Nell Leyshon - Die Farbe von Milch

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    Nell Leyshon - Die Farbe von Milch

    Eisele Verlag, September 2017

    208 Seiten; EUR 18,- (Hardcover)

    ISBN 978-3-96161-000-6

    Originalsprache: englisch

    Originaltitel: The Colour of Milk



    Die fünfzehnjährige Mary lebt mit ihren Eltern und Schwestern in sehr ärmlichen Verhältnissen. Der entbehrungsreiche Alltag auf dem Hof ist geprägt von harter Arbeit, der auch die Jüngste, Mary, nicht entkommt. Statt zur Schule gehen, muss sie bei schwerer körperlicher Arbeit mit anpacken und in der teilweise mehr als rauen Atmosphäre zurechtkommen. Doch dann ändert sich alles - der Dorfpfarrer bittet um Hilfe für seine Frau und die Wahl des Vaters fällt auf Mary, da sie aufgrund einer körperlichen Beeinträchtigung und einem verhältnismäßig gutem Selbstbewusstsein sowieso ein Dorn im Auge ist. Das Mädchen soll die Schwerkranke pflegen, ihr Gesellschaft leisten und im Haushalt helfen - dafür erhält ihr Vater entsprechenden Lohn vom Pfarrer. Auch wenn es so wirkt, als solle Mary verkauft werden, so verändert sich für das Mädchen nun einiges zum Positiven: ganz plötzlich erfährt sie Beachtung und Gutmütigkeit. Doch dann stirbt die Pfarrersfrau und Marys Leben nimmt eine dramatische Wendung…


    Der Roman ist aus der Sicht Marys geschrieben - einem jungen Mädchen im Jahre 1831, das bis vor kurzem weder Lesen noch Schreiben beherrschte. Entsprechend einfach ist die Sprache, entsprechend schlecht die Zeichensetzung. Anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, empfand ich dieses Stilmittel der Autorin als geglückt, da es die Geschichte noch ein Stück authentischer gemacht hat. Überhaupt empfinde ich den Roman als sehr feinsinnig - vor allem was die Hauptfigur Mary angeht. Nicht selten hätte ich die Fünfzehnjärige gerne getröstet, ihr Mut zugesprochen, um dann immer mehr festzustellen, dass Mary eine echte Persönlichkeit ist, die durchweg geraderaus, mutig und selbstsicher und vor allem mit ihrer wissbegierigen und ehrlichen Art richtig sympathisch ist.


    „Die Farbe von Milch“ hat mich aufgrund des ungewöhnlichen Erzählstils, einer realistischen Geschichte und der überraschend zielstrebigen Heldin beeindruckt. Nell Leyshon hat einen erschütternden Roman vorgelegt, der gleichzeitig auch voller Hoffnung ist. Eindringlich und berührend kommt die Geschichte daher - und klingt noch lange nach.


    Eine glasklare Leseempfehlung!


    5ratten und ein :tipp:

    Liebe Grüße

    Tabea

  • „Und dann schloss ich die Augen doch mein Herz schlug schnell vor Aufregung und obwohl mein Körper ganz still im Bett lag tobte mein Geist wild herum und wollte nicht stellstehen, als wäre er eine Biene im Sommer.“ (S. 79)

    Mary ist jung, als sie zwangsweise ihr Leben hinter sich lassen muss und an einen neuen Ort kommt: Von der elterlichen Farm, auf der das Leben hart aber vorhersehbar ist, in den Haushalt des Pfarrers, um dessen kranke Frau zu pflegen. Die Geschichte der darauf folgenden Geschehnisse erzählt sie selbst aus der Perspektive der ein Jahr älteren Mary – und man wird das Gefühl nicht los, dass zwischendurch etwas Gravierendes geschehen ist.


    Es hat wirklich eine ganze Zeit gedauert, bis ich mich an den doch sehr eigenwilligen Stil in „Die Farbe von Milch“ gewöhnt habe, und obwohl dieser sicherlich zur Atmosphäre beiträgt, bin ich mir nicht sicher, ob es meiner Meinung nach nicht auch ein allwissender Erzähler getan hätte. Aber es ist wie es ist, und irgendwann hatte ich mich dann auch an die fehlenden Kommata gewöhnt.


    Während also die Aufmachung es mir erst schwer machte, in das Buch einzutauchen, war die Handlung schon deutlich ansprechender: Zunächst scheint das Leben auf dem Bauernhof hart und grausam zu sein, was für mich als unbeteiligte Leserin das Gefühl aufkommen ließ, das Leben im Pfarrhaus sei deutlich erstrebenswerter; langsam tritt jedoch die Erkenntnis ein, dass die Vorhersehbarkeit des Farmlebens im Pfarrhaus völlig fehlt, und ab dem Moment hatte mich das Buch fest im Griff.


