Ulrike Renk - Jahre aus Seide

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 5 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von JaneEyre.

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    Ruth Meyers Schicksal: Kindheit und Jugend

    Ruth Meyers Vater war selbstständiger Handelsvertreter für Schuhe. Er war sehr viel unterwegs und nur am Wochenende zu Hause. Dies hier ist die Geschichte einer jüdischen Familie zu Zeiten Hitlers und davor. Es beginnt 1926 als Ruth etwa fünf Jahre alt war und die Familie dann ein neues Haus baute. Niemand konnte sich vorstellen, dass es nochmal einen Krieg geben würde, denn der Große Krieg war allen noch in bester Erinnerung. Doch schon da begann Hitlers Hetzkampagne und es wurde – wie wir ja alle wissen – immer schlimmer. Bis hin zum Ausschluss aus der Gesellschaft. Lange Zeit konnte sich niemand vorstellen, dass geschehen würde, was letztendlich tatsächlich geschah. Keiner wollte eigentlich aus Deutschland weg, denn dieses Land war doch ihre Heimat. Auch Ruths Eltern, Karl und Martha Meyer wollten nicht weg.

    Was wird die Familie tun? Wird sie einen Auswanderungsantrag stellen? Und wird er genehmigt werden? Was passiert mit Ruth und ihrer Schwester Ilse?


    Meine Meinung

    Das Buch ließ sich sehr gut lesen. Auch ist der Schreibstil von Ulrike Renk nach meinem Geschmack. Es ist – zunächst – ein ruhiges Buch. Es passiert nicht viel, denn wir lesen nur, wie Ruth darauf kam, zu nähen, warum ihr Vater einen Chauffeur brauchte, und wie sie sich mit dem Nachbarsmädchen anfreundete, die nicht jüdisch war. Wir lesen, von ihrer Schulzeit, ihren Freundinnen und ihren Unternehmungen. Doch dann kommt Hitler an die Macht. Niemand hatte sich aus Ruths Familie und Bekanntenkreis vorstellen können, was dieser Mann für ein Unheil anrichten würde. Ja, ein Onkel wurde sogar, ich möchte sagen ausgelacht, weil er bereits ein Auswanderungsantrag nach Palästina gestellt hatte, als Hitler noch gar nicht Reichskanzler war. Erst als es fast schon zu spät war, wollten auch Meyers auswandern. Was Ruth während der ganzen Zeit so alles erlebte und wie ihre Jugend verlief können wir alles in diesem Buch nachlesen. Zuerst erschien es mir etwas langatmig, es passierte einfach nichts Gravierendes, doch dann hat es mich doch in seinen Bann gezogen, ich wollte wissen, ob es Ruth gelingen würde zu überleben. Da dies ein Mehrteiler wird, bin ich somit auch sehr gespannt auf die Folgebände. Auf jeden Fall hat Ulrike Renk in diesem Buch sehr anschaulich die Ereignisse aus Ruth Meyers Leben wiedergegeben. Natürlich ist einiges auch fiktiv. Denn wie wir im Nachwort lesen können, gab es diese Familie und auch noch einige andere Personen aus diesem Buch tatsächlich. Ich finde es super, dass Ulrike Renk in einem Nachwort erklärt hat, welche Personen es tatsächlich gab und ich finde, sie hat super recherchiert. Auch befindet sich am Anfang des Buches eine Liste der vorkommenden Personen, was ich auch sehr schön finde. Dieses Buch hat mich wider Erwarten doch sehr gefesselt – trotz kleiner Längen am Anfang – in seinen Bann gezogen und gut unterhalten. Ich habe einmal mehr mich über diesen Größenwahnsinnigen aufregen können, der so viel Leid über die Menschen gebracht hat und nicht nur über die Juden. Von mir gibt es für dieses Buch eine Empfehlung sowie volle Bewertungszahl.

    5ratten

    Liebe Grüße

    Lerchie

    ____________________________

    nur wer aufgibt, hat schon verloren

  • Eine historische Figur in einem teilweise fiktiven Roman verwebt


    Kurz zum Inhalt:

    Die jüdische Familie Meyer lebt in Krefeld, wo sie in der Nähe des reichen Seidenhändlers Merländer ein Haus baut. Vater Karl hat aufgrund einer Sehschwäche einen katholischen Chauffeur, der ihn im ganzen Land herumführt, wo er Schuhkollektionen verkauft. Der Familie geht es finanziell sehr gut.

