02 - Seite 84 bis 171 (einschließlich Kapitel 14)

Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 50 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von dodo.


  • Puh, dieser Abschnitt ist mir wirklich schwergefallen. Einerseits mag ich die eindringliche Art und Weise, mit der Pierre Lemaitre die Geschichte erzählt. Andererseits nervt mich der sexualisierte Blick, der von Antoine ausgeht.


    Denkt ein 12jähriger wirklich konkret darüber nach, dass das wogende Hinterteil der noch unreifen Valentine Sex und Scheitern gleichermaßen ausstrahlt?


    Sex ja - ich habe zwölfjährige Jungs schon über Mädchen reden hören und echt gestaunt. Fraglich ist nur, ob sie aus eigener Erfahrung reden. Soweit ich weiß, kommt das Wissen hauptsächlich aus dem Internet. Von eigenen Erlebnissen zu reden, wäre zu weit hergeholt. Bei Antoine müssen es Fantasien sein. Es war keine Rede davon, dass er selbst im Internet war. Was das Scheitern anbelangt, weiß ich nicht, wie da ein Zusammenhang hergestellt werden kann. Ein Hintern ist ein Hintern.



    Entsetzt hat mich das Verhalten von Antoines Mutter nach seinem Suizidversuch. Der nicht sonderlich geliebte Arzt erkennt, was der angeblichen Magenverstimmung zugrunde liegt - aber warum zur Hölle tut Madame Courtin so, als wäre (fast) nichts geschehen? Sie räumt einfach die Medikamentverpackungen beiseite und damit ist alles nicht existent? Die spinnt doch richtig! Oder will sie sich selbst etwas einreden?


    Ich denke, Letzteres ist der Fall. Sie hat sich eine Gedankenwelt zurechtgelegt, in der für solche Sachen kein Platz ist.


    Die Sorgen um die Arbeitsplätze, der plötzlich offen zu Tage tretende Hass gegen Kowalski ...


    Es ist bequem, jemand anderen zum Sündenbock zu machen. Dann fällt auf einen selbst kein Verdacht. Wir wissen, dass es Kowalski nicht war und trotzdem beschuldigt wird. Genauso gut könnte es jeden von ihnen treffen.


  • Sex ja - ich habe zwölfjährige Jungs schon über Mädchen reden hören und echt gestaunt. Fraglich ist nur, ob sie aus eigener Erfahrung reden. Soweit ich weiß, kommt das Wissen hauptsächlich aus dem Internet. Von eigenen Erlebnissen zu reden, wäre zu weit hergeholt. Bei Antoine müssen es Fantasien sein. Es war keine Rede davon, dass er selbst im Internet war.


    Heutzutage fände ich das auch halbwegs plausibel. Also bis auf den gescheiterten Hintern. :zwinker: Aber wie Du schon geschrieben hast: vor allem aufgrund des Zugangs zu dererlei Wissen im Internet. 1999 war das aber definitiv nicht der Fall - da ist man ja noch mit rödelndem Modem ins Internet... :breitgrins:


    Zitat


    Es ist bequem, jemand anderen zum Sündenbock zu machen. Dann fällt auf einen selbst kein Verdacht. Wir wissen, dass es Kowalski nicht war und trotzdem beschuldigt wird. Genauso gut könnte es jeden von ihnen treffen.


    Jepp, solche Mechanismen sind wirklich beängstigend. Vor allem, weil es sich schnell verselbständigt und dann im Grunde nicht mehr zu stoppen ist. :rollen:

    Liebe Grüße

    Tabea

  • Das stimmt. Ich hatte den Eindruck, dass Antoine sich dem Arzt nicht anvertraut, weil er gar nicht auf die Idee kommt, dass das überhaupt möglich ist :traurig:


    Eigentlich wäre der Arzt in der Pflicht gewesen, intensiver nachzuhaken, was mit Antoine nicht stimmt. Unabhängig von dem Verschwinden Rémis, das natürlich einen Zusammenhang nahelegt, könnte auch etwas anderes der Grund für den Selbstmordversuch gewesen sein. Angenommen, Antoine versucht es nochmals und es gelingt, dann hätte der Arzt ein Problem.


