Lilli Beck - Wie der Wind und das Meer

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    München, 1945. In den letzten Wochen des Krieges verliert der 11jährige Paul bei einem der verheerenden Bombenangriffe seine ganze Familie. Allein und verzweifelt irrt er durch die Trümmer, als er einem kleinen Mädchen begegnet, das seiner Schwester erstaunlich ähnlich sieht. Die kleine Sarah ist Jüdin und hat sich in den letzten Jahren mit ihrer Familie verstecken müssen. Auch sie hat ihre Familie verloren und schreckliche Angst. Paul und sie tun sich zusammen. Um Sarah zu schützen und um zusammenbleiben zu können, geben sie Sarah als Pauls Schwester aus, von nun an heißt sie Rosalie. Gemeinsam stehen sie sie nun kommenden schwierigen Zeiten durch, bis es sich eines Tages für sie zum Besseren ändert. Sie werden von liebevollen Adoptiveltern aufgenommen und ihr Leben könnte sich so schön entwickeln. Doch dann entwickeln die beiden romantische Gefühle füreinander – vor der Welt gelten sie aber immer noch als Geschwister! Die Lüge, die sie schützen sollte, steht nun zwischen ihnen und ihrer Liebe füreinander.


    Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es ist ein Streifzug durch die deutsche Geschichte, mit Fokus auf den Nachkriegsjahren, dem Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, aber auch den späteren Entwicklungen. Insbesondere München als Schauplatz mochte ich sehr gerne und habe hier auch Neues gelernt, obwohl ich schon einige Bücher über diese Zeit gelesen habe. Mit den Figuren habe ich mitgefühlt und mitgelitten, vor allem zu Beginn natürlich mit den beiden Protagonisten Paul und Rosalie und ihrem schrecklichen Schicksal als Kriegswaisen. Dann gab es ein Aufatmen, als sie adoptiert werden und sich scheinbar alles zum Guten wandelt. Ein bisschen Probleme hatte ich mit den plötzlich aufkommenden Gefühlen der beiden füreinander, diese Liebe war auf einmal da und so stark und dramatisch, da kam ich als Leserin emotional nicht ganz mit. Später wandelte sich meine Einstellung ihnen gegenüber mehr und mehr und ich begann eher mit den anderen Personen zu fühlen, die durch die Entscheidungen der beiden ebenfalls leiden müssen.


    Als Fazit am Ende bleibt für mich die eigentlich banale Erkenntnis, dass Lügen Leben zerstören können – auch, aber nicht nur das Leben derjenigen, die diese Lügen in die Welt setzen – und auch, wenn ursprünglich eine sinnvolle Absicht hinter der Lüge steckte!


    4ratten

    LG, Dani


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  • Das einzige, was dem 11-jährigen Paul Grewe nach dem Bombenangriff 1945 in München geblieben ist, ist ein Koffer mit Dokumenten, ein Bild seiner kleinen Schwester und ein verbeulter Kochtopf seiner Tante. So trift er auf die kleine Jüdin Sarah, die ebenfalls ihre Familie verloren hat und die seiner Schwester unglaublich ähnlich sieht und die Beiden beschließen für immer zusammen zu bleinen – wie der Wind und das Meer. So wird aus Sarah Silbermann Rosalie Greve. Zusammen schließen sie sich einer der vielen Kinderbanden an, überstehen gemeinsam die Zeit im Heim, bis sie schließlich von einem netten Münchner Ehepaar, das selbst seine beiden Kinder im Krieg verloren hat, aufgenommen und adoptiert werden. Immer noch tragen sie beiden den Namen Greve und nun Hummel. Diese Lüge, die sich durch ihr gemeinsames Leben zieht, die sie nie aufgeklärt haben, aus Angst getrennt zu werden, wird ihnen nun zum Verhängnis. Sie verlieben sich ineinander. Eine Liebe, die als Geschwisterliebe gilt, die sie nicht leben dürfen.