    Ruth freundet sich mit Rosi, der Tochter von Merländers Chauffeur an, und verbringt viel Zeit in der Villa Merländer. Dort kommt sie auch zum ersten Mal mit teuren Stoffen und Seide in Kontakt und ist sofort begeistert. Ihre Oma bringt ihr das Nähen bei und wie man Schnittmuster entwirft.

    Ruth hat eine behütete Kindheit, und in ihrer Jugend verliebt sie sich in Kurt.

    Doch die Nationalsozialisten erlangen immer mehr Macht, und die Juden werden in ihrem Leben immer mehr eingeschränkt.

    Viele jüdische Familien planen auszuwandern, ebenso die Familie von Kurt, doch Karl ist lange Zeit dagegen und hofft, dass die furchtbare Zeit bald vorbei ist...



    Meine Meinung:

    "Jahre aus Seide" ist der erste Teil der Trilogie um die jüdische Familie Meyer vor und im Zweiten Weltkrieg, im Vordergrund steht die Tochter Ruth. Dieser erste Teil handelt von Ruths Kindheit in den 1920er und 1930er Jahren vor dem Weltkrieg.

    Der Schreibstil ist ruhig und authentisch. Leider suggeriert der Klappentext einen etwas anderen Inhalt, nichts desto trotz war ich von dem Buch begeistert! Es wird die Familiengeschichte der Meyers erzählt, nach einer wahren Begebenheit. Dadurch, dass man als Leser weiß, welches politische Ereignis passieren wird, sieht man alles natürlich durch andere Augen.

    Auch wenn jetzt nicht ein spannendes Ereignis dem anderen folgt - es ist eine Familiensaga, und wer Tempo und Spannung will, möge einen Krimi oder Thriller lesen.

    Vor allem die Familie Aretz, allen voran Hans Aretz, Karls Chauffeur, hat das Herz am rechten Fleckt und die Meyers sehen die Aretz' nicht nur als Angestellte, sondern als Freunde, mit denen sie auch oft in Urlaub gefahren sind.

    Die ersten zwei Drittel 'plätschern so vor sich hin', um es mal salopp zu sagen, und das letzte Drittel nimmt dann an Fahrt auf, denn die Zustände für die Juden werden immer schlimmer.

    Das Buch endet leider mit einem fiesen Cliffhänger, bei dem man als Leser unbedingt sofort den nächsten Band zur Hand nehmen will um zu erfahren, wie es mit der Familie Meyer weitergeht!

    Das Cover suggeriert sofort einen historischen Roman, und auch die Cover der anderen beiden Bände lassen die Zusammengehörigkeit dieser Trilogie erkennen.



    Fazit:

    Emotionale und dramatische Familiensaga nach einer wahren Begebenheit, die mich sehr gut unterhalten hat. Ich bin schon sehr neugierig auf die anderen beiden Bände!


  • „Jahre aus Seide“ ist der erste Band einer Trilogie um die Familie Meyer.

    Die Geschichte der Familie Meyer beginnt im Jahr 1932 in der Samt-und-Seide-Stadt Krefeld. Ruth wächst mit ihrer kleinen Schwester Ilse sehr behütet auf. Vater Karl ist erfolgreich als Schuhhändler unterwegs. Martha möchte ihren Kindern eine gute Mutter sein, da sie selbst erlebt hat, wie kalt die Atmosphäre in ihrer Kindheit war. Meyers bauen ein Haus gegenüber der Villa Merländer, das für sie ein wirkliches Zuhause wird. Ruth findet schnell Kontakt zu Rosi, der Tochter von Merländers Chauffeur. Als Rosi Ruth Stoffmuster aus der vorjährigen Kollektion Merländers schenkt, fängt Ruths Begeisterung für Stoffe und das Nähen an. Doch dunkle Schatten ziehen auf und es gibt ständig neue Einschränkungen für jüdische Familien. Daher rückt man näher zusammen und versucht das Leben trotzdem zu genießen. Aber immer mehr Familien wollen weg aus Deutschland. Karl zögert lange, zu lange. Dann gibt es gewaltsame Übergriffe. Wird es der Familie gelingen, sich zu retten?

    Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und die Autorin berichtet im Nachwort, wie sie dazu kam, sich mit Ruths Geschichte zu beschäftigen.

    Die erste Hälfte des Buches lässt uns am Familienleben der Meyers teilhaben. So lernt man die Protagonisten gut kennen. Es passiert nicht viel und doch spürt man etwas Bedrohliches. Ich denke, dass es gerade dieser Kontrast zu dem späteren Geschehen ist, der einen so erschüttert.