  • Eigentlich wäre der Arzt in der Pflicht gewesen, intensiver nachzuhaken, was mit Antoine nicht stimmt. Unabhängig von dem Verschwinden Rémis, das natürlich einen Zusammenhang nahelegt, könnte auch etwas anderes der Grund für den Selbstmordversuch gewesen sein.


    Auf jeden Fall! Denn die Tatsache, dass Antoine selbst an dem Verschwinden Rémis beteiligt sein könnte, kommt dem Arzt vermutlich nicht in den Sinn - das ist ja auch erst einmal eine sehr ungewöhnliche Situation, die man als Erwachsener nicht unbedingt auf dem Schirm hat. Gerade deshalb sollte der Arzt den Hintergrund beleuchten und eine weitere Möglichkeit im besten Fall ausschließen.


    Zitat

    Angenommen, Antoine versucht es nochmals und es gelingt, dann hätte der Arzt ein Problem.


    Meinst Du? Da Madame Courtin vermutlich die Blisterpackungen weggeschafft hat, muss der Doc ja nicht unbedingt auf den richtigen Trichter kommen, oder? Eine Lebensmittelvergiftung kann ja auch erst einmal sehr heftige Reaktionen hervorrufen.

    Liebe Grüße

    Tabea


  • Heutzutage fände ich das auch halbwegs plausibel. Also bis auf den gescheiterten Hintern. :zwinker: Aber wie Du schon geschrieben hast: vor allem aufgrund des Zugangs zu dererlei Wissen im Internet. 1999 war das aber definitiv nicht der Fall - da ist man ja noch mit rödelndem Modem ins Internet... :breitgrins:


    Oops. Das vergesse ich gerne, obwohl ich damals selbst mit Modem aktiv war :redface:. Bleiben also nur die Fantasien. Auf dem Land waren die Kinder immer früher aufgeklärt als in der Stadt, denn der nächste Bauer mit Tierbestand war nie weit. Dann wird man sich seiner eigenen Sexualität vielleicht auch eher bewusst.


    Meinst Du? Da Madame Courtin vermutlich die Blisterpackungen weggeschafft hat, muss der Doc ja nicht unbedingt auf den richtigen Trichter kommen, oder?


    Der war schon auf der richtigen Fährte, das sagt mir seine Reaktion mit den Worten: "Möchtest du es mir erzählen, Antoine?" (Seite 130)

  • Heutzutage fände ich das auch halbwegs plausibel. Also bis auf den gescheiterten Hintern. :zwinker: Aber wie Du schon geschrieben hast: vor allem aufgrund des Zugangs zu dererlei Wissen im Internet. 1999 war das aber definitiv nicht der Fall - da ist man ja noch mit rödelndem Modem ins Internet... :breitgrins:


    Aber Fernsehen und diverse Blättchen gab es damals schon. Und was Antoine angeht - glaubt ihr, dass seine Mutter ihn ordentlich aufgeklärt hat? Ich nicht! Sex war da eher ein Tabuthema, etwas Verbotenes - und dadurch reizvoll! Zwar ohne Erfahrungswerte, aber mit der Phantasie aus Filmen und Zeitschriften. Ich meine jetzt nicht mal Sexfilme - aber wenn ihr euch erinnert: im Film "Der Name der Rose" gibt es eine ganz kurze Szene, wo sich ein Mönch in seiner Zelle geißelt. Und diese Szene ist eindeutig sexuell inspiriert. Ein 12jähriger würde diese sexuelle Tendenz sicherlich wahrnehmen. Und ich glaube nicht, dass er mit seiner Mutter darüber reden könnte!



    Es ist bequem, jemand anderen zum Sündenbock zu machen. Dann fällt auf einen selbst kein Verdacht. Wir wissen, dass es Kowalski nicht war und trotzdem beschuldigt wird. Genauso gut könnte es jeden von ihnen treffen.


    Jepp, solche Mechanismen sind wirklich beängstigend. Vor allem, weil es sich schnell verselbständigt und dann im Grunde nicht mehr zu stoppen ist. :rollen:
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    Ja! Beängstigend ist das richtige Wort! Stoppen kann man so etwas nicht mehr und auch wenn die Unschuld dann bewiesen ist - "irgendwas bleibt hängen". Und ich muss zugeben, dass ich selber oft genug in diese Falle getappt bin! Auch wenn ich versuche diesbezüglich achtsam zu sein!


