Abschnitt 1 - Kapitel 1 - 10

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 41 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Melanie Metzenthin.

  • Ihr Lieben,


    ab dem 16.09.2019 lesen wir gemeinsam "Die Hafenschwester" von Melanie Metzenthin.


    Liebe Melanie, wir freuen uns sehr, dass du unsere Runde begleitest!


    Hier können wir zu den Kapiteln 1-10 (bis Seite 100) diskutieren. Wenn unbedingt nötig - es gibt auch eine Spoilerfunktion. Und da wir alle das gleiche Buch lesen, brauchen wir auch keine großen Nacherzählungen vom Inhalt sondern können gleich mit diskutieren loslegen.


    (Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Print-Ausgabe)


    Ich freue mich schon sehr auf diese Runde und den Austausch mit euch.

    (Falls Ihr Fragen an Melanie habt - nur keine Hemmungen.)

    Liebe Grüße, Caren

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    Wenn lesen Kalorien verbrennen würde, wäre ich in kürzester Zeit beängstigend dünn.

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    Meine Rezensionen

  • Oh, nun darf ich tatsächlich als erste posten ... bin ganz überrascht ... :)


    Heute morgen beim Kaffee hatte ich das Vergnügen den ersten Abschnitt dieses tollen Buchs zu Ende zu lesen. Ich sage euch, am liebsten wäre ich gar nicht ins Büro gegangen ... ;)

    Als erstes möchte ich mal anmerken, dass ich finde, dass das Buch einfach sehr hochwertig aussieht mit einer geprägten Schrift und dem tollen Coverbild. Da kommt im Buchladen so schnell niemand dran vorbei ... ein richtiger Eyecatcher!


    Und nun zur Geschichte an sich, in der ich sofort mittendrin war anstatt nur Zaungast zu spielen. Ich bilde mir ein, das Leben im Bleichergang und überhaupt im Gängeviertel zu erleben. Die unendliche Armut, den Hunger und vor allen Dingen auch den Gestank. Als dann noch die Epidemie ausbrach, muss es nahezu unerträglich gewesen sein! Aber Martha und ihre Familie scheinen es ja noch relativ gut erwischt zu haben ... zumindest vor dem Tod der Mutter und der Schwester und dem totalen Ausfall des Vaters. Wenn ich da an die arme Millie denke ... mich schaudert.


    Von Martha aber auch ihrem Bruder Heinrich bin ich übrigens total beeindruckt. Beide sind fleißig, strebsam und sehr reif für ihr Alter, Respekt! Vom Vater bin ich enttäuscht. Sicher, er trauert, aber er müsste für seine verbliebene Familie stark sein. Wenn ich so darüber nachdenke, war es wahrscheinlich immer die Mutter, die die Familie zusammengehalten hat ...

  • Beeindruckend auch deine Beschreibung der Zustände in den Krankenhäusern und auf der Straße ... besonders betroffen gemacht hat mich dieser Wagen, in den unten Löcher zum Abfluss der Exkremente gebohrt wurden ... man muss doch ständig Gefahr gelaufen sein, auf der Straße durch Ausrutschen der Länge nach hinzuschlagen, wenn man vorher nicht schon vom Gestank ohnmächtig wurde ...


    Interessant fand ich den kleinen Machtkampf zwischen den beiden Ärzten von denen einer - Dr. Schlüter - die junge Martha zu Rate zieht. Oh Gott, diese Behandlungsmethoden! Mir war nicht bewusst, dass man um 1900 seine Patienten noch zur Ader gelassen hat. Das hat Martha aber gleich richtig erkannt, dass das nicht gut sein kann ... ich glaube aus Martha wird nochmal was ganz Großes ... ;)


    Moritz ist ja auch ein süßer Typ, wie er sich für die Belange der Mädels einsetzt, toll! Aber mit ihm und Millie, das wird wohl nix werden. Ich denke, wenn auch nicht altersmäßig so ist sie ihm doch reifemäßig um Längen voraus ... kein Wunder, so schnell und brutal wie sie erwachsen werden musste. Was für ein Geheimnis sie wohl mit sich rumträgt?

  • Hallo zusammen und ein besonderes Hallo an dich liebe Melanie Metzenthin . Ich freue mich so, dass es jetzt los geht.


