Heidi Benneckenstein - Ein deutsches Mädchen.Mein Leben in einer Neonazi-Familie

Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Heidi Benneckenstein ist ein richtiges deutsches Mädchen. Aufgewachsen in einer Nazi-Familie entwickelt sie sich von einem verstörten Kind zu einer rechtsradikalen, aggressiven Jugendlichen. Mit "Ein deutsches Mädchen" legt sie 6 Jahre nach Ihrem Ausstieg aus der Szene ihre Biographie vor und versucht, zu erklären, wie es zu Allem kommen konnte.


    Heidi (Heidrun) Redeker ist schon in der Grundschule verhaltensauffällig und keine gute Schülerin. Ihre Ferien verbringt sie regelmässig in einem "Ferienlager", in dem sie rechtsradkalen Drill erfährt. Die Vermittlung von rechtsradikalem Gedankengut ist auch zuhause an der Tagesordnung, denn Ihr Vater lebt den Nationalsozialismus. Auch äusserlich unterscheidet sie sich von ihren Mitschülern, Kleid, alter von der Mutter übernommener Lederranzen im Gegensatz zu Scout-Rucksack und Jeans.


    Als Jugendliche und Mitglied der HdJ wird sie durch ihren Vater in die Szene hineingedrängt, bis sie ihren jetzigen Mann, den ehemaligen rechten Liedermacher Felix (Flex) Benneckenstein kennenlernt.
    Beide fangen an, an ihrer Gesinnung zu zweifeln und gemeinsam schaffen sie schliesslich den Ausstieg trotz massiver Bedrohungen durch die rechte Szene.


    Das Buch hat mir Einblicke in die Szene ermöglicht, die ich mit Erstaunen und auch Erschrecken aufgenommen habe. Der Schreibstil ist einfach und angenehm zu lesen, lediglich die wiederholten Zeitsprünge haben mich gelegentlich verwirrt. Ich hatte zwischendurch immer wieder überlegt, in welcher Lebensphase von Heidi man sich beim Lesen gerade befindet.
    Das Buch wirkt stellenweise wie eine ziemlich neutrale Beschreibung bzw. Aneinanderreihung von Ereignissen. Hier hätte ich mir mehr "Gefühl", ich weiss nicht, wie ich es sonst nennen soll, gewünscht.
    Insgesamt empfehle ich, das Buch zu lesen. Es war für mich ziemliches Neuland, zumal ich bisher noch nichts zu diesem Thema gelesen hatte.


    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus:


    Titel leicht angepasst. LG, Valentine

    Das sind keine Stirnfalten. Das ist ein Sixpack vom Denken.

    Einmal editiert, zuletzt von Valentine ()

  • Heidrun, bzw. Heidi, wie sie sich selbst lieber nennt, Benneckenstein beschreibt ihre Indoktrination der NS-Ideologie in der Kindheit und wie sie als junge Erwachsene aus der rechten Szene ausgetreten ist.


    Heidi gliedert ihre Buchabschnitte thematisch nicht chronologisch. Dies führt Streckenweise zu Verwirrungen, da man sich als Leserin immer wieder fragt, wie alt Heidi ist und wo sie quasi in ihrem "Aussteigeprozess" gerade steht. Denn schon am Anfang wird erklärt, dass sie mit 18 Jahren den Ausstieg aus der Naziszene geschafft hat. Die thematische Gliederung erklärt sich natürlich dadurch, dass verschiedene Themenprozesse parallel liefen und somit eine rein chronologische Abfolge ebenfalls verwirrend ist. Das große Problem bei (auto)biographischen Büchern. In diesem Sinne ist das Buch vielleicht eher für die Leser geeignet, die schon Vorkenntnisse aus anderen Büchern haben, um manche Sachen (und vor allem Namen) besser einordnen zu können.


