Rafik Schami: Der ehrliche Lügner

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  • Dieses Buch sollte man sich eigentlich vorlesen lassen. Ganz in der Tradition der orientalischen Erzähler präsentiert Rafik Schami in diesem Roman ein Kaleidoskop von abenteuerlichen und phantasievollen Einzelgeschichten, die, eingebunden in eine knapp gehaltene Rahmenhandlung, das Gefühl vermitteln, mitten in einem Souk zu sitzen und in die faszinierende Exotik arabischer Lebensart abzutauchen. Seine Lügen - und dass es sich darum handelt, gibt er ganz offen zu - vermitteln dabei eine tiefere Art von Wahrheit, die auch nach Beendigung der Lektüre im Gedächtnis bleibt.


    Sadik ist ein Erzähler alter Tradition, der sein Leben damit verbracht hat, seinen Zuhörern mit Hilfe von Geschichten den Spiegel vorzuhalten. Sein Repertoire speist sich aus den Typen und Charakteren seiner unüberschaubaren Verwandtschaft, und seine Karriere begann bereits als Halbwüchsiger in einem Zirkus. Dieser Zirkus, der eines Tages in der fiktiven arabischen Stadt Morgana Station machte und dann wegen eines Bürgerkriegs dort festsaß wurde nicht zuletzt durch Sadiks erzählerisches Talent zu einem Publikumsmagneten und konnte so die schwere Zeit durchstehen. An diese - für ihn relativ unbeschwerte - Zeit erinnert er sich bei einem erneuten Besuch eines Zirkus, außerdem flammt die alte Liebe zu der Akrobatin Mala wieder auf, die er damals erlebte.


    Eingewoben in diese Rahmenhandlung sind die Geschichten, die Sadik im Zirkus und bei anderen Gelegenheiten - z.B. den Kindern der Artisten, bei seinen Stelldicheins mit Mala oder schlicht im Familienkreis - erzählt. Die Protagonisten sind dabei immer Mitglieder seines Familienclans, der schier unerschöpflich zu sein scheint. Da gibt es Dutzende von nah und entfernt verwandten Cousins und Cousinen, Schwagern, Onkeln und Tanten, Brüdern und Schwestern und angeheirateten Nachbarn - und alle sind sie unverwechselbar und mit ihren Eigenheiten immer für eine Anekdote gut. Seine farbenprächtigen Erzählungen verzaubern das Publikum und seine Artistenkollegen, die durch ihn dem traurigen Alltag in einer belagerten Stadt für kurze Zeit entkommen und ihn dafür mit Zuneigung und Ehrerbietung belohnen.


    Bei der Lektüre dieses Buches fühlte ich mich immer wieder an den Klassiker “1001 Nacht” erinnert. Auch wenn Scheherezade hier ein Mann ist und er auch nicht um sein Leben erzählt, sind die Parallelen doch unverkennbar. Allerdings sind Sadiks Geschichten weniger märchenhaft und mehr aus dem Leben gegriffen, sie handeln von Personen und Situationen, die jedem bekannt und deren Pointen auch außerhalb des arabischen Kulturkreises gültig sind. Und sie wandeln auf dem schmalen Grad zwischen Melancholie und Komik, für den gerade die orientalische Erzähltradition so bekannt ist.


    Dennoch beendet man auch dieses Buch nicht ganz ohne einen Wermutstropfen. Die Symbiose zwischen der - manchmal arg knapp gehaltenen - Rahmenhandlung und den erzählten Geschichten ist leider nicht besonders gelungen. Erstere erscheint zu seicht und abgedroschen (Mann liebt Frau, aber sie ist leider vergeben), dafür arten letztere ab und zu in eine (milde) Form von Geschwätzigkeit aus, bei der man ein “Das hatten wir doch eben schon mal”-Gefühl nicht ganz unterdrücken kann. An solchen Stellen wäre weniger mehr gewesen. Insgesamt aber ist dies eine sehr lockere und leichte Lektüre, stilistisch aus einem Guss und in einer Sprache, die ohne überflüssige Schnörkel auskommt - so, als wäre wirklich ein Erzähler und kein Autor am Werk.


    Bewertung: 4ratten


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