Lesen als Realitätsflucht

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

Es gibt 45 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Weratundrina.

  • Ich gebe Onkel Orwell recht. Ich finde es auch wichtig, dass man das richtige Leben nicht verpassen sollte.
    Aber manchmal kann die Realität auch so mies sein, dass es besser ist, sich zeitweise auf was anderes zu konzentrieren. Und dann hilft mir Lesen viel mehr als Computer oder Filme etc.

  • Mir fällt dazu das Gedicht "Der Fliegende Robert" von Enzensberger ein. Ich zitiere mal die ersten Zeilen, den Rest kann man sich ergoogeln


    Eskapismus, ruft ihr mir zu,
    vorwurfsvoll.
    Was denn sonst, antworte ich,
    bei diesem Sauwetter!
    [...]

    "What we remember is all the home we need."

    Roberet Holdstock, Avilion


    Mein SuB: Link<br />Mein Goodreads-Account

  • Es kommt immer drauf an wie schlecht es mir geht. Klar verkrieche ich mich dann gerne in ein Buch um alles zu vergessen. Aber das löst leider auch keine Probleme. Bücher sind ein guter Seelentröster. Es kam auch schon vor das ich aus Kummer Bücher gekauft habe. :redface:

  • Wenn es mir richtig schlecht geht, hilft lesen so gar nicht. Dann kann ich mich nicht ausreichend auf einen Text konzentrieren. Dann hilft nur noch körperliche Aktivität, andere Menschen, eben Trubel. Einfach etwas, wobei man nicht groß denken muss.

    &#128012;

  • Ich glaube bei mir ist das eher andersrum. Ich hatte letztes Jahr mal eine schlechte Phase und da konnte ich überhaupt nicht lesen.
    Ich glaube, ich lese doch mehr, wenn es mir gut geht, also zumindest psychisch.

    I&#039;m the perfect stranger who knows you too well


  • Also irgendwie doch Realitätsflucht :zwinker:


    Meine Ex Freundin war ne ziemliche Leseratte und deren Vater sagte ihr einst, dass man Dinge lieber selber erleben sollte, anstelle sie zu lesen.


    Das hat was, wie ich finde. Lesen ist toll, aber genau wie Filme und eigentlich alles, sollte man dadurch nicht das Leben verpassen...


    Gibt es nicht auch so ein Zitat, dass ein Leser (von Romanen) im Gegensatz zu Nichtlesern viele Leben durchleben kann?


    Vieles, wenn nicht das meiste von dem, was man in der Freizeit liest, wird man nie selbst erleben oder selten auf dem Level, wie man es gelesen hat (allein schon die ganzen Biografien von Abenteurern, Wissenschaftlern etc. und die ganzen Fantasyromane :zwinker:). Einige Bücher können einen anregen, etwas zu unternehmen.
    Aber ehrlich: Wenn ich jetzt "Das Seelenhaus" gelesen habe und kein Geld habe, Island zu bereisen, darf ich das Buch dann nicht lesen? Nicht gut finden? Ich könnte mir stattdessen Bücher über Island durchlesen - über Kultur, Sprache, Geschichte, Landschaft/ Biologie und Reiseberichte etc. Dabei hätte ich jedenfalls mehr "erlebt", als wenn ich das ganze Projekt gelassen hätte, weil ich nichts aus zweiter Hand erleben möchte. Ich, mein Gehirn, wäre durch dieses Lesen verändert worden, nicht auf die gleiche Art, als wenn ich vor Ort gewesen wäre, aber doch auch ggf. nachhaltig. (Vor-Ort-Eindrücke sind auch immer beschränkt, wenn einem Hintergrundwissen fehlt).


    Und wie gesagt: Sehr viele Bücher regen einen an, etwas auszuprobieren, sei es im Kleinen (etwas zu kochen, Sport zu treiben) oder nachhaltiger (ein neues Hobby auszuprobieren, anders mit Menschen umzugehen) oder etwas aufwändiger (eine Reise zu machen, eine Sprache etc. zu lernen). Ohne das Erleben aus zweiter Hand hätte man die meisten dieser Dinge nie gemacht, weil man einfach einen Gedankenanstoß dazu erhalten hätte.


    LG von
    Keshia

    Ich sammele Kochbücher, Foodfotos und Zitate.


    <3 Aktuelle Lieblingsbücher: "The good people" von Hannah Kent, "Plate to pixel" von Hélène Dujardin und "The elegance of the hedgehog" von Muriel Barbery.