    Heidi beschreibt - wenn auch ein wenig kühl und distanziert - ihre Kindheit und Jugend. Dabei scheut sie sich nicht, Namen von Personen, Organisationen und Orten zu nennen. So verschweigt sie ihr eigenes Fehlverhalten genauso wenig wie das der anderen Personen um sie herum. Damit zeigt sie Verbindungen innerhalb der Szene auf, die der versierte Leser vermutlich kennt, aber für andere neu sein könnte. Somit richtet sich das Buch wiederum auch an Neulinge. Denn auch Heidis Sprache ist leicht und locker, einfach zu lesen.


    Besonders an diesem Buch und Heidis Geschichte ist die Art ihres rechten Gedankengutes. Sie rebellierte nicht als Teenager gegen ihr Elternhaus. Sie orientierte sich nicht an die prügelnden Nazis, weil sie vom Leben abgehängt und chancenlos war. Nein, sie wurde einfach so erzogen. Ihr Vater ist ein waschechter Nazi, kein rüpelhafter Idiot, der in Springerstiefeln auf der Straße Antifa-Leute verprügelt, sondern einer, der die Nazi-Ideologie à la Hitler tief in sich trägt. Und diese Ideologie hat er an seine Kinder, u.a. Heidi, weitergegeben. Leistungen erbringen, fleißig sein waren beispielsweise wichtige Tugenden, denen Heidi sich bedingungslos unter ordnen musste. Für Schwäche war kein Platz. So durch lebt sie militante Kinder- und Jugendlager, die sie ausführlich beschreibt, ausgeschmückt mit rechtsradikalen, nationalistischen Textpassagen, die sie als Kind gesungen hat. Hier tut sich also eine ganz andere Form der Parallelwelt im rechten Rand auf, die bisher (so erlebe ich es zumindest) wenig Beachtung bekommen hat und von der man im Allgemeinen eher weniger weiß.


    Davon lebt dieses Buch, während ihre Ausstiegsgeschichte eher lapidar daher kommt, da weder die Gründe dafür ausführlich dargelegt werden noch ihr heutiges Weltbild näher erläutert wird.


    Nichtsdestotrotz kann es von Aussteigerbüchern aus der rechten Szene kaum genug geben, alleine schon um Orientierungshilfen zu bieten und die Gesellschaft aufzuklären. Von daher bleibt mir zum Schluss vor allem eins: den Hut vor der Autorin zu ziehen und ihren Mut anzuerkennen.

  • " Ein deutsches Mädchen" von Heidi Benneckenstein ist eine autobiographische Geschichte wie das Leben der Autorin in einer Neonazi-Familie abgelaufen ist.
    Ein Dorf in der Nähe von München, dort lebt Heidi und Ende der 1990er scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Denn hier wird noch nach der Ideologie von vor fünfzig Jahren, zur Zeit des Nationalsozialismus, gelebt. In solch einer Familie wächst Heidi auf und wird dementsprechend erzogen.
    Sie muss schon vom Kleinstkindalter an, mit ihren Geschwistern in Ferienlager
    der " Heimattreuen Deutschen Jugend" . Dort herrscht ein paramilitärischer Drill den man sich zur heutigen Zeit kaum vorstellen kann. Mit Zuckerbrot und Peitsche, was nichts anderes heißt als mit Schläge und Belohnung, werden sie auf ein Leben im rechten Hass- Milieu vorbereitet.
    Aber auch in der Familie lernt Heidi nichts anderes kennen, denn ihr Vater ist ein treuer Nazi und bringt, egal auf welchem Weise, den Töchtern seine Ideologie bei. So kam es, das sie an all das geglaubt hat, was ihr vorgelebt und eingetrichtert wurde. Unter anderem auch die Verleumdung des Holocaust, den es der Meinung nach von rechten Neonazis, nie gegeben hat.
    Die Schule ist für sie ein großes Gräuel, denn niemand geht auf sie ein, keine Lehrkraft versucht zu ergründen was mit ihr los ist , geschweige denn das jemand ein nettes Wort für sie findet. So entwickelt sie sich mit den Jahren immer mehr zu einer trotzigen, aufsässigen Schülerin.