    Zuerst einmal muss ich eines erwähnen. Ich bin wieder einmal erstaunt wie du es schaffst mich sofort abzuholen. Vor zwei Wochen habe ich ein Buch gelesen, wo ich echt Schwierigkeiten hatte in die Geschichte rein zu kommen. Ich bin absolut vom Einstieg begeistert und konnte mich kaum bremsen beim ersten Abschnitt das Buch zu zu machen.

    Und noch etwas, ich bin " wieder" fasziniert wie viel historische Hintergründe wir zu lesen bekommen. Hab so einiges gegoogelt oder bei Wikipedia um noch zusätzlich mehr zu erfahren. Ich mag das ja.


    Aber nun zu Martha. Von einer großen Glückseligkeit fällt sie gleich ins nächste Extrem und verliert so viel. Mal so am Rande, ich war erstaunt was man damals für zwei Pfennig bekommen hat. Obwohl das schon eine große Entbehrung gewesen ist.

    Was mich total berührt hat, ist die unendliche Liebe die Martha für ihre Eltern und Geschwister empfindet. Und das die Eltern ihren Kindern die Schulbildung ermöglichen, damit sie eine bessere Zukunft haben. Um so schlimmer ist es, daß Anna und die Mutter an der Cholera sterben. Melanie Metzenthin , du schreibst, dass Anna immer im Sommer an Durchfall und erbrechen gelitten hat, gab es so etwas das machen Menschen daran litten, oder lag es an den hygienischen Umstände wenn im Sommer die Bakterien explodieren.

    Interessant und zu gleich schockierend fand ich die Tatsache, dass alles unter dem Deckel der Verschwiegenheit gehalten wurde. Es hätten so viele Menschenleben gerettet werden können, wenn diese gewusst hätten welche hygienischen Maßnahmen notwendig waren. Da waren die Bremer den Hamburger weit voraus.

    Umso besser war es, dass der Arzt, Dr. Hartmann, gleich die Familie aufgeklärt hat. Auch das es nur vier solche Krankenwagen gab, für so eine große Stadt, ist doch sehr wenig.


    Interessant ist auch, das man gleich geächtet, oder man abgestempelt wurde, nur weil so wie Martha Kontakt mit jemanden wie Milli hatte. Doch ihr Vater hat nichts gegen die Freundschaft. Grausam fand ich das Milli dem Willen ihres Stiefvaters ausgesetzt ist und dieser sie anschaffen schickt. Milli hingegen scheint es gelassen zu nehmen, aber das ist mit Sicherheit nur ein Selbstschutz nach aussen hin. Sie will vielleicht ihre Freundin nicht belasten.


    Dieses Phänomen des Funktinonierens kenne ich. Doch Martha und auch ihr Bruder Heinrich sind hier noch Kinder und werden der Kindheit auf Schlag beraubt und müssen für die Familie da sein. Ihr Vater kann das nämlich nicht, da der sich dem Alkohol in seinem Kummer hingibt. Und Heinrich kann den Wunsch und Traum aufs Gymnasium gehen zu können auch aufgeben. Auch er hat nachgedacht und will die Familie mit unterstützen. Das ist alles so traurig.

    Martha fängt im allgeme Krankenhaus St. Georg als Krankenwärterin an, aber dieser Propst ist ein Schwein, dass steht für mich schon einmal fest. Nutz die Hilflosigkeit eines jungen Mädchens aus. Zum Glück kam Dr. Schlüter.

    Doch sie hat ja Milli die ihr gleich Tipps zu Selbstverteidigung gegeben und macht sie mit Moritz bekannt^^

    Was mich zum schmunzeln gebracht hat war, als Martha von dem Dr. der einen Disput mit Dr. Schlüter hatte, nach ihrer Meinung fragte. Ganz schön weitsichtig wie Martha geantwortet hat. Das beeindruckt auch Dr Schlüter und lässt sie in den Cholerabarraken arbeiten und besorgt ihr noch eine zusätzliche Arbeit im Labor wo er ihr Mal einiges gezeigt hat. Ich glaube der könnte sich noch für Martha einsetze. Also mehr als die Sache mit Propst.

    Nur leider musste sie dann doch wieder zurück ins allgemeine Krankenhaus. Das es auch nur zwei Krankenhäuser in Hamburg zu der Zeit gab, fand du auch sehr wenig.


    Cholerapflaster, ich wollte mehr darüber wissen, habe aber nichts gefunden. Melanie, wie muss man sich das vorstellen wenn es die wirklich gab.


