Jonathan Safran Foer - Hier bin ich/Here I Am

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 3 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Valentine.

  • Jonathan Safran Foer - Hier bin ich


    Hallo allerseits,


    ein aktuelles Buch, das sich seit kurzem auf meinem SUB tummelt. Die ersten paar Seiten angelesen und davon angetan. Hat es jemand von euch ebenfalls?


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    Gebundene Ausgabe
    688 Seiten
    Kiepenheuer & Witsch
    ET: 2016
    Originaltitel: Here I am


    Klappentext:


    Julia und Jacob Bloch, die mit ihren drei heranwachsenden Söhnen in Washington, D.C. wohnen, haben ein Problem. Genauer gesagt, sie haben viele Probleme: Jacobs hochbetagter Großvater soll ins Altersheim, will aber nicht, ihr ältester Sohn droht von der Schule zu fliegen, dabei wollen sie in ein paar Wochen seine Bar Mizwa feiern.


    Geplant ist ein großes Familienfest, zu dem auch die Verwandtschaft aus Israel anreist, was die angespannte Stimmung im Hause Bloch weiter anheizt. Und dann macht Julia eine Entdeckung, die alles infrage stellt, ihre Ehe, ihre gemeinsamen Werte, die Zukunft der Familie … Während sich die häusliche Krise zuspitzt, dräut am Horizont ein globales Desaster: Ein katastrophales Erdbeben im Nahen Osten führt zu einem gewaltigen internationalen politischen Konflikt, der auch die Familie Bloch im Kern trifft.


    [hr]


    Links zu Rezensionen / Berichten:


    Buzzaldrins: Rezension zu "Hier bin ich"


    FAZ: Siebenhundert Seiten wie ein Rausch


    Spiegel online: Relativ traurig und unheimlich toll


    Süddeutsche: Sexting in der Midlife-Crisis


    Deutschland Radio: Überladener Familienroman


    Zeit: "Keine Wahl ist auch eine Wahl"


    Welt: „Es gibt Hoffnung, weil Trump so ein Arschloch ist“


    Liebe Grüße
    Suse

    2018: In Belgien erschießt die Polizei ein 2-jähriges Kind. In Deutschland sitzt ein 2-jähriges Kind in Abschiebehaft. Europa wird also von 2-jährigen bedroht.

  • Ich kenne es noch nicht, aber ich möchte es unbedingt lesen. "Extremely loud and incredibly close" fand ich ja schon so großartig.


    Buzzaldrins Rezi hatte ich neulich gelesen, die hat mich noch neugieriger gemacht. Und auch Daniela von der Leselust hat bei Goodreads sehr positiv von dem Buch erzählt.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Julia und Jacob Bloch sind seit langem verheiratet und haben drei Söhne zwischen Kindergarten- und Teenageralter. Sam, der Älteste, ist beinahe von der Schule geflogen, weil er angeblich rassistische Ausdrücke verwendet hat, und auch sonst gibt sich der Dreizehnjährige, der seine Zeit am liebsten in der Parallelwelt eines Onlinespiels verbringt, ziemlich rebellisch. Nur mit Ach und Krach lässt er sich überreden, seine Bar Mizwa zu feiern, ein großes Familienfest, zu dem auch Verwandtschaft aus Israel kommen soll.


    Doch Jacob und Julia haben noch ganz andere Probleme. Julia hat entdeckt, dass Jacob mit einer anderen Frau anzügliche Handynachrichten ausgetauscht hat. Ihre Reaktion darauf erschreckt sie zeitweise selbst - zwar ist sie enttäuscht und verletzt, doch bringt die Situation auch ihre eigene Unzufriedenheit und ihre Zweifel an die Oberfläche, und sie beginnt sich zu fragen, ob sie diese Partnerschaft so denn überhaupt noch will und ist zunehmend genervt von ihrem Ehemann.


    Und dann, etwa in der Mitte des Buches, kommt es zu einer unfassbaren Katastrophe im Nahen Osten, die die ganze Welt in eine tiefe Krise stürzt, die Familie Bloch in besonderem Maße berührt und neben der die Familien- und Beziehungsprobleme erst einmal ganz klein erscheinen.


