03 - Seite 175 bis Ende (ab "2011" bzw. Kapitel 15)

  • Hier könnt Ihr zum Inhalt von Kapitel 15 bis zum Ende (ab Seite 175) schreiben.
    Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.

  • Das war ein etwas überraschendes Ende, zumindest für mich. Auch wenn es mir komisch vorkam, dass Antoines Mutter bei Kowalski zum Arbeiten blieb, obwohl sie ihn hasste oder zumindest nicht leiden konnte. Doch dann hatte ich mir gesagt, dass sie die Arbeit brauchte um Geld zu verdienen. Aber dass die beiden über Jahre, ja eigentlich vermutlich Jahrzehnte ein Verhältnis hatten, das hätte ich jetzt nicht unbedingt gedacht. Ob Antoine überhaupt der Sohn ihres Mannes ist? Das wird hier nicht angesprochen. Vielleicht hat sie aber das Verhältnis erst angefangen, als ihr Mann abgehauen ist.
    Und nun zu Antoine. Auf der einen Seite tat er mir ja die ganze Zeit leid, weil ich der Meinung war, dass er eben den kleinen Remi nicht umbringen wollte und das wollte er bestimmt nicht. Doch dann kam eben die Angst vor dem Gefängnis, vor den Leuten, wie sie mit der Mutter eines Mörders umgehen würden. Und er hat geschwiegen. Tatsächlich ist er auch noch davongekommen, obwohl Kowalski etwas wusste/ahnte. Er hat Antoines Uhr gefunden! Und sie ihm zurückgeschickt, ganz am Ende.
    Aber Antoine war auch ein Idiot. Warum hat er sich mit Emilie eingelassen? Und das auch noch ohne Verhütung. Wie dumm kann man denn sein? Dass Emilies Vater auf einem Gentest bestehen würde, sollte Antoine seine Tochter nicht heiraten, das war doch von vornherein klar. Und der Gentest hätte dann bewiesen, dass Antoine der Mörder oder Totschläger des kleinen Remi ist. Ich bin immer noch der Meinung, dass es kein Mord war, zumindest nicht nach deutschem Recht. Wie die französische Rechtsprechung aussieht weiß ich leider nicht. Aber so wie der Autor geschrieben hat, ist es dort anders als bei uns. Denn bei uns ist man erst mit 14 strafmündig. Jemand der mit elf oder zwölf einen Mord begeht, kommt davon. Also in Deutschland wäre er nicht im Gefängnis gelandet. Soweit ich weiß. In Frankreich anscheinend schon. Und so ist er noch gut davon gekommen. Zwar verdammt zu einem Leben mit einer Frau, die die Weisheit anscheinend auch nicht mit Löffeln gegessen hat.
    Was ich sonderbar finde ist, dass Kowalski behauptet hat, Antoine bräuchte keine Angst mehr zu haben. Die hatten doch ein Haar bei der Leiche gefunden. Oder war es gar keines von Antoine? Doch woher wusste Kowalski das dann? Von ihm kann es nicht gewesen sein, sonst hätten sie ihn nicht aus dem Gefängnis entlassen. Hat er etwa eine falsche Spur gelegt?
    So, ich bin jetzt durch das Buch durch, werde jedoch weiterhin hier die Kommentare mitlesen und gegebenenfalls meinen Senf dazugeben.
    Rezi folgt so bald wie möglich.

    Liebe Grüße

    Lerchie

    ____________________________

    nur wer aufgibt, hat schon verloren

  • Der letzte Teil hat mir besser gefallen als die ersten beiden. Eigentlich bin ich erst jetzt richtig in der Geschichte angekommen - und nun auch schon fertig damit.


    Émilie hat es darauf angelegt, schwanger zu werden. Die Erwähnung von ihrer Hand auf dem Unterleib und ihren Knien, die sie nach dem Intermezzo auf der Gartenbank zusammendrückte, machte mich stutzig. Die Frage ist nur, ob sie einfach schwanger werden wollte oder ob es unbedingt von Antoine sein sollte. Wie konnte er nur so dumm sein, sich auf sie einzulassen? Nun hat er sie also geheiratet, weil es für ihn der einzige Ausweg war, und seine große Liebe zu Laura und seinen Lebenstraum aufgegeben. Auf diese Weise wird er sein Leben lang täglich an seine Tat erinnert, die ja am Ende seiner Überlegungen steht. Auch eine Art von Buße. Warum hat er den Vaterschaftstest (den meiner Ansicht nach der Großvater gar nicht verlangen kann) nicht riskiert? Dürfte die Polizei DNA-Ergebnisse, die anderen Gründen als einer Tataufklärung dienen, einsehen? Das Haar vom Tatort musste nicht unbedingt von ihm sein. Es hieß im ersten Teil, dass er als Kind mit vielen Jungs dort gespielt hat. Da kommen also auch andere in Frage. Selbst wenn das Haar von ihm war, beweist es nicht seine Täterschaft sondern lediglich, dass er dort war. Als Beweis ist das ziemlich dünn.



