Was in der DDR gelesen wurde - Ein Lesetagebuch

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 282 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Anne.

  • Albert Lichanow: Mit guten Absichten

    Nach dem Studium geht Nadja in eine kleine nordrussische Stadt an eine Internatsschule. Doch dort winkt ihr nicht die erträumte Lehrerstelle. Sie wird Erzieherin für elternlose Kinder.


    Verlag Neues Leben Berlin, 1984

    Illustrationen: Rainer Flieger

    Neue Edition für junge Leute



    Tom Crepon: Leben und Tode des Hans Fallada

    Der Sohn des Richters Ditzen vom Reichsgericht tötet seinen Freund im Duell, das den beabsichtigten Doppelselbstmord verschleiern soll. Er kommt, als für seine Tat nicht zurechnungsfähig, in ein Sanatorium. Ein reichliches Jahrzehnt später: Der Gutsrendant Ditzen greift in die Kasse, wird zu Gefängnis verurteilt und doch wieder rückfällig.


    Hans Fallada, mit Alltagsnamen Rudolf Ditzen, war vieles in seinem einen Leben: Morphinist, Alkoholiker, Gefängnisinsasse, Pechvogel, Glückskind, Welterkenner und Weltverkenner, guter Vater und schwieriger Gatte. Und vor allem: ein großer Erzähler. Sein Wollen war stets stärker als sein Wille. Und er wußte um seine Schwächen und hatte doch nicht die Kraft, sie dauerhaft zu unterdrücken.


    Tom Crepon erzählt mit viel Wissen und Einfühlungsvermögen in Zeit und Charakter von Falladas entscheidenden Lebensstationen, von seinem tragischen Ringen mit sich selbst und von seiner Kunst. Das bisher umfassendste Buch über Hans Fallada!


    Mitteldeutscher Verlag Halle – Leipzig, 1979



    Eva Lippold: Leben, wo gestorben wird

    Die Lyrikerin Eva Lippold hat ihre erregenden Erlebnisse zu einem Prosawerk verdichtet, das eine Lücke in unserer Gegenwartsliteratur ausfüllt. Hier könnte auch das Wort „Widerstandsliteratur“ stehen. Aber „Leben, wo gestorben wird“, ebenso wie ihr erstes Buch „Haus der schweren Tore“, ist heute geschrieben, ein Vierteljahrhundert nach der Zeit des Widerstandes. Aus damaliger und heutiger Sicht. Von einer Autorin, die elf Jahre hinter Hitlers Zuchthausmauern nicht vegetiert, sondern gewacht, gedacht, gehandelt, gelitten und gesiegt – also gelebt hat. Von einer Autorin aber auch, die dieses Vierteljahrhundert mitgestaltet hat. Was sie schreibt, ist damals und ist heute: Es ist Hella Lindau, die Heldin des Romans, damals und Eva Lippold heute. Und gerade das Einfließen heutiger Erkenntnisse, heutiger Sicht in damaliges Geschehen, der von Nachdenken in Handlung und von Handlung in Nachdenken immerwährend hinüber- und herübergleitende Stil packt den Leser von der ersten Seite und entläßt ihn nach der letzten mit dem Wunsch, mehr von Hella Lindau und Eva Lippold zu erfahren.


    Dies ist nicht schlechthin das „Erinnerungsbuch“ einer schönen, lebenslustigen jungen Kommunistin, der die braune Barbarei die Jugend stahl, das ist es auch; es ist auch ein psychologisch feinnerviger Bericht über den ihr jahrelang aufgezwungenen Umgang mit Mörderinnen, Prostituierten, Diebinnen, mit Wärterinnen und Gefängnisbeamten, nazistischen und solchen, die es nicht gewesen sein wollen. Vor allem aber sind Eva Lippolds Bücher kluge Bücher, voll Lebensweisheit.


    Buchverlag Der Morgen, 1976

  • Dea Trier Morch: Winterkinder

    „Ein Kind zur Welt zu bringen, das ist wie eine Reise in ein fremdes Land. Das war es, was ich fühlte, als ich meine drei Kinder im Abstand von wenigen Jahren bekam. Aber es ist ein Land, das sich von allen anderen unterscheidet, weil man nie dorthin zurückkehren kann. Da ich befürchtete, daß dieses Land für immer verschwinden könnte, schrieb und illustrierte ich meinen Roman ,Winterkinder‘.“


    Dea Trier Morch stellt in ihrem Buch eine Gruppe von Frauen vor, die sich um die Jahreswende 1974/75 in der Spezialabteilung einer Kopenhagener Geburtsklinik befinden. Die Empfindungen der Mütter während dieser Zeit und der Vorgang der Geburt werden ebenso geschildert wie das Leben der Frauen außerhalb der abgeschirmten Welt der Klinik, das von ihrem unterschiedlichen sozialen Status geprägt ist.


