Tad Williams - Otherland I

Leserunde mit Tobias O. Meißner ab 06.09.2019: Evil Miss Universe [Gesellschaftskritische Romantic Comedy]
Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 126 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von ink-heart.

  • Hallo ihr! :winken:


    Viel los ist hier ja momentan nicht :breitgrins:, aber ich komme selbst auch nicht wirklich schnell weiter. Momentan stecke ich mitten in dem sehr langen zwölften Paul-Kapitel.


    Die Goldene Stadt ist das erste Mal - sehr spektakulär - aufgetaucht, hat zu Thargors Tod beigetragen und wird für Orlando zu einer Mission, fast so wie die bei Paul erwähnte Suche nach dem Heiligen Gral, an die er sich nur bruchstückhaft erinnert. Ziemlich ironisch finde ich die Erwähnung der Götter, die anfangs immer etwas nebenbei erfolgt, bis die "Götter" selbst dann auftauchen und sehr bedrohlich und unheimlich wirken. Mit Dread-Anubis kommen richtige Thriller-Elemente ins Spiel. Ich finde diesen Genre-Mix ja ziemlich klasse.


    Auch bedrohlich und unheimlich sind Finch und Mullet, die anscheinend alles andere sind als einfache Schützengraben-Kameraden und Paul sogar in "andere Welten" folgen. Mit Gally und seiner Mannschaft (da bin ich noch ziemlich am Anfang) taucht hier auch das Motiv der verlorenen Kinder auf, das die Paul- mit der Renie-Handlung verbindet. Und noch ein Bindeglied zwischen den diversen Handlungssträngen scheint es zu geben: den seltsamen Gelbäugigen, der in verschiedenen Gestalten und entscheidenden Situationen auftaucht. Seine Identität kann man inzwischen ja erahnen, aber was seine Motive betrifft, ist noch eine ganze Menge unklar - bisher scheinen seine Interventionen allerdings eher auf Hilfe und Rettung ausgelegt.


    Ich genieße es sehr, den Band wiederzulesen und habe auch das Gefühl, dass mir eine Menge mehr auffällt als beim ersten Mal. Spricht deutlich für ein Buch, wenn es sich gut mehrfach lesen lässt, finde ich. :zwinker:

  • Ich hbae gerade den ersten Teil beendet, es ist noch alles offen und ich mag gar nicht noch mehr spekulieren. Im Moment kann ich noch nicht einmal mehr zählen, wieviele Handlungstränge das wohl sind und bin mir teilweise auch nicht sicher was RL und was VL ist. :breitgrins:

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)

  • Huhu illy!



    Im Moment kann ich noch nicht einmal mehr zählen, wieviele Handlungstränge das wohl sind und bin mir teilweise auch nicht sicher was RL und was VL ist. :breitgrins:


    So geht es wohl sogar den Charakteren selbst :breitgrins:, und ich finde, das macht einen ziemlichen großen Teil des Reizes des Buchs aus.


    Ich bin inzwischen mit Teil 2 fertig und finde, dass es sich zwar wirklich gut und spannend liest, aber auch irgendwie anstrengend. Ich bin deutlich langsamer als bei den meisten anderen Sachen, die ich so lese. Da ich mir keine Notizen gemacht habe, nur ein paar unverbundene Einzeleindrücke aus diesem Teil:


    [li]Auch in der zukünftigen Gesellschaft, in der Renie lebt, scheint Rassismus noch nicht wirklich der Vergangenheit anzugehören. In mancher Hinsicht ist der Fortschritt halt langsamer als in der Technik.[/li]
    [li]Renies Vater ist ein Egozentriker wie er im Buche steht. Hut ab, dass sie in halbwegs mit Fassung ertragen kann.[/li]
    [li]Die goldene Stadt taucht ein zweites Mal auf (oder ein drittes? da bin ich nicht ganz sicher). Obwohl sie offensichtlich virtuell ist, hält Renie sie für "echt" (siehst du, ist gar nicht so einfach :zwinker:) und

    [/li]
    [li]Gally ist eine neue und auch wieder eine sympathische Figur. Hier bin ich auch durcheinandergekommen und habe mich gefragt,

