Nino Haratischwili - Die Katze und der General

Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.
  • Beitrag von Saltanah ()

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    Klappentext:

    Alexander Orlow, ein russischer Oligarch und von allen »Der General« genannt, hat ein neues Leben in Berlin begonnen. Doch die Erinnerungen an seinen Einsatz im Ersten Tschetschenienkrieg lassen ihn nicht los. Die dunkelste ist jene an die grausamste aller Nächte, nach der von der jungen Tschetschenin Nura nichts blieb als eine große ungesühnte Schuld. Der Zeitpunkt der Abrechnung ist gekommen. Nino Haratischwili spürt in ihrem neuen Roman den Abgründen nach, die sich zwischen den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs aufgetan haben. »Die Katze und der General« ist ein spannungsgeladener, psychologisch tiefenscharfer Schuld-und-Sühne-Roman über den Krieg in den Ländern und in den Köpfen, über die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. Wie in einem Zauberwürfel drehen sich die Schicksale der Figuren ineinander, um eine verborgene Achse aus Liebe und Schuld. Sie alle sind Teil eines tödlichen Spiels, in dem sie mit der Wucht einer klassischen Tragödie aufeinanderprallen.


    Dies ist mal wieder ein Buch aus meinem Lesekreis, es stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018, die Autorin wird für ihre früheren Romane hoch gelobt, was kann da noch schief gehen? Alles, ganz offensichtlich, muss ich leider sagen!


    Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, es gab kaum eine Seite, auf der ich mich nicht über das Buch geärgert habe, obwohl gegen Ende dann beinahe so etwas wie Fahrt in die Handlung kam).


    Fangen wir mit dem Positiven an: das Thema ist faszinierend, den Zusammenbruch der Sowjetunion mit all seinen "Nebenwirkungen" habe ich in meiner Studentenzeit quasi live mitbekommen, zumahl ich jede Menge Verwandtschaft in der ehemaligen UdSSR habe. In einer Zeit, in der es (wieder) eine Menge Russland- und Putinversteher gibt, sind Bücher über diese Zeit ungemein wichtig - zu schnell geht die Erinnerung daran verloren. Aber es ist wie so oft: ein "wichtiges Thema" macht noch lange kein gutes Buch. Dieses Buch ist leider handwerklich einfach nur hingehudelt, wie ein Lehrer von mir gesagt hätte.


    Erster Punkt: das Buch ist einfach V I E L Z U L A N G! 764 Seiten und über lange Strecken kein Ende in Sicht; die Autorin verliert sich in endlosen Lebensgeschichten bis in's vierte Glied auch noch der letzten Nebenfigur. Oft macht sie das in Form klassischer info dumps: sie setzt ihre Figur irgendwo hin oder läßt sie durch die Stadt streichen und erzählt derweil die komplette Familiengeschichte der letzten 50 Jahre - ÖÖÖÖÖDE


    2. Punkt: die Autorin kann keine überzeugenden Charaktere schaffen. Praktisch jede Figur ist ein wandelndes Klischee, ob der General, die Katze, ihre Mutter, Ada, Schapiro. Nach 764 Seiten habe ich, bis auf wenige Ausnahmen, von keiner Figur eine lebhafte Vorstellung, obwohl sie mit Attributen und Erläuterungen überhäuft werden


    3. Punkt: die Autorin kann keine überzeugenden Dialoge schreiben, vieles klingt nach einer Mischung aus Schülertheater und Schreibwerkstatt.


    4. Punkt: die Autorin redet überhaupt zu viel. Selbst die kleinsten Seelenregungen werden uns wortreich und ad nauseam erläutert, aber sie zeigt uns nichts. Show, don't tell, ist eine handwerkliche Regel des Schreibens, aber die Autorin prügelt dem ermatteten Leser lieber ihre Analyse der Figuren immer und immer wieder um die Ohren. Beispiel:

    Zitat

    Sie, die Rastlose, die sogar unter Vertrauten fremd blieb, wenig sagte, auf der Bühne bis zur Selbstauflösung spielte und die Zuschauer spaltete – vollständige Ablehnung oder grenzenlose Begeisterung –, die zu düster und leise war, um im nächsten Augenblick zu laut und pathetisch zu werden, die so viel vom Leben wollte, dass sie unter der Last dieses Wollens immer wieder zusammenbrach; sie, in deren Haar der Tod ein unverkennbares Zeichen hinterlassen hatte, sie, die nicht wusste, wohin sie gehörte, sobald sie die Bühne verließ, sie, die immer hungrig war und den Hunger oft vergaß, sie, die geküsst werden wollte, bis die Lungen schmerzten, und die nichts so sehr liebte wie Einsamkeit, die sich ständig mit Menschen umgab, die sich selten so unwohl fühlte wie in Gesellschaft von Menschen, die Zuversicht und Klarheit ausstrahlten und Geradlinigkeit und die ihre Gefühle portionierten.

    ... ... gimme a break!


    5. Punkt: wenn die Autorin im Feuilleton als "ein Naturereignis der deutschen Sprache" und als "unbestreitbar zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" gehörend bezeichnet wird, frage ich mich, welcher Praktikant dieses Buch geschrieben hat? Es strotzt nur so vor schiefen Formulierungen, klobigen Sätzen, abwegigen Bildern usw. Vieles klingt wie in einem Schüleraufsatz, nachdem die Lehrerin beton hat, die Schüler sollten ein farbigere Sprache benutzen.

    Fällt hier etwas auf?

    Oder

    Irgendwie erschreckend, oder?

    Ähnliche Listen könnte ich mit so 0815-Formulierungen wie "in Windeseile" und anderen aufstellen.

    Andere Male sind Beschreibungen nicht konsistent oder widersprüchlich

    Zitat

    Bereits am frühen Morgen fiel Schujew krankhaft aufgedunsen, mit geröteten Wangen, mit geplatzten Äderchen auf der klumpigen Nase und mit seinem gigantischen und gestählten Körper in die Containerküche ein

    Aufgedunsen oder gestählt, ja was denn nu? Beides geht irgendwie nicht!

    Zitat

    "Frische, kühle Nachtluft drang hinein und verschaffte allen Beteiligten für den Bruchteil einer Sekunde die Illusion von Erleichterung."


    wenige Absätze später dagegen heißt es:


    "Die Nacht war sternenlos, und sie war schwül, die Feuchtigkeit kroch in jede Ritze, setzte sich in jeder Faser fest"

    Schwül oder frisch, da sollte sich die Autorin schon in DER zentralen Szene des Buches entscheiden.


    Ich könnte jetzt noch endlos so weiter machen, schiefe, pathetische und schlicht schlechte Formulierungen ohne Ende. Ein letztes Beispiel noch:

    Zitat


    Nichts hatte den General zu einem Nebenstrang meines Lebens werden zu lassen können.

    Häh? Hallo Lektorat!!!!! Hat irgendjemand dieses Machwerk vor der Drucklegung überhaupt gegengelesen, oder reicht es heutzutage, als "Naturereignis der deutschen Sprache" zu gelten (eine Schlammlawine ist ja auch ein Naturereignis - irgendwie) und man kann ungestraft jeden halbgaren, pathetischen Mist publizieren?


    Da spielt es schon fast keine Rolle mehr, dass das Ende des Buches doch ziemlich unterwältigend ist. Da werden die Figuren um die halbe Welt gehetzt - Berlin, Moskau, Marrakesch (warum um alles in der Welt Marrakesch? Warum nicht Castrop-Rauxel, klingt doch fast genauso exotisch) und Tschetschenien, nur damit sie auf den letzten Seiten


    Wie unglaublich originell!


    Ich muss wohl nicht extra betonen, dass mich dieses Buch nicht wirklich überzeugt hat.

    1ratten

    "What we remember is all the home we need."

    Roberet Holdstock, Avilion


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    4 Mal editiert, zuletzt von Morwen ()

  • Ach du lieber Himmel :entsetzt: Danke für die Zitate - jetzt weiß ich sicher, dass ich das nicht lesen muss.