  • Vieles, wenn nicht das meiste von dem, was man in der Freizeit liest, wird man nie selbst erleben oder selten auf dem Level, wie man es gelesen hat (allein schon die ganzen Biografien von Abenteurern, Wissenschaftlern etc. und die ganzen Fantasyromane :zwinker:).


    Ich weiß nicht, was Ihr so an Büchern lest, aber das meiste davon was ich lese, will ich gar nicht selbst erleben! Krimis? Thriller? Historisches aus Zeiten, die nicht gar so gemütlich sind? etc.
    Würde ich nur Bücher lesen über Dinge, die ich selbst realistischerweise erleben könnte, das wäre nun wahrlich sterbenslangweilig. :breitgrins:


    Lesen und lesen lassen, eh?


  • Lesen und lesen lassen, eh?


    Genau! Und was es heißt, das Leben zu verpassen, entscheidet jeder höchst subjektiv und für sich selbst. Erinnert mich aber ein wenig an die Extrovert-Introvert-Diskussion.


    Zum Thema: wenn es mir wirklich schlecht geht, fehlt mir die Aufmerksamkeit und Konzentration zum Lesen. Auch in sehr stressreichen Phasen lese ich eher weniger. Da funktionieren bei mir Filme und Serien besser, Filme sind ja überhaupt auch kurzweiliger.
    Zum Abschalten und in andere Welten einttauchen funktioniert Lesen aber sehr gut bei mir, mehr als Filme und Serien.

    “Grown-ups don't look like grown-ups on the inside either. Outside, they're big and thoughtless and they always know what they're doing. Inside, they look just like they always have. Like they did when they were your age. Truth is, there aren't any grown-ups. Not one, in the whole wide world.” N.G.

  • Ich habe die Feststellung gemacht, dass gerade Lesen bei mir gut hilft, weil man sich drauf konzentrieren muss. Man kann vorm Fernseher sitzen und trotzdem die ganze Zeit grübeln und sich Sorgen machen. Aber beim Lesen geht das einfach nicht. Deswegen ist das für mich dann die ideale Ablenkung.

  • Ich schalte vom Leben auch gerne mal mit lesen ab. Je nach Lektüre jedenfalls. Früher gelang es mir nur irgendwie manchmal besser. Wenn zu viele Sorgen da sind, das Leben zu lange schon übel mitgespielt hat, kann das sogar soweit einen verfolgen, das selbst beim lesen es störend ist. Wenn es jedoch gelingt ins Buch einzutauchen, sehe ich das nicht aus Flucht. Ich betrachte es eher als eine Möglichkeit etwas abzuschalten, durch zu atmen und Kraft zu tanken. Sich den Dingen stellen die einen Quälen ist ja dennoch möglich und am Leben selber wird auch denke ich noch teilgenommen. Also verpassen tut man so dann auch nichts.

    Ein nicht zu Ende gelesenes Buch gleicht einem nicht zu Ende gegangenen Weg.<br />(Weisheit aus China)<br /><br />Gruß Pinky


  • Wenn es mir richtig schlecht geht, hilft lesen so gar nicht. Dann kann ich mich nicht ausreichend auf einen Text konzentrieren. Dann hilft nur noch körperliche Aktivität, andere Menschen, eben Trubel. Einfach etwas, wobei man nicht groß denken muss.


    Und bei mir ist es tatsächlich komplett umgekehrt: je schlechter es mir geht, desto lieber bin ich alleine. Und dann gerne auch in anderen Welten: seien es andere Zeiten, andere Liebesbeziehungen, anderes Alter, andere Familien, generell andere Leben.
    Klar, helfen auch mir immer gute Freunde und Familie, aber um dem ganzen Sch... mal zu entfliehen, gibt es für mich nichts besseres als Lesen (guter) Bücher.
    Im Gegenzug dazu finde ich bei Stress keine Ruhe und Muße zu lesen, egal wie gut das Buch ist

  • Also sowas wie die Lektüre eines großartigen Buches an einem schönen Ort und vielleicht im Anschluss noch ein gutes Gespräch über das Gelesene? ;)


    Wie bereits erwähnt, möchte ich nicht darüber urteilen, was für wen richtig ist. Aber du hast das schön kombiniert und ich denke, sowas könnte bei mir auch eine schöne Erinnerung hinterlassen. Aber die Lektüre wäre wohl mehr Mittel, und die Person(en) samt schönem Ort, der Zweck.



    Aber manchmal kann die Realität auch so mies sein, dass es besser ist, sich zeitweise auf was anderes zu konzentrieren.


    Sehe ich auch so. Wie sagte Paracelsus einst "Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist".



