05 - Seite 354 bis 433 (einschließlich Kapitel 40)

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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  • Hier könnt Ihr zum Inhalt von Seite 354 bis 433 (einschließlich Kapitel 40) schreiben.
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    Liebe Grüße

    Tabea

  • In diesem Abschnitt beginnen die ersten Mysterien sich zu entschleiern, worüber ich ganz froh bin. Es ist ja doch einiges, das im Dunkeln liegt, und wenn alles auf den letzten 30 Seiten aufgeklärt wird, kommt das meiste zu kurz und man ist ganz erschlagen von den vielen Erkenntnissen. Dann schon lieber früher anfangen und sich dem Wesentlichen angemessen widmen.


    Auf Seite 377 sagt Marcus' Mutter etwas sehr Tiefsinniges: "Wir sind die Montclairs. Und das wird immer so bleiben. Warum sollten wir das ändern wollen? Jeder ist anders, Markie, und vielleicht besteht darin das Glück: sich anzufreunden mit dem, was man ist." Schön gesagt und sehr richtig. Die Herkunft prägt Menschen, das lässt sich nicht einfach abstreifen. Man lebt anders, wenn man seine Herkunft akzeptiert und nicht endlos damit hadert. Trotzdem besteht die Möglichkeit, nach mehr zu streben. Es muss niemand dort stehenbleiben, wo er herkommt. Wenn man zu sehr versucht, seine Wurzeln zu verleugnen, wird man irgendwann davon eingeholt. Ich glaube, Marcus ist als Erwachsener endlich auch draufgekommen. Ein Baltimore zu sein, muss nicht immer schön sein.


    Es wird deutlich, dass nicht alles so schlimm war, wie Marcus es als Junge empfand. Für manche Begebenheiten finden sich ganz einfache Erklärungen. Einiges wurde von ihm als Außenstehendem ganz anders wahrgenommen als von den unmittelbar Beteiligten selbst, z. B. dass die Montclaires immer im schlechteren Zimmer schlafen mussten. Solche Erlebnisse kenne ich von mir auch. Als Kind sieht man gewisse Dinge einfach anders.


    Die Goldman-Gang nähert sich durch Saul wieder einander an, aber Hillel kommt mir immer noch komisch vor. Ich habe einfach ein ungutes Gefühl bei ihm, vor allem wegen der Dopinggeschichte. Anscheinend wurde der Inhalt der Tüte nie ausdiskutiert, aber sie lassen es auf sich beruhen. Für mich ist Hillel derjenige, der Woody heimlich gedopt hat, aber ich komme auf keinen plausiblen Grund für sein Handeln. Vielleicht wollte er Woody nicht verlieren, denn als Footballstar wäre der weiter weg zu großen Vereinen gegangen.


    Im Moment nervt mich dieses Hin und Her zwischen den Jahren.

  • Nichts ist wie es scheint, alles ändert je nachdem mit wen Markus redet. Wer lügt, wer sagt die Wahrheit, wie schlimm ist die Wirklichkeit? Haben Saul und Nathan sich trotzdem verstanden? Waren die Eltern von Markus denn nun neidisch oder nicht? Traurig, diese 12 Jahre Gemotze und Getrotze. Verlorene Jahre, wobei Saul leicht hätte erklären können, was wirklich los war, dass er sich für die Firma und den Vater eingesetzt hat und nicht für Demos umhergereist ist.
    Saul erträgt nicht, dass seine Söhne Neville bewundern. Er, der jahrelang in der Bewunderung von Markus gesonnt hat, dessen Vater ausgestochen hat, wo er nur konnte, kann nicht ertragen, auf einmal nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen.


    In diesem Kapitel zerbröckelt die Grossartigkeit von Saul, er wird nicht mehr aus der Sicht des bewundernden Teenagers beschrieben, sondern von einem jungen Mann, der sich nicht vom Material und Luxus blenden lässt. Und der Fragen stellt.


    Der Vater von Markus war schon ziemlich blöd. Verständlich, dass er sich die Firma nicht in Aktien auszahlen wollte, er brauchte das Geld. Aber danach soviel Geld zusammenzukratzen und ohne Ahnung zu kaufen war schon eine Dummheit. Danach, als es darum ging die Aktien zu verkaufen, die er auf Anraten seines Chefs gekauft hatte auch noch zu behalten war stur und schon leicht dämlich.

