Cynthia D'Aprix Sweeney - Das Nest/The Nest

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 8 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Valentine.

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    Einen sicheren Hafen bzw. eine Heimat im Sinne von Geborgenheit und Rückhalt haben die vier Plumb-Kinder - zumindest auf dem Papier seit Ewigkeiten erwachsen - schon lange nicht mehr, wenn sie überhaupt je sowas hatten. Früh zu Halbwaisen geworden, hat sich ihre exzentrische, stets dem Alkohol zugeneigte Mutter doch eigentlich nur um sich selbst gekümmert. Und auch sonst, untereinander gab es stets wenig Halt: dafür waren und sind Leo, Bea, Jack und Melody einfach zu unterschiedlich. Doch über all die Jahre, durch alle Widrigkeiten hindurch, gab es immer etwas, woran sie sich festhalten konnten, nämlich das "Nest" - einen erklecklichen Fond für alle vier, der ihnen offenstehen sollte, wenn Melody, die Jüngste von ihnen, ihren vierzigsten Geburtstag hinter sich hat, was zu Beginn dieses Buches nicht mehr lange dauern wird. Allerdings wird dieser Fond ausgerechnet von ihrer Mutter, der unzuverlässigsten Person unter der Sonne verwaltet und so erfüllt sie auch in diesem Falle nicht die Erwartungen aller. Denn Leo, der Älteste, gerät in eine Notsituation, in der sie ihm kurzerhand die gesamte Summe - mehrere Millionen - zur Verfügung stellt.


    Ein schwerer Schlag für die restlichen Geschwister, hatten sie doch schon alle mit dem Geld gerechnet. Und es teilweise bereits einkalkuliert in ihre Lebensplanung. Und nun?


    Wir lernen in diesem Roman alle vier Plumb-Geschwister und ihr jeweiliges Umfeld, ihre Familien kennen, es wird uns vorgeführt, was Familie NICHT sein sollte. Oder kann Leo das Geld rechtzeitig retournieren? Springen die anderen über ihren Schatten und helfen sich gegenseitig aus der Patsche? Lesen Sie selbst, es passiert so einiges Unvorhergesehene und sie werden Bekanntschaft mit einigen Charakteren der besonderen Art machen.


    Die Autorin Cynthia D'Aprix Sweeney hat einen klassischen Familienroman geschaffen und gleichzeitig etwas überraschend Neues. Wie in diesem Genre üblich, werden die Charaktere demaskiert und zeigen in der Krise ihr wahres Gesicht. Ebenso wie ihr Umfeld - in einigen Fällen entspricht dies den Erwartungen, die der Leser früh entwickelt, in anderen wird man total überrascht. Trotzdem - ich zumindest war durchgehend froh, am Rande zu stehen und nicht zu dieser Familie zu gehören, die etwas Gestörtes, etwas Zerstörendes an sich hat. Aber - haben das nicht alle Familien? Nun, ich würde sagen, definitiv nicht in diesem Ausmaß, wenn überhaupt.


    Das Buch liest sich ausgesprochen süffig, der Stil ist sowohl ausdrucksstark als auch unterhaltsam, die Charaktere gut gezeichnet. Einige wenige Male war ich ein bisschen enttäuscht von den inhaltlichen Entwicklungen - hier hätte es ein wenig mehr, da wieder etwas weniger sein dürfen. Doch das sind persönliche Wünsche, die ebenso auf meinen Lese- wie auch auf meinen Lebenserfahrungen fußen. Insgesamt ist dies ein spritziger, unterhaltsamer, teilweise auch erschütternder, ja schockierender, doch immer wieder auch humorvoller Roman über eine New Yorker Familie der Gegenwart. Eine brilliante Unterhaltung an dunklen Herbsttagen!
    4ratten

  • Leo, Beatrice, Jack und Melody sind vier New Yorker Geschwister. Sie sind so unterschiedlich wie die vier Vögel auf dem Buchcover. Vor Jahren hat ihr mittlerweile verstorbener Vater eine Geldanlage zu ihren Gunsten getätigt, die sich positiv entwickelt hat und zu gleichen Teilen unter ihnen aufgeteilt werden soll, sobald Melody, die Jüngste, 40 Jahre alt wird. Dieses Geld, von den vieren "Das Nest" genannt, wäre für jeden ein sechsstelliger Dollarbetrag. Doch kurz vor diesem Termin verursacht Leo schuldhaft einen Unfall, es muss eine Entschädigung gezahlt werden, die aus dem Nest-Fonds geschöpft wird, was das zu erwartende Erbe für die Geschwister auf ein Zehntel verringert.