    Ich wollte damit eigentlich nur sagen, dass ich es nicht für erstrebenswert halte, die Nase praktisch ausschließlich in Bücher zu stecken und diese Erlebnisse mit realen Erlebnissen gleichzusetzen.


    Aber ich möchte das Lesen an und für sich sicher nicht schlecht reden. Es gibt ja sowieso die verschiedensten Beweggründe, warum man liest. Persönlich erwarte ich von Bücher, in der Regel, mehr als bloße Unterhaltung - was nicht ausschließt, dass ich nicht auch auf gute Geschichten stehe. Gute Geschichten begeistern die Menschen seit jeher, da sie uns etwas geben was wir im sogenannten "kollektiven Unterbewusstsein" anstreben, z.B. dem Wunsch nach Veränderung - die sogenannte Heldenreise.


    Meine dilettantische These lautet wie folgt: Je mehr man nach der Heldenreise strebt, desto nötiger hat man eine im normalen Leben. Zumindest konnte ich das bei mir gut feststellen. Geschichten begleiten mich mein ganzes Leben schon, aber je weniger Zeit ich ihnen schenkte, desto mehr habe ich gelebt. Aber fasziniert haben sie mich immer. Auch würde ich mich selber als überdurchschnittlich verträumt einstufen. Das sollte jetzt wirklich kein Angriff auf die Lesegemeinde sein - eher ein Denkanstoß.


    Wer sich für das Thema Geschichten - also wie sie aufgebaut sind und unser streben nach Glück befriedigen - interessiert, kann mal ein Blick in diese Bücher werfen:


    Joseph Campbell - Der Heros in tausend Gestalten

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    Oder speziefischer in Richtung Filme / Drehbücher
    Christopher Vogler - Die Odyssee des Drehbuchschreibers

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    Und noch tiefer in die Psychologie
    C.G. Jung - Die Archetypen und das kollektive Unterbewusstsein

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    Ansonsten gefällt mir der Spruch Lesen und lesen lassen sehr gut. Man kann definitiv dümmeres machen, als zu lesen...

  • Vielleicht passt hier ja auch ein Comic von The Oatmeal ganz gut rein :elch:

    “Grown-ups don't look like grown-ups on the inside either. Outside, they're big and thoughtless and they always know what they're doing. Inside, they look just like they always have. Like they did when they were your age. Truth is, there aren't any grown-ups. Not one, in the whole wide world.” N.G.

  • Herrlich! Und so treffend!

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Komisch ... Auf Jung hatte ich die ganze Zeit gewartet in diesem Thread ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • :ploed:
    Das könnte vielleicht auch noch hier rein passen.. :breitgrins:


    Tim Burtons Vincent; gesprochen von Vincent Price.


    sandhofer
    Das musst du mir etwas genauer erläutern. Ich höre gerne deine Meinung zu Dingen. Über den Hesse müssen wir uns auch mal unterhalten. Eigentlich würde der Gute sogar auch in den Thread passen...

  • Schlecht gehen ist so eine Definitionssache und ein ziemlich schwammiger Begriff. Wenn es mir richtig schlecht geht, weil ein Mensch gestorben ist, der mir etwas bedeutet hat, dann fällt es mir schwer zu lesen. Dann brauche ich reale Menschen um mich herum, aber wenn ich mich einfach nur ein bisschen mies fühle, der Tag einfach Scheiße war und ich mich auf der Arbeit geärgert habe, dann greife ich ganz besonders gerne zum Buch, um eben dieser Realität tatsächlich zu entfliehen. Für mich ist das auch kein Kopf in den Sand stecken oder eine Art weglaufen, sondern schlicht und ergreifend ein Geschenk.
    Ich habe die Option, mich mental in eine andere Welt zu begeben und das ist wundervoll. Das ist es auch dass, was einen guten Autor ausmacht. Dass man eben die Welt um sich herum vergisst und ganz eintaucht in die fiktive Welt.


    Ich fliehe zuweilen ganz gern und stehe da auch dazu. Dennoch bin ich nicht realitätsfremd oder konfliktscheu. Wie schon jener oben zitierte Paracelsus sagte:


    Allein die Dosis macht's, dass ein Ding kein Gift sei.


    Ich lebe mein Leben sehr intensiv, habe eigentlich an 5 Tagen die Woche einige Stunden, welche ich mit Menschen verbringe, die mir wichtig sind und mit denen ich mich sehr intensiv über das Leben und diese Welt auseinandersetze. Wir diskutieren, lachen und streiten im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt.