  • In diesem Buch ist wirklich wenig bis nichts so, wie es anfangs scheint. Nathan war mal der Vorzeigesohn und Liebling von Goldman senior, und Saul musste um sein Glück kämpfen, durfte nicht Medizin studieren (sowas regt mich immer dermaßen auf - klar ist es für denjenigen, der es aufgebaut hat, traurig, wenn Sohn oder Tochter nicht ins elterliche Geschäft einsteigen wollen, aber wenn das Kind so gar keine Affinität dazu hat, kann man es doch auch nicht erzwingen!), seinen Rat in Geschäftlichem will der Vater dann auch nicht hören, und Anita ist nicht die passende Frau für ihn.


    Dass er so stur bleibt und zwölf Jahre lang nicht mit seinem Vater redet, war eine ziemlich heftige Reaktion darauf, aber auch nicht unverständlich. Wenn man's eh nie recht machen kann, kann man sich auch ganz zurückziehen ... aber am Ende hätte alles so viel einfacher sein können, wenn man vernünftig (oder überhaupt) miteinander geredet hätte.


    Immerhin hört Goldman senior hört mit 12 Jahren Verspätung auf seinen Sohn, und das mit Erfolg. Zunächst jedenfalls, bis die Aktieneuphorie mit einer ganz harten Bruchlandung endet. Das war ja übel.


    Sein und Schein in der Presse ist noch ein Thema, was sich durchs ganze Buch zieht. Erst die Geschichte mit Marcus und Lydia, dann Anita und Saul auf dem Time-Titelblatt, und dann Kevins Facebook-Postings über den gemeinsamen Urlaub. Und immer wieder fällt jemand darauf hinein.


    Was mir sehr gut gefallen hat, war der Kurzauftritt von Sycomorus und der Rat von Onkel Saul an ihn: "Ruhm ist nur ein Gewand (...), das dir irgendwann zu klein oder zu schäbig ist oder dir geklaut wird. Es zählt nur, was du bist, wenn du nackt bist." Da spricht er wohl aus bitterer Erfahrung. Und Marcus' Mutter argumentiert in eine ähnliche Richtung: "Vielleicht besteht darin das Glück: sich anzufreunden mit dem, was man ist."


    Das Gras sieht auf der anderen Seite nur grüner aus, ist es aber nicht, und schließlich sind es die Montclairs, die am Ende bleiben, ganz ohne Ruhm und Glanz und Gloria, aber beständig. "Das Schloss der Baltimores war verfallen, aber das kleine, tapfere, solide Haus der Montclairs stand noch." Schöner Vergleich!


    So langsam fügt sich eins zum anderen, nach der Geschichte des Goldman-Unternehmens erfahren wir auch, wie sich Saul und Anita wirklich kennengelernt haben (die Krawattensache war ja süß :breitgrins: ), den Grund für das Sponsoring des Stadions (oh Mann ... er musste Patrick Neville beweisen, dass er auch ein toller Hecht ist, wie blöd!) und von der Ehekrise der Baltimores. Anita hat mir leid getan, zugunsten einer schicken Jüngeren beiseitegeschoben zu werden.


    Der letzte Satz des Abschnitts lässt Böses ahnen und geht genau in die Richtung, die ich befürchtet hatte. Luke.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)


  • In diesem Abschnitt beginnen die ersten Mysterien sich zu entschleiern, worüber ich ganz froh bin. Es ist ja doch einiges, das im Dunkeln liegt, und wenn alles auf den letzten 30 Seiten aufgeklärt wird, kommt das meiste zu kurz und man ist ganz erschlagen von den vielen Erkenntnissen. Dann schon lieber früher anfangen und sich dem Wesentlichen angemessen widmen.


    Ja, das macht er gut.


    Zitat

    Die Herkunft prägt Menschen, das lässt sich nicht einfach abstreifen. Man lebt anders, wenn man seine Herkunft akzeptiert und nicht endlos damit hadert. Trotzdem besteht die Möglichkeit, nach mehr zu streben. Es muss niemand dort stehenbleiben, wo er herkommt. Wenn man zu sehr versucht, seine Wurzeln zu verleugnen, wird man irgendwann davon eingeholt.


    Stimmt! Mir sind Leute immer suspekt, die versuchen, ihre Herkunft zu verschleiern, weil sie glauben, sie sei nicht gut genug.


    Zitat

    Es wird deutlich, dass nicht alles so schlimm war, wie Marcus es als Junge empfand. Für manche Begebenheiten finden sich ganz einfache Erklärungen. Einiges wurde von ihm als Außenstehendem ganz anders wahrgenommen als von den unmittelbar Beteiligten selbst, z. B. dass die Montclaires immer im schlechteren Zimmer schlafen mussten. Solche Erlebnisse kenne ich von mir auch. Als Kind sieht man gewisse Dinge einfach anders.