    Bea, Jack und Melody jedoch haben schon seit langem mit dieser Finanzspritze gerechnet und obwohl sie eigentlich recht wohlsituiert sind, haben sie es geschafft, über ihre Verhältnisse zu leben und sich in mehr oder weniger tiefe finanzielle Schwierigkeiten zu manövrieren, für die das "Nest" die langerwartete Rettung bedeutet hätte. Was nun? Als den dreien klar wird, dass sie das Geld von Leo wohl nicht zurückbekommen werden, entwickelt jeder seine eigene Strategie, mit der angespannten Finanzlage fertigzuwerden.


    Die Geschwister sind nun gezwungen zu handeln, sich zu ändern, Verantwortung zu übernehmen, was Auswirkungen auf ihr Leben und ihre familiären Beziehungen hat. Dies ist spannend zu lesen. Doch geht es in der Geschichte nicht nur ums Geld, vielmehr ist sie vor allem ein Kaleidoskop des Lebens in New York in etlichen Facetten. Der Bogen, der gespannt wird, reicht über New Yorker Kulturleben, Jugendprobleme, Homosexualität, Probleme illegaler Einwanderer bis zu den Ereignissen des 11. September 2001. Es gibt es Schilderungen des alltäglichen Lebens, Rückblicke in die Vergangenheit der Geschwister, und einige Kapitel drehen sich auch um ihre Lebenspartner, Kinder, Kollegen und sonstigen Bezugspersonen.


    Das ist interessant und kurzweilig beschrieben, die Charaktere der Personen sind gut herausgearbeitet, doch aufgrund der Vielfalt der Personen und Handlungsstränge bleibt einiges zu knapp, was ich mir am Ende etwas ausführlicher ausgearbeitet gewünscht hätte. Etwas mehr Tiefe wäre schön gewesen. Und man versteht das Buch besser, wenn man sich ein wenig mit den Lebensumständen in den USA und insbesondere mit New Yorker Gegebenheiten und Personen auskennt (ich musste etliche Namen und Örtlichkeiten nachschlagen).


    Fazit: unterhaltsame Lektüre für Liebhaber von Alltagsgeschichten und Familiengeschichten.


    4ratten


    P.S. Ich meine aber, dass dieser Roman doch eher ins Unterforum "Unterhaltungsliteratur" gehört. Was meint ihr?

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.

    Einmal editiert, zuletzt von kaluma ()