    [/li]
    [li]!Xabbu gefällt mir immer noch gut, obwohl Williams immer ein bisschen an der Grenze zum Klischee des "edlen Wilden" balanciert - seine (!Xabbus) Intuition scheint einfach in jeder Hinsicht ungeheuer treffsicher zu sein.[/li]
    [li]Fasziniert hat mich die Fast-Begegnung von Renie und Orlando (in meinen Augen neben Paul die wichtigsten Figuren) im TreeHouse (heißt das in der Übersetzung auch so oder hat es einen deutschen Namen bekommen?). Sie sehen sich (oder ihre "Sims"), ohne es zu wissen. Und auch der Titel des Buches wird nun zum ersten Mal erwähnt. Otherland scheint ein virtueller Raum zu sein, um den sich eine Menge politischer Intrigen spinnen.[/li]
    [li]Ziemlich kultig finde ich die gelben Äffchen. Mit denen würde ich auch gerne mal durchs Netz huschen (aber nicht zu lange wahrscheinlich :zwinker:).[/li]


    Ich mache jetzt eine kurze Otherland-Pause und schiebe ein anderes Buch ein. Warte aber trotzdem gespannt auf alles, was du so schreibst. :zwinker: :winken:
    [/list]

  • Otherland war mir zwischendurch etwas zu viel RL-VL-Durcheinander, aber mittlerweile habe ich den zweiten Teil ebenfalls durch und das Wörtchen Otherland ist das erste Mal aufgetaucht :breitgrins:


    Ich finde es irgendwie komisch, dass Renie und ihr Vater jetzt in so einer Notunterkunft hausen und irgendwie keiner Anstalten macht, sich um eine Wohnung zu kümmern. Oder habe ich da was überlesen (so was wie Wohnungen gibt es per Zuteilung vom Wohnungsamt.)?


    Was ich sehr idiotisch (oder typisch für eine Welt, die total von technischen Hilfsmitteln abhängig ist?) fand, war der Versuch der verletzten

    Informationen zu entlocken. Muss man da so ein komisches "Tippen" versuchen? Kann Renie nicht einfach das Alphabet aufsagen und sie drückt ihre Hand als Stop?


    Gallys Welt ist ja ziemlich eindeutig ein Schachspiel - aber wer sind die Spieler, die das ganze steuern oder (wilde Theorie)

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)

  • Na ja, ein bisschen kann kostspielige Hardware ja auch heute schon ausmachen: Geschwindigkeit, besseres Bild, erleichterte Bedienung etc. Und sind nicht einige Seiten wie z. B. Second Life schon ziemlich kommerzialisiert? Grundsätzlich hast du natürlich recht: Momentan sind wir im Netz vermutlich "gleicher" als im wirklichen Leben, aber unrealistisch ist Williams' Entwurf für die Zukunft vermutlich auch nicht.


    Da ist mir jetzt passenderweise ein Artikel in die Hände gefallen:
    Soziale Netzwerke. Du musst leider draußen bleiben


    Ansonsten habe ich nun auch den dritten Teil gelesen.
    zu Paul:


    diese Tanks als "Gamepad" sind mir reichlich unheimlich - ich bevorzuge ja doch etwas weniger realistische Spielgeräte :breitgrins:


    Ich kann mich nicht entscheiden, ob Mr. Sellars zu den Guten oder den Bösen gehört, etwas unheimlich finde ich ihn schon, aber bislang hat er ja nichts schlimmes gemacht.

