Anthony Doerr - Winklers Traum vom Wasser

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Es gibt 6 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Valentine.

  • Anthony Doerr - Winklers Traum vom Wasser

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    Gebundene Ausgabe: 488 Seiten
    Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (21. Juli 2016)
    Sprache: Deutsch
    ISBN-13: 978-3406691614
    Originaltitel: About Grace
    Preis: 19,99€
    auch als E-Book erhältlich


    Feinfühlig erzählt

    Inhalt:
    David Winkler ist Meteorologe. Sein Leben wird vom Wasser bestimmt. Sei es der Regen, sei es die Form von Schneekristallen, sei es das Meer, das ihn auf seiner Flucht an einen fremden Ort spült. Denn auf Winkler lastet der Fluch zu träumen, und manche dieser Träume werden wahr. So träumt er auch den Tod seines Babys, das während eines Hochwassers in den Fluten umkommt, während Winkler vergeblich versucht es zu retten. Als es dann wirklich zu einer Überflutung kommt, weiß Winkler sich nicht anders zu helfen, als Frau und Kind zu verlassen und möglichst weit wegzugehen, damit der Traum nicht Wirklichkeit werden kann. Doch kann er dadurch Grace’ Tod wirklich verhindern? Jahrelang ist es ihm unmöglich, herauszufinden, ob seine Frau und seine Tochter leben. Jahre, in denen er sich mit dem Leben arrangiert, aber doch immer nur ein Ziel kennt …


    Meine Meinung:
    „Winklers Traum vom Wasser“ ist bereits 2005 auf Deutsch erschienen. Nachdem es jahrelang vergriffen und Anthony Doerrs Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ 2014 ein Riesenerfolg war, wurde das Buch nun bei C.H.Beck neu aufgelegt. Sehr zu meiner Freude!


    Schon sprachlich ist der Roman ein Fest. Er lässt sich sehr geschmeidig lesen und wartet dabei doch immer wieder mit exquisiten Formulierungen auf, die einem auf der Zunge zergehen. Doerr benutzt eindringliche Bilder, die sich sofort im Kopf festsetzen. Es fällt schwer, sich während der Lektüre von der Geschichte zu lösen, denn sie fesselt ungemein.


    Dabei ist sie gar nicht so aufregend und spannend erzählt. Doch das ist auch nicht notwendig. Vielmehr überzeugt der Autor durch feinfühlige Beschreibungen seiner Charaktere, der Landschaften und der Natur. Er nimmt die Beziehungen zwischen den Menschen unter die Lupe. Es ist wirklich erstaunlich, wie tief er dabei vordringt. So führt er uns sehr nah am Protagonisten Winkler durch den Roman. Wir tauchen ganz weit in seine Gedanken und Gefühle ein, und auch wenn man nicht sein ganzes Verhalten gutheißen kann, so kann man es doch zumindest nachvollziehen und verstehen, warum er so und nicht anders handelt.


    Das Buch ist in sechs Teile gegliedert. Jeder Teil erzählt einen bestimmten Abschnitt von Winklers Leben, an dessen Ende jeweils eine Wende eintritt. Es beginnt mit der Kindheit und endet im Alter. Nebenbei lernt man noch viele Menschen kennen, die alle etwas Besonderes an sich haben. Ich muss sagen, mir haben die Nebencharaktere mindestens genauso gut gefallen wie der Protagonist selbst. Auch sie sind detailliert ausgearbeitet und wirken sehr authentisch. Einige davon würde ich wirklich sehr gerne kennenlernen und beneide Winkler in dieser Hinsicht fast ein wenig.


    Fazit:
    Sprachlich wunderschön, tiefgründig und sehr feinfühlig erzählt. Ein Lesegenuss!