    Ich habe einiges Neue erfahren, anderes aufgefrischt über den jüdischen Glauben und seine Feste.

    Den Meyers geht es gut, aber sie haben auch ein Herz für andere. Sie helfen gerne, selbst dem Nazi, dem das Geld ausgegangen ist. Ihre Angestellten haben es gut bei ihnen und zu Karls Fahrer Aretz und seiner Familie gibt es eine freundschaftliche Beziehung. Man sieht die Gefahr und glaubt doch, dass der Spuk schnell wieder vorbei ist. Karl betrachtet sich in erster Linie als Deutscher und erst dann als Jude. Das lässt ihn auch zögern, einen Ausreiseantrag zu stellen. Wir wissen heute alle, wie es dann weiterging; erst traf es die Geschäfte von Juden, dann die Synagogen. Der Schulbesuch wurde jüdischen Kindern verwehrt, die Berufsausübung den Erwachsenen und dann gab es die Jagd auf jüdische Menschen…

    Man wollte die Juden nicht haben und machte ihnen doch die Ausreise schwer. Die Nachbarländer sahen zu und auch sie wollten die jüdischen Menschen nicht. Zum Glück gab es aber auch Menschen, die nicht mitmachten, sondern halfen.

    Wir erleben alles hautnah am Schicksal der Familie Meyer mit, zuerst das glückliche, unbeschwerte Familienleben, dann die Angst, aber auch die Hoffnung und am Ende die Übergriffe. Das macht es besonders bedrückend. In mir löste es Fassungslosigkeit und Wut aus, Wut auf die Engstirnigen, die mit fadenscheinigen Begründungen Jagd auf Minderheiten machten.

    Es ist ein sehr emotionales Buch, das hoffentlich eine Warnung ist, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Ich bin schon sehr gespannt auf die Folgebände.


    5ratten

  • Ruth Meyer wächst behütet im Krefeld der 1920er Jahre auf. Ihr Leben kennt keine Einschränkungen, da ihr Vater genügend verdient, um seiner Familie alle Wünsche und ein schönes Leben zu ermöglichen. Doch mit Hitlers Machtübernahme in den 30er Jahren ändert sich das Leben der Familie Meyer schlagartig, denn sie sind jüdisch und haben immer mehr unter der umschlagenden Stimmung zu leiden...


    Dieser Roman ist viel mehr ein Zeitdokument als Unterhaltungsliteratur. Bereits zu Beginn wird ein Tagebucheintrag von Ruth Meyer vorangestellt, der verdeutlicht, dass es sich bei der Familie Meyer um eine jüdische Familie handelt, die tatsächlich in Krefeld gelebt und gewirkt hat. Ruth Meyers Tagebucheinträge sind ihrem Original-Tagebuch entnommen und Ulrike Renk hat ihre Geschichte rekonstruiert und in Romanform gebracht. Der vorliegende Roman ist somit der Auftakt einer Trilogie, die sich das Schicksal der Familie Meyer annimmt, die in Krefeld gelebt hat, als der Nationalsozialismus über Deutschland herein kam.


    Wir verfolgen das Leben der Familie Meyer, das vor allem in den 1920er Jahren fast nur schöne Seiten aufweist. So werden wir in einen Familienroman eingeführt, der vor allem eins ist: schön. Ich finde diese Einführung sehr wichtig, weil sie sehr gut vor Augen führt, wie integriert jüdische Familien waren, so dass das ganze kommende Gräuel noch unverständlicher und grausamer wird. Fluchtgespräche sind schon länger Thema, aber nur die pessismistischsten Leute rechnen wirklich mit dem Schlimmsten, was noch nicht mal annährend an die Realität heran kommt. So beschleicht einem beim Lesen immer wieder ein ungutes Gefühl und eine Hilflosigkeit.


    Neben den historischen Entwicklungen liegt das Augenmerk vor allem auf dem Alltag der Familie. Familienprobleme, jüdische Feste in einer christlich-geprägten Gesellschaft (Weihnachtsbaum an Chanukka?), das Auf und Ab des Liebeslebens einer Jugendlichen, Urlaube, Arbeit und Freizeit - all das wird an Themen aufgegriffen und somit wird das Buch für mich wirklich zu einem Zeitdokument, das vielleicht nur wenig dramaturgische Spannung aufweist, aber dafür umso spannender vom interessanten Inhalt her ist.