    Ich bin sofort eingetaucht in die Geschichte der Beiden, in die Nachkriegszeit, die Zeit des Wiederaufbaus und in die Zeit, als es den Menschen langsam wieder besser ging. Durch Geschichten meines Opas und meiner Mutter, die diese Zeit nur knapp älter als Paul mitgemacht hat, kam mir vieles bekannt vor. Wenn ich heute hier in München durch die Straßen gehe, bin ich sehr froh, dass der Plan, München nach dem Krieg am Starnberger See wieder aufzubauen, schnell verworfen wurde.
    Ich habe mit Paul und Sarah/Rosalie im Heim gelitten, mich mit ihnen gefreut, als es zur Adoption kam und mich immer wieder gefragt, was gewesen wäre, hätten sie ihre wahre Identität preisgegeben. Als sie sich dann ihrer langsam aufkeimenden Gefühle füreinander bewusst wurde, habe ich gespürt, dass das nicht gut gehen kann. Die Anziehung zwischen Ihnen ist so stark, sie wollen, wie sie sich geschworen haben, zusammen bleiben, verletzen dadurch immer wieder die Gefühle von Menschen, die ihnen sehr nahe stehen. Dadurch haben sich meine positiven Gefühle ihnen gegenüber auch zum negativen verändert.


    "Wie der Wind und das Meer" ist eine sehr gefühlvoll geschriebene Geschichte, die mich ins München der Nachkriegsjahre mitgenommen hat, und die im Jah 1989 endet. Gerade zum Schluss hat die Geschichte meine emotionale Seite sehr berührt. Eine Geschichte so voller Hoffnung, die aber von einer nicht aufgeklärten Lüge immer wieder zerstört wird.


    5ratten :tipp:

  • München in den letzten Kriegstagen 1945. Paul ist nach einem verheerenden Bombenangriff völlig auf sich alleine gestellt, als er ein Mädchen zwischen den Ruinen entdeckt. Zuerst hält er sie für seine Schwester Rosalie, doch dann erkennt er, dass die beiden sich nur verblüffend ähnlich sehen. Der Elfjährige erkennt sofort, dass das Mädchen in der gleichen Notlage wie er selbst steckt und ist erstaunlich pragmatisch: warum sollten sie sich nicht als Geschwister ausgeben? Im Koffer, den Paul als einziges Überbleibsel seines alten Lebens bei sich führt, finden sich die nötigen Papiere - und wer sollte sich an dieser Notlüge stören? Wenn es den beiden Kindern doch so besser geht, weil sie zumindest einander haben. Folglich schließen die beiden diesen Pakt und aus Sarah wird Rosalie - nicht ahnend, wie folgenschwer diese eine Lüge für ihr weiteres Leben sein wird...


    Lilli Beck hat mit "Wie der Wind und das Meer" einen Nachkriegsroman geschrieben, der es in sich hat. Zum einen, weil sie anhand des Lebens der beiden Waisen die Traumata, aber auch das alltägliche Leben ab 1945 eingefangen hat, das deutlich macht, wie glücklich wir heutzutage sein können, dass wir in einem sicheren und demokratischen Deutschland groß geworden sind. Zum anderen, weil eine kindliche Entscheidung, die nur einem positiven Zweck folgt, zu einer Spirale, ja, letztlich sogar zu so etwas wie einer Falle wird.
    Die größte Stärke der Autorin ist meines Erachtens der Blick auf den Alltag nach dem Zweiten Weltkrieg, die Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Umgang mit den beiden Kindern. Nicht selten war ich fassungslos, wenn ich gelesen habe, wie mit Rosalie und Sarah, die alles verloren haben, umgegangen wird. Lilli Beck beweist hier nicht nur, dass sie sehr gut recherchiert hat, sondern auch, dass sie einen mitfühlenden, sehr bildlichen Blickwinkel hat, der mich bewegt hat. Und so erzeugen sowohl Geschichte als auch Schreibstil einen unwiderstehlichen Sog...
    Besondere Tragik erhält der Roman durch die Tatsache, dass ein Elfjähriger und ein noch jüngeres Mädchen, die gerade beide ihre Familie verloren haben, nicht ermessen können, welche Tragweite eine einzelne Lüge bekommen kann. Wenn man mal bedenkt, dass das so mancher Erwachsener nicht kann - wer kann es zwei Kindern, die rein aus der emotionalen Not heraus so handeln, verdenken?


    Kurzum: "Wie der Wind und das Meer" ist ein eindringlicher Roman, der mich vor allem aufgrund der realistischen Schilderungen des Nachkriegsalltags und der großen Emotionalität, die die Autorin für ihre Figuren aufbringt, überzeugt hat. Ich wünsche diesem Roman viele LeserInnen!


    5ratten

    Liebe Grüße

    Tabea

    Einmal editiert, zuletzt von dubh ()

  • Meine Meinung zum Buch:


    Titel: Liebesroman eingebettet in Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte...


    Mein Interesse für das Buch war geweckt, weil es eine verbotene Liebesgeschichte versprach und zu Zeiten des zweiten Weltkrieges spielt, eine Epoche über die ich sehr gerne lese. Doch was sich mir dann beim Lesen eröffnete, war so viel mehr als das.