    Zitat:
    " Ich sehe dumpfe Gestalten und böse Gesichter, sehe Uniformen, Fackeln und Hakenkreuze, sehe ein zierliches Mädchen, das mal unsicher, mal wütend, dann wieder ganz still ist.
    EIGENTLICH WAR ICH ALLES, NUR NICHT GLÜCKLICH."
    Besser kann Heidi Benneckenstein ihr jahrelanges Erlebte nicht in einem Satz ausdrücken.


    Meine Meinung:
    Dies ist mein erstes Buch in dem die rechte Szene beschrieben wird, somit hatte ich noch keine Erfahrung damit. Dementsprechend bin ich geschockt und entsetzt gewesen, als ich gelesen habe, dass dies hier in Deutschland praktiziert und gelebt wird. Sicher sieht und liest man Nachrichten und kann einiges in den Medien verfolgen, aber das schon kleine Kinder gedrillt werden um ihnen eine Ideologie zu vermitteln, die so viel Not, Krieg und Leid verursacht hat, ist mir so nicht bekannt gewesen.
    Der Schreibstil ist klar und deutlich, aber ich hätte mir gewünscht das der zeitliche Ablauf besser strukturiert gewesen wäre. So fiehl es mir oft schwer einzuschätzen wie alt sie gerade in den entsprechenden Zeiten gewesen ist.
    Auf alle Fälle ist es interessant und lesenswert.

    &quot; Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben , über die Sterne&quot;<br />- Thomas Carlyle

  • Heidi Benneckenstein - Ein deutsches Mädchen.


    Wie schon beschrieben geht es hier um das Heranwachsen von Heidi bzw Heidrun in einer Neonnazifamilie bis hin zu ihrem Ausstieg. Die Kinder und Jugendjahre werden in verschiedenen Facetten beleuchtet,wenn auch nicht chronologisch sondern eher nach Themen zuhause, Schule, Ferien, Trennung der Eltern und Leben in rechten Strukturen.
    Der Ausstieg und das Leben danach ist relativ kurz gekommen.


    Viele Szenen in diesem Buch sind erschreckend und schockierend und man lernt einiges über rechte Denk- und Verhaltensmuster. Doch der Aufbau an sich war nicht stimmig, nicht durchgängig und nicht bis ins letzte Detail nachvollziehbar, hier besonders die Motivation zum Ausstieg...


    Ein durchaus lesenswertes Buch, einfach zum Aufrütteln und Sensibilisieren.


    Viele Grüße
    schokotimmi

    Weltreise: 43/223 - 19,3%

  • Heidi Benneckenstein verbringt die ersten knapp zwanzig Jahre ihres Lebens in einem rechtsextremen Umfeld. Ihre Familie, ihre Freunde in einem Dorf bei München - alle sind sie Neonazis, teilweise sogar Größen in der Szene. Heidi und ihre Schwestern kennen es nicht anders, denn die wenigen Berührungspunkte mit Andersdenkenden lassen sie als Außenseiterinnen keinerlei Erfahrung machen. Stattdessen bewegt sich Heidi in militanten Jugendgruppen, wird Mitglied in der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) und knüpft Kontakte zu sogenannten freien Kameradschaften. Zuhause wird sie mit Härte und Drill erzogen, die Atmosphäre wirkt so, als wäre die Zeit im Hause Redeker stehengebleiben - mindestens extrem rückwärtsgewandt wirkt die Erziehung, aber schnell wird klar, dass die Redekers in gefestigten nationalsozialistischen Strukturen leben und ihre Kinder auch dementsprechend formen. Es ist eine Parallelwelt, die kaum zu begreifen ist, da sie so dermaßen ordentlich und zutiefst mustergültig-nationalsozialistisch ist, dass ich an mancher Stelle fast ungläubig lachen musste.

    Im Alter von 15 Jahren nimmt Heidi an Aufmärschen teil, hetzt gegen alle, die nicht in ihre Weltbild passen, und greift Menschen auch körperlich an.