    Das ist wirklich schön beobachtet. Als Kind erlebt und bewertet man Dinge ganz anders und merkt sie sich dann auch so. Erinnerungen sind eine heikle Sache.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)


  • Der Vater von Markus war schon ziemlich blöd. Verständlich, dass er sich die Firma nicht in Aktien auszahlen wollte, er brauchte das Geld. Aber danach soviel Geld zusammenzukratzen und ohne Ahnung zu kaufen war schon eine Dummheit. Danach, als es darum ging die Aktien zu verkaufen, die er auf Anraten seines Chefs gekauft hatte auch noch zu behalten war stur und schon leicht dämlich.


    Manche Eltern haben ein Problem damit, auf ihre langsam erwachsen werdenden Kinder zu hören. Sie tun sich schwer damit zu glauben, dass ihr Kind Dinge besser weiß als sie selbst. Schon kurios - schließlich haben sie es selbst zur Schule und in eine Ausbildung geschickt, damit es lernt.

  • Hallo Ihr Lieben,


    ich musste jetzt auch noch gleich den nächsten Abschnitt lesen. Diese ganzen Andeutungen und Geheimnisse bringen mich ja noch um den Verstand. Was hat Saul so Schreckliches getan, dass Anita ihn verlassen hat und er sich auch noch die Schuld am Tod der Cousins gibt? Zuerst habe ich ja gedacht, dass es seine Affäre war, aber es muss ja irgendwie auch mit der Spende an das Stadion zusammenhängen und damit nicht mit der Affäre zu tun haben... :gruebel:



    Was mir sehr gut gefallen hat, war der Kurzauftritt von Sycomorus und der Rat von Onkel Saul an ihn: "Ruhm ist nur ein Gewand (...), das dir irgendwann zu klein oder zu schäbig ist oder dir geklaut wird. Es zählt nur, was du bist, wenn du nackt bist." Da spricht er wohl aus bitterer Erfahrung. Und Marcus' Mutter argumentiert in eine ähnliche Richtung: "Vielleicht besteht darin das Glück: sich anzufreunden mit dem, was man ist."


    Das Gras sieht auf der anderen Seite nur grüner aus, ist es aber nicht, und schließlich sind es die Montclairs, die am Ende bleiben, ganz ohne Ruhm und Glanz und Gloria, aber beständig. "Das Schloss der Baltimores war verfallen, aber das kleine, tapfere, solide Haus der Montclairs stand noch." Schöner Vergleich!


    Ja, diese Sätze und Vergleiche gefallen mir auch sehr gut und passen sehr gut zu der gesamten Geschichte. Marcus hat als Kind und Teenager andauernd die Baltimores beneidet und muss nun feststellen, dass hinter der Fassade auch nicht alles glänzt und sein "schäbiges" Elternhaus dafür stabiler und langlebiger ist, als der Prunk der Baltimores. Leider dauert so etwas immer, bis es einem auffällt.


    Und ja die Aussage von Saul scheint wirklich aus Erfahrung zu sprechen. Er, der alles hatte, hat alles verloren, weil er sich hinter Patrick Neville zurückgesetzt gefühlt hat... Oh man! Wie peinlich und schrecklich das ist. Nur sein verletztes Ego haben dazu geführt, dass seine Ehe in die Brüche gegangen ist und schließlich sogar seine Frau gestorben ist. So wie es aussieht, hatte sie gar keine Affäre mit Patrick, sondern wollte mit ihm bestimmt entweder über Saul reden oder darüber wieviel Einfluss er auf ihre Söhne hat. Schrecklich! :entsetzt:


    Manche Eltern haben ein Problem damit, auf ihre langsam erwachsen werdenden Kinder zu hören. Sie tun sich schwer damit zu glauben, dass ihr Kind Dinge besser weiß als sie selbst. Schon kurios - schließlich haben sie es selbst zur Schule und in eine Ausbildung geschickt, damit es lernt.


    Ja, total paradox: Die Kinder werden hoch ausgebildet, sollen aber dann gefälligst die Entscheidungen der Eltern aktzeptieren... Die Aktion fand ich auch total schrecklich, dass Saul's Vater zuerst nicht auf ihn hört, dann wieder nicht auf ihn hört und es schließlich so weit kommt, dass er seine gesamte Rente verliert und sein Leben lang vom Sohn unterhalten werden muss, da er alle seine Ersparnisse verloren hat. Wirft gleichzeitig auf kein gutes Bild auf Nathan, der auch nur damit beschäftigt war, sich gegenüber dem Vater endlich zu beweisen, als die Vernunft walten zu lassen. Auch ein unglaublicher Wettbewerb zwischen den Brüdern, den es doch gar nicht braucht. Ob der durch den Großvater angestachelt wurde oder sich einfach immer von alleine ergibt? :rollen:



    Der letzte Satz des Abschnitts lässt Böses ahnen und geht genau in die Richtung, die ich befürchtet hatte. Luke.