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)

  • So und zum Abschluss von Band 1 (Warum heisst der eigentlich Stadt der goldenen Schatten? - eigentlich ist doch die ganze Stadt golden.) melde ich mich nochmal. Nicht , dass ich das Gefühl hätte irgendetwas nachvollziehen zu können oder mit neuen Theorien aufwarten kann. Ich bin jedenfalls für die weiteren Bände auf folgendes gespannt:


    - Wie läuft es im RL weiter? - Williams kann doch die Figuren nicht die ganze Zeit im Tank liegen lassen, das wäre mir etwas zu viel VL und blöd.
    - Sind die Kinder wirklich von Nutzen, werden irgendwo im Otherland gebraucht oder waren sie nur Kanonenfutter?
    - das Zusammentreffen zwischen Paul und Renie & Co - allerdings wird Williams sie vermutlich noch einige Zeit sich immer knapp verpassen lassen.


    wir sehen uns im Fluss aus blauem Feuer :winken:

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)

  • Hallo illy und MitleserInnen! :winken:


    Meine Pause ist doch etwas länger geworden und ich hinke euch ziemlich hinterher – aber ich bleibe dran. Den ersten Teil habe ich jetzt geschafft und den zweiten angefangen, und nach wie vor langweile ich mich auch nicht eine Minute dabei.


    Gallys Welt ist ja ziemlich eindeutig ein Schachspiel - aber wer sind die Spieler, die das ganze steuern oder (wilde Theorie)


    Aber nicht nur irgendein Schachspiel, sondern das aus Alices Wunderland. Die literarischen Anspielungen, die immer mal wieder auftauchen, finde ich ganz spannend. Und deine Spoiler-Vermutung hat vieles für sich, auf jeden Fall scheint nach meiner Vermutung


    Paul springt von einer Welt in die andere, und die Suche nach seiner Identität (und dem „Heiligen Gral“?), die unter der Oberfläche immer spürbar ist, macht das Ganze wirklich spannend. Wenn man genau liest (beim ersten Mal habe ich das, glaube ich, nicht so getan), bemerkt man mehr und mehr Hinweise darauf, dass er sich in einer virtuellen Umgebung befindet – offensichtlich ohne es zu wissen. Z. B. ist da der Marsianische Markt mit seinen wiederkehrenden Mustern: „A vast crowd, primarily Martian, swirled in and out beneath them. Paul watched it, amazed by the vitality and activity. He almost thought he could see patterns in the ebb and flow of the marketers, repeating designs, spontaneous shared movements like a flock of birds on the wing.” Bagwater spricht erstmals aus, was dem Leser seit einiger Zeit klar ist, Paul Jonas aber anscheinend nicht: Er befindet sich in einer Simulation.


    Renies Handlungsstrang entwickelt sich zwischendurch zu einem richtigen Krimi – sogar ihr Ex-Lover scheint jetzt ihre Spur zu verfolgen. Die Vorstellung von den riesigen Tanks, in denen man Stunden und Tage verbringen kann, erinnert mich an „Matrix“. Das RL lässt sich tatsächlich fast komplett durch VR ersetzen. Und ich stimme dir zu, illy: Weniger realistisch ist es mir deutlich lieber. :zwinker: Buch 4 beginnt mit einem Gedächtnisverlust Renies, der dem von Paul sehr ähnlich ist.


    Was Orlando betrifft, ist trotz aller Tragik die Entwicklung mit Fredericks tatsächlich ein bisschen witzig. Klasse, wie Williams die Vierzehnjährigen glaubwürdig darstellen kann, ohne dass man als älterer Leser je ein Gefühl von Überlegenheit oder Distanz entwickelt!


    Endlich treffen sich die Beteiligten – außer Paul Jonas, der ein Teil ihrer weiteren Mission zu sein scheint. Orlandos Vergleich mit Elronds Rat ist ziemlich treffend und nimmt gleichzeitig dem überschlauen Leser, der da längst diverse Parallelen bemerkt zu haben meint, den Wind aus den Segeln. Beim ersten Lesen hat mich der „Cliff-Hanger“ unglaublich geärgert. Ich war im Urlaub, hatte am Anfang wirklich mit dem Buch gekämpft (auch aufgrund des Vokabulars), fand es aber trotzdem ziemlich klasse. Und dann war ich so richtig angefixt – und auf einmal war Ende und kein zweiter Teil in Reichweite… Auf lange Sicht hat es nicht dazu geführt, dass ich Williams boykottiere, sondern dass ich nach kurzem Anprüfen möglichst immer alle Folgebände bereithalte. :breitgrins:


    Ich freue mich schon auf den zweiten Teil mit euch - es geht ganz bald los!