Psychoanalytische Literaturbetrachtung

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Es gibt 18 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Marlino.

  • Hallo zusammen!


    Ausgangspunkt dieses Threads ist dieses Posting im Kafka-Thread. Vielleicht lohnt sich ja eine spezielle Diskussion?


    Was haltet Ihr von der psychoanalytischen Betrachtung? Meiner Meinung nach kann sie durchaus Resultate liefern. Allerdings sollte sie nicht überschätzt werden, und der Königsweg zum Literaturverständnis ist sie wohl kaum. Eine Zeitlang war Freud für die klassische Literatur ja durchaus Mode, Jung für die Analyse von Märchen und Sagen ...


    Grüsse


    ein auf Eure Meinungen gespannter
    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Ich habe den Thread nicht gelesen, moechte aber zu Bedenken geben, das Psychoanalyse nach heutigen wissenschaftlichen Massstaeben eine Pseudowissenschaft ist (auch wenn Psychoanalysten das nicht so gerne hoeren moegen).

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Sehe ich ähnlich. Und wenn die Psychoanalyse am lebenden Objekt schon zu äußerst fragwürdigen Ergebnissen kommt, was soll dann erst dabei herauskommen, wenn der Analyst nicht den "Patienten" analysiert, sondern etwas, das dieser mit einer dem Analysten vielleicht gar nicht bekannten Intention geschrieben hat?

  • Gut man kann mithilfe von Prychologie und Psychoanalyse so seine Rückschlüsse auf den Autor ziehen aber diese dann wirklich der Wahrheit entsprechen zumal man ja den eigentlich Autor nicht in Wirklichkeit miteinbezieht sondern nur seinen Text benutzt bleibt dahingestellt.

  • Hallo,


    vor Urzeiten habe ich einmal in einer Sammlung zu unterschiedlichen Methoden der Literaturbetrachtung eine psychoanalytische "Interpretation" von Kafkas Verwandlung gelesen.
    Ich fand das abstoßend und denke auch heute noch, dass diese Art der Interpretation die Intimsphäre auch und gerade verstorbener Autoren verletzt: Die können sich ja nicht mehr dagegen wehren. Außerdem ist es gerade in der Literatur wohl der falsche Ansatz, bewusst gesetzte Allegorien und andere sprachliche und inhaltliche Mittel im Wesentlichen auf Triebsteuerung zurückzuführen.


    HG
    finsbury

  • Zitat von "HoldenCaulfield"

    Gut man kann mithilfe von Prychologie und Psychoanalyse so seine Rückschlüsse auf den Autor ziehen aber diese dann wirklich der Wahrheit entsprechen zumal man ja den eigentlich Autor nicht in Wirklichkeit miteinbezieht sondern nur seinen Text benutzt bleibt dahingestellt.


    Psychologie ist etwas gänzlich anderes als Psychoanalyse! Psychologie gilt als exakte Wissenschaft. Aber auch da gilt: das gesprochene Wort sagt viel mehr über einen Autor aus als dessen geschriebenes Wort (schließlich haben Wörter nicht nur Denotationen, sondern auch Konnotationen)

  • Hallo zusammen, hallo Sandhofer,


    also, ich glaube, wir müssen differenzieren :breitgrins:. So leicht, wie es scheint, kann man das Verhältnis von Literatur und Psychoanalyse nicht beschreiben. Ich will versuchen, einen ganz groben Rahmen abzustecken, so wie er sich mir darstellt.


    Es gibt selbstverständlich die Literaturbetrachtung, die aus der Psychoanalyse als psychiatrischer Praxis heraus entwickelt worden ist. Freud hat Kunstwerke jeder Art als Sublimierung von vorher Verdrängtem begriffen und Texte eigentlich nur noch auf ihre unbewusste Tiefenstruktur hin abgeklopft: Der Text war eine Oberfläche, die es galt zu durchschauen, um an die dahinter liegende verdrängte Realität zu gelangen. Und die erlaubte dann den unverstellten Blick auf den Autor und hatte meist etwas mit unterdrückten Trieben, Kastrationsangst u. dgl. mehr zu tun.