    Oh ja, der letzte Satz macht mir auch ganz schön Angst: Da kommt jetzt die Rache von Luke. Es wundert mich ja, dass sein Vater und Bruder Woody und Colleen bis jetzt in Ruhe gelassen habe. Jedoch verstehe ich auch nicht, warum sie in Madison geblieben sind. Klar, die Tankstelle ist da, aber hätten sie die nicht verkaufen und woanders neu anfangen können? Oh man, ich ahne Schreckliches!


    Obwohl ich immer noch die Befürchtung habe, dass da Hillel auch noch seine Finger im Spiel haben wird. Der ist mir mittlerweile auch nicht mehr sehr geheuer und auch seine "Freude" darüber, dass Marcus und Alexandra ein Paar sind, nehme ich ihm nicht so wirklich ab. Für mich sinnt er heimlich auf Rache und zwar an allen und jedem... Aber vielleicht irre ich mich auch hoffentlich...


    Die Geschichte von Alexandra und Marcus interessiert mich in der gesamten Handlung fast schon gar nicht mehr. Weder in der Gegenwart, noch die Teile in der Vergangenheit, wo Marcus ihr hilft berühmt zu werden. Ich verstehe jetzt nur noch weniger, wieso Marcus dann mit ihr Schluss gemacht hat, nachdem sie so lange schon zusammen waren und so viel gemeinsam gemeistert haben... Jetzt wird es dann endlich Zeit für "die Katastrophe"....


    Liebe Grüße
    Tammy :winken:

    &WCF_AMPERSAND"Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönheit zu erkennen, wird nie alt werden.&WCF_AMPERSAND" (Franz Kafka)

  • Quintessenz dieses Abschnittes sind zwei Dinge für mich.
    Erstens: Alles wiederholt sich. In jeder Generation der Goldmanns aufs Neue gibt es Jungen/Männer, die in einen Wettstreit treten um die Gunst eines Vaters. Und eines Vaters oder einer Mutter, die unbedacht diesen Wettbewerb mit Worten und Taten befeuert und dadurch verschlimmert, bis daraus fast ein Kampf wird. Und bis die Parteien falsche Entscheidungen treffen und sich zu Dingen genötigt sehen, die die reine Vernunft einem verbieten würde.


    Saul und sein Bruder buhlen um die höchste Gunst ihres Vaters. Der bevorzugt mal den einen, mal den anderen, erwartet, dass beide in seine Fußstapfen treten und seine Firma so weiterführen, wie er es sich vorstellt. Das endet darin, dass Saul 12 Jahre keinen Kontakt zum Vater hat und sein Bruder eine große Menge Geld verliert, nur weil er dem Rat des Bruders nicht folgen will, weil er nicht eingestehen will, dass er Fehler gemacht hat.


    Später geschieht gleiches mit Hellil und Woody, die sich wünschen, dass Saul (und Anita) sie bewundern und jeder möchte ausserdem bei Alexandra der Sieger sein. Am Ende wird dadurch ihre Freundschaft zerstört und Nied, Missgunst und verletzte Eitelkeit bleiben zurück. Auch Saul und vor allem Anita sind daran schuld mit so Sprüchen wie: "Du bist mein Lieblings..." usw. Sie suggerieren eine Rangfolge. Als wäre es wichtig, wer an Erster Stelle kommt.


    Zweitens: Marcus erkennt erst im Laufe seines Erwachsenwerdens, dass er alle Familienmitglieder nur durch einen Zerrspiegel seiner eigenen Wünsche und Vorstellungen gesehen hat und dass sich vieles so ganz anders verhält, als er es als Kind und Jugendlicher gedacht hat.


    Z.B. wie es dazu kam, dass seine Familie die "ärmere" ist und warum sie immer im Stinkerzimmer schlafen "mussten". Warum Anita ihren Mann wirklich verlassen hat. Das ist doch Sauls Schuld. ( Ich denke auch nicht, dass sie ein wirkliches Verhältnis zu Alexandras Vater hatte sondern einfach jemanden zum Reden gesucht hat. Wobei sich da natürlich schon noch was hätte entwickeln können.)