    Man merkt dem Verriss förmlich an, wie dringend der aus Dir raus musste :autsch:

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Ich habe mir extra mal eine epub Version "besorgt" und habe da dank der Suchfunktion diese Wiederholungen überhaupt erst entdeckt. Ich hätte allerdings noch eine Menge weitere Stilblüten zitieren können ...


    "Der Mond war eine Sichel und ritzte die Sterne in die Himmelshaut. Die Luft war staubig und schwer, ..."
    Das klingt ein bisschen wie Tom Tom Waits ("The moon is a cold chiseld dagger, sharp enough to draw blood from a stone."), nur nicht so gut. Sogar ziemlich pathetisch.


    Dann hat es Frau Haratischwili offensichtlich mit dem Nachtleben der Großstädte, ich fühle mich allerdings eher an eine Schöfferhofer Werbung erinnert:

    "Die Musik war laut und die Bässe hart, ich fühlte mich jung und gelöst"

    "Wir lösten uns in der Nacht auf, wir schwebten und lachten grundlos, fielen uns um den Hals, schnitten Grimassen und malten uns mit einem Filzstift gegenseitig Fantasiefiguren auf die Arme."

    Ach wie putzig - ich glaube, ich bin zu alt für sowas!


    "Er sah Onno sarkastisch schmunzelnd an" - wie kann man sarkastisch schmunzeln???


    "war ihr Wedding-Deutsch zielsicherer und vor allem das Tempo, in dem sie sprach, das eines Turbokampfjets." boah, ein Turbokampfjet, da bin ich schwer beeindruckt von dieser knallharten Sprache.


    "Der dunkle Wald wiegte sich hinter den Glaswänden in den Armen der soeben hereingebrochenen, geheimnisvollen Dunkelheit." puuuh, Kitschalarm!


    "Das erste Anzeichen einer schier endlosen Reihe an Veränderungen, die unserem Gespräch folgen würden, das ich bereits als unheilvoll deutete, war die Tatsache, dass sie ihre Haare nicht länger pink färbte."

    Wenn man nicht Thomas Mann heißt, sollte man seine Sätze vielleicht doch eher einfach halten.


    "Sie liebte mich ihre Süchte offenlegend."

    Kann man so machen, klingt aber scheiße!


    "die genau die toxischsten Ingredienzen herausgesucht hatte, als gelte es im Leben, nur das Schädlichste rauszufiltern"

    und nur eine Seite weiter

    "Ja, seine Vergangenheit war toxisch, sie durfte mit ihr nicht in Berührung kommen"

    Ist dieses schwachsinnige Wort jetzt schon salonfähig im Deutschen?


    Und so weiter, und so weiter ...

    "What we remember is all the home we need."

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  • totlach


    Der Schöfferhofervergleich ist gar nicht mal so weit hergeholt, finde ich.

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    (Agnès Varda)

  • Ich hab da so hipsterig-enthemmt Leute mit iPhones im Sinn, die im Sonnenuntergang über den Dächern von Berlin Party machen.:kotz:

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  • Aha, da ist schon der angekündigte Verriss. Und was für ein schöner noch dazu :evil: Warum hast du nicht abgebrochen?

    Spoiler anzeigen

    Etwas Besseres ist ihr nicht eingefallen? Echt nicht?

    You tell me how I can fly away

    And believe that all the angels are coming

    You bring me down then I will fly again

    And believe that all the angels are coming

  • Das Buch ist für meinen Lesekreis in zwei Wochen. Ihr erinnert euch vielleicht an Tomke, der leitet den, und da will ich mit etwas mehr als "habe ich abgebrochen" ankommen. Ich freue mich aber auch auf das Treffen, obwohl (oder gerade weil) ich jetzt schon mehrmals (zur allgemeinen Erheiterung) das jeweilige Buch verrissen habe.


    Und was das Ende des Buches angeht: hier wurde von der Autorin so oft rausgestellt, wie minutiös der Plan des Generals ist, wie fest er in seinem Entschluss ist, wie unausweichlich alles auf dieses Ende zusteuert, und dann dies ... Das kommt mir vor, wie eine Mondrakete, wo wir über 750 Seiten den Countdown verfolgen, und dann pfeift das Ding wie ein angestochener Ballon durch den Raum und klatscht schlaff an die Wand.

