selbst find ich auch optisch und haptisch wunderbar, mit seinem blauen Leineneinband und der zuruückhaltenden aber passenden Zeichnung, es hätte mich sicher auch angelockt, wenn ich nicht schon zuvor etwas von dem Autor gelesen hätte.


    Aber leider, nach anfänglicher Begeisterung, irgendwo auf halber Strecke haben Axl und Beatrice mich verloren. Ich glaub es hing mit Herrn Gawain zusammen, ohne es genauer erklären zu können, aber ab da ungefähr, spätestens bei den Möchen und der Flucht von dort bin ich gefühlsmäßig auf der Strecke liegengeblieben, auch wenn ich das Buch letztlich noch fertiggelesen habe, aber es hat mich nicht mehr wirklich berührt. Obwohl doch .. immer mal wieder zwischendrin und nochmal zum Ende hin hat es mich doch wieder gepackt.


    Trotz der Ernüchterung sind mir Bilder, Eindrücke und poetische Momente in Erinnerung geblieben, an die ich mich als Einzelfragement gut erinnere, aber im großen Zusammenhang hat es mich leider nicht so richtig erreicht.


    Ich bin mir aber sicher, daß dieses Buch nochmal einen Versuch verdient hat. Vielleicht hab ich es einfach zum falschen Zeitpunkt gelesen. Ich heb es auf für den besseren Moment und geb deshalb auch noch keine Bewertung ab.

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

    Einmal editiert, zuletzt von Firiath ()

  • Britannien, kurz nach der Artus-Zeit. Axl und Beatrice sind alt und leben von einem Tag zum nächsten in ihrer Siedlung. Eines Tages erinnern sie sich, doch einen Sohn gehabt zu haben und beschließen, loszuziehen und ihn zu besuchen. Die Queste beginnt, es gilt Menschenfressern, Soldaten, Verrätern, hasserfülltem Pöbel und anderen Feinden und Monstern auszuweichen oder zu widerstehen und gleichzeitig Menschen freundlich in ihrer Not beiseite zu stehen.


    Dank diesem Aufbau erinnert das Buch kaum an typische Fantasy, sondern eher an eine klassische Märchenstruktur, nutzt auch die dafür typischen Figuren und Motive. Das zentrale Thema der Geschichte ist dabei das Vergessen, Axl und Beatrice und die meisten anderen Menschen können sich kaum an den gestrigen Tag erinnern. Ein Nebel liegt über ihrer Heimat, der die Vergangenheit ganz schnell ins Vergessen taucht. Manchmal zweifeln sie an sich und ihrer Liebe, ist es vielleicht gut, schlechte Erinnerungen vergessen zu haben, sind sie so nicht glücklicher? Oder besteht wahre Zuneigung nicht auch daraus, die schlechten Zeiten gemeinsam zu überwinden und trotzdem zusammenzubleiben?


    Ich finde, man ahnt eine tiefere Bedeutung, die sich hinter der Geschichte verstecken könnte, bekommt sie aber nicht so recht zu fassen. Zum Ende bleibt eine traurige, melancholische Stimmung zurück, die noch über die Lektüre hinaus nachwirkt.


    4ratten

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)

  • Britannien, irgendwann nach dem Abzug der Römer. Ein merkwürdiger Nebel des Vergessens liegt über den Landen und raubt den Menschen ihre Erinnerungen. Auch das Ehepaar Axl und Beatrice gehört dazu. Die beiden sind schon etwas in die Jahre gekommen und einander in inniger Zuneigung verbunden. Besonders Beatrice leidet unter dem Älterwerden, noch mehr aber schmerzt sie der Verlust der Erinnerung.


    Eines Tages machen sich die beiden auf den Weg, um das Dorf ihres Sohnes aufzusuchen. Wo es genau liegt, wissen sie nicht mehr, auch wann und warum er fortgegangen ist, versank im Nebel. Doch sie sind unterwegs, ein wenig ängstlich zwar, aber dennoch im Vertrauen auf die richtige Eingebung an Weggabelungen und auf einander.