    Viele Dinge sind falsch gelaufen.
    Der Großvater verbietet Saul den Umgang mit Alexandra. Lächerlich. Für so ein Verbot ist der Sohn doch viel zu alt.
    Saul hält Nathan für den Lieblingsohn und umgekehrt. Immer wieder dieser Wunsch, mehr geliebt zu werden, als der andere.
    Der Großvater glaubt, Saul würde zum Bürgerrechtler mutieren derweilen der nur neue Absatzmärkte und Partner für die Firma sucht. Ein Zeitungsfoto reicht aus um das Fass zum überlaufen zu bringen.
    Ebenso geht es später Marcus, der ein Foto von Alexandra und Kevin sieht und meint, sie würden einen tollen Urlaub verbringen, indessen die beiden sich schon zerstritten haben.
    Auch Marcus wäre gerne ein großer berühmter Schriftsteller um mithalten zu können. Wirklich eine sehr anstrengende Familie. Alle reden auf jeden Fall zu wenig miteinander.


    Hillel nimmt die Offenbarung, das Marcus schon Jahre lang mit Alexandra liiert ist, viel zu leicht. Das kommt mir seltsam vor.
    Und Colleens Mann kommt aus dem Knast. Das da jetzt was passiert, hatte ich ja schon erwartet.

  • Auf Seite 377 sagt Marcus' Mutter etwas sehr Tiefsinniges: "Wir sind die Montclairs. Und das wird immer so bleiben. Warum sollten wir das ändern wollen? Jeder ist anders, Markie, und vielleicht besteht darin das Glück: sich anzufreunden mit dem, was man ist." Schön gesagt und sehr richtig. Die Herkunft prägt Menschen, das lässt sich nicht einfach abstreifen. Man lebt anders, wenn man seine Herkunft akzeptiert und nicht endlos damit hadert. Trotzdem besteht die Möglichkeit, nach mehr zu streben. Es muss niemand dort stehenbleiben, wo er herkommt. Wenn man zu sehr versucht, seine Wurzeln zu verleugnen, wird man irgendwann davon eingeholt. Ich glaube, Marcus ist als Erwachsener endlich auch draufgekommen. Ein Baltimore zu sein, muss nicht immer schön sein.


    Leider haben alle Männer in dieser Geschichte das gleiche Problem. Keiner ruht in sich selber, jeder möchte besser, klüger, reicher, erfolgreicher sein, als er ist. :sauer:



    Die Goldman-Gang nähert sich durch Saul wieder einander an, aber Hillel kommt mir immer noch komisch vor. Ich habe einfach ein ungutes Gefühl bei ihm, vor allem wegen der Dopinggeschichte. Anscheinend wurde der Inhalt der Tüte nie ausdiskutiert, aber sie lassen es auf sich beruhen. Für mich ist Hillel derjenige, der Woody heimlich gedopt hat, aber ich komme auf keinen plausiblen Grund für sein Handeln. Vielleicht wollte er Woody nicht verlieren, denn als Footballstar wäre der weiter weg zu großen Vereinen gegangen.


    Bei Hillel habe ich auch ein sehr ungutes Gefühl.


  • Dass er so stur bleibt und zwölf Jahre lang nicht mit seinem Vater redet, war eine ziemlich heftige Reaktion darauf, aber auch nicht unverständlich. Wenn man's eh nie recht machen kann, kann man sich auch ganz zurückziehen ... aber am Ende hätte alles so viel einfacher sein können, wenn man vernünftig (oder überhaupt) miteinander geredet hätte.


    Das Gras sieht auf der anderen Seite nur grüner aus, ist es aber nicht, und schließlich sind es die Montclairs, die am Ende bleiben, ganz ohne Ruhm und Glanz und Gloria, aber beständig. "Das Schloss der Baltimores war verfallen, aber das kleine, tapfere, solide Haus der Montclairs stand noch." Schöner Vergleich!


    Aus eigener Erfahrung (Mann und Schwiegervater) kann ich sagen, dass sowas meist gar nicht absichtlich passiert, sondern einfach daraus resultiert, dass beide gleich stur sind und keiner den ersten Schritt tun will. Wenn keiner anruft, keiner sich entschuldigt, dann kommt es zu so einer langen Zeit ganz schnell.


    Ja die Montclairs wirken im nachhinein als die, die es besser getroffen hätten. Sie mussten halt kleiner Brötchen backen. Wer ganz hoch oben sitzt kann halt auch tiefer fallen.



    So langsam fügt sich eins zum anderen, nach der Geschichte des Goldman-Unternehmens erfahren wir auch, wie sich Saul und Anita wirklich kennengelernt haben (die Krawattensache war ja süß :breitgrins: ), den Grund für das Sponsoring des Stadions (oh Mann ... er musste Patrick Neville beweisen, dass er auch ein toller Hecht ist, wie blöd!) und von der Ehekrise der Baltimores. Anita hat mir leid getan, zugunsten einer schicken Jüngeren beiseitegeschoben zu werden.


