02 - Teil 2, Eins bis Drei (S. 75-136)

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Es gibt 6 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von dubh.

  • Hier könnt Ihr zum Inhalt von Seite 75 bis 136 schreiben.
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    Liebe Grüße

    Tabea

  • Sehr beeindruckend ist Carletons Darstellung des Nachkriegs-Berlins, immer noch stark gezeichnet vom Krieg, eine Stadt, in der zwar das Leben wieder blüht und ganz normaler Alltag seinen Lauf nimmt (und sich viele Berliner sehr pragmatisch mit der Besatzung arrangiert haben), aber eben auch noch viele Bombenruinen oder Brachflächen, wo früher einmal Häuser standen, an die schreckliche Zeit erinnern. Es tut mir, die ich nur einmal kurz in Berlin war und keinen allzu großen Bezug zu der Stadt habe, schon beim Lesen in der Seele weh - wie herzzerreißend muss es erst für Menschen sein, die in diesen Häusern gewohnt haben oder die Menschen kannten, die dort lebten :traurig: Krieg ist so was Furchtbares und Idiotisches und doch lernt die Menschheit nicht dazu :heul:


    Erics Rekonstruktion seines alten Wohnhauses hat mich ziemlich berührt. Auf einmal sprudelt seine Vergangenheit geradezu aus ihm heraus, nachdem er sie jahrelang unterm Deckel gehalten hat. Der Ort seiner Kindheit, so zerstört er auch ist, bringt viele alte Erinnerungen ans Licht, viele kleine Details, an die er vielleicht selbst lang nicht gedacht hatte. Und die Fliese aus dem Eingangsbereich, die er noch im Gras findet, hätte mir genauso das Herz gebrochen wie Nora.


    Aber Eric gestattet sich trotz allem seine Trauer nur bedingt, weil auch in anderen Ländern Städte zerstört und Menschen getötet wurden. Das verstehe ich einerseits, andererseits muss ich auch Nora recht geben, wenn sie sagt, dass den Preis meist die Unschuldigen bezahlen müssen. Vor allem Kinder können weder hier noch da etwas dafür, dass Kriege geführt werden :traurig:


    Die Begegnung mit Tante Rosie hat mich dann sehr überrascht. Ich hatte mit einer verbissenen alten Nazischnepfe gerechnet, doch es zeigt sich, dass die vermeintliche Untätigkeit, als es darum ging, Erics Vater zu helfen, gar keine war, sondern wohlüberlegt, und die Nazi-Anhängerschaft nur Fassade. Tante Rosies Standpauke für Erics Selbstmitleid kann ich ihr auch nicht verdenken. Er hatte schon irgendwie leicht jammern, in England in relativer Sicherheit, wo er dann irgendwann völlig abgetaucht ist und nicht mehr erreichbar war, während es den Zurückbleibenden, vor allem Käthe, böse ergangen ist. Ich denke, es würde ihm guttun, die Vergangenheit endlich mal aufzuarbeiten, um irgendwann damit abschließen zu können. Sonst wird er komplett verrückt und Nora, die sich ja sehr um ihn bemüht, womöglich auch.


    Eine Kleinigkeit stört mich an der Übersetzung, und zwar der "Buckingham-Palast". Diese Eindeutschung gefällt mir nicht. Weiß jemand, ob das eine aktuelle oder eine alte Übersetzung ist? Früher wurde ja noch viel mehr eingedeutscht.


    Dafür gefallen mir andere Formulierungen sehr, insbesondere mochte ich die Bezeichnung "architektonische Ohrfeige" für hässliche Nachkriegs-Bausünden.


    Ich habe übrigens mal gegoogelt, wie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche früher aussah, die wir ja nur als Turmruine kennen, und hier etwas gefunden. (Ich muss Eric allerdings recht geben, so richtig schön war sie nicht mit diesem überdimensionalen Turm.)

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Und schwuppdich, ist das Trio schon in Berlin. Die Landung in Tempelhof hat mich berührt, weil ich auch noch das Glück hatte, dort etliche Male zu landen - ein ganz besonderer Charme.


    Tja, der Berliner Hoteldirektor ist sicher einer, der sich überall durchwurschtelt, solche gab und gibt es sicher in jeder Nation. Wie er mühelos vom Englischen ins Deutsche wechselte, als er den Exilanten erkannte - das hatte schon was!


    Sehr ergreifend ist dann die Tour durch Berlin an all die alten Stätten. Gottseidank kenne ich die Stadt einigermaßen gut und konnte alles nachvollziehen - wirklich spannend!


    Das mit Tante Rosie, das ging mir alles ein bisschen zu flott. Ist sie wirklich so aufrecht (so scheint es jedenfalls) oder spielt sie eine Rolle? Am tollsten fand ich den Passus, in dem sie ihre Zuversicht bezüglich einer Wiedervereinigung äußert. Wann war das? Doch in den 1950ern! Das ist wirklich mal vorausschauend!


    Tja, und dann ihre Äußerung zur Nationalität: "Du, mein armer Junge, musst der Tatsache ins Auge sehen, dass Du Deutscher bist und es bis ins Grab bleiben wirst." (127f.) Das ist mal ein Wort.