    ★★★★★

  • David Winkler ist einer von der stillen Sorte, ein Mann, der nicht viel Worte verliert und sich im Umgang mit anderen Menschen eher ein wenig schwertut. Dafür geht er ganz in seinem großen Interesse für das Wasser auf. Alles an diesem Element fasziniert ihn schon als Kind ungemein, als er, der in Alaska aufwächst, Schneeflocken untersucht und hingerissen von ihrer perfekten Geometrie ist. Kein Wunder also, dass er sein Hobby zum Beruf macht und Hydrologe wird.


    Unter etwas ungewöhnlichen Umständen lernt er seine spätere Frau kennen, die beiden ziehen nach Ohio und bekommen eine kleine Tochter, Grace, die Winkler abgöttisch liebt. Doch etwas beunruhigt ihn: ein beängstigend realistischer Alptraum, in dem bei einer verheerenden Überschwemmung sein Haus überflutet wird und die kleine Grace trotz seiner Bemühungen, sie zu retten, ertrinkt. Dieser Traum ist deshalb so furchteinflößend, weil Winkler schon früher in seinen Träumen Dinge gesehen hat, die später wirklich passiert sind.


    Um jeden Preis möchte Winkler verhindern, dass sein Kind diesen schrecklichen Tod erleidet, doch als eines Tages ein heftiges Unwetter über Cleveland hereinbricht und er mit seiner Familie vor dem Hochwasser flüchten will, wird er von Grace getrennt und fragt sich danach fünfundzwanzig Jahre lang, was aus seiner Tochter geworden ist.


    David Winkler ist kein Held, er ist nicht besonders mutig, nicht klüger als andere und ganz bestimmt nicht geschickt, was das Zwischenmenschliche betrifft, fügt sich meist eher in sein Schicksal, als sich dagegen zu wehren, kann aber auch sehr beharrlich sein, wenn ihm etwas wichtig ist, und wächst dabei oft in einer Weise, die an die Grenzen des Vernünftigen geht, über sich selbst hinaus. Er ist auf seine verschrobene, oft eher passive und ein wenig alltagsuntaugliche Art so besonders wie die glasklaren Sprachbilder, die Anthony Doerr in diesem ungewöhnlichen Roman verwendet, um dem Leser Winklers Welt und die Art, wie er sie betrachtet, nahezubringen.


    Auch die Orte, an denen das Buch spielt, sind "anders" - größtenteils abgelegen, still, bescheiden, karg, urwüchsig, noch stark geprägt von der Natur und ihren Einflüssen. Die Natur, wunderbar detailreich geschildert, nimmt ebenfalls viel Raum ein. Der Mikrokosmos des Wassers selbst spielt ebenso eine Rolle wie die Welt der Insekten, das Meer oder der Polarkreis.


    Rund um Winklers jahrzehntelanges Hadern mit seinen hellsichtigen Fähigkeiten und insbesondere mit den Folgen seines Versuches, Grace zu beschützen, und seine Bemühungen, nach 25 Jahren endlich die Wahrheit herauszufinden, spinnt Anthony Doerr eine ruhig erzählte, packende und durch ihre einprägsame Sprache bestechende Geschichte mit außergewöhnlichen Figuren, die immer wieder für Überraschungen gut sind. Er lässt Winkler immer wieder an seine Grenzen gehen, zweifeln, ringen und gibt dem Leser, der Winkler beileibe nicht immer verstehen kann, tiefe Einblicke in die Seele seines schweigsamen, merkwürdigen und doch irgendwie faszinierenden Protagonisten, in dessen Leben wenig nach Plan verläuft und nichts einfach ist.


    Ein besonderes Lob gilt der Übersetzerin Judith Schwaab, die auch im Deutschen Doerrs Sprache zum Leuchten bringt.


    4ratten

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    E. L. Doctorow





    Einmal editiert, zuletzt von Valentine ()

  • David Winkler ist ein ruhiger, eher unauffälliger Mann. Er ist Meteorologe mit einem ganz speziellen Interesse an Wasser. Er ist fasziniert von Eiskristallen und Schneeflocken und das schon seit seiner Kindheit, die er in Alaska verbracht hat.