    Da die Autorin viel um die Familie Meyer herum recherchiert hat, kann ich dieses Buch empfehlen. Es gibt dem Leser die Chance, das Schicksal einer jüdischen Familie in Nazi-Deutschland zu verfolgen, ohne zu einem "schweren" Sachbuch greifen zu müssen.

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    Ulrike Renk: Jahre aus Seide. Das Schicksal einer Familie. Roman. Berlin 2018, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3441-8, Softcover, 563 Seiten, Format: 13,3 x 4,3 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    „Wie schön ihr es hier habt.“

    „Und ich hoffe, wir werden hier bis an das Ende unserer Tage wohnen können“, sagte Martha.

    „Ja, wenn Hitler abtritt, hast du vielleicht die Möglichkeit; ansonsten sehe ich schwarz“, sagte Hedwig bedrückt. (Seite 376)


    Es steht schon auf dem Cover: „Eine dramatische Familiengeschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht“. Den Verlauf der Geschichte hat also das Leben vorgegeben. Es bringt daher nichts, sich bei der Autorin darüber zu beschweren, dass das Schicksal ungerecht zu den Romanfiguren war. Ulrike Renk hat sich das, was der Familie Meyer widerfuhr, nicht ausgedacht, sondern für uns recherchiert und – mit kleineren künstlerischen Freiheiten, wo dies aus dramaturgischen Gründen erforderlich war – als Roman aufbereitet.


    Dies vorweg. Und: Es ist Band 1 einer dreiteiligen Reihe, die noch nicht vollständig vorliegt. Die Geschichte der Heldin ist mit diesem Band noch nicht abgeschlossen, das Buch hört mit einem „Cliffhanger“ auf. Band 2 soll im Sommer 2019 erscheinen, Band 3 im Frühjahr 2020.


    So, nun weiß jede/r, was bei dieser Lektüre auf sie/ihn zukommt und wir können uns dem Inhalt zuwenden.


    Behütete Kindheit in bürgerlicher Familie

    Krefeld in den 1920er und 1930er Jahren: Familie Meyer ist eigentlich gar nichts Besonderes. Es sind fleißige, unauffällige, wohlhabende Geschäftsleute. Karl Meyer (*1888), eine Seele von einem Mann, arbeitet als selbstständiger Handelsvertreter und ist die meiste Zeit unterwegs. Seine Frau Martha (*1897) kümmert sich derweil mit Unterstützung von Köchin, Zugehfrau und Kindermädchen um den Haushalt, um die beiden Töchter Ruth (*1921) und Ilse (*1924) und um den Hund. Sie pflegt die Kontakte zu Freunden und Verwandten und, wenn noch Zeit bleibt, ihre kulturellen Interessen.



    Das Problem: Meyers sind Juden

    Alles in allem ist das eine unspektakuläre bürgerliche Existenz. Die Meyer-Mädchen erleben eine behütete Kindheit in einer liebevollen Familie. Doch es kommen zwei Dinge zusammen, die zum Drama führen: die Herrschaft der NSDAP und die Tatsache, dass Meyers Juden sind. Das spielt zwar allenfalls an den Feiertagen eine Rolle für sie, aber das macht ja für die Nazis keinen Unterschied.


    Die Einschränkungen und die Schikanen, denen Meyers ausgesetzt sind, die Unsicherheit und die Angst werden immer größer. Die ersten Freunde und Verwandten planen bereits, Deutschland zu verlassen, oder sie erwägen dies zumindest.


    Die Diskussionen darüber verfolgen wir aus der Sicht der verunsicherten Kinder, die das eine oder andere Erwachsenengespräch aufschnappen. Ist die Lage tatsächlich so schlimm, dass man alles aufgeben und in der Fremde neu anfangen muss? Oder kann man Hitler aussitzen? Und wenn nicht, wo soll man hingehen? Nach Palästina? Das ist erst im Aufbau. Für das Leben im Kibbutz braucht man junge Leute, die in der Landwirtschaft anpacken können, keine mittelalten Städter, die nur was vom Geschäft verstehen. Amerika? Hat selber eine Wirtschaftskrise. Wovon soll man dort leben, vor allem, wenn man nicht mehr so jung ist und die Sprache nicht gut spricht?


    Die halbe Welt wird daraufhin abgeklopft, ob sie sich als Zufluchtsort eignen könnte.


    Flüchten oder bleiben?