    Was ich sonderbar finde ist, dass Kowalski behauptet hat, Antoine bräuchte keine Angst mehr zu haben. Die hatten doch ein Haar bei der Leiche gefunden. Oder war es gar keines von Antoine? Doch woher wusste Kowalski das dann? Von ihm kann es nicht gewesen sein, sonst hätten sie ihn nicht aus dem Gefängnis entlassen. Hat er etwa eine falsche Spur gelegt?


    Das glaube ich nicht. Kowalski war in der Ermittlung mit den Haar konfrontiert worden und wusste deshalb darüber Bescheid. Wenn er sagt, dass Antoine keine Angst mehr zu haben braucht, dann bezieht sich das auf den Fund der Uhr. Deshalb wusste Kowalski, dass der Junge damals dort war.


    Die Entwicklung von der Geschichte ist gut nachvollziehbar, auch wenn ich Antoines Entschluss nicht verstehe. Was mir aber fehlt, ist eine Erklärung, warum Antoine ohne Zögern so brutal zugeschlagen hat - was für mich auf Gewohnheit schließen lässt - und warum seine Mutter so wenig mit ihm redet. Auch wenn sie sich nur in ihrer durchstrukturierten Umwelt sicher fühlt und alles Spontane außen vor bleibt, muss es einen Grund geben, warum sie kaum mit ihm kommuniziert.

  • Ich konnte verstehen, dass der 12jährige Antoine froh über Kowalskis Verhaftung war. Für ein Kind gibt es nur schwarz und weiß. Nachdem die Mutter sich immer darüber ausließ, was für ein schlechter Mensch ihr Chef sei, kann sich ein Kind die mögliche Bestrafung für eine Tat, die von ihm gar nicht begangen wurde, noch schön erklären. Er ist ein schlechter Mensch, er hat eine Strafe verdient, da ist es nicht wesentlich, wofür.


    Der erwachsene Antoine hingegen hätte hier nicht die Verurteilung eines Unschuldigen in Kauf nehmen dürfen, wenn er charakterlich gefestigt ist. Dass er wieder jeder Wahrscheinlichkeit gehofft hat, Kowalski müsste für ihn den Kopf hinhalten, ist für mich verwerflicher wie seine Tat als 12jähriger. Denn die war ein Unfall, er wollte Rémi nicht verletzen noch töten.


    Was für mich nicht schlüssig ist, dass er in all den Jahren keine Erkundigungen unter der Hand eingezogen hat, ob er überhaupt belangt werden kann. Es müsste doch ein leichtes sein, in studentischen Kreisen mit einem Jus-Studenten einen hypothetischen Fall zu diskutieren.


    Noch bin ich mir nicht schlüssig, was ich vom Ende halten soll. Darüber muss ich noch etwas nachdenken.

  • Was für mich nicht schlüssig ist, dass er in all den Jahren keine Erkundigungen unter der Hand eingezogen hat, ob er überhaupt belangt werden kann. Es müsste doch ein leichtes sein, in studentischen Kreisen mit einem Jus-Studenten einen hypothetischen Fall zu diskutieren.


    Ja, das wundert mich auch ein bisschen.

    Liebe Grüße

    Lerchie

    ____________________________

    nur wer aufgibt, hat schon verloren

  • Das glaube ich nicht. Kowalski war in der Ermittlung mit den Haar konfrontiert worden und wusste deshalb darüber Bescheid. Wenn er sagt, dass Antoine keine Angst mehr zu haben braucht, dann bezieht sich das auf den Fund der Uhr. Deshalb wusste Kowalski, dass der Junge damals dort war.


    Natürlich war Kowalski mit dem Haar konfrontiert worden. Aber wie kann er felsenfest behaupten, dass Antoine keine Angst mehr haben muss, nur weil er ihm seine Uhr zurückgegeben hat? Es ist immer noch das Haar da. Und es muss nur ein unglücklicher Umstand eintreten, der Antoine nötigt, eine DNA-Probe abzugeben. Und wenn das dann verglichen wird.... Gut es mag unwahrscheinlich sein, aber nicht unmöglich. Daher wundere ich mich über Kowalskis Aussage.