    Dennoch brauche ich meine Momente, in welchen ich mich zurückziehe in eine virtuelle Welt. Da gehört dann auch dazu, dass ich nach zwei Stunden Talmud-Diskussionen abends im Bett liege und "Star Trek" lese. Starke Diskrepanz, aber mir tut es gut und ich liebe es, mich vor dem einschlafen in den Weltraum zu begeben.

  • Was für eine fantastische Diskussion.


    Für mich ist das auch kein Kopf in den Sand stecken oder eine Art weglaufen, sondern schlicht und ergreifend ein Geschenk.


    Ja genau!


    Aber es gibt eben so unterschiedliche Geister wie es verschiedene Lebensformen gibt. Für mich ist ein Abend in der Kneipe mit fremden Leuten, komischen Gerüchen und teuren Getränken inkl. Nervengift ungefähr genauso bereichernd wie der nächste Tag an dem ich mit fettigem und salzigem Essen versuche meinen Körper wieder fit zu kriegen. Dann doch lieber ein Abend mit Buch!
    Und ich war schon in so vielen Kneipen und hab Partys gefeiert und viele lustige Sachen gemacht und erlebt und es ist ja auch toll, man geht raus, berauscht sich und Action. Aber irgendwann hab ich bemerkt, dass es nicht das einzige ist, was ich von meinem Leben will und es auch nicht das ist, was ich mir für einen perfekten Abend wünsche. Weil es nicht bleibt.



    deren Vater sagte ihr einst, dass man Dinge lieber selber erleben sollte, anstelle sie zu lesen.


    Erstmal geht es ja gar nicht, alles zu erleben was man so liest. Vermutlich werde ich nie der erste Mensch auf dem Mars sein, ich werde auch kein Radrennprofi und ich werd auch nie als Teenager von zuhause weglaufen, einfach weil ich dafür schon zu alt bin. Aber zumindest beim Weglaufen sind mindestens meine Eltern froh, dass wir uns das ersparen können :zwinker:
    Mein Vater hat mir immer gesagt ich soll viel lesen. Meine Mutter und ich lagen oft zusammen auf dem Sofa und haben gelesen. Ich finde das ist eine schöne Familiensache gewesen. Mein Vater hatte nie die Ruhe viel zu lesen, erst als das Arbeitsleben ihn weniger forderte konnte er mal abschalten.


    Aber ich hab noch einen anderen Kritikpunkt und das passt zur Rationalität hinter dem Rat, den der Vater deine Ex gegeben hat:
    Die Rationalität bringt uns doch nichts, was von Träumen und Glück zeugt. Und zumindest meine Seele braucht einfach einen Ort, an dem sie sich verwundbar machen kann, an dem sie wütend sein kann, an dem sie etwas tut, was ich als Mitglied der Gesellschaft nicht täte und sei es einen feuerspeienden Drachen zu bändigen.


    Wenn man gut und viel schläft (ich glaube acht Stunden gelten als gesund) ist das auch ein Hilfsmittel für eine gesunde Psyche. Wer psychisch leidet, also vielleicht Kummer hat oder dauerhaft eine Krankheit hat, ist oft auch Opfer von Schlafstörungen. Ich kenn das auch. Wenn ich nicht gut schlafe, liegt das selten an meiner Umgebung. Ich finde mein Schlafzimmer gut, mein Kissen ist bequem, alles schön. Aber manchmal wacht man nachts auf und hat einen doofen Traum gehabt oder man schläft gar nicht erst ein, weil einen irgendwas nicht loslässt und sei es banal.
    Wenn ich viel lese, dann habe ich solche Probleme nicht. Es ist als könnte ich in der Form meiner Protagonist*innen all die Gefühle ausleben und Handlungen vollziehen, die ich real nicht mal wahrnehme. Ich lese manchmal wie eine Wahnsinnige, stundenlang und wache förmlich irgendwann auf und merke dann, dass ich einen Telefonanruf verpasst hab. Ich bin sogar schon mal im Zug falsch ausgestiegen wegen eines sehr spannenden Kapitels.
    Aber obwohl es mich auch verwirrt und meinen Alltag durchwirbeln kann, glaube ich dass Lesen gesund ist. Genau wie das Naschen von Süßigkeiten und das gute Gewissen dabei (entgegen jedem Schönheitsideal finde ich nämlich, dass Menschen mit einem mittel bis hohen BMI durchaus wunderschön sind, vor allem wenn es ihnen einfach gut geht) ist es gesund und erholsam einfach mal was anderes zu machen.
    Lesen ist auch anstrengend. Es ist auch anstrengend bewusst Filme zu gucken. Man muss manchmal im Studium oder in der Schule Rezensionen über Filme schreiben und auf Krimskrams wie Licht, Deko, Kostüm oder Handlungsfolgen achten, irgendwann geht das ins Zuschauerbewusstsein über und man bemerkt Details.