    Die Großelterngeneration will sowieso nirgendwo anders mehr hin. Wer würde ihnen auch hier in Deutschland etwas antun, den Veteranen des 1. Weltkriegs und den Soldatenwitwen? Textilfabrikant Merländer wähnt sich gar sicher, weil er nicht gläubig ist. Als LeserIn weiß man, wie sehr sie sich irren und muss hilflos zusehen, wie diese Menschen in ihr Unglück rennen. Das macht die Lektüre teilweise schwer erträglich. Das ist bei diesem Thema so.


    Eltern sollten Ruhe und Zuversicht ausstrahlen und ihren Kindern Sicherheit geben. Wenn sie selbst ratlos und verängstigt sind, hat das natürlich Auswirkungen auf den Nachwuchs. Ruth, Ilse und ihre Freunde machen sich große Sorgen. Sie versuchen, zu begreifen, was hier passiert und wissen nicht, wie sie diesen unsicheren Zeiten Zukunftspläne machen sollen. Gelegentlich verdrängen sie alle Ängste, um nicht verrückt zu werden. Sie feiern, flirten und genießen den Moment wie andere junge Menschen auch.


    Wie erklärt man Kindern Rassismus?

    Man kommt in diesem Buch der Familie Meyer sehr nahe. Und weil das so ist, erscheint einem dieser Rassismus vollkommen absurd. Das ist sehr gut gemacht. Verflixt nochmal, denkt man, das sind doch Leute wie du und ich – was haben die anderen auf einmal für ein Problem mit denen? Das fragen sich natürlich auch Ruth und Ilse, die vorher noch nie mit nennenswerten Vorurteilen, Schikanen oder gar Bedrohungen konfrontiert worden sind. Sowohl die Eltern als auch das christliche Kindermädchen Leni scheitern daran, den Mädchen das Prinzip „Rassismus“ schlüssig zu erklären. Weil’s nicht erklärbar ist - zumindest nicht Kindern.


    1935 beginnt Ruth, Tagebuch zu führen. Und 1938 kapieren dann die letzten Zauderer in ihrem Umfeld, dass es jetzt allerhöchste Zeit wird, das Land zu verlassen. Wenn es nicht schon zu spät ist ...


    Damit wir LeserInnen die Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn und Bediensteten im Überblick behalten, gibt es vorn im Buch ein Personenverzeichnis, in dem man kurz nachschlagen kann. Das ist nicht allzu oft nötig, man hat schnell heraus, wer hier wer ist. Und nicht verwirren lassen: Martha Meyer hieß auch vor ihrer Ehe schon Meyer. Das ist nun mal ein häufiger Name, hier abgeleitet von hebräisch „Meïr“ = erleuchtet. Und deshalb heißen ihre wie seine Verwandten so. (Kein Autor würde es wagen, sich das auszudenken!)


    Wie die Geschichte zur Autorin fand

    Wie die Autorin auf die Geschichte der Familie Meyer gestoßen ist – oder soll man sagen, wie die Geschichte sie gefunden hat? – das erzählt sie uns im Nachwort. Da ist man selbst als streng rationaler Mensch geneigt, an Schicksal zu glauben.


    Ich könnte mir vorstellen, dass es Ruth gefallen hätte, dass wir ihre Lebensgeschichte und die ihrer Familie nun in einer so sorgfältig recherchierten Romantrilogie nachlesen können. Sie selbst ist ihr Leben lang dafür eingestanden, dass ihre Vergangenheit niemals vergessen wird. Und Ulrike Renks mitreißende und berührende Buchreihe wird sicher dazu beitragen, diesem Ziel ein ganzes Stück näher zu kommen.


    Ich hatte schon im Vorfeld ein bisschen was über Ruth Meyer gelesen und hätte sie sehr gerne kennengelernt. Sie muss eine wirklich eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein. Nach diesem ersten Band ahne ich, wie sie zu dem wurde, was sie war. Und so schwer mir die Lektüre manchmal fällt, weil mir die Geschichte so nahe geht: Ich liebe Ruth - und ich warte mit Spannung auf die Fortsetzungen!


    Die Autorin

    Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Australien-Saga und ihre Ostpreußen-Saga sowie zahlreiche historische Romane vor. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ulrikerenk.de

  • Was für eine schöne, ausführliche Rezension - kommt gleich auf meine Liste. Ulrike Renk mag ich eh gerne als Autorin.

    Liebe Grüße<br />JaneEyre<br /><br />Bücher haben Ehrgefühl. Wenn man sie verleiht, kommen sie nicht zurück<br />Theodor Fontane