    Was für ein inhaltsreiches Buch. Was Foer in diesem Roman an Themen zusammenmischt, wäre Stoff für mehrere Romane gewesen. Streckenweise wirkt "Here I Am" auch tatsächlich überfrachtet, als habe der Autor zu viel gewollt. Der Spagat zwischen brisanten geopolitischen Themen und der Bloch'schen Familiengeschichte gelingt nicht immer. Foer erzählt streckenweise zu ausufernd, wobei die Chronologie häufig unklar bleibt (was mich mit am meisten gestört hat).


    Ich habe mich auch gefragt, ob das Katastrophenszenario tatsächlich als "Katalysator" für die folgenden Geschehnisse des Plots notwendig war oder ob es hauptsächlich darum ging, unverhohlene Kritik an der aktuellen israelischen Politik an den Leser zu bringen. Das ist natürlich absolut legitim, doch auf mich wirkte die Thematik aufgepfropft, die Darstellung der Israelis und ihrer muslimischen Nachbarländer recht klischeehaft und vor allem das Ausmaß des Desasters mehrere Nummern größer als nötig.


    Denn auch ohne Naturkatastrophe und kriegerisches Säbelrasseln hätte Foer in diesem Buch mehr als genug zu erzählen gehabt, denn neben der politischen Komponente ziehen sich zwei sehr interessante Themen wie ein roter Faden durch den Roman.


    Das eine ist Kommunikation. Zum einen die Kommunikation in Beziehungen bzw. meistens eher der Mangel daran - so wäre die Ehe der Blochs wohl nie in die große Krise geraten, wenn die beiden öfter mal das Gespräch gesucht hätten -, zum anderen die Bedeutung von Sprache, Ausdrucksweise, Wortwahl im Alltag wie in besonderen Situationen. Reden zu allen möglichen Anlässen spielen eine wichtige Rolle. Manchmal ist das Buch dabei etwas zu verliebt in semantische Spitzfindigkeiten, doch Foer wirft dabei auch einige bedenkenswerte Fragen auf.


    Das zweite große Thema des Romans ist Identität - persönliche Identität, aber auch die kollektive Identität von Menschen jüdischen Glaubens, die auch nach mehreren Generationen noch stark durch die furchtbaren Ereignisse im Holocaust geprägt ist, und auch die Identität des Staates Israel.


    Sam ist wie eigentlich jeder in seinem Alter auf der Suche nach sich selbst, was unter anderem durch eine Menge fleißig vergossenes Teenagersperma und zahlreiche vulgäre Ausdrücke deutlich wird - hätte ich beides in der vorliegenden Häufung nicht gebraucht, denn auch ohne all das wäre das Porträt des desorientierten Pubertäters gelungen ausgefallen.


    Auch Jacob könnte man als wandelnde Identitätskrise bezeichnen. Die Midlife Crisis hat ihn schwer im Griff, er zweifelt permanent an sich selbst und stellt unablässig die Frage nach Sinn und Zweck seines Lebens. Man könnte ihn böswillig als Weichei bezeichnen, wie sein großspuriger, in seine zionistische Ideologie verrannter Vater es so gerne tut, doch eigentlich will er immer nur alles richtig machen und droht an all den lähmenden moralischen Ansprüchen, die er an sich selbst stellt, zu zerbrechen.


    Diesen Part, wie auch die ganze Familien-/Beziehungskrise, stellt Foer wirklich ausgezeichnet dar. Ich mochte auch seine großartigen Beobachtungen und Gedanken über das Leben in all seinen Facetten und sein ausgesprochen gutes Einfühlungsvermögen in Kinder und Jugendliche.


    Insgesamt also ein recht gemischtes Fazit zu einem Buch, das ich gerne noch ein bisschen lieber gemocht hätte, aber trotzdem lesenswert fand. (Wäre auch ein guter Kandidat für eine Lese- und Diskussionsrunde!)


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Valentine

    Hat den Titel des Themas von „Jonathan Safran Foer - Hier bin ich“ zu „Jonathan Safran Foer - Hier bin ich/Here I Am“ geändert.