    Die Autorin erhielt für „Winterkinder“, die in Dänemark in kurzer Zeit zum Bestseller wurden, den Goldenen Lorbeer des Buchhändlerklubs. Das Buch wurde verfilmt und in verschiedenen Sprachen übertragen.


    VEB Hinstorff Verlag Rostock, 1979

    Mit 15 Linolschnitten der Autorin



    Sofja Andrejewna Tolstaja: Tagebücher 1862 – 1910 – 2 Bände

    Am 23. September 1862 heiratet in Moskau in der Hofkirche „Mariä Geburt“ der vierunddreißigjährige Schriftsteller Lew Tolstoi die achtzehnjährige Sofja Andrejewna, Tochter des Hofarztes A. J. Bers. Zwei Wochen darauf, am 8. Oktober, beginnt die junge Frau ihr Tagebuch, das sie anfänglich mit großen Unterbrechungen schreibt und zwei Tage nach dem Tod ihres Mannes, am 9. November 1910, schließt. Achtundvierzig Jahre liegen zwischen diesen beiden Daten, fast ein halbes Jahrhundert, das in Rußland geprägt ist von einer stürmischen politischen und geistig-kulturellen Entwicklung. Wenig davon reflektiert das Tagebuch, es bleibt privat, intim, berichtet über Familienereignisse, Familienleben, über Schaffensprobleme des Mannes und seinen Bekanntenkreis, der weit über die Grenzen des Landes reicht. Es verzeichnet sehr detailliert den tragischen, sich in Extremen bewegenden Verlauf einer Ehe. Schon die ersten Eintragungen lassen die Konflikte erkennen, die später, in den achtziger Jahren, der Zeit der geistigen und weltanschaulichen Krise Tolstois, offen zutage treten, schwere Auseinandersetzungen nach sich ziehen und schließlich, im Oktober 1910, zu Tolstois Flucht aus Jasnaja Poljana führen. Doch trotz der unterschiedlichen Lebensauffassungen, der beinahe unüberbrückbaren Gegensätze und bei allen Vorwürfen, die Sofja Andrejewna Tolstaja gegen ihren Mann erhebt, betont sie, wie sehr sie ihn liebt und schätzt, und geht oft hart mit sich ins Gericht. Aber auch Tolstoi, der vor allem in seinem letzten Lebensjahrzehnt sehr unter dem Widerspruch zwischen seiner Lehre und seinem Leben leidet, versichert immer wieder, daß ihm viel an ihrer Liebe, ihrer Freundschaft und ihrem Verständnis gelegen ist.


    Rütten & Loening Berlin, 1988



    Jack London: Südsee-Abenteuer

    Buchbeginn

    Obwohl die „Aorai“ von schwerfällig plumper Gestalt war, ließ sie sich in der leichten Brise mühelos lenken, und ihr Kapitän steuerte sie gut heran, ehe er genau außerhalb des Brandungssogs beidrehte. Das Atoll Hikuero lag flach auf dem Wasser, ein Ring zerstoßenen Korallensands von ungefähr hundert Yard Breite, einem Umfang von zwanzig Meilen und drei bis fünf Fuß über der Hochwassermarke. Der Grund der riesigen, glasklaren Lagune war reich an Perlmuscheln, und vom Deck des Schoners konnte man über den schmalen Ring des Atolls hinweg die Taucher bei der Arbeit beobachten…


    Verlag Neues Leben Berlin, 1973

    buchclub65

    Illustriert von Peter Muzeniek

  • Otto Gotsche: Zwischen Nacht und Morgen

    Wie kaum ein zweiter Schriftsteller ist Otto Gotsche berufen, die illegale Arbeit mitteldeutscher Industriearbeiter über den Zusammenbruch hinaus auch während der Zeit der amerikanischen Besatzung darzustellen. Und so entstand ein Roman über jene namenlosen Helden, die gegen faschistische Willkür und dunkle Machenschaften imperialistischer Konzernherren das Banner der Humanität zu verteidigen wußten. Die Unmittelbarkeit des Erlebnisses, die große Spannung, die geradezu abenteuerlich anmutet, und die dokumentarische Echtheit des Handlungsablaufes werden den Leser bis zur letzten Seite in Erregung halten. Daß bei dieser Lektüre auch ein Stück Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung vermittelt wird, ist einer der großen Vorzüge dieses Buches, das uns allen die jüngste und doch beinahe schon wieder in Vergessenheit geratene Vergangenheit mit erregender Deutlichkeit vor Augen führt.


    Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale), 1959



    Krystyna Wituska: Zeit, die mir noch bleibt

    Krystyna Wituska, eine junge Polin, im April 1943 im faschistischen Deutschland wegen konspirativer Tätigkeit zum Tode verurteilt, schreibt im Juni 1943 für eine polnische Mitgefangene „ein altes deutsches Gebet“ auf. Wie seltsam, wie bedrängend nah – drei Jahrzehnte fast nach Krystynas Tod durch die Hand eines deutschen Scharfrichters – erscheinen uns in diesem Brief einer Polin an eine Polin die wohlbekannten Verse von Paul Gerhardt: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir.“


    Beim Lesen dieser Aufzeichnungen ersteht vor uns das Bild eines Menschen, der uns weit voraus ist, weil er sich selbst unerbittlich überwinden mußte: Krystyna, zweiundzwanzigjährig bei ihrer Verhaftung, ein verwöhntes junges Mädchen mit blondierten Haaren, aus Abenteuerlust in eine Widerstandsgruppe eingetreten, und wenig mehr als vierundzwanzig Jahre alt beim Tod – bis zur letzten Stunde voller Liebe für ihre Eltern und Freunde.


    Spricht schon der liebevolle Brief mit den Paul-Gerhardt-Versen an Marysia, die weiterleben darf, von dem Annehmen des eigenen nahen Todes, so wird in den vorangehenden Zeilen an Wandzia ganz deutlich, in welchem Maße die Schreiberin über ihr Geschick hinausgewachsen ist: „… der Tod erschreckt mich gar nicht, und wenn ich sterben muß, werde ich glücklich sterben in der Gewißheit, daß Ihr beide, meine teuersten Mädchen, gerettet seid.“


    Vor uns werden die letzten Seiten eines Lebens aufgeschlagen, das kaum begonnen hatte und doch in unfaßlicher Weise zu einer Reife gelangte. So wie Krystyna die fremde deutsche Sprache immer flüssiger schreiben und sprechen lernte, so lernte sie auch immer selbstverständlicher mit dem Tod zu leben, und das bedeutete konkret: jeden Mittwoch zu überleben, an dem man die Todeskandidaten nach Plötzensee brachte. Vierzehn lange Monate ließ man ihr dazu Zeit. Ein Wunder, daß diese Frist nicht nur Qual bedeutete, ein Wunder, daß Krystyna jede schöne Stunde wie ein Geschenk vom Himmel betrachten konnte: „Ich glaube, daß Gott die Gefangenen nicht verläßt.“


    Die Äußerungen des Zweifels und der Widerwille gegen eine „Frömmigkeit, die aus der Gefängnissituation erwächst und zwar nur darum, weil es sonst keine andere Rettung mehr gibt“, machen diese Bekenntnisse um so glaubwürdiger.


    Ein ausführliches Vorwort der Herausgeberin informiert über den historischen Hintergrund des Prozesses gegen die Widerstandsgruppe, der Krystyna Wituska angehörte.


    Evangelische Verlagsanstalt Berlin, 1973



    Alf A. Saeter: Zwei im Sturm

    Der Bauer Jon ist ein Pantoffelheld und ein Dummkopf – Es gibt keinen im Dorf, der das nicht wüßte. Wenn er zwischen den Hügeln am Meer herumstreift oder abends in den Sternenhimmel starrt, philosophiert er über die Ungereimtheiten einer Welt, die ihn zum Außenseiter stempelt. Indessen hält Inga, seine resolute Frau, die Wirtschaft instand. Tommen, ein debiler Junge, der bei ihnen ein Zuhause gefunden hat, hilft ihr, so gut er es vermag. Als Inga unerwartet stirbt, ist Jon hilflos wie ein Kind. Doch in der Sorge um Tommen, der schwächer ist als er und seiner Fürsorge bedarf, gelingt es ihm, die eigene Unsicherheit zu überwinden und sein Leben nach Art der „Klugen und Starken“ zu ordnen.

    Ein lyrisch gefärbter, kunstvoller Prosatext, in dem sich Saeter zum Anwalt der Schwachen und Entrechteten macht.


