Jo Walton - Die Stunde der Rotkehlchen/Farthing (Inspector Carmichael 1)

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 3 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von HoldenCaulfield.

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    Originaltitel: Farthing


    Ich mag „Alternate History“ – Romane und Veränderungen der Geschichte rund um den Nationalsozialismus sind ein beliebtes Spielfeld für Autoren dieses Genres.


    Jo Waltons Version der Geschichte spielt in einem Großbritannien, das 1941 Frieden mit Hitler schloss – und zugleich seine Grenzen für Flüchtlinge aus dem Reich. 1949 wird einer der damaligen Verhandlungsführer auf einem Landsitz tot aufgefunden, auf seiner Brust ein gelber Davidsstern. Pikant, dass unter den Gästen an diesem Wochenende auch der jüdische Schwiegersohn des Hausherrn ist, die Hochzeit war ein Skandal und hat Lucy und David aus der guten Gesellschaft verbannt.


    Inspektor Carmichael stellt bald fest, dass zwar alle Gäste ihre Geheimnisse haben, aber Ermittlungen nur in bestimmte Richtungen geführt werden sollen.


    Der erste Teil des Buches ist ein klassischer englischer Landhaus-/Gesellschaftskrimi. Es gilt, die Contenance zu wahren, egal was passiert und die richtige Kleidung beim Dinner zu tragen etc. ist wichtiger als den Mord aufzuklären. Aber auch Antisemitismus gehört zum üblichen Verhalten dazu und verstört den Leser – so war das doch nicht wirklich in England, so darf das doch auch in einer alternativen historischen Darstellung nicht sein. Dass es noch schlimmer geht, merkt man schnell. Das Ende hat mich ziemlich erschreckt, ich war von einer Stagnation der Lage ausgegangen, die einfach nur den Hintergrund für eine Krimireihe bilden sollte, doch die politischen Zustände scheinen sich eher noch zu verschlechtern und sind wohl mehr als nur Kulisse, sondern eher das wahre Anliegen der Autorin.

    Widmung:
    Für alle, die sich jemals mit den Ungeheuerlichkeiten der Geschichte beschäftigt haben, schaudernd eigentlich, doch vor Überraschungen sicher, als ginge es um die Autopsie eines toten Drachen, nur um im nächsten Augenblick den sehr lebendigen Nachkommen des Drachen gegenüberzustehen und ihnen ins offene Maul zu starren.


    Ich traue mich zwar kaum an die Fortsetzungen, will sie andererseits aber unbedingt lesen.


    4ratten




    Inspector Carmichael


    1. Die Stunde der Rotkehlchen / Farthing
    2. Der Tag der Lerche / Ha'penny
    3. Das Jahr des Falken / Half a Crown

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)

  • Danke für die gelungene Vorstellung von diesem Buch. Es ist sofort auf meine Merkliste gewandert.

  • Valentine

    Hat den Titel des Themas von „Jo Walton - Die Stunde der Rotkehlchen (Inspector Carmichael 1)“ zu „Jo Walton - Die Stunde der Rotkehlchen/Farthing (Inspector Carmichael 1)“ geändert.
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    Wir befinden uns in England, 1949 - aber nicht in dem England zu jener Zeit, wie wir es kennen, sondern in einem Land, das schon 1941 einen Separatfrieden mit Deutschland geschlossen hat und sich nun seiner "splendid isolation" erfreut, während auf dem Kontinent nach wie vor die Nazis an der Macht sind.


    Auf dem Landsitz Farthing wird eines Morgens der Politiker Sir James Thirkie, seinerzeit einer der Architekten des Friedens mit Hitlerdeutschland, tot aufgefunden, offenbar ermordet. An seiner Brust steckt ein Judenstern.


    Lucy Kahn ist entsetzt. Die Tochter des Hausherrn hat zum großen Verdruss ihrer Familie einen Mann jüdischer Abstammung geheiratet, was auch in England nicht gerne gesehen ist, und fürchtet zu Recht, dass der Stern an Thirkies Brust den Verdacht auf David lenken könnte.


    Scotland Yard entsendet umgehend Inspector Peter Carmichael an den Tatort, um den heiklen Fall, der schnell Schlagzeilen macht, genauer unter die Lupe zu nehmen, doch der stellt im Laufe seiner Ermittlungen fest, dass die Sachlage immer verworrener wird, je weiter er vordringt. Dem Augenschein ist jedenfalls nicht zu trauen.


    Ich hatte durchaus vermutet, dass mir das Buch gut gefallen könnte, aber Jo Walton hat mit diesem Auftakt zu ihrer "Small Change Trilogy" (im Original sind die Bände jeweils nach alten britischen Münzen benannt) alle meine Erwartungen um Längen übertroffen.


    Die Charaktere sind scharf gezeichnet, der Stil ist knapp und präzise, so dass sie nicht viele Seiten braucht, um einen komplexen Mordfall, zwei Erzählstimmen mit interessanter persönlicher Geschichte (Lucy, das schwarze Schaf mit dem unpassenden Ehemann, sowie Carmichael, der aufpassen muss, dass seine Homosexualität nicht ans Tageslicht kommt) sowie einen hochspannenden und brisanten politischen Hintergrund zu vereinen.


    Die Alternate-History-Kulisse benötigt keine langatmigen Erklärungen, bleibt aber durch kleine Andeutungen stets in unbehaglich eindrucksvoller Weise präsent. Dem klugen, besonnenen, aber leider auch angreifbaren Carmichael beim Ermitteln über die Schulter zu schauen hat mir genauso gut gefallen wie der Part von Lucy, die sich nicht ohne Grund große Sorgen macht, was der Vorfall für ihren Ehemann bedeuten könnte, und selbst den Versuch unternimmt, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.


    Trotz der ernsthaften Thematik ist das Buch von einem ironischen Humor und viel Sinn für die Absurditäten des Alltags durchdrungen. Es gibt auch den einen oder anderen hübschen Running Gag und gewitzte Dialoge, was mich alles ein wenig an eine andere Autorin erinnert hat, die ich sehr schätze: Connie Willis.


    Und das Ende war ein ganz schön schockierender Knaller, der mich mit offenem Mund zurückgelassen hat.


    Ein sehr gelungener Beginn einer Trilogie, deren Folgebände ich sicher nicht lange liegen lassen werde, und eines meiner Jahreshighlights.


    5ratten


    Danke an illy für diesen tollen Tip - ohne Dich wäre ich garantiert nicht darauf gekommen, diese Reihe zu lesen! :bussi:

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)