    In der Geschichte geht es um Paul und Sarah, die während eines Bombenangriffs jeweils ihre komplette Familie verloren. Da Sarah der Halbschwester Pauls sehr ähnlich sieht, sie als Jüdin in Gefahr wäre und beide nicht mehr allein sein wollen, geben sie sich als Geschwister aus. Der Plan geht auf und sie können die schweren Wochen und Monate der Nachkriegszeit gemeinsam besser stemmen. Doch dann geschieht etwas mit dem sie als kleine Kinder nie gerechnet hätten: sie verlieben sich in einander. Doch Geschwister dürfen sich nicht lieben. Wird ihr düsteres Geheimnis ihr ganzes Leben verändern?


    Die Handlung startet 1945 im zerbombten München und reicht bis 1990. Dabei begleiten wir mal Paul und mal Sarah in ihrem Leben.


    Die beiden Hauptcharaktere hat man bereits bei Start der Geschichte lieb, kann man doch nur zu sehr nachvollziehen wie schwer das Trauma des Krieges sitzen muss. Das Leben der beiden behält einiges parat, so natürlich erzählt, dass man der Autorin ohne Zweifel abkauft, was sie den beiden zutraut und zumutet.


    Auch andere Charaktere wie die liebe Blumenoma oder die Salatmamsel Emma erreichen das Herz des Lesers.


    Das Besondere an dem Buch war für mich, dass Lilli Beck den Leser durch bundesdeutsche Geschichte führt, so dass man auch noch etwas dazu lernt. Für mich, die in der DDR groß geworden ist, war erstaunlich wie früh es die ein oder andere technische Neuerung bereits in der BRD gab. Auch einige geschichtliche Ereignisse waren mir nur bedingt geläufig.


    Die Liebesgeschichte rührt das Herz des Lesers und bewegt einen immer mehr, denn man möchte einfach, dass die beiden sich kriegen. Mir gefiel hier, dass nicht alles eitel Sonnenschein war und die Liebe so dargestellt wird, wie sie tatsächlich ist: nicht immer einfach und mit reichlich Steinen versehen.


    Fazit: Mich hat der Roman sehr gut unterhalten und gern spreche ich dafür eine Leseempfehlung aus.


    Bewertung: 4ratten

    &WCF_AMPERSAND"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende&WCF_AMPERSAND" (H.M. Enzensberger)

  • Während der elfjährige Paul im Jahr 1945 nach einem Versteck in den Trümmern sucht, findet er ein kleines Mädchen. Sie heißt Sarah und hat bei dem Fliegerangriff die Familie verloren. Auch Paul hat seine Familie verloren. Die Kleine sieht seiner Schwester sehr ähnlich. Um nicht alleine zu sein, beschließen sie, sich als Geschwister auszugeben. So wird aus der Jüdin Sarah Pauls Schwester Rosalie. Das hilft in diesen schlimmen Zeiten, aber viele Jahre später entsteht aus dieser Notlüge ein riesiges Problem.

    Dies ist eine Geschichte, die einem unter die Haut geht. Obwohl diese Geschichte voller Dramatik steckt, lässt sie sich doch wunderbar flüssig und leicht lesen. Der Autorin ist es gelungen, einen ganz nahe an die Protagonisten heranzubringen, so dass man mit ihnen fühlt. Auch die jeweilige Zeit ist gut und lebendig dargestellt und man erlebt, wie sich das Leben im Laufe der Zeit verändert.

    Paul und Sarah sind durch die schlimmen Kriegsjahre und das, was sie erleben mussten, gewieft und stark geworden. Nachdem ihre Familie nicht mehr da ist, finden sie sich und halten einander fest. Selbst als sie adoptiert werden, geben sie ihr Geheimnis nicht preis. Wozu auch? Aber dann verlieben sie sich in einander und ihre Lüge zieht weitere nach sich, denn Geschwister dürfen sich nicht so lieben. Wie werden sie mit den daraus resultierenden Folgen fertig werden? Werden sie eine Möglichkeit finden, gemeinsam durchs Leben zu gehen? Man wünscht sich, dass alles gut wird für die beiden, doch es wird ihnen einiges abverlangt und vor allem Sarah verändert sich dadurch. Ihre Entscheidungen konnte ich dann nicht immer so nachvollziehen.

    Aber auch die anderen Personen sind sehr schön dargestellt.

    Es ist ein sehr emotionales und interessantes Buch.


    5ratten