    VEB Hinstorff Verlag Rostock, 1978

  • Brigitte Birnbaum: Das Siebentagebuch

    Sieben Tage lang wohnt Inez Bliewernicht in einem Schloß, und in dieser Woche entsteht ihr Siebentagebuch. Anfangs sind es natürlich die neuen Eindrücke, die sie beschäftigen: das Schloß und seine Geschichte, Sagen, die aus alter Zeit überliefert sind, Umgang mit den noch unbekannten Mädchen und Jungen, der andersartige Tagesverlauf, Vorfreude auch auf die bevorstehende große Reise zu den Freunden in Witebsk… Später tauchen aber Fragen auf: Ist die Betreuerin Heide Bliewernichts wirklich Inez‘ Tante? Was aus der eigenen Familiengeschichte weiß Inez, und was weiß sie nicht? Wen trifft die Schuld? Wo liegt die Wahrheit? Wolken ziehen am Himmel auf. Wen wird der Regen naß machen, und wird Inez endgültig eine Inessa werden?


    Der Kinderbuchverlag Berlin 1984

    Illustrationen von Konrad Golz



    Grigorij Weiss: Am Morgen nach dem Kriege

    Überrascht und zugleich respektvoll konstatierte 1948 der bekannte englische Journalist Gordon Schaffer, daß in der sowjetischen Besatzungszone „zwischen Russen und Deutschen eine echte Zusammenarbeit erwuchs, nicht wie zwischen Siegern und Besiegten, sondern wie zwischen Arbeitskameraden“.


    Auf ganz persönliche Weise machen nun die Erinnerungen des sowjetischen Journalisten und Schriftstellers Grigorij Weiss mit jener Zeit vertraut. Trümmerberge 1945 in Berlin, Dresden und anderswo. Keineswegs geringer als die materiellen waren die geistigen Zerstörungen, die das faschistische Regime hinterlassen hatte. Es galt, Klarheit in den Köpfen zu schaffen und den Menschen Mut zu machen für den Aufbau eines neuen Lebens. Ein großes Verdienst, hier entscheidend mitgeholfen zu haben, kommt den Kulturoffizieren der Sowjetischen Militäradministration zu. Grigorij Weiss war einer von ihnen. Seine Arbeitsstätte war die Redaktion der „Täglichen Rundschau“, damals ein Zentrum beharrlich geleisteter Überzeugungsarbeit. Lebendig erzählt der Autor von Aufbautaten der Aktivisten der ersten Stunde und von Begegnungen mit Kulturschaffenden wie Bernhard Kellermann, Gerhart Hauptmann und Hans Fallada. Getragen war das Bemühen der sowjetischen Kulturoffiziere und ihrer deutschen Mitstreiter – unter ihnen Johannes R. Becher – von dem Ziel, dem deutschen Volk nach der Nacht des Faschismus wieder seine eigene progressive Kunst und Literatur und die der ganzen Welt zu erschließen.


    Verlag der Nation Berlin 1981



    Sinowi Schejnis: Alexandra Kollontai – Das Leben einer ungewöhnlichen Frau

    Alexandra Kollontai war eine ungewöhnliche Frau, Diplomatin, Revolutionärin, Publizistin, Volkskommissar für Soziale Fürsorge in Lenins erster Regierung und engagierte Vorkämpferin der Frauenbewegung in einer Person.

    Ihre Gegner nannten sie „rote Diplomatin“ und „Walküre der Revolution“. Diese Schmährufe wurden für sie jedoch zum Ehrentitel. Denn Alexandra Kollontai erwarb sich Achtung und Anerkennung nicht durch Skandale und Intrigen, sondern durch ihre Fähigkeiten, ihr fundiertes Wissen, ihr Redetalent, ihr staatsmännisches Geschick und – durch ihren weiblichen Charme.


    Der Weg Alexandra Kollontais von der wohlbehüteten Tochter eines zaristischen Generals zur „Königin der Diplomatie“ war nicht unkompliziert, er schloß Irrtümer und persönliche Schicksalsschläge ein.