    Liebe Grüße

    Lerchie

    ____________________________

    nur wer aufgibt, hat schon verloren

  • Antoine ist mittlerweile erwachsen, studiert Medizin und hat viele Träume vom "weit, weit weg". Aber alles läuft im Endeffekt ganz anders als geplant. In der ganzen Geschichte mit Émilie verstehe ich nicht ganz, warum er nicht das Kind als seines anerkennt, aber die Heirat dankend ablehnt. Das wäre doch auch noch eine Möglichkeit gewesen.
    Aus Verantwortungsbewußtsein seiner Mutter und ihren Neurosen gegenüber? Das wäre allerdings schon pathologisch! Hätte er das Kind anerkannt und gezahlt, dann wäre jeder Test überflüssig geworden und seine DNA wäre nirgends amtlich gespeichert gewesen. Hat die Polizeit eigentlich auch Zugriff auf alle DNA-Daten von nicht-staatlichen Instituten?


    Émilie... eine anstrengende Frau, die ihre Pläne beharrlich verfolgt und alles dran setzt, ihre Ziele zu erreichen. In diesem Fall heißt das Ziel halt Dr. Antoine. Sie nötigt mir trotz allem auch ein gewisses Maß an Bewunderung ab! Konträr-Faszination!


    Ob ein Haar wirklich in der Lage gewesen wäre, Antoine zu überführen? Denn er hat Rémi ja gekannt, Kontakt zu ihm gehabt. Ich bezweifle, dass dann ein Haar ein aussagekräftiges Beweisstück wäre.


    Das Ende war wirklich eine Überraschung für mich. Aber Monsieur Kowalski hat auch erklärt, warum Antoines Mutter Bescheid wußte (und das war ja klar - auch weil sie die Medienberichte danach genau verfolgte). Das "Warum?" war für mich ein Rätsel! Sie waren in der Nähe des Tatortes... natürlich konnte sie sich dann den Rest zusammenreimen. Denn ohne diesen Umstand, wäre es für mich nicht logisch, dass eine Mutter ihren Sohn "verdächtigt". Der 12jährige Sohn ein Mörder? Ein undenkbarer Gedanke!


    Und dann musste sie fast so tun, als ob gar nichts geschehen wäre, auch später beim Selbstmordversuch - einerseits, weil sie das "öffentliche Bild", die Fassade von sich wahren wollte und andererseits war sie sicher heillos überfordert! Und funktioniert hat es ja: der brave Bub hat Medizin studiert, wird Landarzt und kommt zurück in seinen Heimatbezirk. Was das Ansehen betrifft, hat sie davon sicher auch profitiert.


    Übrigens... auf der Seite 247 wird ja die Szene geschildert, wo Antoine überlegt und völlig ausser sich ist. Seine Mutter, die kurz hereinschaut, nach seinem Zug fragt und sieht in welchem Erregungszustand ihr Sohn ist, aber nur meint, dass er ja einen anderen Zug nehmen kann... so symbolisch das alles auch ist - es erinnert mich ein wenig an einen Horrorfilm!


    Eine spannende, psychologisch gut durchdachte Geschichte, die mich momentan mit gemischten Gefühlen zurücklässt.
    Wobei sich diese gemischten Gefühle nicht auf den Autor und sein Werk beziehen, sondern auf die Hauptpersonen, die allesamt eigentlich unsympathisch waren (auch Antoine) und die hier recht eindringlich geschilderten, allzu menschlichen psychologischen Mechanismen.
    Aber Hauptsache die Fassade ist hübsch...
     
     :entsetzt:

  • Zum einem hat mich mein reales Leben vom zügigen Beenden des Buches abgehalten, zum anderen aber auch die Geschichte als solche. Irgendwie war der Flow nach dem Zeitsprung bei mir weg. Ich denke es lag tatsächlich an Antoine. Hatte ich mit dem 12-jährigen Antoine oft Mitgefühl wegen der Situation, in die er unbeabsichtigt hereingeschlittert ist und seinen ganzen Ängsten und Gedanken, geht mir der erwachsene Antoine ziemlich auf die Nerven. Er konnte die Tat nicht verdrängen, wie ich vorher noch angenommen hatte, sondern lebt mit ihr als ständiger Begleiter, der im zu jeder Stunde im Nacken sitzt. Anscheinend kompensiert er seine Ängste (vor Entdeckung und Sanktionen) mit wildem, unersättlichen Sex ohne Verpflichtungen. Obwohl er sich da ja auch mehr oder weniger was vor macht, denn teilen will er Laura auch wieder nicht. Und dann seine Lethargie, als alles ans Licht zu kommen droht.
    Mensch, wir schreiben das Jahr 2011. Da muss man doch nicht mehr heiraten, nur weil man eine Frau bei einem One-Night-Stand geschwängert hat. Und seine Idee aus frankreich wegzugehen war vor 6 Jahren doch auch ein realistisches Unterfangen. Gut, er denkt an die Folgen für seine Mutter, trotzdem, ich ärgere mich über seine absolute Passivität und gebe Antoine insoweit recht, dass ich denke, sein kleines beschissenes Leben als Landarzt in Beauval mit einer sexgierigen, untreuen Ehefrau, hat er echt verdient.
    Das macht das Leben für die arme Mutter des kleinen Remi´s leider auch nicht erträglicher. Denn egal wie man den Tod an Remi sühnen würde, gibt nichts der Mutter ihr Kind zurück.