    Der letzte Satz des Abschnitts lässt Böses ahnen und geht genau in die Richtung, die ich befürchtet hatte. Luke.


    Den Grund für den Stadiums-Namen fand ich etwas dünn, ehrlich gesagt. Dafür gebe ich doch nicht 6 Millionen aus :entsetzt: Da wäre mir auch noch was günstigers eingefallen.


    Luke wird versuchen Colleen oder/und Woody was anzutun. :sauer:

  • Manche Eltern haben ein Problem damit, auf ihre langsam erwachsen werdenden Kinder zu hören. Sie tun sich schwer damit zu glauben, dass ihr Kind Dinge besser weiß als sie selbst. Schon kurios - schließlich haben sie es selbst zur Schule und in eine Ausbildung geschickt, damit es lernt.


    Die Aktiensache verstehe ich ehrlich gesagt schon. Ich bin auch ein sehr sehr konservativer Spartyp (so heißt dass ja im Bankjargon) und mag keine Aktien. Seit dem Telekomfiasko meines Mannes denke ich, dass so was immer ein Glücksspiel ist und damals war das ja auch gerade erst im Kommen mit diesen gewagten Investitionen. Saul hatte ja eigentlich nicht so viel zu verlieren. Der hatte vorher nix und konnte eigentlich nur gewinnen. Sein Vater hatte vorher ja eine ganze Firma und da wollte er wenigstens das Geld haben. Ist auch eine Frage des Alters, oft. Die Jungend ist risikobereiter.


  • Manche Eltern haben ein Problem damit, auf ihre langsam erwachsen werdenden Kinder zu hören. Sie tun sich schwer damit zu glauben, dass ihr Kind Dinge besser weiß als sie selbst. Schon kurios - schließlich haben sie es selbst zur Schule und in eine Ausbildung geschickt, damit es lernt.


    Das ist wirklich dämlich, kommt aber oft vor. Manche Eltern können nicht damit umgehen, nicht mehr die Klügeren und Erfahreneren zu sein.



    Aus eigener Erfahrung (Mann und Schwiegervater) kann ich sagen, dass sowas meist gar nicht absichtlich passiert, sondern einfach daraus resultiert, dass beide gleich stur sind und keiner den ersten Schritt tun will. Wenn keiner anruft, keiner sich entschuldigt, dann kommt es zu so einer langen Zeit ganz schnell.


    Das ist auch wieder wahr.



    Oh ja, der letzte Satz macht mir auch ganz schön Angst: Da kommt jetzt die Rache von Luke. Es wundert mich ja, dass sein Vater und Bruder Woody und Colleen bis jetzt in Ruhe gelassen habe. Jedoch verstehe ich auch nicht, warum sie in Madison geblieben sind. Klar, die Tankstelle ist da, aber hätten sie die nicht verkaufen und woanders neu anfangen können? Oh man, ich ahne Schreckliches!


    Das habe ich schon ein Stück weiter vorne gedacht, dass Colleen und von mir aus auch Woody wohl am besten ganz weit weg verschwinden sollten. Drei Jahre sind schnell vergangen.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Dieses Buch ist so geballt voll. Anders kann ich es einfach im Momnt nicht ausdrücken.
    Alles klärt sich, nicht immer so, wie man es vermutet. Man kommt kaum zum Atem holen. Aber mir gefällt das.


    Die Kinder verlassen das Haus, werden erwachsen, gehen ihrer Wege. Das ist ein Moment, der für jedes Elternpaar einen Einschnitt bedeutet.
    Wer da nicht rechtzeitig für sich selbst sorgt, steht plötzlich einsam und alleine da. So ist es Saul und Anita ergangen. Die Kinder waren ihr Lebensmittelpunkt. Es gab die Baltimores, aber es gab nicht das Paar Goldman. Und jetzt sitzen sie da und wissen mit sich nichts anzufangen. Das ist tragisch.


    Diese Eifersucht auf Patrick mag begründet sein, vielleicht hätte ein offenes Gespräch mit den Kindern helfen können.
    Denn gerade die Situation, als die Jungs nach dem Spiel den Eltern sagen, sie hätten keine Zeit, werden dann aber in einem Restsurant mit Patrick gesehen, hätte unbedingt angesprochen werden müssen. Dies ist eine Verletzung, eine Rücksichtslosigkeit, die den Jungs so vielleicht gar nicht bewusst war.