  • Melody, Jack, Bea und der Draufgänger Leo sind Geschwister. Mittlerweile sind sie in ihren Vierzigern und haben sich ihr eigenes Leben aufgebaut - sind verheiratet, besitzen ein Sommerhaus oder schicken ihre Kinder auf ein gutes College.
    Allerdings bekommen sie immer mehr zu spüren, dass, gerade in Zeiten der Finanzkrise, ihr Geld nicht mehr ausreicht. Zum Glück können alle vier auf eine Erbschaft hoffen, welche ihre Probleme in Luft auflösen wird. Diese war auch stets eingeplant, denn sie erlaubte es den Geschwistern ohne Gewissensbisse über ihre Verhältnisse zu leben. Schließlich soll der Fond "Das Nest" aufgeteilt und ausgezahlt werden, sobald Melody, die jüngste, 40 Jahre alt wird - und ihr Geburtstag naht. Um ihre Erbschaft zu besprechen, treffen sie sich daher in der edlen Qyster-Bar.
    Doch dann folgt die Ernüchterung: Ihre Mutter, die nach dem Tod des Vaters mit der Verwaltung der Erbschaft beauftragt wurde, hat den Fond bereits aufgelöst und die nicht gerade unerhebliche Summe ihrem Sohn Leo zur Verfügung gestellt. Den Grund hierfür erfährt der Leser im Prolog. Der Playboy Leo hat sich, vollkommen berauscht von Alkohol und Kokain, auf einer Party an eine junge Aushilfskellnerin Mathilda rangemacht. Nachdem sie sich also in einer Abstellkammer näher kennengelernt haben, lockt er sie mit einer derart plumpen Lüge in sein Auto, dass man nur den Kopf über so viel Naivität schütteln kann. Wie er erzählt, habe er gute Freunde bei Columbia Records, die "immer auf der Suche nach neuen Talenten" sind (S.12). Da Mathilda "neunzehn, aufstrebende Sängerin" (S.10) und sich von dem Mann, der gut ihr Vater sein könnte angezogen fühlt, er sie in dem kleinen Kämmerschen wirklich angeschaut, richtig gesehen hat, ist sie für die Idee auf der Stelle vorzusingen, ganz begeistert. Also steigt sie zu Leo ins Auto und vergisst kurz darauf, dass sie eigentlich im Haus zu kellnern hat. Sie möchte ans Meer fahren, Leo stimmt zu und hat dann, nachdem er den Rückwärtsgang eingelegt hat, noch nicht mal Zeit sich anzuschnallen, schon ist der Reißverschluss seiner Hose geöffnet. Am Strand kommt es dann wie es kommen muss. Allerdings geschieht ein Unfall, bei dem das Mädchen seinen Fuß verliert - und Leo später seine Frau.
    Da sowohl die Scheidung als auch die Schmerzensgeldforderungen nicht gerade gering sind, muss Leos Mutter eingreifen. Ansonsten gäbe es wohl einen Skandal - und so etwas darf einer sehr reichen Amerikanischen Familie doch nicht geschehen.
    Nun hatten Leos Geschwister aber nun einmal fest mit ihrer großen Finanzspritze gerechnet. Manche von ihnen haben das Sommerhaus des Ehemannes verpfändet, andere haben eine geheime zweite Kreditkarte oder haben sich dem Traum des Autorendaseins hingegeben - ohne Erfolg.
    Schnell wird klar, dass eine Lösung gefunden werden muss. Für diese soll Leo zuständig sein, da er schließlich dafür verantwortlich ist, dass der Fond geplündert wurde. Dieser verspricht auch, sich etwas einfallen zu lassen.
    Doch, auch wenn er es angekündigt hatte, kümmert sich Leo nicht wirklich um die Begleichung seiner Schuld. Er, dessen Leben von Eskapaden geprägt ist, hat nämlich eine neue Flamme, die seier ganzen Aufmerksam bedarf.
    Allmählich grübeln die Geschwister auch über teilweise nicht ganz legale Wege, sich Geld zu beschaffen... Mit dem ausbleibenden Geldregen gerät die ganze Familie aus den Fugen...


    Als ich mit dem Lesen begann, hätte ich am liebsten schon wieder aufgehört... Denn mir sagte der Playboy, der nach den ersten paar Sätzen schon in der Abstellkammer verschand, und der die Drogen durch seine Adern fließen spürte so gar nicht zu. Auch habe ich mich über Mathilda aufgeregt, die ich am liebsten einmal durchgeschüttelt hätte. Welches Mädchen fällt denn bitteschön auf einen solchen Typen und auf derart unterirdische Sprüche herein?
    Allgemein scheinen mir die meisten Charaktere realitätsfremd zu sein und ihren Verstand gebrauchen sie wohl auch nicht so häufig. Wie kann man denn ein Leben lang über seine Verhältnisse leben, weil man zu wissen glaubt, dass eine Erbschaft die, sobald die jüngste Schwester vierzig Jahre alt wird, ausgezahlt wird, alle Schulden begleichen wird? Die Charaktere sind doch alle schon erwachsen.
    Die Figuren werden sehr detailreich gezeichnet und man merkt beim Lesen, dass die Autorin den Figuren mit all ihren Schwächen durchaus Sympathie entgegenbringt. Ich konnte mit den Charakteren jedoch kaum etwas anfangen.
    Mich hat die neureiche Familie eher abgestoßen und von ihrem Selbstverständnis war ich verblüfft. In meinen Augen ist es auch etwas ungeschickt, direkt mit der Party und Leos Unfall zu beginnen, da - selbstverständlich kann ich da nur für mich sprechen - die Leselust doch genommen wird.
    Zum Glück wird die Erzählung im Verlaufe des Buches noch spannender, allerdings hat "Das Nest" immer wieder seine Längen.
    Immerhin wurden die Figuren sehr genau beschrieben und der Umgang der Geschwister miteinander ist recht interessant, da sich die Einstellungen der einzelnen ja im verlaufe der Geschichte auch ändern könnten...?

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  • Vier nicht mehr ganz junge Geschwister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die New Yorker Melody, Jack, Bea und Leo Plumb sind ihr Leben lang davon ausgegangen, dass sie eines Tages von ihrem Vater erben - und das nicht zu knapp. Doch was, wenn diese Annahme nie eintritt? Was geschieht dann mit den Schulden unter anderem aus Studienzeiten, den Bildungsansprüchen der eigenen Kinder und den Sümmchen, die man einfach zur Sicherheit anlegen wollte?


