Annette Hess - Deutsches Haus

Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.
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    Titel: Deutsches Haus

    Autorin: Annette Hess


    Allgemein:


    Inhalt:

    1963: Eva, die als Dolmetscherin für Polnisch arbeitet, wird mitten am Sonntagnachmittag zur Arbeit gerufen. Dabei sollte sie doch heute ihren Verlobten der Familie vorstellen. Vor Ort angekommen erfährt sie ungeheuerliches: ein Mann erzählt von seinen schrecklichen Erlebnissen. Zunächst versteht Eva nicht was dieses Auschwitz genau sein soll. Doch als der eigentliche Prozess beginnt, beschließt sie, auch weiter für den Staatsanwalt zu arbeiten. Gegen den Widerstand ihrer Familie und ihres Verlobten. Sie kann einfach nicht anders und hat immer mehr das Gefühl, sich den Wahrheiten die der Prozess zu Tage fördert stellen zu müssen, auch dann, wenn dabei Dinge zu Tage kommen, die ihre eigene Familie betreffen...



    Meine Meinung:


    Die Deutsche Nachkriegsgeschichte wurde lange nicht thematisiert - niemand der noch Lebenden setzte sich gerne damit auseinander, was für eine Schweigekultur sich nach 1945 entwickelt hatte. Das merkte man in den Jahren als die Nachkriegsgeneration langsam anfängt sich mit ihren Eltern auseinander zu setzen und unbequeme Fragen zu stellen. Die Auschwitzprozesse gehören zu denen, die tatsächlich nicht nur im Ausland viel Öffentlichkeit fanden. Fritz Bauer, damals der Generalstaatsanwalt von Hessen, setzte sich unermüdlich für den Prozess ein. Er zerbrach an seiner Arbeit für die Rechte der Opfer des Nationalsozialisten.


    Das Fritz Bauer Institut in Frankfurt ist heute nicht nur für die historische Forschung über diese Prozesse zuständig, sondern auch sonst für die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte. Die Autorin hat dort für ihren Roman recherchiert. Auch wenn sie vieles verdichtet hat und die Handlung, sowie der im Roman beschriebene Prozess fiktiv sind. Die Grundaussage und auch die Stimmung des Romans, die Frage, wer wie mit der Schuld umging. Grade in der Zeit der Prozesse. Ich finde der Autorin ist es sehr gut gelungen, die verschiedenen Blickwinkel einzufangen. Sowohl von Seiten Evas, die nach und nach immer mehr über die Wahrheit und das Schweigen in ihrer eigenen Familie herausfindet. Als auch von seiten der Zeugen, die im Prozess zu Wort kommen. Nicht so gelungen fand ich die Handlung um Evas Schwester Annegret, die etwas arg dramatisch geraten ist. Und auch die Geschichte des jungen Anwaltes David ist für meinen Geschmack nicht richtig in den Roman integriert worden. Rückblickend kann ich seinen Blickwinkel zwar verstehen,aber den Erzählstrang fand ich trotzdem nicht restlos überzeugend. Jürgen, Evas Verlobten stehe ich auch eher zwiespaltig gegenüber, sein Verhalten gegenüber Eva fand ich zwar zeitgemäß, aber ich gebe auch zu, ich hätte ihm gerne auch mal eine geklebt.

    Für mich war vor allem das Schweigen, das nicht darüber sprechen, sehr gut dargestellt. Ich finde man bekommt durchaus eine Ahnung, wie es sein konnte, das darüber nicht gesprochen wurde. Wie aber auch der gegenseitige Schutz dadurch funktioniert hat. Eine Schweige und Verdrängungskultur.


    Annette Hess schreibt für bekannte TV Produktionen, Sie hat die Drehbücher zu Kuhdamm 56 und 59 geschrieben und die Serie Weißensee erfunden. Man merkt das sie sich mit der Zeitgeschichte nach 1945 gut auskennt, sich die Menschen vorstellen kann, mit all ihren Gedanken und Gefühlen. Hi und da war es mir schon auch etwas zu dramatisch oder etwas zu sehr auf eine Art Happy End hingeschrieben. Aber das liegt hier vor allem an meinem persönlichen Geschmack.

    Für mich hat es aber insgesamt gepasst und ich finde es wichtig, das nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch der Umgang damit nach 1945 thematisiert wird. Denn die Täter lebten zum Teil weiter in Deutschland völlig unbehelligt. Fritz Bauer hatte selbst mit einem Justizapparat zu tun, der mit Menschen besetzt war, die allen Grund hatten seine Bemühungen zu unterbinden.