    Besonders gefallen hat mir der Vergleich, dass letztlich Marcus, im wahrsten Sinne des Wortes, das stabilere Elternhaus hat.
    Es ist eben doch nicht immer Gold, was glänzt. Es hilft manchmal, hinter die Kulissen zu schauen.


    Im Rückblick auf die Geschichte der Familie Goldman, ist aber deutlich zu sehen, dass nie richtig miteinander geredet wurde, dass es zu Missverständnissen kam, weil der eine dm anderen nicht zugehört hat oder beleidigt von dannen gezogen ist.
    Was hätte aus der Familie werden können, wenn sie mehr miteinander geredet hätten? Aber uns wäre ein schönes Buch entgangen. :breitgrins:


    Dass Luke evtl etwas mit der jetzt im nächsten Abschnitt folgenden Katastrophe zu tun hat, scheint unausweichlich. Oder doch wieder eine Wendung, mit der nicht zu rechnn ist? der Inhalt der Tüte und des Tetaments sind noch offen....

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  • Diese Eifersucht auf Patrick mag begründet sein, vielleicht hätte ein offenes Gespräch mit den Kindern helfen können.
    Denn gerade die Situation, als die Jungs nach dem Spiel den Eltern sagen, sie hätten keine Zeit, werden dann aber in einem Restsurant mit Patrick gesehen, hätte unbedingt angesprochen werden müssen. Dies ist eine Verletzung, eine Rücksichtslosigkeit, die den Jungs so vielleicht gar nicht bewusst war.


    Also Eifersucht ist so eine Sache, mit der ich mich immer schwer tue. Ich finde eigentlich keine wirkliche Berechtigung für dieses Gefühl, da ich denke, kein Mensch gehört dem anderen und Eifersucht hat für mich immer irgendwie mit Besitzanspruch zu tun. Ich weiß, dass viele Eifersucht als normal empfinden - noch dazu, wenn sie "begründet" ist, aber ich finde, dass z.B. die Jungs sich auch mehrere Vorbilder suchen dürfen oder ihre wichtigsten Bezugspersonen auch tauschen können. Gerade in der Zeit des Erwachsen werdens ist es ganz natürlich, dass die Kinder sich von den Eltern lösen und gerade deren Meinung eine Weile gar nicht mehr so wichtig ist. Später kommen viele ja doch wieder zu den Werten und Meinungen ihrer Eltern zurück. Aber auf der Suche nach der eigenen Identität muss es zu einer Abnabelung kommen und auch zur Überpüfung, ob es nicht noch etwas besseres gäbe. Saul als kluger Kopf hätte da anders ran gehen können. Seine Eifersucht haben die Jungs sicherlich gespürt und gerade deshalb nichts gesagt, als sie mit Patrick lieber zum Essen gehen wollten. Weil sie wussten, dass sie dass Saul gar nicht schonend beibringen können, ohne dass der sich zurückgesetzt und verletzt fühlt. Vielleicht war es gar nicht rücksichtslos sondern sogar rücksichtsvoll gedacht. :zwinker:


    Dass Luke evtl etwas mit der jetzt im nächsten Abschnitt folgenden Katastrophe zu tun hat, scheint unausweichlich. Oder doch wieder eine Wendung, mit der nicht zu rechnn ist? der Inhalt der Tüte und des Tetaments sind noch offen....


    Die Katastrophe ist sicherlich nicht nur ein einziges Ereignis sondern eine Verkettung vieler verschiedener Dinge. Deshalb ist es dann wahrscheinlich auch so umfassend und vernichtend. :sauer:

  • gagamaus
    Ich gebe dir uneingeschränkt recht, was Eifersucht angeht.
    Dennoch gibt es dieses Gefühl. Das kann mann nicht wegreden.


    Lügen ist immer die schlechteste Variante. Und hier wäre Offenheit sicher besser gewesen. Sich andere Vorbilder suchen, darf nicht heißen, andere Menschen zu verletzen. Natürlich dürfen sich z.B. meine Kinder mit anderen Menschen, Freunden....treffen und verbreden. Ich muss nichtmeine gesamte Zeit mit meinen Kindern verbringen. Ich bin auch keinesfalls die beste Freundin meiner Kinder, will ich auch nicht sein. Reise ich aber an, um mit meinen Kindern etwas zu feiern o.ä., dann erwarte ich, dass ich mit eingeplant werde oder aber mir im Vorwege gesagt wird, dass es nicht passt. Es gibt immer Mittelwege.
    Hier würden die Eltern bsolut rücksichtslos behandelt. Das ist meine Meinung.

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  • Reise ich aber an, um mit meinen Kindern etwas zu feiern o.ä., dann erwarte ich, dass ich mit eingeplant werde oder aber mir im Vorwege gesagt wird, dass es nicht passt. Es gibt immer Mittelwege.
    Hier würden die Eltern bsolut rücksichtslos behandelt. Das ist meine Meinung.