    Und dann Käthe in ihrer Unversöhnlichkeit - ich finde es schon jetzt unglaublich spannend und bin gespannt, wie es weitergeht!


  • Sehr beeindruckend ist Carletons Darstellung des Nachkriegs-Berlins, immer noch stark gezeichnet vom Krieg, eine Stadt, in der zwar das Leben wieder blüht und ganz normaler Alltag seinen Lauf nimmt (und sich viele Berliner sehr pragmatisch mit der Besatzung arrangiert haben), aber eben auch noch viele Bombenruinen oder Brachflächen, wo früher einmal Häuser standen, an die schreckliche Zeit erinnern.


    Ja, das hat mich auch sehr beeindruckt. Aber wie schon in Teil 1 erwähnt, das kenne ich auch noch aus Köln bis in die 1970er, ja 80er Jahre. Eine solche Zerstörung lässt sich halt nicht so leicht beseitigen, geschweige denn rückgängig machen!


  • Die Landung in Tempelhof hat mich berührt, weil ich auch noch das Glück hatte, dort etliche Male zu landen - ein ganz besonderer Charme.


    Gut, dass Du es sagst, das wollte ich ja auch noch erwähnen. Ich habe Tempelhof nicht mehr in Betrieb erlebt, aber ich war mal dort bei einer Veranstaltung (der Flughafen ist ja heute "Event-Location") und fand das so toll.


    Zitat

    Ist sie wirklich so aufrecht (so scheint es jedenfalls) oder spielt sie eine Rolle?


    Ich bin geneigt, ihr zu glauben. Bisher hatten wir sie ja nur durch den Filter von Erics Abscheu gesehen, der natürlich nicht wissen konnte, dass eigentlich alles ganz anders war und man es ihm bloß nicht mitteilen konnte und durfte. In wie vielen Familien mag das so gewesen sein, und in wie vielen Fällen wurde es vielleicht nie geklärt ...


    Zitat

    Am tollsten fand ich den Passus, in dem sie ihre Zuversicht bezüglich einer Wiedervereinigung äußert. Wann war das? Doch in den 1950ern! Das ist wirklich mal vorausschauend!


    Da habe ich mir auch kurz die Augen gerieben! Das ist das Schöne an Büchern, die original aus dieser Zeit stammen. Die Gedanken und Überlegungen sind den Figuren nicht aus heutiger Sicht in den Mund gelegt, sondern "echt".

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Rosie finde ich super! Man kannte als Leser ja nur Erics Version, aber es scheint sich bei der "echten" Rosie doch um einen völlig anderen Menschen zu handeln. Ich finde es klasse, wie sie Eric einen Spiegel vorhält und es dabei aber nicht an Wärme ihm gegenüber fehlen lässt.
    Käthe scheint da schon ganz anders zu sein. Das wenige, was wir als Leser in diesem Abschnitt von ihr erlebt haben, hat mich direkt denken lassen "Tpisch, Geschwister". Da ist nichts mit Sensibilität und Empathie für die Situation des anderen. Da wird direkt gesagt, was man über den anderen denkt und von seinen eigenen Gefühlen ausgegangen. Ich bin sehr gespannt, wie die Begegnung der beiden aussehen wird.


    Generell ist es für Eric bestimmt das Beste, was ihm passieren konnte, wieder nach Berlin zu kommen. Endlich muss er sich allem stellen und hat ist gezwungen auch die Sicht aller anderen Beteiligter zur Kenntnis zu nehmen. Ein bischen kommt mir seine Haltung Deutschland, den Deutschen und seiner Familie gegnüber, so vor, wie bei einem bockigen Kleinkind. Da ist Tante Rosie wohl das Beste was ihm passieren konnte. Nora, die ich immer noch ganz reizend finde, packt ihn viel zu sehr in Watte. Woraus ich ihr keinen Vorwurf mache, sie kennt ja nur Eric Variante.


    Berlin, in das ich persönlich zum ersten Mal 1992 kam, ist wirklich beeindruckend beschrieben. Mir war gar nicht bewußt, dass die Kriegsschäden noch so lange so sichtbar waren. Bei genaurem Nachdenken eigentlich logisch, aber für mich als Jahrgang 1972 nicht present.

  • Ich bin geneigt, ihr zu glauben. Bisher hatten wir sie ja nur durch den Filter von Erics Abscheu gesehen, der natürlich nicht wissen konnte, dass eigentlich alles ganz anders war und man es ihm bloß nicht mitteilen konnte und durfte. In wie vielen Familien mag das so gewesen sein, und in wie vielen Fällen wurde es vielleicht nie geklärt ...


    Tante Rosie ist etwas besonderes. Auch wenn ich durch Erics Ansichten voreingenommen war, so muss ich gestehen, dass mich schon die erste Begegnung mit dieser drahtigen und zugleich so eleganten Erscheinung beeindruckt hat.
    Sie hat eine spannenden Geschichte, da war ich mir sicher - und Erics Vorwurf war nicht nur vergessen, sondern auch beiseite geräumt.

    Liebe Grüße

    Tabea