    So, nun bin ich in meinem Bereich wieder ausgeartet:huh:. Aber einen langen Abschnitt wo so viel passiert, bekomme ich einfach nicht kürzer zusammen gefasst:D


    Melanie ich liebe jetzt schon deine Hafenschwestern, wie lange müssen wir uns gedulden bis es eine zweiten Teil gibt;)

    &quot; Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben , über die Sterne&quot;<br />- Thomas Carlyle

  • Ich sage euch, am liebsten wäre ich gar nicht ins Büro gegangen ... ;)


    Die unendliche Armut, den Hunger und vor allen Dingen auch den Gestank. Als dann noch die Epidemie ausbrach, muss es nahezu unerträglich gewesen sein!


    Von Martha aber auch ihrem Bruder Heinrich bin ich übrigens total beeindruckt. Beide sind fleißig, strebsam und sehr reif für ihr Alter, Respekt! Vom Vater bin ich enttäuscht.

    Ich wollte auch nicht aufhören zu lesen, ich bin wie im Film den ich nicht ausschalten möchte.


    Die Armut hat mich auch sehr erschreckt, wenn man bedenkt wie hat die Menschen schufften mussten um überhaupt über die Runden zu kommen. Ich könnte mir vorstellen das der Zustand noch schlimmer wird.

    Und diesen Gestank hatte ich fast in der Nase. Wenn im Pflegeheim der Norovirus grassierte und nur zwei Nachtschwestern für 50 Bewohner Dienst hatten, hat es Morgens wenn man zum Dienst kam auch fürchterlich gestunken.


    Ja Martha und Heinrich sind stark und lassen sich gleich etwas einfallen. Das der Vater so ganz anders damit umgeht ist natürlich nicht schön. Aber verurteilen will ich ihn nicht. Seine Frau war seine große Stütze die nun weggebrochen ist und ein Kind hat er auch noch verloren. Trotz seiner anderen beiden Kinder fühlt er sich alleine. Manche Menschen fallen da schnell in ein sehr tiefes Loch und ertrinken ihren Kummer im Alkohol, obwohl er weiß das er für Martha und Heinrich da sein sollte, schafft es aber nicht sich zu beherrschen.

    &quot; Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben , über die Sterne&quot;<br />- Thomas Carlyle

  • Vielen Dank für eure tollen Kommentare.

    Ja, der Gestank muss damals unerträglich gewesen sein, keine Kanalisation und keine anständigen Toiletten, die man "Anstandsorte" nannte. Das mit den umgebauten Kutschen und den Exkrementen auf der Straße ist übrigens alles so gewesen. Gruselig, nicht wahr?


    Martha und ihre Geschwister haben/hatten liebevolle Eltern. Deshalb sind sie so stark geworden. Und deshalb ist es auch so schwer, den Vater zu verurteilen - sie wissen, dass er ein liebevoller Vater ist, aber er driftet immer mehr ab und flieht in den Alkohol - er weiß, dass er das nicht tun sollte, aber ihm fehlt die Kraft, weil er damit seine eigene Depression über den Tod von Frau und Kind betäubt - und irgendwann ist es dann passiert - dann ist man körperlich abhängig und alles wird noch schlimmer. Aber dadurch, dass er liebenswert bleibt, aber gleichzeitig nervig, weil er sich nicht zusammenreißt, sind die Kinder in einem argen Zwiespalt. Sie lieben ihren Vater und zugleich mögen sie ihre Wut nicht zulassen.


    Milli wiederum nimmt ihr Schicksal gar nicht so gelassen, aber sie ist pragmatisch - sie hat es aufgegeben zu kämpfen, jedenfalls gegen das aktuelle Schicksal - und verlässt sich auf Träume der Zukunft um zu überleben. Sie verdankt ihre Stärke auch der Freundschaft zu Martha und deren Familie, die gaben ihr ja anfangs immer noch Halt - aber sie war auch im Loyalitätskonflikt mit ihrer eigenen Mutter. Milli ist auch eine starke, aber eine tragische Figur (und meine heimliche Lieblingsfigur).

  • Cholerapflaster, ich wollte mehr darüber wissen, habe aber nichts gefunden. Melanie, wie muss man sich das vorstellen wenn es die wirklich gab.