    Die jungianische Psychoanalyse hat das alles noch einmal radikalisiert, indem sie ein kollektives Unbewusstes unterstellt, das wir angeblich alle teilen. Die freudianische PA hält sich hingegen immer sehr bedeckt, wenn es darum geht zu erklären, woher das Unbewusste eigentlich kommt, ob es von Geburt an da ist oder erworben wird, wie persönlich bzw. wie universell es ist. Bei Jung war alles klar, unser aller psychische Entwicklung steht auf gemeinsamen, nicht hintergehbaren psychischen Tiefenstrukturen und vor allem: Symbolstrukturen.


    Aber die PA wurde natürlich auch in die entgegengesetzte Richtung weiterentwickelt. Sehr einflussreich etwa von Jacques Lacan, der davon ausgeht, dass das Unbewusste sprachlich strukturiert ist und zwar im Sinne eines arbiträren Zeichenkonzepts, dh es gibt keine zwangsläufige Verbindung von Bedeutendem (dem Zeichenmaterial) und Bedeutetem (dem Inhalt, den wir mit einer bestimmten Zeichengestalt, also einem bestimmten Wort, verbinden). Diese Überlegung lenkt den Blick auf die symbolische Ordnung selbst, in der ein Text entstanden ist bzw. in der er gelesen wird.
    Viele sehr fruchtbare Ansätze der Literaturwissenschaft sind genau aus diesem Bruch mit dem "eigentlich geschriebenen Wort" entstanden: Lesende und Schreibende sind abhängig von dem Kontext, in dem sie lesen oder schreiben. Und es gehört dabei wohl zur Sprache, dass man sie ein sehr großes Stück weit unbewusst gebraucht, sich also gar nicht klar ist, von welchen Selbstverständlichkeiten man beim Schreiben oder Lesen so ausgeht.


    Eine an diesen Erkenntnissen orientierte Literaturbetrachtung führt weg vom Autor. Sie problematisiert für den Sprachgebrauch die klare Zuordnung eines Sinns zu einem sprachlichen Element.
    Das ergibt für sich genommen natürlich noch keine Interpretation, aber es lenkt meine Interpretation in eine ganz andere als die klassisch hermeneutische Richtung.


    Und noch ein letzter Gedanke: Ganz abgesehen vom Gebrauch der PA als Methode oder theoretische Grundlage, ist sie natürlich als kultureller Fundus extrem bedeutsam. Dh ich kann sie motivisch in sehr vielen Texten finden.


    Herzlich, B.

  • Zitat von "chil"


    Psychologie ist etwas gänzlich anderes als Psychoanalyse! Psychologie gilt als exakte Wissenschaft.


    Lieber Chil,


    also bei der Psychologie als "exakter Wissenschaft" wirds mir persönlich eigentlich wieder mulmig.


    Gruß Martin

  • Zitat von "finsbury"

    Hallo,


    vor Urzeiten habe ich einmal in einer Sammlung zu unterschiedlichen Methoden der Literaturbetrachtung eine psychoanalytische "Interpretation" von Kafkas Verwandlung gelesen.
    Ich fand das abstoßend und denke auch heute noch, dass diese Art der Interpretation die Intimsphäre auch und gerade verstorbener Autoren verletzt: Die können sich ja nicht mehr dagegen wehren. Außerdem ist es gerade in der Literatur wohl der falsche Ansatz, bewusst gesetzte Allegorien und andere sprachliche und inhaltliche Mittel im Wesentlichen auf Triebsteuerung zurückzuführen.


    HG
    finsbury


    Lieber Finsbury,


    ich bin da ein bißchen zwiespältig. Also ich denke, der enorme Erfolg der Psychoanalyse ( die ich wiegesagt sehr skeptisch sehe), hatte mit Sicherheit auch etwas damit zu tun, daß Triebe tatsächlich auch sehr verdrängt und unterdrückt wurden. Sicher ist so ein Begriff wie Sexualtrieb in gewissem Maße schon fragwürdig. Menschliche Sexualität ist etwas anderes als tierische. Sie hat zum Beispiel auch etwas mit Intimität zu tun. In welchem Sinne wir sexuell gepolt sind, lassen wir auch Intimität zu. In diesem Sinne ist Sexualität für mich mehr als "Trieb".


