Selja Ahava - Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 7 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Valentine.

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    Ich bin inzwischen etwas über der Hälfte bei diesem kleinen, feinen Buch, das flüssig zu lesen ist, dem man aber dennoch Zeit geben muß um zu wirken. Man taucht ein in die Gedankenwelt der Finnin Anna, die sich als alte Frau an ihr Leben teils in Finnland, teils in England erinnert. Aber schon das wird nicht direkt so gesagt, sondern erschließt sich allmählich über ihre Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, deren Lücken und den irrealen Dingen mit denen sie versucht diese Lücken zu schließen.
    Die Erinnerungen müssen aufmerksam gelesen werden, es gibt viele Sprünge in den Gedanken, den Zeiten und den Orten und oftmals muß man sich selbst überlegen was nun wahr und was Einbildung ist. Wahrheit ist aber auch etwas sehr Relatives in dieser Geschichte, den für Anna ist alles wahr.


    Gerade war ich bei der Stelle in der sie ihre große Liebe verloren hat, ihr Lebensgefährte ist gestorben .... ich habe lange keine so ehrlichen Worte mehr über den Tod eines geliebten Menschen gelesen, frei von jedem Pathos und frei von allem "was sich gehört" , frei von allem was "man" sich so vorstellt. Man sitzt im Kopf und im Herz von Anna und verfolgt ihre teils verwirrten, teils völlig klaren, aber verstreuten, selektiven Gedanken. Sehr berührend, ich hatte schon ein paarmal einen dicken Kloß im Hals.


    Vieles nur ein Eindruck, man muß mehr mit dem Herzen lesen, sich dem Fluß dieser Erinnerungen hingeben und das Vergessen und die Nöte von Anna mit aushalten, aber auch ihre Kraft bewundern, sich ihrem Schicksal zu stellen.


    Im Klappentext steht u.a. irgendwas von Tragikkomödie, den Begriff find ich falsch gewählt, Tragik gibt es im Leben von Anna genug, manche ihre Gedanken sind auch so ehrlich, direkt und bodenverhaftet, das man auch durchaus mal schmunzeln kann, aber im selben Moment beginnen ihre Gedanken wieder zu fliegen oder sich einzusperren und in eine Ecke zu verkriechen.

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

    "You don't have to burn books to destroy a culture. Just get people to stop reading them." (Ray Bradbury)

  • Hallo Firiath,


    ich bin gerade über diesen tollen Titel gestolpert. Vielen Dank, dass du uns das Buch hier vorstellst. Das wandert jetzt direkt auf meine Wunschliste. Es klingt wunderbar :herz:


    Liebe Grüße
    Suse

    "Der Glaube an Gott ist prägend für mein Verständnis der Welt", schrieb Laschet, "wenn man daran glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, macht man auch Politik anders als zum Beispiel ein Kommunist, der bis zum Lebensende dringend mit allen Mitteln das Paradies auf Erden schaffen will."


    Ein Muster-Katholik führt künftig die CDU


    "Sorry, ich sags wie es ist. wer cdu wählt, handelt gesellschaftlich verantwortungslos. cdu-wähler*innen stehen für mich auf einer stufe mit masken- und impfverweigerern. und nein: unwissenheit lass ich nicht gelten. sich zu informieren gehört zur gesellschaftlichen verantwortung. Michael Seemann

  • Der Walfisch ist inzwischen durch London geschwommen und es ging tatsächlich um die echte Story dahinter, als sich wirklich ein Walfisch in die Themse verirrt hatte. (und ja... das Verkehrschaos, um zum Thema unserer Monatsrunde zurückzukommen, auf der Themesbrücke war perfekt :breitgrins:) .
    Eine sehr schön beschriebene Szene, aber mehr möcht ich darüber auch gar nicht verraten.


    Anna verliert immer mehr den Halt im Leben, der Verlust ihres Lebensgefährten hat etwas in ihr zerbrochen. was wohl nie wieder ganz werden wird. Das absolut Besondere an dem Buch ist das man wirklich nur die Innensicht von Anna miterlebt und sich nur anhand dessen was bei ihr ankommt, was sie sich zusammenreimt, wie sie es empfindet, ausmalen kann, wie sich wohl die Menschen um sie herum fühlen und was sie sehen.


    Zu analytisch dürfte man sicherlich nicht vorgehen, man könnte auch bestimmt gut darüber referieren, welche psychischen Krankheitsbilder angesprochen werden oder darüber diskutieren, daß doch jemand etwas hätte tun müssen, aber ich glaub, das wäre die falsche Herangehensweise und würde den Zauber der Geschichte zerstören. Die Geschichte will eher aufzeigen wie es Anna sieht, nicht wie die Welt drumrum die Dinge beurteilt. Davon abgesehen erfährt man ja nur Ausschnitte des Lebens, nur das woran Anna sich als alte Frau noch erinnert oder erinnern möchte...