    Eigentlich fand ich "Drei Tage und ein Leben" wirklich gut. Die Charakterstudie von Antoine und seinen ganzen Gefühlen und Gedanken im Zusammenspiel mit seiner Familie und der kleinen spießigen gemeinschaft in der er lebt, als Synonym der Gesellschaft als solche, fand ich super klasse und sehr gelungen. Aber wie gesagt, das letzte Drittel hat mich gestört und auch irgendwie unbefriedigt zurückgelassen.


  • Mensch, wir schreiben das Jahr 2011. Da muss man doch nicht mehr heiraten, nur weil man eine Frau bei einem One-Night-Stand geschwängert hat.


    Darüber habe ich auch den Kopf geschüttelt. Aber abgesehen davon, dass ich inhaltlich über die Entwicklung des erwachsenen Antoine auch nicht glücklich war, fand ich, dass dieser letzte Abschnitt im Gegensatz zu den anderen lebhafter war.


    Leider fehlen die Antworten auf meine Fragen, warum Antoine und seine Mutter so verschlossen sind oder warum sie in heiklen Momenten auf ihre ganz eigene Art reagierten, aber danach suche ich schon seit dem ersten Teil.

  • Darüber habe ich auch den Kopf geschüttelt. Aber abgesehen davon, dass ich inhaltlich über die Entwicklung des erwachsenen Antoine auch nicht glücklich war, fand ich, dass dieser letzte Abschnitt im Gegensatz zu den anderen lebhafter war.


    Ich war darüber entsetzt, dass er ein Leben an der Seite einer ungeliebten promiskuitiven Ehefrau, als echte Buße dafür sieht, dass er Rémi getötet hat. Eine sehr bequeme Sichtweise, denn es enthebt ihn der Notwendigkeit, Verantwortung für seine Tat zu übernehmen. Antoine schiebt seine Mutter vor, aber in Wirklichkeit will er nicht sein Ansehen verlieren und als Mörder dastehen.


  • Ich war darüber entsetzt, dass er ein Leben an der Seite einer ungeliebten promiskuitiven Ehefrau, als echte Buße dafür sieht, dass er Rémi getötet hat. Eine sehr bequeme Sichtweise, denn es enthebt ihn der Notwendigkeit, Verantwortung für seine Tat zu übernehmen. Antoine schiebt seine Mutter vor, aber in Wirklichkeit will er nicht sein Ansehen verlieren und als Mörder dastehen.


    Stimmt! Das ist einer der Gründe, warum mir auch Antoine letztendlich unsympathisch ist! Er, der erwachsene, durchaus intelligente junge Mann, übernimmt nie die Verantwortung, er kämpft nie - nicht einmal für sich selber! Und er sieht dies dann noch als Buße für die unabsichtliche Tötung! Unverständlich - allerdings hab ich noch nie jemanden umgebracht (weder absichtlich noch unabsichtlich!). Dass so eine Tat aber alles verändert und immer im Hintergrund alles beherrscht und beeinflußt, kann ich mir gut vorstellen.


    Hätte Antoine diese passive, depressive (?) Charakterstruktur auch ohne Rémis Tod und diesen drei Tagen entwickelt? Er war ja auch vorher nicht das lebenslustige, extrovertierte Kind gewesen.


  • Eigentlich fand ich "Drei Tage und ein Leben" wirklich gut. Die Charakterstudie von Antoine und seinen ganzen Gefühlen und Gedanken im Zusammenspiel mit seiner Familie und der kleinen spießigen gemeinschaft in der er lebt, als Synonym der Gesellschaft als solche, fand ich super klasse und sehr gelungen. Aber wie gesagt, das letzte Drittel hat mich gestört und auch irgendwie unbefriedigt zurückgelassen.