    Wie auch immer: Der Hintergrund des Erfolgs der Psychoanalyse war sicher auch, daß das überhaupt sehr "wilde Zeiten" waren. Also wenn ich da an Jim Morrison denke ( Leadsänger von den Doors), der da im Song "The End" schrie: "Father, I want to kill you. Mother, I want to rape you." ( welche Größe der heutigen Popmusik würde sich das heute noch trauen?) - das war wirklich schon eine wilde Zeit. Psychoanalyse mit ihrem "wissenschaftlichen Anstrich" wurde da sicher gerne aufgenommen, um dem Aufbruch aus "kleinbürgerlichen Verdrängungen" einen festen Grund zu geben.


    Mit der von Dir angesprochenen Intimsphäre ist das auch so eine Sache. Zu jenen Zeiten - habe ich so den Eindruck - war auch die Intimshäre sicher schon als eine Art "kleinbürgerliches Relikt", das man im Grunde weghaben wollte. Also Intimsphäre als Hort der Verdrängung und Domestizierung.


    Es sind zu jenen Zeiten ja auch sehr fragwürdige Sachen gemacht worden. Im Zuge der "Entgrenzung" des Sexuellen wurden Kinder nicht nur sozusagen dazu angehalten, sexuelle Wesen zu sein, sondern es wurde dann auch die Entgrenzung von kindlicher und erwachsener Sexualität gesucht. Von dieser Ideologie der Befreiung dürften die Pädophilen heute noch träumen und daß das heute schon als mehr als bloß "fragwürdig" gesehen wird, ist ja gar keine Frage.


    Die von Dir gelesene psychoanalytische Auslegung von Kafkas "Die Verwandlung" kenne ich natürlich nicht. Schon vorstellbar, daß sie auch ein wenig albern auf Freudschen Lieblingsideen herumreitet. Trotzdem gebe ich zu bedenken, daß man eigentlich nicht so recht weiß, was Kafka dazu gesagt, ob er denn selber ein so unbedingter Verfechter bürgerlicher Intimitätsbegriffe gewesen wäre.


    Heute hatte ich zum Beispiel ein Gespräch mit einen Arbeitskollegen aus der ehemaligen DDR. Der sagte mir, daß in der DDR wie auch in anderen kommunistischen Staaten, Kafka nicht öffentlich zugänglich gewesen wäre - wie auch Freud. Da aber Freud wie Kafka sicher weder Faschisten und auch keine Imperialisten und sicher auch keine Kapitalisten waren, fragt man sich schon, warum denn Kafka wie Freud solche offensichtlich bedrohlichen Autoren waren. Da kommt man dann schnell dazu, daß sowohl Freud wie auch Kafka offensichtlich bedrohlich auch für das "gesunde Volksempfinden" linker Prägung waren.


    Insofern - ich weiß nicht, was Kafka zu einer psychoanalytischen Deutung seiner Werke gesagt hätte!! Ich würde es gar nicht für ausgemacht halten, daß er sich so sehr über die "Verletzung der Intimsphäre" beklagt hätte. Er hätte eine solche Interpretation vermutlich schon für ein bißchen zu kurz gegriffen gehalten, aber ich halte ihn nicht für einen Autoren "bürgerlicher Ehrbegriffe", sondern für einen durchaus kühnen Autoren, der es sich sicher auch getraut hat, in den Abgrund menschlicher Beziehungen hineinzusehen.


    Gruß Martin

  • ich habe noch nie viel von psychoanalyse im allgemeinen und von pa in der literaturwissenschaft gehalten. ein aufsatz über effi briest die angeblich schwangerschftsdepressionen hatte, hat mir das sehr verleidet.


    es ist war, dass man manchmal damit interessante dinge über einen text erfahren kann, da will ich nicht widersprechen, aber im allgemeinen bin ich dagegen leute zu analysieren und erst recht leute die fiktiv sind, bzw. autoren die ich gar nicht kenne.

    "Ganze Literaturen wären nicht, riegelten die Maedchen ihre Türen auf" Kurt Tucholsky

  • Hallo Martin,


    zunächst herzlichen Dank für deine ausführliche Stellungnahme.