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  • Bei einem Lesekreis abzubrechen ist natürlich blöd, das kann ich verstehen. Hat den Anderen denn das Buch gefallen?

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  • Das kommt mir vor, wie eine Mondrakete, wo wir über 750 Seiten den Countdown verfolgen, und dann pfeift das Ding wie ein angestochener Ballon durch den Raum und klatscht schlaff an die Wand.

    Deine Vergleiche sind einfach klasse totlach

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    (Agnès Varda)

  • Ich habe mich auch köstlich amüsiert :err:

    Mich würde auch interessieren, wie das Buch sonst so im Lesekreis ankam :elch: Und was ihr bisher sonst so gelesen habt. Für mich ist so ein Lesekreis ja meist nichts. Ich war ja mal in einem, aber ich konnte mich einfach nicht dazu aufraffen Bücher zu lesen, die mich eigentlich nicht interessieren.

  • Das Treffen ist genau in zwei Wochen, Ich werde berichten.

    Ich bin mit dem zweiten Buch in den Kreis eingetreten, und seitdem hatten wir diese Bücher


    Margriet de Moor / Von Vögeln und Menschen

    schöne Sprache, aber für mich unbefriedigend


    Lewis Grassic Gibbon / Lied vom Abendrot

    schöner historischer Roman aus Schottland


    Gianna Molinari / Hier ist noch alles möglich

    überambitioniert Blödsinn


    Lucy Fricke / Töchter

    flott geschrieben, viele gute Beobachtungen, aber für mich oft zu bemüht komisch


    Nino Haratischwili / Die Katze und der General

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    Roberet Holdstock, Avilion


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  • Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Verriss.

    Ich habe Tränen gelacht.

    Die Formulierungen sind wirklich abenteuerlich.


    Dieses Buch hatte ich in der Buchhandlung, in der ich zur Lesung von Lucie Flebbes Krimi war, in der Hand.

    Konnte mich aber nicht dazu durchringen es zu kaufen.

    Der Klappentext klang ansprechend, aber ich hatte auch schon 4 andere Bücher ausgewählt.

    Da habe ich direkt auch mal Glück gehabt und das richtige Buch im Laden gelassen. ^^

  • "Aufgedunsen... und mit seinem .. Körper" - wie hätte das erst ausgesehen, wenn er ohne seinen Körper gekommen wäre..??! :huh:=O


    Danke für die aufschlussreiche Rezi und die potentielle Zeitersparnis! :)

  • Ohne Körper wird auch das mit dem Aufgedunsensein schwierig.


    In einer Leserunde hätten wir garantiert sehr viel Spaß beim Reden über das Buch gehabt, wenn schon nicht am Buch selber totlach

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Margriet de Moor / Von Vögeln und Menschen

    schöne Sprache, aber für mich unbefriedigend

    Das Buch habe ich gerade beendet und feile noch an der Rezi.

    Lewis Grassic Gibbon / Lied vom Abendrot

    schöner historischer Roman aus Schottland

    Ich habe vor einiger Zeit die komplette Reihe gelesen. Sie ist wirklich sehr schön.

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    You bring me down then I will fly again

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  • Ich habe vor einiger Zeit die komplette Reihe gelesen. Sie ist wirklich sehr schön.

    Dann ist aus diesem Thread ja doch noch ein Tip hervorgegangen ;) Ich habe mir gerade den ersten Band auf die Wunschliste gesetzt. Hast Du das Original gelesen und weißt, ob das arg schottisch ist? :breitgrins:

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    (Agnès Varda)

  • Ich habe mir gerade den ersten Band auf die Wunschliste gesetzt.

    Das hattest du doch schon, als ich den ersten Teil hier vorgestellt habe ;-)

    Hast Du das Original gelesen und weißt, ob das arg schottisch ist?

    Ich muss gestehen, dass ich mich da nicht mehr erinnern kann. Dabei ist es nicht mal so lange her und die Bücher haben mir alle gefallen. Wahrscheinlich lagen einfach zu viele andere gute Bücher dazwischen.

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