    Da bin ich ganz Deiner Meinung! Ein wirklich gutes Buch! Und - zumindest finde ich das - auch wirklich gut geschrieben.
    Allerdings geht es mir mit dem Ende auch wie Dir: irgendwie unbefriedigend.
    Deshalb überlege ich mir, welches Ende mir persönlich besser gefallen hätte... bis jetzt konnte ich keines finden :gruebel:

  • Émilie hat es darauf angelegt, schwanger zu werden. Die Erwähnung von ihrer Hand auf dem Unterleib und ihren Knien, die sie nach dem Intermezzo auf der Gartenbank zusammendrückte, machte mich stutzig. Die Frage ist nur, ob sie einfach schwanger werden wollte oder ob es unbedingt von Antoine sein sollte. Wie konnte er nur so dumm sein, sich auf sie einzulassen? Nun hat er sie also geheiratet, weil es für ihn der einzige Ausweg war, und seine große Liebe zu Laura und seinen Lebenstraum aufgegeben. Auf diese Weise wird er sein Leben lang täglich an seine Tat erinnert, die ja am Ende seiner Überlegungen steht. Auch eine Art von Buße. Warum hat er den Vaterschaftstest (den meiner Ansicht nach der Großvater gar nicht verlangen kann) nicht riskiert? Dürfte die Polizei DNA-Ergebnisse, die anderen Gründen als einer Tataufklärung dienen, einsehen? Das Haar vom Tatort musste nicht unbedingt von ihm sein. Es hieß im ersten Teil, dass er als Kind mit vielen Jungs dort gespielt hat. Da kommen also auch andere in Frage. Selbst wenn das Haar von ihm war, beweist es nicht seine Täterschaft sondern lediglich, dass er dort war. Als Beweis ist das ziemlich dünn.


    Die Entwicklung von der Geschichte ist gut nachvollziehbar, auch wenn ich Antoines Entschluss nicht verstehe. Was mir aber fehlt, ist eine Erklärung, warum Antoine ohne Zögern so brutal zugeschlagen hat - was für mich auf Gewohnheit schließen lässt - und warum seine Mutter so wenig mit ihm redet. Auch wenn sie sich nur in ihrer durchstrukturierten Umwelt sicher fühlt und alles Spontane außen vor bleibt, muss es einen Grund geben, warum sie kaum mit ihm kommuniziert.


    Oh ja, Emilie wollte von Antoine schwanger werden, davon bin ich überzeugt. Das mit dem DNA-Test: Gut der Großvater konnte den wohl nicht verlangen, aber Emilie hätte ihn machen lassen, weil der Großvater es wollte. Er wollte schließlich nicht, dass Emilie ein uneheliches Kind zur Welt bringt. Und natürlich kann es sein, dass das Haar nicht von Antoine war, aber das war ebem nicht sicher. Und ich glaube DNAs werden in einer Datenbank gespeichert und die Polizei kann jederzeit darauf zugreifen.
    Was Antoines Mutter betrifft, so verstehe ich auch nicht, warum sie so wenig mit ihm spricht, oder er auch mit ihr.

    Liebe Grüße

    Lerchie

    ____________________________

    nur wer aufgibt, hat schon verloren


  • Er, der erwachsene, durchaus intelligente junge Mann, übernimmt nie die Verantwortung, er kämpft nie - nicht einmal für sich selber!


    Wobei er ja wirklich ein erstrebenswertes Berufsziel und eine funktionierende Beziehung hatte. Vielleicht hat er es seinem Vater nachgemacht und den Weg gewählt, der ihm am einfachsten erschien. Warum Letzterer gegangen ist, wurde ja nicht erwähnt - wie so einiges in der Handlung. Ich kann mir aber nicht vorstellen, was an der Ehe mit einer Frau wie Émilie besser sein soll als an der Aussicht, sein Leben lang mit Entlarvung als Totschläger zu rechnen. Bei seiner Art, Entscheidungen zu treffen, ist eine Scheidung wohl keine Option. Ich hätte noch verstanden, wenn er es um des Kindes Willen macht, aber zu dem hatte er von Beginn an keine Beziehung und es sah auch nicht aus, als hätte sich das in den ersten drei Lebensjahren geändert.



    Hätte Antoine diese passive, depressive (?) Charakterstruktur auch ohne Rémis Tod und diesen drei Tagen entwickelt? Er war ja auch vorher nicht das lebenslustige, extrovertierte Kind gewesen.


    Gute Frage. Echte Lebensfreude würde wohl nie aus ihm heraussprudeln, aber gar so negativ wäre es bestimmt nicht geworden.