    Zitat von "Marlino"

    ich bin da ein bißchen zwiespältig. Also ich denke, der enorme Erfolg der Psychoanalyse ( die ich wiegesagt sehr skeptisch sehe), hatte mit Sicherheit auch etwas damit zu tun, daß Triebe tatsächlich auch sehr verdrängt und unterdrückt wurden.


    Da gebe ich dir völlig Recht. Ich halte es auch für legitim, dass auch mithilfe psycholanalytischer Methoden bestimmte gesellschaftliche Verhaltensweisen untersucht werden.
    Auch die Berücksichtigung der soziohistorischen Faktoren, die das Aufleben dieser Sichtweisen begünstigte, ist völlig in Ordnung.


    Was mich abstößt, ist, wenn ein künstlerisch bewusst gestalteter Text auf Persönlichkeitsstörungen des Autors und seiner Familie abgeklopft wird.


    Leider finde ich das Buch im Augenblick nicht mehr: Es hieß, meine ich, "Methoden der Literaturwissenschaft" und hatte noch viel bedenklichere Beispiele von fehlgeleiteten Analysemethoden wie z.B. einen rassistischen Gedichtvergleich der Lorelei-Gedichte von Eichendorff und Heine.


    Aber zurück zur Interpretation der "Verwandlung": Wenn ich mich recht entsinne, wurde der verwesende Apfel in Gregor Samsas Insektenrücken als Symbol für die anale Fixierung des Autors und seine verdrängten Wünsche in Bezug auf seinen Vater gedeutet.
    Und so was ist für mich schon eine Verletzung der Intimsphäre: Das kann man ja auf einer Couchsitzung zwischen Analytiker und Patient besprechen und vielleicht auch verallgemeinern auf gesellschaftliche Triebverdrängungen: Ich finde aber, dass es zu weit geht, solche Dinge als ernst gemeinte Literaturanalyse ohne Zustimmung des betroffenen Autors zu veröffentlichen, auch und gerade, wenn dieser schon tot ist.


    Zitat von "Marlino"

    Die von Dir gelesene psychoanalytische Auslegung von Kafkas "Die Verwandlung" kenne ich natürlich nicht. Schon vorstellbar, daß sie auch ein wenig albern auf Freudschen Lieblingsideen herumreitet. Trotzdem gebe ich zu bedenken, daß man eigentlich nicht so recht weiß, was Kafka dazu gesagt, ob er denn selber ein so unbedingter Verfechter bürgerlicher Intimitätsbegriffe gewesen wäre.


    Ich glaube, dass gerade Kafka, der mit Sicherheit kein bürgerlich-restaurativer Autor war, dennoch sehr betroffen auf eine solche Interpretation reagiert hätte.


    Im Übrigen denke ich, dass wir sicherlich sehr froh sein können über das, was an Freiheiten durch die sexuelle und andere Revolutionen der 60er Jahre geschaffen wurde: Das darf aber nicht davon abhalten, dass man Fehlentwicklungen ablehnt, wie du selbst am Beispiel der Päderastie erläutert hast. Die Freiheit hört da auf, wo sie die Persönlichkeitsrechte von anderen verletzt.


    HG
    finsbury

  • Zitat von "Marlino"

    Lieber Chil,


    also bei der Psychologie als "exakter Wissenschaft" wirds mir persönlich eigentlich wieder mulmig.


    Gruß Martin


    LiebE bitteschön
    Was du unter Psychologie verstehst, weiß ich nicht, allerdings ist Psychoanalyse erwiesenermaßen nicht so aussagekräftig, wie Freud das gern hätte.

  • Hallo!


    chil: Ich studier dasselbe und ich kann deiner letzten Aussage schon auch zustimmen, aber ganz entfernt von der Realität lag Freud ja auch nicht. Und ja, Psychologie ist nicht gleich Psychoanalyse. Und ja, Pychoanalyse wird belächelt, Verhaltenstherapie hoch gelobt. Es gab auch Zeiten, da war es anders. Und ich glaube nicht, dass die momentan verbeitete allgemeine Ansicht schon der Endzustand ist...