    Mary ist klug, trotz der widrigen Umstände, und häufig klüger als es gut für sie ist. Diese Idee hat mir sehr gut gefallen, denn ich kann mir gut vorstellen, dass ein Leben wie ihres in der Geschichte unserer Gesellschaft häufiger vorkam als man wahrhaben möchte. Die meisten anderen Charaktere scheinen mehr oder weniger (eher mehr) eindeutig im übermächtigen sozialen Gefüge und den Gepflogenheiten der damaligen Zeit (immerhin spielt sich die ganze Geschichte in einem Bauerndorf des 19. Jahrhunderts ab) zu stecken und zeigen auch keine Ambitionen, diesen Umstand zu ändern oder auch nur darüber nachzudenken.

    „Du solltest weniger drauf schauen was andere Leute machen, sagte ich, und lieber selbst mehr machen.“ (S. 9)

    „Oh Mary, sagte sie. Ich will kein Morgen und ich will nicht dass die Zeit jemals weiterläuft.“ (S. 67)

    „Die Farbe von Milch“ war überraschend grausam, überraschend ehrlich und überraschend schmerzhaft, dabei jedoch ein Buch, bei dem ich froh bin, es gelesen zu haben. Gerade die Betrachtung aus dem Blickwinkel der Frauenrechte zeigt hier, dass ein Buch, das in einem historischen Kontext angesiedelt ist, durchaus auch für unser Leben Erkenntnisse bieten kann.

    4ratten

  • Genau so, wie Du es in Deinem letzten Absatz schilderst, ist es mir mit diesem Buch auch gegangen, Bücherbelle. Ein sehr beeindruckendes Buch.


    Den Schreibstil fand ich allerdings ungemein passend - und die Sache mit den Kommas einen guten Kunstgriff, um das "Ungeübte" darzustellen, da orthographische Fehler in einem Romantext halt wirklich nicht "gehen".


  • Mary ist 15 Jahre alt und lebt mit ihren Schwestern auf dem Hof der Eltern. Ihr Leben ist geprägt von Arbeit und den ständigen Vorwürfen des Vaters, dass er keinen Sohn bekommen hat, der auf dem Hof richtig zupacken kann. Als der Dorfpfarrer eine Haushaltshilfe für seine kranke Frau benötigt, wird Mary als Jüngste und dazu noch gehbehindert, vom Vater gegen Entlohnung abgegeben. Schnell wird im Haushalt des Pfarrers bemerkt, dass Mary mehr als eine Bauerntochter mit schlichtem Gemüt ist. Mary erfährt Zuneigung und Aufmerksamkeit. Als die Frau des Pfarrers stirbt, ändert sich erneut alles.


    Das Leben eines Mädchens im 19. Jahrhundert, noch dazu aus ärmlichen Verhältnissen, ist zentrales Thema von "Die Farbe von Milch".
    Das Buch ist aus der Sicht von Mary, jener 15-jährigen geschrieben, die anders als ihre Schwestern, aufgeweckt, wissbegierig, direkt und keinesfalls schüchtern ist. In der damaligen Zeit sind diese Eigenschaften, noch dazu beim weiblichen Geschlecht, auffällig und nicht überall gern gesehen.
    Der Vater von Mary lenkt seine Frauen mit strenger Hand. Die Brutalität erschreckt an einigen Stellen, Liebe und Zuneigung sind Fremdwörter im Leben der Familie.


    Das Buch ist aus der Ich-Perspektive von Mary geschrieben und das macht die ganze Handlung für mich noch eindringlicher. In schlichten Worten erzählt Mary ihre Geschichte. Wenn man sich auf den eingangs etwas holprig erscheinenden Stil eingelassen hat, erlebt man hautnah mit, wie es Mary geht und was sie fühlt, welche Wünsche und Hoffnungen sie hat und was ihre Umwelt mit ihr macht.

    Mary hat mich berührt und ich hätte gerne ihre Hand genommen und ihr gesagt, dass alles gut wird.
    Als Mary dann quasi vom Vater an den Pfarrer verkauft wird, ändert sich vieles für Mary. Die schwerkranke Ehefrau des Pfarrers und auch der Pfarrer selbst erkennen, dass Mary etwas besonderes ist.