    Erst als die Siebzehnjährige schwanger wird, kommt ihr Weltbild erstmals ins Wanken. Wollen ihr Freund Felix, selbst ein rechter Aktivist, und sie wirklich, dass ihr Kind in dieser Szene groß wird? Auch der Kontakt zu einem rechten Liedermacher, dessen politisches Weltbild ebenfalls Risse bekommen hat, gibt Heidi zu denken… Schließlich wendet sie sich mit 19 von ihrer Familie ab, taucht unter und schafft mit einem Aussteiger-Programm die Kehrtwende in ihrem Leben.


    „Ein deutsches Mädchen“ ist eine Biographie, die mich ziemlich zwiespältig zurücklässt. Zum einen ist sie schockierend, zum anderen macht sie mich auch ein Stück ratlos. Doch von Anfang an.


    Die Schilderungen der Kindheit ist wirklich aufrüttelnd, denn natürlich weiß ich, dass es Nazis gibt - aber in meiner Vorstellung sind das Menschen, die sich bewusst für diese menschenverachtende Ideologie entschieden haben. Bei Heidi ist es anders, denn sie wurde von Kindesbeinen an indoktriniert, ja, vollumfänglich rechtsextrem sozialisiert. Sie hat sich nicht bewusst entschieden, sondern kannte schlicht und ergreifend nicht anders. Alleine diese Erkenntnis hat mich erst einmal schockiert, ebenso wie die Tatsache, dass es bei Redekers zuhause wie bei einer Muster-Nazi-Familie in den 30er Jahren zuging. Das Mädchen stellte ich mir wie ein Kind auf einem Werbeplakat für den BDM vor, blond mit Zöpfen und im züchtigen Kleid - die Bilder im Buch haben mich bestätigt.


    Ratlos hat es mich allerdings gemacht, dass Benneckenstein keinerlei Bezug zu ihrer heutigen Einstellung nimmt. Natürlich ist es schwierig, sie bei all der Erziehung für ihr Handeln damals verantwortlich zu machen, denn sie steckte sehr tief im braunen Sumpf und kannte keine Alternative. Verwundert hat mich dennoch, dass sie zu keinem Zeitpunkt gegen ihr Zuhause oder zumindest ihren Vater rebelliert hat. Nein, sie nimmt die Strafen und Demütigungen hin, ordnet sich den geforderten antiquierten und zutiefst nationalsozialistischen Tugenden ihres Vaters unter und freut sich über die wenigen Belohnungen für ein perfekt konformes Verhalten. Andernorts scheint sie allerdings dann nicht mehr so auf den Mund gefallen zu sein, gibt gerne die Frontsau und scheut sich auch nicht vor körperlichen Angriffen.


    Nachdem Benneckenstein sich nun die Mühe gemacht hat, ein - zugegeben etwas holprig zu lesendes - Buch zu schreiben und so ihre Erlebnisse einer breiten Öffentlichkeit offen zu legen, hätte ich mir gewünscht, dass sie sich auch mit ihren eigenen Taten und ihrer Verantwortung befasst. Stattdessen habe ich den Eindruck, dass sie die Schuld fast ausschließlich bei ihrem Vater sieht. Ich stimme ihr zu, denn er hat ihr dieses Weltbild eingetrichtert, hat bedingungslosen Gehorsam gefordert - und dennoch empfinde ich dieses „Wegschieben“ sämtlicher Verantwortung als falsch. Ja, Heidi Benneckenstein ist ein Opfer, aber sie ist auch Täterin und hatte hier die Chance, alles auf den Tisch zu packen.


    Dennoch habe ich Respekt vor ihrem Ausstieg und dem Mut, unter ihrem realen Namen von ihrem ersten Leben zu berichten. Vielleicht schafft Heidi Benneckenstein irgendwann ein fundierteres, selbstreflektierenderes Werk, das auch etwas besser zu lesen ist.


    3ratten

    Liebe Grüße

    Tabea