    Aber ich glaube, das ist OT und gehört gar nicht in diesen Thread. Also Sandhofer, sorry :redface:, dass wir nicht zu deinem wirklich guten Thema beitragen!


    Liebe Grüße,
    melima

  • Zitat von "melima"

    Und ja, Psychologie ist nicht gleich Psychoanalyse. Und ja, Pychoanalyse wird belächelt, Verhaltenstherapie hoch gelobt. Es gab auch Zeiten, da war es anders. Und ich glaube nicht, dass die momentan verbeitete allgemeine Ansicht schon der Endzustand ist...


    Das denke ich auch. Was die Psychologen im moment so treiben, weiß ich selbstverständlich nicht. Nur wenn hier von Chil die Rede ist von "Psychologie als exakter Wissenschaft", die nun angeblich die Psychoanalyse abgelöst haben soll, dann kann ich dazu nur sagen: Die Methoden haben gewechselt - die Aroganz ist geblieben, denn mit genau der Aroganz, Wissenschaft zu sein ist die Psychoanalyse auch aufgetreten.


    Und wenn Chil mich fragt, was ich unter Psychologie verstehe. Ist das so wichtig? Psychologie ist zunächst einmal ein völlig ungeschützter, freier und allgemeiner Begriff und bedeutet doch wohl die Beschäftigung mit der Seele oder auch Psyche, mit Gefühlen, Gefühlsregungen und dergleichen.


    Was Du unter Psychologie verstehst, weiß ich allerdings nicht. Das wird vermutlich irgendeine akademische Kiste sein. Von akademischer Psychologie verstehe ich allerdings nichts und sie interessiert mich auch nicht in dem Maße. Daß sie sich wissenschaftlicher Methoden bedient, mag schon sein, letzlich befindest Du Dich bei der Beschäftigung mit der menschlichen Psyche nicht auf dem Boden der "harten Wissenschaften" sondern der Geisteswissenschaften. Und Du kannst die menschliche Psyche wie ein wissenschaftliches Phänomen betrachten und analysieren, das ändert aber nichts daran, daß die menschliche Psyche kein wissenschaftliches Phänomen ist sondern ein geistiges, dem Geist verbundenes.


    Zum Thema Kafka zitiere ich hier noch mal den Beitrag, den ich unter Kafka gepostet hatte:



    In Bezug auf unser Thema hier: Ich glaube nun wirklich nicht, daß Kafka jede noch so weit her geholte psychoanalytische Deutung seiner oder anderer unterschrieben hätte. Aber er stand ihr vermutlich auch weniger fern, als mancher hier denkt. Nur zog er sicher aus der Psychoanalyse andere Konsequenzen als die Analytiker.


    Gruß Martin

  • Hallo!


    Zitat von "sandhofer"

    Was haltet Ihr von der psychoanalytischen Betrachtung? Meiner Meinung nach kann sie durchaus Resultate liefern.


    Gar nichts. Ich habe in meiner Diplomarbeit nach wissenschaftstheoretischen Kriterien verschiedene literaturwissenschaftliche Methoden untersucht. Die Psychoanalyse kam dabei besonders schlecht weg. Aus heutiger Sicht ist sie eine Pseudowissenschaft, die strukturell mehr mit einer Religion als einer wissenschaftlichen Theorie gemein hat. So ist die klassische PA nicht falszifizierbar, der Tod jeder seriösen Theorie.


    Die Kriterien, die ich für die Untersuchung verwendete finden sich hier:


    http://www.koellerer.de/diplausz.html


    CK

  • Lieber Xenophanes,


    das, was jemand über einen literarischen Text zu sagen hat, inwiefern er ihn deutet, muß für mich plausibel sein. Das ist allerdings bei der Psychoanalyse nicht immer der Fall, weshalb ich sie denn auch skeptisch sehe.


    Inwiefern die "Literaturwissenschaft" die Psychoanalyse ablehnt oder auch nicht, ist eine Angelegenheit, die ich mit äußerster Gelassenheit sehe. Möglicherweise sind die Geisteswissenschaften im moment so ein bißchen auf dem Wissenschaftlichkeitstrip, aber von dem werden sie sicher auch mal wieder runter kommen.