    ***




    Suse
    Es ist wirklich wunderbar, aber auch sehr tief berührend und schmerzhaft, nicht für jede persönliche Lebenssituation wahrscheinlich das richtig Buch, die "Kloß im Hals" - Frequenz wird höher .... und hatte schon Zeiten in denen ich das Buch wohl nicht hätte lesen können.
    Ich bin aber wirklich sehr begeistert von dem Buch, so etwas in der Art hab ich noch nie gelesen und ich glaube (obwohl es bei weitem nicht nur um dieses Thema geht) , jeder der mit Leuten zu tun hat die selbst Gedächtnisstörungen haben, aus welchen Gründen auch immer (Depression, Demenz etc.) könnte von dem Buch profitieren.
    Gleichzeitig ist das Buch aber sprachlich wunderschön, geradezu poetisch.

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

    "You don't have to burn books to destroy a culture. Just get people to stop reading them." (Ray Bradbury)

  • "Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm"


    von Selja Ahava



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    Aus dem Finnischen übersetzt von Stefan Moster
    Herausgegeben vom mare Verlag, 224 Seiten
    Finnische Erstveröffentlichung 2010, Titel: "Eksyneen muistikirja"
    Dt. Erstveröffentlichung 2014


    Selja Ahava ist 1974 geboren, studierte Dramaturgie an der Theaterhochschule Helsinki und schrieb Hörbücher und Drehbücher für Filme und Fernsehserien.



    Klappentext:
    Nach dem Verlust ihrer großen Liebe Antti fühlt sich Anna selbst wie aus der Welt gefallen: Als ihr immr weniger gelingt, ihre Erinnerungen festzuhalten, und ihr Gedächntnis langsam unzuverlässiger wird klammert sie sich an Wortlisten und erfindet Wörter für Dinge, die keinen Namen haben. Mit den Jahren trotzt sie den Zumutungen des Alltags mehr und mehr mit ihrer Vorstellungskraft.
    Als alte Frau schließlich blickt Anna zurück auf ihr Leben, so wie sie sich daran erinnert.



    Zitat:

    "Beim Blick auf die Flickendecke war sich Anna einer Sache ziemlich sicher: Am Anfang war die Insel. Irgendwo dort am Anfang war sie. Und dorthin versuchte sie zurückzukehren, wenn alles andere um sie herum durcheinandergeriet und davonflog."



    Meine Meinung:


    Man taucht ein in die Gedankenwelt der Finnin Anna, die sich als alte Frau an ihr Leben teils in Finnland, teils in London zurück erinnert. Die Geschichte erschließt sich allmählich, bruchstückhaft über ihre Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, deren Lücken und den irrealen Dingen mit denen sie versucht hatte diese Lücken zu schließen.
    Die Seiten müssen sehr aufmerksam gelesen werden, erfordern Konzentration, es gibt viele, große Sprünge in den Gedanken, den Zeiten und den Orten und oftmals muß man sich selbst überlegen was nun wahr und was Einbildung ist. Wahrheit ist aber auch etwas sehr Relatives in dieser Geschichte, denn für Anna ist alles wahr.


    Ihr ganze Leben wird konsequent aus ihrer zersplitterten, unzuverlässigen Erinnerung heraus erzählt, man bekommt kaum sonstige Orientierungshilfen, sollte sich aber trotz aller Konzentration tragen lassen, sich dem Fluß der Erinnerungen hingeben, ohne sofort alles verstehen zu wollen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, lohnt sich aber, ich tauchte umso tiefer in Annas Gedanken und Empfindungen ein. Viele der Puzzleteilchen fügen sich nach und nach fast unmerklich aneinander, andere bleiben bis zum Schluß isoliert und sind dennoch wichtig für die Geschichte und deren Stimmung. Der Roman ist nach meinem Empfinden sehr gekonnt komponiert und führt den Leser unaufdringlich aber zielstrebig durch das Labyrinth.