    Von mir gibt es: 4ratten

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    Annette Hess - Deutsches Haus


    Die junge Wirtstochter Eva ist Übersetzerin für Polnisch und steht 1963 kurz vor ihrer Verlobung mit einem wohlhabenden jungen Mann, der auch sozial ein wenig über ihr steht. Als ursprünglicher Aushilfe wird ihr der Übersetzerposten bei den Auschwitzprozessen angeboten - entgegen den Widerständen der Familie und des "Zukünftigen" übernimmt sie diese Arbeit und erlebt, wie ihr Weltbild grundlegend erschüttert wird..


    Ich muss zugeben, dass mich die einfache und schmucklose Sprache mit ihren sehr kurzen Sätzen anfangs etwas gestört hat - nach einer Weile des Lesens erwies sich diese jedoch als sowohl überaus passend im Kontrast zum Gewicht der Beschreibungen als auch passend, um Evas gradlinige und unmittelbare Reaktionen angemessen darzustellen. Eva ist am Anfang des Romans eine etwas in Konventionen gefangene, aber immer sehr aufrechte und sensibel agierende junge Frau; nach meinen Berechnungen muss sie 1963 Anfang 20 sein. Als Medium für die im Laufe des Romans sich entwickelnden Gefühle und Standpunkte ist sie die ideale Figur - sie ist zunächst (fast!) eine Art "weißes Blatt", das allmählich durch die neuen Erfahrungen beeinflusst und verändert wird, dies aber immer passend zu ihrem schon klar und glaubhaft angelegten Charakter.


    Die Berichte über die Prozesse selbst sind schonungslos, aber unpathetisch - die Autorin lässt sie für sich selbst sprechen. Die Schlussbemerkung versichert gründlicher Recherche. Jeder kennt Beschreibungen der Geschehnisse in den Vernichtungslagern des 2. Weltkrieges - durch den speziellen Standpunkt von Eva zwischen Betrachterin und persönlicher Beteiligung in einer Zeit, die noch nicht allzuweit vom Kriegsende entfernt war, schafft es Annette Hess aber tatsächlich, uns noch mal einen "frischen" Standpunkt einnehmen zu lassen und die Ereignisse nicht nur noch als "historisch" wahrzunehmen, sondern Erschrecken wieder unmittelbar werden zu lassen, moralische Standpunkte zu überdenken und vielleicht Bezüge zu aktuellen Ereignissen herzustellen.

    Die Zeit der beginnenden 60er Jahre ist ziemlich überzeugend dargestellt. Rein äußerlich, vor allem auch bei den gesetzlichen Regelungen, gilt noch die starke Dominanz des Mannes, aber Risse in diesem System zeigen sich schon überall, im Roman meist eher subtil dargestellt durch die tatsächliche innere Stärke vieler der Frauenfiguren. Diese Entwicklung ist als durchaus "versöhnlich" dargestellt, da das Selbstbewusstsein der auftretenden Frauen am Ende auch der Beziehungsqualität zu den Männern dient.


    Auf die Entwicklung der Handlung möchte ich hier nicht zu sehr eingehen, um nichts vorwegzunehmen. Wie die Autorin den Bogen der Geschichte führt, bis hin zu den abschließenden Geschehnissen und Gedanken der Personen, fand ich sehr passend und beeindruckend. Allein schon die Geschichte des "kleinen roten Päckchens" war dabei ein absolutes Glanzlicht für mich - mit einem ganz wichtigen Abschlusssatz dazu.

    Wie passend ich die Nebengeschichte von Evas älterer Schwester Annegret finde, daran knabbere ich noch ein wenig. Vielleicht ist sie sogar sehr passend, für mich persönlich aber vielleicht ein bisschen "too much" - ich habe mich noch nicht entschieden.. Aber auch schon ohne diese integrierte Geschichte ist "Deutsches Haus" (Welch ein Titel! Und es gibt ja übrigens tatsächlich eine bekannte Gaststätte dieses Namens..;) ) ein sehr beeindruckendes und für mich psychologisch großartig konstruiertes Buch.


    4ratten,5

    3 Mal editiert, zuletzt von Alice ()

  • Hüstel seit wann ist Zeitgeschichte nicht mehr historisch?

    Hatten wir nicht gesagt, historisch ist es, wenn alle, die es miterlebt haben können tot sind?

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)

  • So habe ich das auch in Erinnerung. Wobei ich Geschichten aus dem 2. Weltkrieg inzwischen in "historisch" einordne.

    60er Jahre sehe ich aber wirklich eher in Zeitgeschichte.


    Sei es drum, ich möchte nach euren Rezis das Buch unbedingt auch irgendwann lesen!