    Diesen Lebensweg zeichnet der sowjetische Publizist Sinowi Saweljewitsch Schejnis, der durch seine zahlreichen Arbeiten über bedeutende sowjetische Diplomaten und Revolutionäre bekannt geworden ist, im Buch nach. Auszüge aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen Alexandra Kollontais sowie Berichte ihrer Kampfgefährten lassen eine beeindruckende Persönlichkeit in ihrer Zeit lebendig werden, die selbst von sich schrieb: „Im Grunde habe ich nicht nur ein Leben, sondern viele Leben gelebt…“


    Verlag Neues Leben Berlin, 1984

  • Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe

    "Gottfrieds Keller Erzählung hält, was sie verspricht. Wir entdecken beim Wiederlesen nicht nur mit stiller Begeisterung die alte unvergleichliche Schönheit wieder, welche diese Erzählung auszeichnet, sondern es treten auch stets neue Stellen hervor, die uns in ihrer unverfälschten Poesie bezaubern ... Von der traumhaften Todesfahrt der Liebenden sind wir heute ebenso tief ergriffen wie damals; was also ist in uns geschehen oder ist nicht geschehen, daß sich diese Erzählung trotz der ungeheuerlichen Ereignisse gleichbleiben konnte? Wir suchen nach einer Erklärung ... Können wir zum Beispiel an der Kathedrale von Rouen weiterdichten? Ist eine Bachsche Fuge in uns zu übersteigen? Ich möchte eher annehmen, wir bleiben hinter all diesen Phänomenen mit unserer Phantasie und unserer Erlebniskraft weit, weit zurück. In all diesen Werken ist ein bestimmtes Lebensgefühl zum vollendeten und unwiederholbaren künstlerischen Ausdruck geworden. Wir haben nicht zu ergänzende, abgeschlossene Gestalten vor uns, die jedes ihnen Nachschaffende und nach ihnen Kommende bereits Jahrhunderte vorher überholt haben." (Johannes R. Becher)


    Reclams Universal-Bibliothek Band 158

    Erzählende Prosa, Novelle



    Brigitte Birnbaum: Winter ohne Vater

    Es darf nicht wahr sein! Christian will nicht glauben, daß sein Vater ihn und die Familie verlassen hat. Keiner wird mehr „hallo, Sohneken“ rufen und mit Nachsicht unterschreiben, wenn Christian eine Eintragung mit aus der Schule bringt. Vater ist der Beste. Und nun soll es ohne ihn gehen? Christian will sich nicht damit abfinden. Er kämpft um seinen Vater – einen Winter lang.


    Der Kinderbuchverlag Berlin 1988

    Illustrationen von Inge Gürtzig



    Janusz Korczak: Wenn ich wieder klein bin – Eine Auswahl aus seinen Schriften

    Schon immer hatten unter den Pädagogen diejenigen die stärkste Anziehungskraft, deren Bemühungen dank der Tiefe ihrer Einsicht, der Stärke ihrer Persönlichkeit und der Welt ihres Horizontes dem Menschen, der Entfaltung seiner Möglichkeiten in ihrer psychischen Differenziertheit und Widersprüchlichkeit galten. So war es bei Pestalozzi und Makarenko, so ist es bei Korczak. Verband sich diese humanistische Sicht mit der Fähigkeit, sich in einer Sprache von besonderer Klarheit, Schlichtheit und Dichte zu artikulieren, so konnte eine ungewöhnliche Ausstrahlung und Einwirkung auf die Bildung des Bewußtseins und die Praxis des Lebens bei Zeitgenossen und Nachgeborenen nicht ausbleiben.


    Janusz Korczak, eigentlich Henryk Goldszmit, 1878 in Warschau geboren, dort tätig als bekannter Kinderarzt, dann als Leiter zweier Waisenhäuser, berühmt als Pädagoge und Schriftsteller, verstorben 1942, als er, sein Leben nicht schonend, die ihm anvertrauten Kinder in den von den Faschisten erzwungenen Tod in das Vernichtungslager Treblinka begleitete, gehört tatsächlich zu diesen wirklich Großen, die – wie Günter Schulze im Nachwort sagt – ihre Zeit überdauern, bei denen vieles gefunden werden kann, „was uns unmittelbar hilft, uns über das bloße geistige Vergnügen am Kennenlernen früherer Weisheit hinausführt zu aktiver Gestaltung der Gegenwart“.


    Nachdem der Union Verlag 1975 unter dem Titel „Die Liebe zum Kind“ wesentliche Teile von Korczaks literarischem Nachlaß veröffentlichte, legt er nun zum 100. Geburtstag Korczaks ungekürzt die Essays „Wenn ich wieder klein bin“, „Die Regeln des Lebens“, „Fröhliche Pädagogik“, „Sommerkolonien“, „Das Kameradschaftsgericht“ sowie die Beiträge über die Einsamkeit des Kindes, der Jugend und des Alters vor.


    Union Verlag Berlin 1978