    Geprägt war Annas Leben von einem schweren Schicksalsschlag, dem Verlust ihrer Liebe Antti und damit dem Leben mit ihm auf einer kleine Insel in Finnland. Von diesem Verlust , der ihr Leben und ihren Geist aus den Fugen geraten ließ, ihrer Krankheit vielleicht Vorschub leistete, erholte sie sich nie mehr so richtig. Sie war bemüht die Scherben zusammenzuhalten, manchmal gelang ihr das besser, manchmal und zunehmend weniger. Sie versuchte einen großen Sprung und lebt eine Weile in London, vielleicht um Abstand zu bekommen um eine neues Leben zu beginnen. Je älter Anna aber wird, desto mehr vergisst sie, verwirrt sich ihr Geist, was für sie und die Menschen um sie herum immer schwieriger wird. Trotzdem schafft sie es über einen sehr langen Zeitraum sich ihre Freiheit und ihre Selbstständigkeit zu bewahren und dafür nimmt sie einiges in Kauf. Ihr freier Geist, ihre bodenständige, ehrliche Art, ihr Blick auf die Schönheit der Natur und ihr, trotz aller Verwirrungen, manchmal sehr scharfer Blick auf ihre Umgebung sind ihrer Antriebsfedern.


    Ich möchte nicht zu viel von der eigentlichen Geschichte erzählen, sie wartet mit einigen unerwarteten Überraschungen auf und wird wunderschön, oftmals sehr poetisch erzählt. Mich hat die Geschichte tief berührt, ich hab darin die ehrlichsten und bewegensten Sätze gelesen, in denen es um den Tod eines geliebten Menschen geht und ich habe eine Ahnung davon bekommen wie es sich anfühlen muß, wenn man älter wird und immer mehr vergißt, wie unerhört es sich anfühlt, wenn sich deswegen immer mehr Menschen ins eigene Leben einmischen, wie sehr man sich an die verbliebene Freiheit klammert.


    Einerseits vielleicht ein Buch über Demenz und Alzheimer, aber weit darüberhinaus eine zwar schmerzhafte, aber poetische und wunderschöne Geschichte über die Liebe, über Verlust und Tod, die Schönheit der Natur, das Gefühl von Heimat, Familie, über das Fremdsein und nicht zuletzt über die Kraft der Phantasie.



    Für mich neben "Ein Monat auf dem Land" mein Lesehighlight 2016 :tipp:
    Ich hab nach Beenden des Buches gleich nochmal von vorne angefangen; das ist noch nicht vielen Romanen gelungen.



    5ratten

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

    "You don't have to burn books to destroy a culture. Just get people to stop reading them." (Ray Bradbury)

  • Ich teile das Lob für die Rezi! Da muss man einfach Lust auf das Buch bekommen.

    Einmal editiert, zuletzt von Doris ()

  • Mit Annas Gedächtnis ging es schon in relativ jungen Jahren bergab, inzwischen ist sie eine alte Frau und lebt mit fortgeschrittener Demenz in einem Heim. Die Zeit verschwimmt in ihrem Kopf, häufig ist sie wieder in ihrem Häuschen an einem finnischen See, in dem sie mit Antti so viele schöne Stunden verbracht hat, oder in London, wo sie mit Thomas zusammengelebt hat und eines Tages vom Oberdeck eines Busses aus beobachten konnte, wie ein (kleiner) Wal die Themse hinaufschwamm.


    Dieses Buch zusammenzufassen fällt mir schwer, denn es hat eigentlich keine wirklich lineare Handlung, sondern besteht im wesentlichen aus Eindrücken, Gedanken und Erinnerungen, die Anna beschreibt. In einem gleichzeitig kühlen und behutsam-einfühlenden Tonfall lässt uns die Autorin Annas mäandernden Gedankenströmen folgen, ihren Reminiszenzen an schöne wie an schwere Zeiten in ihrem Leben, an ihre Versuche, die Dinge festzuhalten, indem sie Listen schreibt von allem, was sie sehen kann.


    Die Grenze zwischen der Wirklichkeit und dem, was sich nur in Annas Kopf abspielt, ist dünn und fließend, was manchmal verwirrend ist, aber gleichzeitig genau dadurch vermittelt, wie sich Anna fühlt, wenn sie spürt, dass ihr die Realität immer mehr entgleitet, bis sie schließlich immer öfter aus der Welt zu fallen scheint.


    Ich bin normalerweise gar kein Fan von Erzählungen dieser Art, meistens nervt es mich, wenn ich nicht weiß, was wirklich und was nur gedacht, erfunden oder eingebildet ist. Aber Selja Ahava hat das Kunststück fertiggebracht, mich ganz in Annas Gedankenwelt hineinzuziehen, so dass ich die Frage, was nun real ist und was nicht, einfach hinten anstellen und mich auf diese etwas andere Erzählweise einzulassen. Nur die "eingebildeten" Kinder waren mir gelegentlich einen Tick zu viel des Guten.


    Ein sehr ungewöhnliches, besonderes Buch abseits des Mainstream.


    4ratten

    If you don't become the ocean, you'll be seasick every day.

    Leonard Cohen