    "Die Farbe von Milch" hat mich berührt. Eine ergreifende, tiefgründige und sensible Geschichte in einem besonderen Erzählstil, die ich jedem, der ausserhalb des Mainstreams etwas lesen möchte, sehr empfehle.


    5ratten

    Das sind keine Stirnfalten. Das ist ein Sixpack vom Denken.

    Einmal editiert, zuletzt von Delena ()

  • 1830: Mary wächst als jüngstes Kind mit drei Schwestern auf einem Bauernhof auf. Anders als ihre Schwestern, kann Mary weniger gut auf dem Hof mitarbeiten, denn sie hat eine Behinderung. So beschliesst der Vater eines Tages, dass Mary als Haushälterin in das Pfarrhaus geht. Dort muss sie sich nicht nur um Küche und Haushalt, sondern auch um die kranke Frau des Pfarrers kümmern.



    Der Schreibstil in diesem Buch ist es, was es wohl zu etwas ganz Besonderen macht. Da man als Leser von Beginn weg weiss, dass Mary, die mit Mühe schreiben und lesen kann, ihre Erlebnisse aufschreibt, erwartet man keine literarischen Höchstleistungen. Denn Mary ist ein Bauernmädchen um 1930, das keine Schule besucht hat. Das entbehrungsreiche Leben und Arbeiten auf dem Hof stand immer im Vordergrund, Bildung war zweitrangig. So ist die Sprache sehr einfach, fast derb gehalten. Eigentlich gehörten der Authentizität wegen, wohl noch viele Fehler in Marys Text. Doch davon hat die Autorin Abstand genommen. Passend zu der erzählenden Person ist der Schreibstil allemal.

    Leider erfährt man nicht genau, was Mary für eine Behinderung hat, diese wird wohl bewusst vage gehalten. Denn der Fokus dieser Story liegt auf anderem. Wie zum Beispiel die Töchter vom Vater lieblos als Mägde behandelt werden…immer mit dem Hintergedanken, dass Söhne noch mehr hätten leisten können. Das Frauenbild der damaligen Zeit drückt voll durch und auch wenn ich weiss, dass Töchter früher weniger galten, schockiert es mich in jedem Buch aufs Neue. Hier sehr subtil, jedoch auch sehr deutlich gezeichnet.

    Die Handlung ist eher ruhig, auch ist Mary nicht besonders gut darin, ihre Gefühle zu beschreiben. Was in anderen Büchern flach und leer daher kommt, macht in "Die Farbe von Milch" den Reiz aus. Gerade die ruhige Handlung, lässt einen lange gespannt warten, was denn da noch kommt. Und sensibler auf die Interaktionen von Mary mit den verschiedenen Figuren reagieren. Obwohl Mary nicht direkt ihre Gefühle beschreibt, spürt man sehr deutlich, wie sie zum Beispiel zu Beginn im Pfarrhaus unter Heimweh leidet. Sehr ausdrucksstark, wenn ich auch nicht weiss, wie die Autorin das in all dem kargen und einfach gehaltenen Schreibstils geschafft hat.

    Leider hat mich die Geschichte, das dahinplätschern der Handlung, sowie die etlichen Wiederholungen gegen Mitte des Buches doch etwas gelangweilt. Zudem steuert die Handlung auf den grossen Knall zu, den man unweigerlich kommen sieht. Eine überraschende Wendung ganz am Schluss empfand ich hingegen wieder als sehr gut gemacht. Mir hat leider eine andere und zusätzliche Erzählperspektive gefehlt. So bleiben, abgesehen von Mary, die andern Figuren blass.

    Das Buch ist mit 208 Seiten nicht besonders lang. Das ist auch gut so, denn ich denke, wenn es noch 100 Seiten in dem Stil weiter gegangen wäre, hätte ich wohl es nicht zu Ende gelesen.

    Etwas versöhnt hat mich, dass sich gegen Schluss Fragen, wie zum Beispiel, wie Mary schreiben gelernt hat, aufgelöst werden. Auch das überraschende Ende, in dem die Zukunft von Mary angedeutet werden, hat mir sehr gut gefallen.

    4ratten

    Einmal editiert, zuletzt von Igela ()

  • „Die Farbe von Milch“ hat mich aufgrund des ungewöhnlichen Erzählstils, einer realistischen Geschichte und der überraschend zielstrebigen Heldin beeindruckt. Nell Leyshon hat einen erschütternden Roman vorgelegt, der gleichzeitig auch voller Hoffnung ist. Eindringlich und berührend kommt die Geschichte daher - und klingt noch lange nach.