    Aber etwas besonderes gibt es an David Winkler schon, er hat gelegentlich Träume, die ihn in die Zukunft sehen lassen. Eines Nachts hat er einen Traum, in dem sein Haus überflutet wird. Er schafft es im Traum letztendlich nicht, seine kleine Tochter zu retten. Winkler verlässt also sein Zuhause in der Hoffnung, Grace so retten zu können.


    Anthony Doerr versteht es eindringlich, mit starken aber nie überladenen Formulierungen, die Geschichte eines Mannes aufzuzeigen, der kein Held ist.
    Winkler ist zurückhaltend, eher still, aber wenn es um seine Frau und seine Tochter geht, kommt er aus sich heraus und verfolgt sein Ziel. Auf der Insel, auf der er 25 Jahre lebt, denkt er ständig an seine Familie. Er schreibt täglich Briefe, in der Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Mittellos und allein lernt er Menschen kennen, die sich seiner annehmen.


    Beim Lesen fühlt man nicht nur mit dem Hauptprotagonisten David Winkler mit. Der Autor beschreibt detailliert und gefühlvoll auch die Personen, mit denen Winkler Kontakt hat. Auch die Familie, bei der Winkler zunächst unterkommt, ist einst geflohen und hat mit Problemen zu kämpfen.


    Winkler sieht vieles mit einem besonderen Blick. Er hat ein Auge für die Natur, verbringt während seiner Zeit auf der Insel viel Zeit im Freien und hat immer noch diese spezielle Beziehung zum Wasser. Während des Lesens kann man fühlen, was Winkler fühlt und nimmt an seinen Gedanken teil. Anthony Doerr versteht es wunderbar, die Empfindungen seiner Figuren zum Leser zu transportieren.


    Nach "Memory Wall" ist "Winklers Traum vom Wasser" das zweite Werk des Autors, dass ich lese und es wird nicht mein letztes sein.


    5ratten

    Das sind keine Stirnfalten. Das ist ein Sixpack vom Denken.


  • Rund um Winklers jahrzehntelanges Hadern mit seinen hellsichtigen Fähigkeiten und insbesondere mit den Folgen seines Versuches, Grace zu beschützen, und seine Bemühungen, nach 25 Jahren endlich die Wahrheit herauszufinden, spinnt Anthony Doerr eine ruhig erzählte, packende und durch ihre einprägsame Sprache bestechende Geschichte mit außergewöhnlichen Figuren, die immer wieder für Überraschungen gut sind. Er lässt Winkler immer wieder an seine Grenzen gehen, zweifeln, ringen und gibt dem Leser, der Winkler beileibe nicht immer verstehen kann, tiefe Einblicke in die Seele seines schweigsamen, merkwürdigen und doch irgendwie faszinierenden Protagonisten, in dessen Leben wenig nach Plan verläuft und nichts einfach ist.


    Schöner könnte ich es nicht ausdrücken und viel Neues kann ich zu den vorangegangenen Rezensionen nicht mehr beitragen. Auch mir hat das Buch gefallen, wenngleich ich immer mal wieder mit Winklers Art gehadert habe, außerdem mit dem Umstand das er im Grunde ziemlich viel Glück hatte, immer wieder sehr wohlmeinende Menschen getroffen hat, es aber nicht richtig oder oft erst sehr spät bemerkt hat bzw. es einfach so hingenommen hat. Einige der Nebenprotagonisten sind mir in ihrer Selbstlosigkeit ans Herz gewachsen, verstanden hab ich nicht immer warum sie so gehandelt haben. Man würde sich wünschen auch solche Menschen zu treffen wenn es einem schlecht geht.
    Die Geschichte ist schön erzählt, wie aber auch schon bei "Alles Licht das wir nicht sehen" fehlt mir etwas um es zu einem echten Lieblingsbuch werden zu lassen, ich kann es aber schlecht in Worte fassen. Vielleicht ist es ein "Zuviel" an schönen Sätzen, vielleicht ist das "Schöne" zu gewollt, hatte ich zu oft den Eindruck, der Autor wollte diesen oder jenen Satz, ein bestimmtes Bild, diese oder jene Aussage unbedingt reinbringen ...
    Wie gesagt, ich tu mich schwer diesen kleinen Störfaktor in Worte zu fassen, aber der selbe Eindruck blieb auch bei dem Vorgängerbuch bei mir zurück. Schön und durchaus flüssig zu lesen, was aber für mich längerfristig zurück bleibt wird erst die Zeit zeigen.