    Der vom angelegte Treuhandfonds - auch 'Nest' genannt - soll zum 40. Geburtstag der jüngsten Tochter Melody ausgezahlt werden. Zumindest sind davon alle Geschwister ausgegangen, doch dann kreuzt ihre eigene Mutter ihre jahrelang gehegte Annahme, die sie alle dazu veranlasst hat, über ihren Verhältnissen zu leben. Um so ernüchterter sind Jack, Bea und Melody als sie feststellen müssen, dass ihre eigene Mutter den Fond bereits aufgelöst hat, um die komplette Summe Leo zur Verfügung zu stellen. Leo, ein Luftikus und Frauenheld, ist nämlich in eine unrühmliche Situation geraten und die Mutter, die die Finanzen nach dem Tod ihres Mannes verwaltet, stellt ihm sämtliche Millionen aus dem 'Nest' zur Verfügung, um den drohenden Skandal abzuwenden.


    Leo soll sich nun darum bemühen, sie alle auszubezahlen - immerhin war er es, der die Erbschaftsträume zunichte machte. Leo nimmt diese Aufgabe an, verspricht, sich etwas einfallen zu lassen. Doch natürlich hält das alles nicht lange! Leo hat die nächste Frau an der Angel und verschwendet keinen Gedanke mehr daran, dass seine Handlungen seine Schwestern und seinen Bruder um ihren Anteil gebracht hat. Folglich versuchen die drei leer ausgegangenen Geschwister nun zwangsweise selbst, mit der Situation umzugehen und Lösungen zu finden...


    "Das Nest" ist witzig und manchmal bitterböse, denn alle vier Hauptpersonen haben ihre Fehler, die natürlich in all der Enttäuschung besonders stark zu Tage treten. All die Jahre haben sie sich darauf verlassen, dass die angehäuften Schulden mit einem Schlag Vergangenheit sind - und nun das!


    Cynthia D'Aprix Sweeney hat mit ihrem Debüt einen sehr unterhaltsamen Roman vorgelegt, der vor allem durch seine gegensätzlichen, dennoch glaubhaften Figuren überzeugt. Ich mochte keinen der vier wirklich, aber ich habe ziemlich gerne von ihnen gelesen. Ehrlicherweise ist es einfach ein spannender Ausgangspunkt, wenn auf ein Erbe so schamlos hingearbeitet (im Sinne von Schulden anhäufen) wird und dann alles verschwindet: wie das Tischtuch, das unter all dem Porzellan und Glas auf dem Tisch mit einem Ruck weggezogen wird. Die Schulden bleiben, aber die Basis all dessen ist weg...


    Neben den Charakteren sind vor allem auch die Wendungen und die beständigen Wechsel der unterschiedlichen Perspektiven dafür verantwortlich, dass das Buch stets unterhaltsam bleibt. Außerdem spannt die Autorin einen weiten Bogen und legt den Fokus nicht nur auf die finanziellen Schwierigkeiten der Plumbs, sondern gewährt auch Einblicke in den kulturellen Alltag New Yorks, erzählt von frustrierten Schriftstellern, Drogenmissbrauch, generell schlechten Entscheidungen, 9/11 und Homosexualität - um nur einige Themen zu nennen. Um die Tiefe der Hauptpersonen zu verdeutlichen, kommen auch diversen Nebenfiguren zu Wort, so dass Melody, Jack, Bea und Leo noch besser nachvollziehbar sind. Aber genau da ist für mich ein kleiner Minuspunkt zu finden, denn ich empfand die Geschichte ab und an fast ein bisschen überfrachtet.
    Dennoch hat mich diesen Buch richtig gut unterhalten!


    Kurzum: Eine Geschichte von mehr Schein als Sein. Unterhaltsam, witzig und durchaus klug!


    4ratten und :marypipeshalbeprivatmaus:

    Liebe Grüße

    Tabea

  • 4ratten


    Die Plumbs sind eine Familie wie viele andere auch: Ausser der zufälligen Verwandtschaft hat man nur wenig gemeinsam und so beschränken sich die Zusammentreffen auf die eher seltenen Familienfeiern. Doch was die vier Geschwister verbindet, ist die Vorfreude auf das in Bälde auszuzahlende Erbe (das das Nest genannt wird): An Melodys 40. Geburtstag sollen alle 500.000 $ erhalten, die jede/r von ihnen teils schon seit Jahren fest verplant hat. Doch kurz vor diesem Termin verschuldet Leo, der Lebemann unter den Geschwistern, einen entsetzlichen Unfall und die Mutter der vier verwendet den Großteil des Geldes, um die Schäden so gering wie möglich zu halten. In dieser aussergewöhnlichen Situation finden sich die drei restlichen Geschwister zusammen, um einen Weg zu finden, doch noch an das Erbe zu gelangen. Denn Leo, der für sein verantwortungsloses Verhalten berühmt-berüchtigt ist, soll nicht ungeschoren davon kommen.
    'Das Nest' ist eine wirklich schöne und unterhaltsame Familiengeschichte mit überaus differenziert und liebevoll beschriebenen Charakteren. Schwarz-Weiß-Schemata gibt es praktisch nicht (sieht man von der Mutter ab, die aber nur eine Randfigur darstellt) und sämtliche Personen haben ihre guten wie auch schlechten Seiten, selbst der egoistisch-narzisstische Leo. Die Autorin schildert überzeugend und nachvollziehbar, wie Menschen ihr ganzes Dasein darauf ausrichten, in einer bestimmten Zeit einen bestimmten Geldbetrag in Händen zu halten. Aber als dieses scheinbar bald erreichte Ziel sich buchstäblich in Nichts auflöst, brechen ganze Lebensentwürfe zusammen. Doch statt dass die Welt 'untergeht', kommt sich die Familie näher; es entstehen neue Möglichkeiten und manche/r muss feststellen: Es sind nicht die Schlechtesten :zwinker:
    Ein ebenso lesenswertes, amüsantes wie mutmachendes Buch, das jedoch mal wieder mit einem Klappentext versehen ist, den man auch weglassen könnte. Ja, die Geschwister müssen Geld auftreiben, aber diesen Antrieb empfand ich während des Lesen eher nebensächlich. Und auch das Bild der Autorin hat ein derart historisches Alter, dass die Aussagekraft gegen Null geht. Doch wer liest schon Klappentexte (ausser mir) :breitgrins: ?

    Je mehr sich unsere Bekanntschaft mit guten Büchern vergrößert, desto geringer wird der Kreis von Menschen, an deren Umgang wir Geschmack finden.    Ludwig Feuerbach (1804 - 1872)

  • Zur Handlung brauche ich eigentlich nichts mehr zu sagen.
    Aber ich schlließe mich sehr gerne den positiven Meinungen zum Buch an.


    Die Geschwister haben zwar alle ihre eigenen Probleme, diese laufen aber auf eins hinaus: Sie brauchen das ihnen vom Vater versprochene Geld. Sonst scheinen die vier nicht mehr viel gemeinsam zu haben - doch sie sind gezwungen, sich zusammen zu setzen und eine Lösung zu finden.
    Es wird abwechselnd aus der Sicht aller vier Geschwister erzählt, sowohl in der Gegenwart (also rund um das Treffen und die sich daraus ergebenden Entwicklungen), als auch in Rückblicken, die immer wieder eingeschoben werden. Im Verlauf der Handlung wird der Kreis der Personen quasi größer.


    Allein schon dadurch konnte der Roman bei mir punkten. Ich lese gerne Bücher, die auf diese Art aufgebaut sind, bei denen man zwischen den Charakteren hin und her springt und bei denen durch Rückblicke erst ein Gesamtbild entsteht.
    Die Geschichte ist unterhaltsam, mal lustig, mal böse, die Geschwister sind nicht einseitig dargestellt, jeder hat sympathische und unsympathische Seiten (selbst Leo).


    Kurzum: "The Nest" ist ein Familienroman nach meinem Geschmack, eines dieser Bücher, bei denen man die Charaktere gerne begleitet und bei denen man traurig ist, wenn die 400 Seiten des Buches gelesen sind, weil man gerne noch mehr über die Familie erfahren würde.


    4ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

  • Das Nest - was für ein seltsamer Name für ein ausstehendes Erbe.


    Aus einem Nest kommen auch die Geschwister Leo, Jack, Bea und Melody. Aber was war das für ein Nest. Der Vater hat so eine gute Meinung von seinen Kindern, dass er ihnen das angelegte Geld erst im fortgeschrittenen Alter zukommen lassen will. Die Mutter kümmert sich mehr um Alkohol und ihr Leben, als um das ihrer Kinder. Wenn wundert es da, dass die vier, was ihre soziale Kompetenz betrifft, nicht übermässig hervorstechen. Das Nest, ihre Absicherung, ist allen der rettende Anker, der ihnen erhalten soll, was sie aufgebaut haben, oder ihr erstrebtes Ziel zu erreichen. Das Nest ohne die zugehörige Nestwärme, dafür mit goldenen Eiern.