    Allerdings geht es mir mit dem Ende auch wie Dir: irgendwie unbefriedigend.
    Deshalb überlege ich mir, welches Ende mir persönlich besser gefallen hätte... bis jetzt konnte ich keines finden :gruebel:


    Das fällt in die Kategorie "Der Leserin Raum für eigene Spekulationen geben" :zwinker:. Ich spekuliere ja gerne, aber hier fällt es mir schwer, ein zufrieden stellendes Ende auszudenken. Schon alleine, weil Antoine so eine negative Grundeinstellung hat. Es muss nicht immer alles happy enden, das wäre nicht realistisch, aber so ein bisschen rosig dürfte es in Antoines Fall schon sein. Ich würde ihn zuerst zu einem guten Psychologen schicken, damit er lernt, auch an sich selbst zu denken und nicht zuerst an andere. Dann sollte er damit anfangen, das aufzuarbeiten, was ihm zum impulsiven Schläger werden lässt (denn da muss einfach etwas sein; keiner ist von Haus aus so).


    Das ist der Nachteil bei so dünnen Büchern: irgendetwas fehlt immer.

  • Mensch, wir schreiben das Jahr 2011. Da muss man doch nicht mehr heiraten, nur weil man eine Frau bei einem One-Night-Stand geschwängert hat. Und seine Idee aus frankreich wegzugehen war vor 6 Jahren doch auch ein realistisches Unterfangen. Gut, er denkt an die Folgen für seine Mutter, trotzdem, ich ärgere mich über seine absolute Passivität und gebe Antoine insoweit recht, dass ich denke, sein kleines beschissenes Leben als Landarzt in Beauval mit einer sexgierigen, untreuen Ehefrau, hat er echt verdient.
    Das macht das Leben für die arme Mutter des kleinen Remi´s leider auch nicht erträglicher. Denn egal wie man den Tod an Remi sühnen würde, gibt nichts der Mutter ihr Kind zurück.


    Eigentlich fand ich "Drei Tage und ein Leben" wirklich gut. Die Charakterstudie von Antoine und seinen ganzen Gefühlen und Gedanken im Zusammenspiel mit seiner Familie und der kleinen spießigen gemeinschaft in der er lebt, als Synonym der Gesellschaft als solche, fand ich super klasse und sehr gelungen. Aber wie gesagt, das letzte Drittel hat mich gestört und auch irgendwie unbefriedigt zurückgelassen.


    Natürlich muss man heutzutage nicht heiraten, wenn man ungewollt schwanger wird. Aber Du darfst nicht vergessen, hast es ja selbst gesagt, dass Antoine aus einer 'kleinen, spießigen Gemeinschaft' kommt. Und dort gibt es eben auch spießige Großeltern. Außerdem wollte Emilie wohl nicht nur schwanger, sondern auch geheiratet werden. Ich denke, sie wollte Antoine damit 'überreden' sie zu heiraten. Dass Antoine sich querstellt, damit hatte sie nicht gerechnet. Und so kam eben das mit dem Vaterschaftstest. Wer weiß, wenn Antoine nicht gesagt hätte, dass es gar nicht sicher sei, ob er der Vater ist, (hat er doch, oder?) vielleicht wäre es anders ausgegangen. Aber das weiß man nicht. Und der DNA-Test hätte es eben an den Tag gebracht - sofern das Haar von Antoine war, was er ja aber nicht genau wusste. Er war auf jeden Fall in einer Zwickmühle.

    Liebe Grüße

    Lerchie

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    nur wer aufgibt, hat schon verloren

  • Antoines Berufswahl finde ich ganz interessant. Ist er Arzt geworden, weil er quasi als Abbitte nun Leben retten möchte, am liebsten im Rahmen einer Wohltätigkeitsorganisation im Ausland?


    Seine Beziehung zu Laura scheint mir mehr von körperlicher Anziehung geprägt als von allem anderen. Dass er keine Kinder will, wundert mich wenig angesichts seiner eigenen Kindheitserfahrungen und seines Freiheitsdrangs, der sicherlich auch darauf beruht, dass ihn seine Mutter so eingeengt und kontrolliert hat. Und natürlich spielt dabei sicher auch seine Schuld an Rémis Tod eine Rolle. Es ist ja immer noch nicht sicher, dass nicht doch noch die Wahrheit ans Licht kommt.


    Wie unwohl sich Antoine in Beauval fühlt, ist förmlich greifbar, und auf der Feier wird auch wieder deutlich, was ihn, abgesehen von den schlimmen Erinnerungen, an diesem Ort stört - die Kleingeistigkeit, die Enge, der Klatsch, das gegenseitige Beobachten. Theo ist genau so ein Erwachsener geworden, wie ich mir vorgestellt hätte, großkotzig und überheblich und im Grunde doch nur oberspießig und kleinstädtisch im schlechtesten Sinne des Wortes.


    Die enttäuschende Begegnung mit Émilie, die zwar hübsch, aber offenbar auch ziemlich doof ist, mündet in betrunkenen Sex. Na toll. Diese Szene hat mir überhaupt nicht gefallen und ich habe mich zunächst gefragt, ob das wirklich sein muss, zumal sie für mich auch so, hm, lieblos wirkte und ich auch die Motivation nicht nachvollziehen konnte.