    Hab das Buch auch vor ein paar Tagen gelesen und denke noch darüber nach. Besonders gut gefallen hat mir die geradlinige Art von Mary, wie sie das Leben und die Vorgänge um sich herum genau beobachtet und bewertet, manchmal fast poetisch beschreibt und wie mutig und direkt, trotz des harten Lebens und der uneingeschränkten Dominanz der Männer, sie ihre klare Sicht der Dinge auch äußert , trotz der zu erwartenden Konsequenzen. Eine Protagonistin die man nicht so schnell vergißt!


    „Und dann schloss ich die Augen doch mein Herz schlug schnell vor Aufregung und obwohl mein Körper ganz still im Bett lag tobte mein Geist wild herum und wollte nicht stillstehen, als wäre er eine Biene im Sommer.“ (S. 79)


    Dieser Satz den auch bücherbelle zitiert hat, steht für ihren Verstand und ihr ganzes Wesen - Mary ist in den Konventionen und Machtgefügen ihrer Zeit gefangen und an ihr vorgegebenes Leben gekettet, aber sie spürt, daß dies nicht alles ist was die Welt ihr geben könnte.



    Gut gefiel mir auch der sprachlich enge Bezug zu den Jahrezeiten und der Natur, die Welt die Mary nunmal am Besten kennt.

    Auch Marys Schwestern, ihre Eltern, natürlich der Großvater, die Leute im Pfarrhaus werden obwohl teilweise nur skizzenhaft angelegt mit der Zeit als Persönlichkeiten sehr lebendig und prägen sich ein. Viele Gedanken und Gefühle der Protagonisten muß man erahnen, vieles bleibt ungesagt, auch das macht den Reiz der Geschichte aus und macht sie umso glaubhafter.


    Die Erzählweise aus Marys Sicht und in ihren Worten passte hervorragend zur Geschichte, mich haben deshalb die fehlenden Kommata und die teilweise etwas umständliche Art Sätze zu bilden nicht gestört.


    Eine der einprägsamsten Szenen ist der Morgen, an dem sich die Schwestern einige verbotene Minuten stehlen und gemeinsam den Sonnenaufgang auf einem Hügel nahe ihres heimtlichen Bauernhofs erleben. Immer wieder, an verschiedenen Stellen der Geschichte, wird einem vor Augen geführt, wie eng der den Frauen zugewiesene Teil der Welt und des Lebens zur damaligen Zeit war und wie wenig Möglichkeiten sie hatten diesem Leben zu entkommen.


    Einziger Kritikpunkt ist, daß ich leider sehr früh ahnte, worauf das Ganze hinausläuft - andererseits wollte das Buch vielleicht eben genau diese Unausweichlichkeit thematisieren.


    Eine Geschichte die unter die Haut geht und nachwirkt.


    4ratten


    Zitat:

    "Was würde ich mir wünschen wenn ich mir etwas wünschen dürfte und der Wunsch in Erfüllung gehen würde? Ich wußte es nicht. Ich wußte daß ich Wünsche und Träume hatte aber ich wußte nicht was für welche."




    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

  • Was für ein beeindruckendes Buch um ein einfaches Bauernmädchen zu Anfang des 19ten Jahrhunderts. Die junge Mary ist bei Weitem nicht die einzige, die damals das Schicksal eines harten Lebens ertragen musste. Es war zu diesen Zeiten nicht unüblich, dass die Kinder auf dem Hof mit halfen und so von morgens bis abends schufteten. An Freizeit oder Lesen und Schreiben zu lernen, war gar nicht zu denken. So war es doch ein unendliches Glück – wenn sie es auch nicht gleich so sah – dass Mary dieser Einöde entrinnen durfte, in dem sie dem Pfarrer zur Hand ging und dessen kranke Frau pflegte. Ganz allmählich führt der Herr des Hauses sie an die Welt der Bücher und des Lesens und Schreibens. Er findet in ihr eine wissbegierige Schülerin. Die Stimmung ändert sich drastisch als die Frau des Pfarrers stirbt …

    In recht einfachen Sätzen beschreibt Mary ihr Leben. Man will sie fast ein wenig emotionslos nennen, aber so hat sie es zu Hause gelernt. Da wurde um die Liebe nicht viel Federlesens gemacht. Doch Mary kann lieben, das zeigt sie ihrem alten Großvater so oft es geht. Umso schlimmer fand ich die Art, wie ihr Vater sie behandelte indem er sie an den Pfarrer nahezu verschacherte. Seite um Seite vertraut sie uns als Lesern und Hörern ihr Leben an und ganz allmählich beginnt man zu ahnen, wie die Geschichte enden wird …

    Die Sprecherin Laura Maire hat Mary genau die richtige Stimme gegeben und während des Hörens ist mir Mary sehr ans Herz gewachsen. Einfach eine wunderbare Geschichte. Mein Hörbuchhighlight des Monats!