    Es tut mir immer ein bisschen leid, wenn Leute sagen: "Das solltest du mal lassen. Geh doch mal raus, du erlebst ja gar nichts."
    Aber ich erlebe so viel. Ich hab Höhen und Tiefen, wenn ich am Klavier sitze und mal ein, zwei Stunden klimpere. Ich hab auch wirklich Gefühlsachterbahnen beim Lesen. Manchmal kommt mein Mann nach Hause und ich sitze auf dem Lesesessel im Schlafzimmer (mein liebster Lesesessel momentan). Er sieht, dass ich weine. Wenn er mein Buch sieht, weiß er ja, dass nichts passiert ist. Als er mal gefragt hat was passiert ist und ich ihm gesagt habe, dass gerade der beste Freund der Henne gestorben ist (ich habe ein wundervolles koreanisches Buch über eine sehr tapfere Henne gelesen) und sie nun allein für ein Küken sorgen muss, hat er mich verstanden. Ich finde das war ein sehr reales und nahes Erlebnis.


    Ich werde ja einfach niemals ein Huhn sein. Und ich fliehe auch nicht vor der Realität. Die Geschichten gehören zu meinem Leben, sie gehören mir und die Gedanken dazu auch. Wenn ich sie mal verliere, vielleicht schusselig werde, dann ist nichts verloren, das für Fremde wichtig sein muss. Mein Leben muss nur mir genügen und ich liebe es einfach diese vielen Rollen und Charaktere zu finden.
    Ich schreibe mir auch oft auf, wenn ich Bücher an besonderen Orten gelesen habe. Ein Buch hab ich im Arm meines Jugendfreundes zu Schulzeiten gelesen. Ich hab neulich das Buch aufgeschlagen und da hatte ich es notiert. Dazu hab ich geschrieben: "Es ist so traurig" - ich überlege schon die ganzen Tage, ob es traurig ist, dass diese Zeit vorbei ist oder ob ich die Geschichte meinte. Ich hab die Seite rausgerissen und das Buch in den Bücherschrank gestellt. Es war eine unwichtige Seite und ich wollte nicht, dass sie jemand bekommt. An dem Buch hänge ich nicht mehr.
    Aber ich weiß ja, dass man die Zeit als einzige unserer vielen Erfindungen nicht aufhalten kann. Und wenn etwas sich ändert, in dem Fall das Ende einer Jugendliebe, dann ist das gut. Aber auch den Wehmut zu fühlen, dass man eben nicht mehr 18 ist und sich alles ändert, ist irgendwie wertvoll. Vielleicht hätte ich das nicht erlebt, wenn ich damals nicht gelesen hätte.

  • Ich glaube bei mir ist es tatsächlich ganz klassisch.
    Je schlechter es mir geht desto mehr lese ich. Derzeit bin ich ja wirklich nicht gut dran und ich gehe gar nicht raus - zumindest nicht allein. Wir haben derzeit alle Kontakte auf Eis gelegt so dass ich naturgemäß mehr lese in der Zeit in der wir ansonsten Rollenspiel- oder Tabletoprunden hätten oder auf einem veganen Brunch wären.
    Wenn ich mich "normal" fühle lese ich auch durchschnittlich - also so ca drei bis vier Bücher im Monat.
    Es gab aber auch eimmer mal eine Flucht nach aussen Phase wo ich nur Aktion hatte und gar nicht las. Das ist aber auch nicht gesund und da sind dann ganz andere Dinge sehr schief gelaufen.


    Meine Mutter zB versteht nicht dass man Belletristik liest oder Filme schaut. Sie akzeptiert nur Klassiker Sachbücher und Biographien. Im Fernsehen nur Dokus und politische Sedungen.

    Viele Grüsse,

    Weratundrina :verlegen:


    Help me, help me ~ Won't someone set me free? ~ There's no right side of the bed ~ With a body like mine and a mind like mine

    ~ IDLES ~


    Einmal editiert, zuletzt von Weratundrina ()


  • Meine Mutter zB versteht nicht dass man Belletristik liest oder Filme schaut. Sie akzeptiert nur Klassiker Sachbücher und Biographien. Im Fernsehen nur Dokus und politische Sedungen.


    Meine Mutter kann zumindest mit allem, was auch nur ansatzweise phantastisch angehaucht ist, nichts anfangen. Dann heißt es immer nur "Aber das gibt es doch gar nicht wirklich" :rollen: :breitgrins:


    Bina: schöner Beitrag, danke! :smile:

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)