    Ich muss gestehen, dass ich zunächst gar nicht daran gedacht hatte, dass von dieser "Begegnung" ein kleines Souvenir zurückbleiben könnte, aber erneut verändern ein paar Minuten Unbeherrschtheit, wenn auch in einem anderen Kontext, Antoines ganzes Leben.


    Die einstweilige Versöhnung mit Laura erschien mir nicht so recht glaubwürdig, nachdem sie zunächst so sauer und eifersüchtig war, und diese Versöhnungssexszene gefiel mir auch nicht.


    Dennoch hatte ich erwartet, dass es dabei bleibt, dass Antoine für das Kind zahlt und Émilie nicht heiratet, auch wenn das natürlich katholisch-konservativ-dörflich erwartet wird. Dann überrumpeln ihn aber die Ereignisse zu sehr: der Unfall der Mutter, der Fund von Rémis Überresten, das Haar an der Leiche und schließlich Mouchottes Drohung, einen Gentest zu verlangen. Dieses Risiko kann Antoine natürlich nicht eingehen, und somit ist sein Schicksal besiegelt, im öden Beauval bleiben und eine Frau heiraten zu müssen, die er nicht liebt, damit nicht sein noch schlimmeres Geheimnis auffliegt.


    Das alles zu lesen, war ganz schön deprimierend, diese Schlinge, die sich immer enger um Antoine zuzieht, bis er keine andere Wahl zu haben glaubt, als seine Beziehung und seine beruflichen Ziele über Bord zu werfen.


    Was für ein ätzendes Leben das im letzten Abschnitt ist, alles, was Antoine nie wollte. Der Gipfel war für mich, dass Theo mit Émilie ein offenbar geduldetes Verhältnis hat. Was für eine Farce von Ehe! Kein Wunder, dass Antoine arbeitet bis zum Umfallen.


    Die Schlusspointe hat mich dann noch mal ganz schön überrascht. Mit einer Liebelei zwischen Monsieur Kowalski und Antoines Mutter hätte ich im Leben nicht gerechnet und schon gar nicht damit, dass ausgerechnet Kowalski den Jungen damals im Wald gesehen und der Mutter zuliebe geschwiegen hat. Ich frage mich nun bloß noch, ob die Mutter wirklich nichts gemerkt oder nur auch nichts gesagt hat. Ein eindrucksvolles Ende, finde ich.

    The little cares that fretted me

    I lost them yesterday

    Among the fields above the sea

    Among the winds at play

    Elizabeth Barrett Browning


  • Émilie hat es darauf angelegt, schwanger zu werden. Die Erwähnung von ihrer Hand auf dem Unterleib und ihren Knien, die sie nach dem Intermezzo auf der Gartenbank zusammendrückte, machte mich stutzig. Die Frage ist nur, ob sie einfach schwanger werden wollte oder ob es unbedingt von Antoine sein sollte.


    So kann man das natürlich auch interpretieren! (Ich dachte, sie sei einfach nur gerade heiß auf Sex.)


    Zitat

    Warum hat er den Vaterschaftstest (den meiner Ansicht nach der Großvater gar nicht verlangen kann) nicht riskiert? Dürfte die Polizei DNA-Ergebnisse, die anderen Gründen als einer Tataufklärung dienen, einsehen?


    Ob Mouchotte überhaupt das Recht gehabt hätte, den Test zu verlangen, habe ich mich auch gefragt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass, wenn der DNA-Test im Rahmen eines Gerichtsverfahrens erfolgt, die Ergebnisse irgendwo gespeichert werden und die Polizei dann relativ leicht herankäme. Aber vielleicht hatte Antoine davor auch nur unbegründete Angst.


    Zitat

    Was mir aber fehlt, ist eine Erklärung, warum Antoine ohne Zögern so brutal zugeschlagen hat - was für mich auf Gewohnheit schließen lässt -


    Ich bin mir nicht einmal sicher, dass das Gewohnheit sein muss. Jähzorn reicht schon aus, er war in dem Moment ja in einer ziemlich extremen Gefühlslage.



    Was für mich nicht schlüssig ist, dass er in all den Jahren keine Erkundigungen unter der Hand eingezogen hat, ob er überhaupt belangt werden kann. Es müsste doch ein leichtes sein, in studentischen Kreisen mit einem Jus-Studenten einen hypothetischen Fall zu diskutieren.


    Auf Seite 179 wird darauf Bezug genommen. Da heißt es "Ihn erwartete eine Strafe von dreißig Jahren Gefängnis, um die Hälfte reduziert, weil er zum Zeitpunkt der Ereignisse minderjährig war". Das deckt sich allerdings nicht mit dem, was ich neulich nachgeschlagen hatte und wonach man in Frankreich erst mit 13 bedingt strafmündig ist.



