Elizabeth Gaskell - Frauen und Töchter

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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  • Elizabeth Gaskell – Frauen und Töchter
    (Wives and Daughters: An Everyday Story, 1865)


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    England in den 1830er Jahren. Landarzt Gibson, ein Witwer im besten Alter, hat ein Problem: Einer seiner beiden Gehilfen, die bei ihm im Haus leben, hat sich in Gibsons sechzehnjährige Tochter Molly verliebt. Da Gibson viel unterwegs ist, muss eine angemessene Anstandsperson her. Die beste Lösung scheint eine neue Ehe zu sein. Eine passende Kandidatin wäre Mrs Kirkpatrick, die frühere Gouvernante einer Adelsfamilie von einem nahe gelegenen Gut. Mrs Kirkpatrick, die ebenfalls eine Tochter in Mollys Alter versorgen muss, kommt dieses Arrangement mit dem angesehenen Arzt sehr gelegen. Nun könnten alle zufrieden sein, doch keiner hat mit dem Wirbel gerechnet, der bald auf die Familie zukommt.



    Die Frauen stehen eindeutig im Mittelpunkt der Handlung und glänzen durch ihre facettenreichen Charaktereigenschaften. Dagegen werden die Männer fast ein bisschen zu sehr zu Statisten degradiert. Manche von ihnen hätten durchaus mehr Beachtung verdient. Das Stammpersonal ist überschaubar und wird mit der gebührenden Ausführlichkeit eingeführt, so dass sich von jeder Familie ein lebendiges Bild einprägt, bevor zur nächsten übergegangen wird. Die wichtigsten Personen werden anschaulich porträtiert und erleben eine nachvollziehbare Entwicklung. Als herausstechende Charaktere brillieren Mrs Gibson, die ihre Meinung so häufig ändert und anpasst wie ein Chamäleon seine Farbe, und dadurch immer wieder für ein Schmunzeln sorgt, sowie ihre Tochter Cynthia, die ohne über Folgen nachzudenken instinktiv zu kokettieren beginnt, sobald sich ein attraktiver Mann in ihrer Nähe befindet. Der Roman lebt besonders durch diese beiden. Die durchgehend präsente Molly erscheint daneben eher zurückhaltend, ist aber das wichtige Bindeglied zwischen den Bürgerlichen und den Adeligen. Es gäbe noch viel zu bemerken über die individuellen Persönlichkeiten, die außer den genannten eine Rolle spielen, aber das hieße, zu viel über den Inhalt zu verraten.


    Elizabeth Gaskell schildert die hohen Erwartungen, die an den adeligen Nachwuchs gestellt werden, sehr realistisch. Finanzelle Probleme waren auch diesen Familien nicht fremd. Schon allein deshalb war der Nachwuchs angehalten, nicht unter dem Stand zu heiraten. Aber auch unabhängig davon war es in erster Linie wichtig, welchen Namen und welches Vermögen die Zukünftige mitbrachte. Zumindest für den Erstgeborenen als Erben durfte Liebe unter Umständen keine Rolle spielen. So wird die Arzttochter Molly als Ehefrau für einen adeligen Sohn nicht in Betracht gezogen, obwohl sie von der Familie des jungen Mannes innig geliebt wird.


    Tempo und Zurückhaltung in der Handlung verteilen sich gut. Natürlich tragen die familiären Ereignisse mit den lebendigen Dialogen einen großen Teil zur Spannung bei, aber auch die ruhigen Momente mit malerischen Landschaftsbeschreibungen und atmosphärischen Stimmungen lassen keine Langeweile aufkommen. Feiner Humor und ein bisschen Ironie tun ein Übriges. Die Übersetzung gefällt mir; sie gibt diese betagte Geschichte fast modern wieder, bleibt aber sprachlich im angemessenen Rahmen für ein Buch von 1865.


    „Frauen und Töchter“ ist rundum gelungen; ein Buch, bei dem man auf Seite 400 erfreut ist, erst bei der Hälfte angelangt zu sein. Wegen des unerwartet frühen Todes der Autorin mit nur 55 Jahren blieb es unvollendet, wobei die wichtigsten Ereignisse schon in finale Bahnen gelenkt wurden. Das passende Ende darf sich jeder selbst gestalten.


    5ratten

    Einmal editiert, zuletzt von Doris ()

  • Doris hat schon eine wunderbare Rezension zu dem Roman verfasst, die ich durchaus teile. Hier meine kürzeren Anmerkungen:


    Elizabeth Gaskell: Frauen und Töchter


    Gaskell konnte ihren letzten Roman nicht mehr fertigstellen, sie starb im November 1865, kurz bevor sie das Ende hatte schreiben können. Dennoch ist der Roman so gut wie fertig, das Happy End bahnt sich schon heftig an.

    Zum Inhalt:

    Molly Gibson, Arzttochter in der kleinen Stadt Hollingford, wächst mutterlos heran und erhält mit 17 eine Stiefmutter, ehemalige Gouvernante der führenden Adelsfamilie der Gegend, dünkelhaft wie diese und nur auf ihre Annehmlichkeiten bedacht. Hyacinth, wie sie von ihrem neuen Mann genannt werden möchte, bringt ihre Tochter Cynthia aus erster Ehe mit, die ungefähr im gleichen Alter ist. Mithandelnde sind außerdem noch die oben genannte Adelsfamilie Cumnor, der Squire, seine Frau und die beiden Söhnen Osborne und Roger, letzterer ein aufstrebender Forschungsreisender und Wissenschaftler sowie die ganze Ortschaft mit ihren Gerüchten und Borniertheiten. Die eigentlich liebenswerte und sehr hübsche, aber auch flatterhafte und wenig bindungsfähige Cynthia verlobt sich im Laufe der Handlung dreimal und fügt mit zwei ihrer Verlobungen der ernsthaften und hilfsbereiten Molly großes Ungemach zu.

    Daneben gibt es noch Schicksalsschläge, große Geheimnisse und Liebe auf Umwegen.


    Meine Meinung

    Zunächst ein netter Unterhaltungsroman. Gaskell hat aber aufgrund ihrer Erfahrungen und Veranlagung einen durchaus analytischen Blick auf gesellschaftliche Strukturen, sie entlarvt die sterbende Welt des in seinen Traditionen und Verpflichtungen gefangenen Landadels, aber auch die Engstirnigkeit und Borniertheit der Kleinstädter. Diesen entgegen setzt sie die Menschen der Zukunft, den hart arbeitenden Arzt, die Vertreter von Wissenschaft und Forschung und auch am Rande das Stadtbürgertum mit seinen aufstrebenden Wirtschafts- und Verwaltungskarrieren. Und sie erkennt und thematisiert vor allem auch, wie eng das Leben der Frauen gefasst ist, wie wenig Möglichkeiten sie nur haben, es selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Und dennoch halten sie die Gesellschaft zusammen.

    Gaskell ist nicht annähernd so brillant wie die aus der vorherigen Generation stammende Jane Austen, aber durchaus ein gewichtiger Teil der literarischen Generation um die Brontes, Dickens, George Eliot und Thackeray, nicht mit ihnen auf der gleichen Stufe, aber in einzelnen Szenen doch zu ihnen aufschließend.

    Ein dicker Wälzer von über 800 Seiten, aber durchaus lesenswert!