    LG, Dani


    **kein Forums-Support per PN - bei Fragen/Problemen bitte im Hilfebereich melden**

  • Ich finde ehrlich gesagt keine der vorhandenen Kategorien sonderlich überzeugend für das Buch ("Zeitgeschichte" fänd ich gut, gibt's aber nicht - "historischer Roman" ist wohl für die meisten Leser intuitiv aber doch etwas anderes.. "Gegenwartsliteratur" erscheint auch etwas schief, aber dehnbarer.. ) - also bin ich da gerade "leidenschaftslos". :)

    Einmal editiert, zuletzt von Alice ()

  • Also ich kann euch sagen, dass die Literaturwissenschaften da auch nichts beizutragen haben - also zu dem Thema, ob dieser Roman ein "Historischer Roman" sein könnte oder nicht ;) Das Metzler Lexikon für Literatur (3. Auflage, 2007, S. 318) sagt dazu:


    Zitat

    Was als historisch gilt, hängt vom Geschichtsbild der Autoren und Leser ab. Genau genommen orientiert sich der historische Roman nicht an der Geschichte im Sinne von >vergangenem Geschehen<, sondern an der Geschichte als >Disziplin des Wissens darüber<, die ihrerseits dem historischen Wandel unterliegt.

    :D


    Dass Gegenwartsgeschichte bzw. Zeitgeschichte zum Bereich der Historik allgemein zählt, lässt sich wohl nicht bestreiten. Finde die Diskussion aber ziemlich interessant, wo dieses Buch nun wirklich hingehört:/

    "Ich muß dich mit Gewalt ernähren!" sagte Homunkoloss, "Du schläfst nicht mehr. Du wäscht dich nicht. Du stinkst wie ein Schwein." "Ist mir doch egal", sagte ich trotzig, "Hab keine Zeit, muß lesen" (c) Walter Moers, aus "Stadt der träumenden Bücher"

  • Natürlich ist Zeitgeschichte auch ein Teil der historischen Forschung etc. Aber unter "historischer Roman" verstehe ich dennoch eher Bücher, die sich mit weiter zurückliegenden Zeiten beschäftigen, zumal die jüngere Geschichte (also die Geschichte der Eltern- und Großelterngeneration) die Gegenwart durchaus stark mitprägt.

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Ich habe das Buch jetzt auch gelesen und habe zwei Fragen an euch:

    Wie alt schätzt ihr Stefan, den Bruder? Am Anfang hätte ich ihn auf 10-12 Jahre geschätzt, dann wurde er immer kindlicher. Wird das Alter irgendwo erwähnt?


    Ich finde Evas Polnisch-Kenntnisse und die Grundkenntnisse in Ungarisch ein bißchen unrealistisch. Sie scheint kein Slawistik-Studium gemacht zu haben und dass man Polnisch und Ungarisch an einer Übersetzerschule lernen kann ohne Vorkenntnisse, kann ich mir nicht vorstellen.


    Ich grüble noch an diesen beiden Kleinigkeiten.

    "Librarians: more powerful than a Google search, friendlier than a wiki, and the best natural language processor on the market."

    (Erica Firment, Librarian Avenger)

  • Es ist ein paar Monate her, dass ich das Buch gelesen habe, daher erinnere ich mich nicht im Detail. Ich habe den Bruder als etwas jünger im Kopf, vielleicht 8 oder 9?


    Zum Polnisch-lernen: Unmöglich ist es nicht. Eine frühere Kollegin von mir machte direkt nach der Schule ohne jegliche Vorkenntnisse eine Ausbildung zur Spanisch-Dolmetscherin. Ich arbeite leider nicht mehr mit ihr zusammen, kann daher nicht fragen, wie lange die Ausbildung dauerte. Jedenfalls hatte sie die Ausbildung auf Anhieb geschafft, obwohl alle anderen in ihrer Klasse Vorkenntnisse hatten, z. B. Spanisch in der Schule gelernt hatten oder Kinder spanischsprechender Einwanderer waren.

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • bibse

    Ich überlege grade, ich glaube der Bruder erschien mir auch eher jünger als 10. Da meine Lektüre aber auch schon wieder etwas her ist, bin ich da nicht ganz sicher.

    Zu den Polnischkenntnissen. Ich frage mich ob die Autorin da nicht versucht hat, aufzuzeigen das die Kenntnisse sozusagen noch in ihr schlummerten, weil sie als Kind dort war. Also zumindest beim Polnischen. Das hat sie zwar so nicht gesagt, ich finde das wird aber ein bisschen suggeriert. Also das ihr diese Sprache auch deshalb dann leicht fällt. Ich weiß z.B das meine Schwester und mein Bruder mit englisch wenig Probleme hatten, weil sie tatsächlich verschüttete frühkindliche Erinnerungen an die Sprache hatten, die im Untericht wieder hervorkamen.