    Der Arzt... hätte er einen Beweis gehabt, dass es definitiv keine Magenverstimmung war, sondern ein Selbstmordversuch? Nur durch Einweisung in eine Klinik bzw in eine Psychiatrie. Und damit wäre Antoine stigmatisiert. Vielleicht wollte er das verhindern? Und die Mutter hätte sicher alles getan, um eine ansehnliche und makellose Fassade zu bewahren.



    Ansonsten gefällt mir dieser Ausbruch verschiedener Probleme in Beauval sehr gut, da ich sie für weitgehend plausibel und realistisch finde. Die Sorgen um die Arbeitsplätze, der plötzlich offen zu Tage tretende Hass gegen Kowalski, die Beurteilungen der allerkleinsten Details durch die Dorfbewohner... Es scheint fast so, als wäre das alles durch Rémis Verschwinden in einer Art von Vulkanausbruch offengelegt worden.


    Rémis Verschwinden (es ist ja nicht die Rede von Mord) bringt alles durcheinander - und damit treten auch die verschiedensten Probleme offen zutage.
    So bequem, dass es Herrn Kowalski gibt...

    Einmal editiert, zuletzt von ysa ()

  • Eigentlich wäre der Arzt in der Pflicht gewesen, intensiver nachzuhaken, was mit Antoine nicht stimmt. Unabhängig von dem Verschwinden Rémis, das natürlich einen Zusammenhang nahelegt, könnte auch etwas anderes der Grund für den Selbstmordversuch gewesen sein. Angenommen, Antoine versucht es nochmals und es gelingt, dann hätte der Arzt ein Problem.


    Da stimme ich Dir zu. Er hätte mit Antoine reden müssen, warum und weshalb er das getan hat. Er konnte doch nicht davon ausgehen, dass er es nicht nochmal versucht.

    Liebe Grüße

    Lerchie

    ____________________________

    nur wer aufgibt, hat schon verloren


  • Der Arzt... hätte er einen Beweis gehabt, dass es definitiv keine Magenverstimmung war, sondern ein Selbstmordversuch? Nur durch Einweisung in eine Klinik bzw in eine Psychiatrie. Und damit wäre Antoine stigmatisiert. Vielleicht wollte er das verhindern? Und die Mutter hätte sicher alles getan, um eine ansehnliche und makellose Fassade zu bewahren.


    Mein Gefühl war auch eher, dass der Arzt eine (leise) Vermutung hatte, aber eben nicht sicher sein konnte, dass Antoine versucht hat, sich umzubringen.
    Und Madame Courtin hat ja nun auch alles unternommen, damit die "Erkrankung" ihres Sohnes wie eine Lebensmittelvergiftung aussieht. :rollen:

    Liebe Grüße

    Tabea


  • Da stimme ich Dir zu. Er hätte mit Antoine reden müssen, warum und weshalb er das getan hat. Er konnte doch nicht davon ausgehen, dass er es nicht nochmal versucht.


    Man kann nur mit jemandem reden, wenn der auch zu antworten bereit ist. Ich fand es gut, wie er Antoine leise eine Tür geöffnet hat, ohne ihn zu drängen (schade natürlich, dass der die Chance nicht genutzt hat). Aber glaubt Ihr, Antoine hätte sich dem Arzt anvertraut, wenn der immer und immer wieder nachgebohrt hätte? Bestimmt nicht.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)


  • Aber glaubt Ihr, Antoine hätte sich dem Arzt anvertraut, wenn der immer und immer wieder nachgebohrt hätte? Bestimmt nicht.


    Nie im Leben. Sowohl Antoine als auch Madame Courtin sind so konditioniert, dass sie so etwas nicht thematisieren - nicht einmal untereinander. :sauer:

    Liebe Grüße

    Tabea

  • Ich denke auch, dass der Arzt ernsthaft versucht hat, dem Jungen zu helfen. Er hat ihm ein Angebot gemacht, dass Antoine nicht annehmen wollte (oder konnte). Außerdem ist später der Sturm dazwischen gekommen. Wer weiß, wie sehr sich der Doktor ohne die Katastrophe in weiterer Folge um Antoine gekümmert hätte.