    Die Cholerapflaster habe ich aus diesem Buch https://www.amazon.de/Ein-Leben-Hamburg-Eckart-Kleßmann/dp/3885060345


    Da sind sie bei der Cholera von 1831 genau so beschrieben, wie Milli sie beschreibt.

    Aha, danke dir. Schade daß diese nicht an die Bevölkerung verteilt wurden. Ob es die in den Apotheken gab?

    &quot; Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben , über die Sterne&quot;<br />- Thomas Carlyle

  • ich habe gerade gesehen, dass ich die Frage nach dem Brechdurchfall noch nicht beantwortet habe. Ja, es war so schmutzig, dass die Leute oft Magen-Darm-Infekte hatten.

  • Ich bin auch mit dem ersten Abschnitt durch und musste mich zügeln, nicht weiterzulesen! Selten bin ich bei einem Buch von Anfang an derart gefesselt und mitten drin im Geschehen!


    Der Anfang hat mir gleich die Tränen in die Augen getrieben! Die kleine Anna stirbt und kurz darauf auch die Mutter. Bewundernswert, wie Martha in ihrem Alter die Familie aufrecht erhält! Was wäre wohl passiert, wenn sie nicht so engagiert gewesen wäre? Nicht auszudenken....


    Der Vater hat die Schicksalsschläge leider nicht verkraftet. Das muss für Martha besonders schlimm sein, da sie ja ein besonderes Verhältnis zu ihm hatte.


    Erschütternd, dass die „Pfeffersäcke“ :D die Cholera nicht aufgehalten haben. Hätten sie sich und der Bevölkerung früher eingestanden, dass die Cholera grassiert, wäre viel Elend vermeidbar gewesen.


    Martha hat ihre Berufung gefunden. Sie hat Glück, dass sie an die richtigen Leute gerät, wenn mal man von dem feinen Herrn Probst absieht. :evil:


    Zitat von Kessi69

    Ich könnte mir vorstellen das der Zustand noch schlimmer wird.

    Bestimmt! Der erste Weltkrieg ist nicht mehr weit weg, den zweiten wird Martha auch noch miterleben.


    Melanie Metzenthin verrätst du uns, bis zu welchem Jahr das Buch geht?


    Das Cholerapflaster kam mir auch vor wie ein Placebo. Das hilft nur denen, die es verkaufen.

    Milli tut mir sehr leid. So cool, wie sie tut, ist sie bestimmt nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das einfach so wegsteckt. Moritz tut ihr augenscheinlich gut. Hoffentlich wird aus den beiden ein Paar und Milli schafft den Absprung.

    Liebe Grüße, Caren

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    Wenn lesen Kalorien verbrennen würde, wäre ich in kürzester Zeit beängstigend dünn.

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    Meine Rezensionen

  • Ich bin auch mit dem ersten Abschnitt durch und musste mich zügeln, nicht weiterzulesen! Selten bin ich bei einem Buch von Anfang an derart gefesselt und mitten drin im Geschehen!

    Ich zitiere das mal stellvertretend für alle bisherigen Äußerungen. Ich freue mich wahnsinnig, dass ihr das bislang alle so empfindet!

  • Das der Vater so ganz anders damit umgeht ist natürlich nicht schön. Aber verurteilen will ich ihn nicht. Seine Frau war seine große Stütze die nun weggebrochen ist und ein Kind hat er auch noch verloren. Trotz seiner anderen beiden Kinder fühlt er sich alleine. Manche Menschen fallen da schnell in ein sehr tiefes Loch und ertrinken ihren Kummer im Alkohol, obwohl er weiß das er für Martha und Heinrich da sein sollte, schafft es aber nicht sich zu beherrschen.

    Ja, du hast recht, ich will ihn auch nicht direkt verurteilen aber manchmal möchte ich ihn einfach nur schütteln !!!! :cursing:

  • Ja, der Gestank muss damals unerträglich gewesen sein, keine Kanalisation und keine anständigen Toiletten, die man "Anstandsorte" nannte. Das mit den umgebauten Kutschen und den Exkrementen auf der Straße ist übrigens alles so gewesen. Gruselig, nicht wahr?

    Äußerst gruselig ... ich habe mal ein Buch zu dem Thema Kanalisation etc. gelesen - Der Vermesser von Clare Clark - da ging es mir mit dem beschrieben Gestank genauso wie hier ... man will sich fast die Nase zuhalten beim Lesen ... *schauder* ....