    Ich hatte es so verstanden, dass die Eltern ständig und zu fast jeden Spiel kommen. Also kein richtiges "Date" und auch nicht mit richtiger Verabredung. Vielleicht wäre es den Jungs auch ganz recht gewesen, wenn die Eltern NICHT immer gekommen wären. Ich denke da an die Zeit, als wir manchmal bei den Basketballspielen unseres Sohnes dabei waren und über die Eltern den Kopf geschüttelt haben, die IMMER schreiend und gestikulierend am Spielfeldrand standen. :breitgrins: Hat ja alles immer zwei Seiten, denke ich. Wie dieses Buch uns ständig in aller Deutlichkeit vorführt. Man hört immer die eine Seite und denkt, oh Mann. Dann hört man später die andere und denkt, ach so deshalb.

  • Ich hatte es so verstanden, dass die Eltern ständig und zu fast jeden Spiel kommen. Also kein richtiges "Date" und auch nicht mit richtiger Verabredung. Vielleicht wäre es den Jungs auch ganz recht gewesen, wenn die Eltern NICHT immer gekommen wären. Ich denke da an die Zeit, als wir manchmal bei den Basketballspielen unseres Sohnes dabei waren und über die Eltern den Kopf geschüttelt haben, die IMMER schreiend und gestikulierend am Spielfeldrand standen. :breitgrins: Hat ja alles immer zwei Seiten, denke ich. Wie dieses Buch uns ständig in aller Deutlichkeit vorführt. Man hört immer die eine Seite und denkt, oh Mann. Dann hört man später die andere und denkt, ach so deshalb.


    Ja, habe ich auch so verstanden. Gerade dann ist Offenheit aber besonders wichtig. Auch wenn es manchmal wehtut.
    Mir wäre es aber 1000mal lieber, als wenn ich meine Kinder dabei erwische, dass sie mich anlügen, um mich nicht dabei zu haben.
    Das gilt aber auch andersherum. Man kann und soll seinen Kindern auch sagen können, dass man den Eindruck hat, man verbringe nicht mehr genug Zeit miteinander. Man würde die Kinder gerne ab und zu mal sehen.
    Miteinander im Gepräch bleiben, das ist so wichtig.


    Ich musste gerade so schmunzeln. Unser Sohn hat sich gerade beschwert, dass seine Schwester ein neues Handy bekommen hat, während er seins selbst bezahlen muss, weil er ein bisschn Geld verdient. Recht hat er. Aber statt es in sich reinzufressen, spricht er mit uns darüber.


    Aber du hast recht - das Buch führt uns immer wieder beide Seiten und verschiedene Sichtweisen vor Augen. :breitgrins:

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  • Die Beschreibung von Onkel Saul und wie er seine Würde aufrechterhält, empfinde ich als wunderschön – sie macht aus ihm einen sehr eindringlichen und damit unvergesslichen Charakter.


    Der Streit zwischen Saul und seinem Vater vor politischem Hintergrund passt in die Zeit, also die 70er und 80er Jahre. Ich habe den Eindruck, dass Nathan in diese Missstimmigkeiten zwischen Bruder und Vater hineingezogen wird, ob er will oder nicht und somit darunter leiden muss, wobei er es durch seinen Fehler und den finanziellen Verlust ja ohnehin nicht leicht hat.


    Woody beschuldigt letztendlich doch Marcus, die Goldmans durch seine Beziehung mit Alexandra verraten zu haben. Was ich toll finde und – ehrlich gesagt – schon ein bisschen kommen sah: Hillel wiederum hat Marcus immer beneidet, weil er ihn als den Erfolgreicheren und vor allem Glücklicheren sah. Und er gönnt ihm – zumindest im Erwachsenenalter – die Beziehung zu Alexandra im Gegensatz zu Woody von Herzen


    Marcus ist der letzte der drei Goldmans, der noch seinen Träumen nachhängt – seine Illusionen und vor allem Hoffnungen wurden noch nicht gänzlich zerstört. Möglicherweise ist das so, wie seine Eltern ihn von jeglichen Altlasten ferngehalten und unterstützt haben, ohne das er es merkte.


    Eigentlich hat Saul, finde ich, aus kindischen Gründen aufs falsche Pferd gesetzt und alles verloren. In die Stadion-Sache hat er sich aus meiner Sicht hineingesteigert.


    Und die Tragödie neigt sich ihrem Ende zu, denn Luke hat seine Strafe abgessen. Mir schwant Böses...