    Auf dem Weg kommt es zu einigen Begegnungen, manche rätselhaft, manche gefährlich, manche herzerwärmend, und unversehens finden sich unsere beiden tapferen Wanderer, mal mit, mal ohne Weggefährten, mitten in einer Mission wieder, mit der sie niemals gerechnet hätten.


    Mag sein, dass das nun etwas kryptisch klingt, aber ich möchte auf keinen Fall zu viel verraten über diesen wundervollen Roman, dessen Faszination auch davon lebt, dass man zunächst über so vieles im Dunkeln tappt - wo er genau spielt und zu welcher Zeit, was die Ursache des großen Vergessens ist, welche Vorgeschichte Axl und Beatrice wohl haben mögen und was es mit ihrem Sohn auf sich hat (oder ob es ihn überhaupt jemals gegeben hat).


    Die Beziehung dieser beiden alten Menschen zueinander ist so behutsam und liebevoll gezeichnet, dass es einem schier die Tränen in die Augen treibt, und bleibt doch fern von Kitsch und nahe an der Realität. Auch Zweifel und alte Wunden haben ihren Platz in ihrem gemeinsamen Leben, obgleich sie damit ihren Frieden geschlossen zu haben scheinen. Oder liegt das hauptsächlich daran, dass sie sich nicht mehr richtig erinnern können?


    Das einzige, was mich manchmal ein ganz klein wenig gestört hat, war Beatrices oft sehr ängstlich-zögerliche Art, dieses Frauenklischee. Andererseits ist solches Verhalten ja durchaus nicht unrealistisch, vor allem im Alter.


    Die Schilderungen ihrer abenteuerlichen Reise vereinen märchenhafte und historische Elemente mit bekannten Legenden, und auch wenn das Grundmotiv eine Art Quest ist, spielt Ishiguro doch in einer ganz anderen Liga als die meisten genretypischen Autoren. Die Sprache ist poetisch, zart und schlicht, Ishiguro verzichtet auf Schwulst wie auf Schönfärberei und hat hier etwas ganz Besonderes geschaffen, ein Buch, das ich so mysteriös wie fesselnd fand und ganz bestimmt so schnell nicht vergessen werde.


    Eins der ungewöhnlichsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Eigen-artig im allerbesten Sinne des Wortes.


    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Ich finde, man ahnt eine tiefere Bedeutung, die sich hinter der Geschichte verstecken könnte, bekommt sie aber nicht so recht zu fassen. Zum Ende bleibt eine traurige, melancholische Stimmung zurück, die noch über die Lektüre hinaus nachwirkt.

    Ja, das ging mir genauso. Das wäre ein schönes Leserundenbuch gewesen.


    Auf jeden Fall ist es eines, das sich noch mal zu lesen lohnen würde. Gerade mit dem Wissen um den Ausgang.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Valentine

    Hat den Titel des Themas von „Kazuo Ishiguro - Der begrabene Riese“ zu „Kazuo Ishiguro - Der begrabene Riese/The Buried Giant“ geändert.
  • Meine Meinung

    Das wäre ein schönes Leserundenbuch gewesen.

    Das stimmt. Der begrabene Riese ist ein Buch, über das es sicherlich viel zu dieskutieren gibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass unterschiedliche Leser die Ereignisse unterschiedlich sehen.


    Ich fand es ein sehr düsteres Buch. Nur Axl und Beatrice haben gestrahlt. Sie waren nicht der rote, sondern der leuchtende Faden, der mich durch das Buch geführt hat. Ich fand die Geschichte selbst sehr schön, aber ich konnte sie auch nicht so richtig packen, sondern hatte immer das Gefühl, als ob da mehr wäre als der Autor zu erzählen bereit ist. Ich hatte den Eindruck, als ob es eine tiefere Erzählebene geben würde, die ich nicht erreichen konnte. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, hat mir Der begrabene Riese sehr gut gefallen. Er hatte etwas Geheimnisvolles, das mich fasziniert hat.

    4ratten

    I'm young enough to still see the passionate girl that I used to be. But I'm old enough to say I got a good look at the other side.