    Trotzdem aber 4ratten

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

  • "Alles Licht, das wir nicht sehen" fand ich richtig großartig, aber bei "Winkler" habe ich mich auch eher ein bisschen schwergetan mit dieser doch recht merkwürdigen Hauptfigur. Aber ich fand es einfach unglaublich toll geschrieben, sprachlich gerade noch auf der richtigen Seite zwischen gewollt und gelungen, und ich kann mich immer noch gut an dieses Gefühl der Abgeschiedenheit erinnern, das vor allem bei den Szenen auf dieser Forschungsstation (oder was das war) im hohen Norden rüberkam.

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    E. L. Doctorow






  • Aber ich fand es einfach unglaublich toll geschrieben, sprachlich gerade noch auf der richtigen Seite zwischen gewollt und gelungen, und ich kann mich immer noch gut an dieses Gefühl der Abgeschiedenheit erinnern, das vor allem bei den Szenen auf dieser Forschungsstation (oder was das war) im hohen Norden rüberkam.


    Ja, da kippte es bei mir doch ab und zu auf die Seite von "gewollt" , aber letztlich doch auch Jammern auf hohem Niveau, weil es ja angesichts vieler sprachlich recht "schlichter" Neuveröffentlichungen einfach sehr erfreulich ist ein Buch zu lesen in dem sich jemand bemüht die Möglichkeiten von Sprache und Forumulierung auszuloten. Ich hab mich auch an vielen Sätzen und Kopfbildern erzeugt, besonders die Schneekristalle hatten es mir angetan.
    Die Forschungsstation fand ich etwas zuwiespältig, einerseits toll, was die Landschaftsbeschreibungen und das Gefühl von Abgeschiedenheit anbelangt, wie du auch schreibst, andererseits dachte ich mir immer, das kann doch auch nicht wahr sein daß er sich da jetzt wieder verkriecht.


    Ich hatte bei dem Buch viele "einerseits, aber"-Momente. Zum Beispiel fand ich die Reise zu den verschiedenen Grace Winkler's total schön, diese kleine Roadstory in der er so viele unterschiedliche Personen in ihren verschiedenen Leben trifft, andererseits fand ich es so irreal wie er sofort zum Übernachten aufgefordert wurde und/oder eingebunden. Auch dieses unfassbare Glück das er auf der Insel hatte, an diese Familie zu geraten, die ihn mehr oder weniger über die Jahre am Leben erhalten hat, das ist natürlich irgendwie schön, andererseits auch so unwahrscheinlich, das das Ganze doch eher wie ein Märchen anmutet, was dann aber zum Rest des Buches wieder nicht so richtig passt. Ganz ähnlich erging es mir auch mit "Alles Licht.." . Auch darin wunderschöne Passagen und Abschnitte die sich festgesetzt haben im Kopf, aber insich nicht so richtig stimmig.
    Trotzdem, diese vielfältigen Betrachtungsweisen des Wassers in seinen verschiedenen Aggregatszuständen und Vorkommen waren wirklich schön zu lesen und besonders einige der Nebencharaktere mochte ich sehr bzw. werden mir in Erinnerung bleiben.

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

  • Ja, sicher, einen etwas märchenhaften Touch hatte das manchmal schon, und dass Winkler so dermaßen eigenbrötlerisch ist, hat mich auch gelegentlich genervt.

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