  • Mary ist mit einem missgebildeten Bein zur Welt gekommen, was ihre Familie aber nicht daran hindert, sie ebenso wie ihre drei Schwestern zum Anpacken auf dem Bauernhof einzuspannen, so wie man es eben tut in dieser ländlichen Gegend, wo es nichts anderes gibt als Äcker und Felder und Milchkühe und das Leben fast ausschließlich aus Arbeit besteht.


    Als Mary fünfzehn ist, überlässt der Vater sie gegen eine gewisse Entlohnung dem Haushalt des Pfarrers, dessen Frau leidend ist und eine Pflegerin braucht. Widerwillig zieht Mary ins Pfarrhaus, zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie fort von zu Hause und tut sich schwer, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen, einem Haus, in dem es dicke Teppiche, schwere Vorhänge und viele Bücher gibt. Mit der Zeit wächst zwischen ihr und Mrs. Graham eine leise Zuneigung, während Mary allmählich lernt, die vielen Fettnäpfchen im Alltag zu umschiffen.


    Ralph, der Sohn der Grahams hingegen, der jedem Rock nachsteigt, ist ihr reichlich suspekt, und sie vermisst nach wie vor ihr Zuhause, insbesondere den Großvater, den einzigen, mit dem sie sich richtig unterhalten kann, der sie versteht und genauso wenig ein Blatt vor den Mund nimmt wie sie selbst.


    Und schon von der ersten Seite an wird spürbar, dass über Marys Bericht über dieses Jahr in ihrem Leben eine düster drohende Wolke hängt.


    Der Tonfall des einfachen Bauernmädchens ist perfekt getroffen, die Sprache ist schlicht, die Zeichensetzung eigenwillig, die Wortwahl nicht sehr elaboriert und voller Wiederholungen. Man erlebt Marys Welt ungefiltert durch Marys Brille und folgt dem Werdegang, den sie sich nicht selbst ausgesucht hat. Lange Zeit geschieht gar nichts Spektakuläres, man hat einfach teil an ihrem Leben, das so weit weg ist von aller Raffinesse, Bildung oder noch so bescheidenem Wohlstand.


    Dabei ist Mary weder dumm noch auf den Mund gefallen, sie hatte nur einfach nie das Glück, eine Schule besuchen zu dürfen. Ungeniert tut sie ihre Meinung kund, hält mit der Wahrheit nicht hinterm Berg und schert sich kaum darum, ob sie damit aneckt.


    In einem kitschigen Buch wäre sie sicher ein Rohdiamant, den der gütige Pfarrer und seine sanftmütige Frau zu schleifen verstehen - doch so läuft das hier ganz und gar nicht. Alles steuert auf ein böses Ende zu, so viel ist von Anfang an klar. Was jedoch tatsächlich passiert, enthüllt sich erst spät; zeitweise rechnet man schon kaum noch damit, bis es dann doch noch geschieht und unausweichlich auf einen Schluss zusteuert, der dann noch einmal zu überraschen vermag.


    Ungewöhnlich, etwas deprimierend, aber gut erzählt.


    4ratten

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Es hat wirklich eine ganze Zeit gedauert, bis ich mich an den doch sehr eigenwilligen Stil in „Die Farbe von Milch“ gewöhnt habe, und obwohl dieser sicherlich zur Atmosphäre beiträgt, bin ich mir nicht sicher, ob es meiner Meinung nach nicht auch ein allwissender Erzähler getan hätte.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht so wäre, denn das Buch bezieht seinen Reiz ja gerade aus Marys Perspektive und Ausdrucksweise.

    Einziger Kritikpunkt ist, daß ich leider sehr früh ahnte, worauf das Ganze hinausläuft - andererseits wollte das Buch vielleicht eben genau diese Unausweichlichkeit thematisieren.

    Das nehme ich an. Es ist wirklich bitter aus heutiger Sicht, Marys Geschichte zu lesen. Was hätte mit etwas Förderung und besseren Entfaltungsmöglichkeiten vielleicht aus ihr werden können?

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Ich habe den Roman auch vor ca. 2 Jahren gelesen - und fand ihn sehr beeindruckend. Dem letzten Satz von Valentine kann mich absolut anschließen!

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)