    Ehrlich gesagt interessieren mich wissenschaftliche Aussagen über Literatur nicht die Bohne. Und die Psychoanalyse ist nun wirklich etwas älteres als jeder literaturwissenschaftliche Trend. Und sofern sie kritikfähig bleibt oder wird, denke ich, daß der Ansatz als solcher durchaus eine Zukunft hat, eben weil er im Humanen bleibt und dies wird doch letztenendes immer das sein, was einen - auch in der Literatur - interessiert.


    Gruß Martin

  • Hallo!


    Zitat von "Marlino"

    Möglicherweise sind die Geisteswissenschaften im moment so ein bißchen auf dem Wissenschaftlichkeitstrip, aber von dem werden sie sicher auch mal wieder runter kommen.


    Das wäre schön, leider ist das Gegenteil der Fall.


    Zitat von "Marlino"


    Ehrlich gesagt interessieren mich wissenschaftliche Aussagen über Literatur nicht die Bohne.


    Während die Wissenschaftsfeindlichkeit offenbar nach wie vor en vogue ist.


    CK

  • Lieber Xenophanes,


    ich habe überhaupt nichts gegen Wissenschaften. Nichts gegen die harten Wissenschaften, denn diese beschäftigen sich mit wissenschaftlichen Gegenständen.


    Ich habe auch nichts dagegen, wenn man sich in den sogenannten weichen Wissenschaften, Geisteswissenschaften, Humanwissenschaften um den Begriff des Wissens Gedanken macht. Wobei der eigentliche Ort dafür m.E. immer noch die Philosophie ist.


    Vielleicht war dieses "das interessiert mich nicht die Bohne" auch wirklich ein bißchen hart.


    Die Sache ist nur eben die: Da schreibt als ein Autor, ein kluger oder dummer, ein begabter oder unbegabter, ein phantasievoller oder ein phantasieloser einen Text. Und ein anderer Mensch, der ebenso klug oder dumm, begabt oder unbegabt, phantasielos oder phantasievoll sein kann liest ihn und versteht ihn - oder auch nicht, oder auch nur auf einer ganz bestimmten Ebene.


    Das Verständnis eines Textes hat für mich dann aber eben nicht mit wissenschaftlichen Theorien zu tun, sondern in das Verständnis eines Textes bringe ich eigentlich mich selbst als Persönlichkeit ein: meine Erfahrung, auch mein Wissen - selbstverständlich -, meine Klugheit meine Weltsicht. Für "Wissenschaftlichkeit" ist für mich da nur sehr wenig Platz.


    Letzlich ist Literatur auch nur ein "Spezialfall" menschlicher Interaktion. Und auch in der normalen, weniger speziellen Form menschlicher Kommunikation werden wir menschliches Verständnis nicht an "theoretischen Maßstäben" messen. Sowenig wie wir die Weisheit eines Menschen an seiner "wissenschaftlichen Korrektheit" festmachen würden.


    Dies alles gesagt, ist es für mich selbstverständlich, daß ich die Psychoanalyse als "alleinseligmachende Sichtweise" nicht gelten lassen kann. Dann wird sie in der Tat zur Pseudowissenschaft. Aber als eine bestimmte Sichtweise, die neben vielen Fehltreffern vielleicht auch mal ins Schwarze treffen kann - warum nicht. Ich halte auch nicht viel von Theorien des Klassenkampfes, aber ich würde deshalb trotzdem auch nicht ausschließen, daß ich von einem Marxisten vielleicht auch mal etwas lernen kann. Und auch religiöse Betrachtungen mögen einmal Sinn machen. Ich bin nämlich zunächst einmal bereit, mir jede Sichtweise, jede "Interpretation" einmal anzuhören, ohne sie deshalb gleich zu eigen zu machen, ohne sie aber auch gleich als unwissenschaftlich abzutun, denn eine solche "wissenschaftliche Katharsis" würde dann allerdings mein Repertoire an möglichen Ebenen des Verstehens doch sehr einschränken. Und das fände ich inhuman.


    Gruß Martin