    Als sie feststellen müssen, dass aus den erhofften Gänseeiern plötzlich Wachteleier geworden sind, weil ihr Bruder Leo, der Lebemann, von ihrer Mutter das Geld bekam, um die Folgen eines Unfall zu vertuschen, droht das wackelige Gerüst ihres Lebensstils zu zerbrechen.


    Leo, Jack und Melody haben nur Dollarzeichen in den Augen. Bea sticht da etwas ab. Sie ist genügsam, hängt aber emotional zu sehr an Leo. Zusätzlich lernt man weitere Familienmitglieder, Freunde und andere involvierte Personen kennen, die mit ihrem jeweiligen Dämonen kämpfen. Nun gilt es ihr jeweiliges Leben ohne Sicherheitsnetz auf die Reihe zu bekommen.


    Die einzelnen Personen sind sehr gut beschrieben. Die menschlichen Schwächen gut dargestellt und der manchmal ironische Stil passt hier wunderbar. Auch dass es nicht in einem Heile-Welt-Ende gipfelte, gefiel mir. Teilweise hatte ich den Eindruck, dass einfach zu viele extreme Lebensgeschichten aufeinanderprallten.


    4ratten

  • Die vier Plumb-Geschwister Leo, Beatrice, Jack und Melody stehen sich nicht besonders nahe, doch eins haben sie alle gemeinsam: die sehnsüchtige Erwartung von Melodys 40. Geburtstag. Denn wenn die Jüngste diese magische Grenze erreicht, wird das "Nest" für alle zugänglich, eine beträchtliche Geldsumme, die die Eltern im Laufe der Jahre beiseite gelegt haben und dann zu gleichen Teilen an die vier auszahlen wollen.


    Doch kurz vor dem großen Tag beruft die Mutter (der Vater ist inzwischen verstorben) den Familienrat ein und gesteht, dass das Nest lange nicht so gut gefüllt ist wie erwartet. Zu verdanken haben sie das Leo, der sich mit einer neunzehnjährigen Kellnerin im Schlepptau von einer Familienfeier abgesetzt hat und dabei in einen folgenschweren Unfall verwickelt wurde, was ihn finanziell teuer zu stehen kam.


    Verständlicherweise sind die anderen drei alles andere als begeistert, dass für die Konsequenzen von Leos Seitensprung ein Gutteil ihres Erbes draufgegangen ist. Vor allem der in zwielichtige Geschäfte verwickelte Jack und Melody, die um jeden Preis ihr heißgeliebtes, aber viel zu kostspieliges Haus halten möchte, sind entsetzt, haben sie sich doch auf das erkleckliche Sümmchen verlassen, um ihre persönlichen Finanzen in Ordnung zu bringen.


    Anfangs wurde ich mit keiner der Figuren richtig warm, die alle wie verwöhnte Society-Sprösslinge wirkten, für die Prestige, Geld und der schöne Schein wichtiger sind als alles andere. Doch mit dem Paukenschlag der Enthüllung, wie es tatsächlich um das "Nest" bestellt ist, kommt eine regelrechte Lawine von Ereignissen in Bewegung, die mich dann doch sehr gefesselt hat. Am Ende ist im ohnehin schon wackeligen Familiengebäude kein Stein mehr auf dem anderen - was aber nicht heißt, dass alles zerstört ist. Zwar geht einiges zu Bruch, es entstehen auch neue Bindungen und neue Perspektiven, und dass am Ende nicht alle Fragen bis ins kleinste Detail beantwortet werden, hat mir auch ganz gut gefallen, weil es viel lebensnäher wirkt als einen allzu saubere Auflösung sämtlicher Problemstellungen.


    Das Buch ist letztendlich auch mehr als eine bloße Familiengeschichte - es ist auch ein Spiegel der New Yorker Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Deren Lebensrealität mag zwar weit entfernt von Otto Normalverbraucher sein, doch die bewegten Zeiten zwischen dem 11. September und der Finanzkrise machen auch vor den (vermeintlich) Wohlhabenden und Erfolgsverwöhnten nicht halt, wie hier sehr schön gezeigt wird.


    4ratten

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Valentine

    Hat den Titel des Themas von „Cynthia D'Aprix Sweeney - Das Nest“ zu „Cynthia D'Aprix Sweeney - Das Nest/The Nest“ geändert.