    In der ganzen Geschichte mit Émilie verstehe ich nicht ganz, warum er nicht das Kind als seines anerkennt, aber die Heirat dankend ablehnt. Das wäre doch auch noch eine Möglichkeit gewesen.


    Weil ihn der erzkonservative Vater sicherlich nicht aus seinen Krallen gelassen hätte. Der wollte, dass brav der Schein gewahrt wird. Am Ende hätte er Antoine noch eine Vergewaltigung angehängt oder sowas, weil es ja nicht sein kann, dass die liebe Émilie sich in Wahrheit ihm an den Hals geworfen hat.


    Zitat

    Aber Hauptsache die Fassade ist hübsch...


    Das, und die Tatsache, wie das Aufrechterhalten solcher Fassaden Leben zerstören kann, war für mich der hauptsächliche rote Faden im Buch. Brrrr!



    (...) geht mir der erwachsene Antoine ziemlich auf die Nerven. Er konnte die Tat nicht verdrängen, wie ich vorher noch angenommen hatte, sondern lebt mit ihr als ständiger Begleiter, der im zu jeder Stunde im Nacken sitzt. Anscheinend kompensiert er seine Ängste (vor Entdeckung und Sanktionen) mit wildem, unersättlichen Sex ohne Verpflichtungen. Obwohl er sich da ja auch mehr oder weniger was vor macht, denn teilen will er Laura auch wieder nicht.


    Den erwachsenen Antoine mochte ich auch nicht mehr wirklich. Mir war auch diese hemmungslose Beziehung mit Laura zu extrem, wobei es vielleicht gar nicht unrealistisch ist, dass er seine Ängste mit exzessivem Sex zuschüttet.


    Zitat

    Da muss man doch nicht mehr heiraten, nur weil man eine Frau bei einem One-Night-Stand geschwängert hat.


    Unter Erzkatholiken vielleicht schon :rollen: Aber ja, ein bisschen übertrieben war das schon.



    Leider fehlen die Antworten auf meine Fragen, warum Antoine und seine Mutter so verschlossen sind oder warum sie in heiklen Momenten auf ihre ganz eigene Art reagierten, aber danach suche ich schon seit dem ersten Teil.


    Ich glaube, dafür gibt es keine ganz konkrete Erklärung. Es ist einfach Teil der Persönlichkeit der beiden, denke ich. Wahrscheinlich haben sie es beide schlichtweg nie gelernt.


    Das offene Ende gefällt mir sogar ganz gut. Ich wüsste auch nicht, was für eine Alternative ich mir gewünscht hätte, außer, dass Antoine den Mut gehabt hätte, sich nicht auf diese dämliche Ehe einzulassen.

    The little cares that fretted me

    I lost them yesterday

    Among the fields above the sea

    Among the winds at play

    Elizabeth Barrett Browning

    Einmal editiert, zuletzt von Valentine ()

  • Ist es unter dem Strich die Botschaft, dass aus unglücklichen Kindern unglückliche Erwachsene werden?


    Eigentlich war Antoine auf einem guten Weg. Egal, wie exzessiv die Beziehung zu Laura war, ich hatte nicht den Eindruck, dass er unglücklich mit ihr ist. Wenn man jung ist, läuft es doch oft so intensiv. Eine berufliche Perspektive hatte er auch. Wenn dieses Bauprojekt nicht dazwischengekommen wäre, könnte er seine Ziele durchaus erreicht haben.

  • So wie ich es gelesen habe, wollte Lemaitre eher vermitteln, dass alles nur auf Schein aufgebaut ist. Antoine lebt ein genauso oberflächliches, hohles Leben wie schon seine Mutter vor ihm. Hauptsache das Ansehen bei den Nachbarn passt. Die Mouchottes kennen christliche Werte nur aus der Theorie. Nach außen hin sind streng gläubige Katholiken, in ihrem Verhalten aber kann man nichts von ihrem Glauben erkennen. Wo man hinsieht, ist alles nur Fassade.

  • Ich würde mich auch eher dodos Deutung anschließen. Sein und Schein in einer dörflichen Gemeinschaft und die Auswirkungen auf die Menschen sind für mich hier auch ein ganz zentrales Element und natürlich auch das Thema, dass einen die eigene Vergangenheit meist nie ganz loslässt. Vor allem, wenn man sie wie Antoine nie wirklich aufgearbeitet hat.

    The little cares that fretted me

    I lost them yesterday

    Among the fields above the sea

    Among the winds at play

    Elizabeth Barrett Browning