    Milli ist auch eine starke, aber eine tragische Figur (und meine heimliche Lieblingsfigur)

    Oh ja, sie hat definitiv Potential als Lieblingsfigur, ich mag sie auch sehr :)


    Ich freue mich wahnsinnig, dass ihr das bislang alle so empfindet!

    Und ich freue mich, dass du so bildhaft schreibst ... mittendrin als nur als Randfigur fühlt man sich da :)

  • Hallo ihr Lieben,


    ich habe gestern Abend auch den ersten Abschnitt beendet, am liebsten hätte ich direkt weitergelesen, da ich sehr hoffe, dass sich die Situation für Marthas Familie hoffentlich bald wieder verbessern wird.


    Die Familie war so glücklich und reich an Liebe und Fürsorge und dann schlägt diese furchtbare Krankheit zu. Schlimm, wie dieser Schicksalsschlag den Vater aus der Bahn wirft. Ich bewundere Martha aufrichtig, dass sie sich so gut im Griff hat, was ihren Vater angeht, sie und die Existenz der ganzen Familie ist ja schließlich von seiner Trunksucht betroffen. Ich glaube, bei mir wäre irgendwann der Geduldsfaden gerissen und ich hätte dem Vater dann aus Verzweiflung die heftigsten Vorwürfe gemacht, auch wenn er krank ist. Ich bin mir nicht sicher, ob er aus dem Teufelskreis überhaupt noch rauskommen kann, denn ohne Entziehung geht da sicherlich nichts mehr. Heutzutage geht man in eine Entziehungsklinik, aber damals ...


    Schlimm finde ich auch Millis Schicksal, auch wenn sie selbst das Beste daraus macht, dass man den Eindruck bekommt, so schlimm empfindet sie es gar nicht. Vor allem finde ich es auch schlimm, dass bei der Mutter und diesem Stiefvater Millis Weg vorgegeben ist und es für sie kein Ausrinnen gibt. Furchtbar ist auch, dass die Frau dann von allen verachtet

    wird, dabei wurde sie von einem Mann in diese Rolle gedrängt :cursing: Überhaupt diese Doppelmoral gegenüber den Prostituierten, während diejenigen, die das Angebot nachfragen und damit das Angebot überhaupt möglich machen, völlig unerwähnt bleiben.


    Schlucken musste ich bei der Szene, als Martha und ihre Mutter die tote Anna im Krankenhaus auffinden - überhaupt bei den Zuständen, die in den Krankenhäusern und unter dem Pflegepersonal herrschen. Heutzutage wird ja auch oft genug - und zu recht - beklagt, dass das Pflegepersonal einfach keine Zeit mehr für einzelne Patienten haben, weil immer mehr Druck auf die Menschen ausgeübt wird, aber damals waren die Zustände noch viel schlimmer. Martha ist bisher noch nicht abgestumpft und bemerkt diese Zustände - und sie würde zu gerne etwas daran ändern.


    Die Arbeit als Krankenwärterin ist ganz schön heftig, ich hatte erwartet, dass das eher der Arbeit von Krankenschwestern ähneln würde. Ein Lichtblick ist Dr. Schlüter, der Marthas Interesse an der Medizin ernst nimmt und auch bereit ist, ihr bestimmte Dinge zu erklären. Ich hoffe, sie hat noch öfters mit ihm zu tun, dass er sie vllt. auch fördern kann. Glücklicherweise ist er auch zur rechten Zeit gekommen, als dieser widerliche Probst Martha derart bedrängt hat.

    Heutzutage geht einem das "Messer im Sack auf", wenn man daran denkt, dass Martha als Frau gegenüber Probst als Mann überhaupt keine rechtliche Handhabe hat und in jedem Fall den kürzeren ziehen würde, wenn sie ihn anzeigt :cursing:


    Schockierend fand ich auch die Vorgehensweise der lokalen Politik mit der Cholera: hätten sie die Krankheit nicht so lange totgeschwiegen, hätten sicherlich einige Todesfälle verhindert werden können. Menschenverachtend war auch der Umgang mit den Ausreisewilligen, die man wissentlich hat ausreisen lassen, damit die Stadt sich nicht mehr um ihre Unterkunft und Verpflegung kümmern muss.

    Liebe Grüße

    Karin

  • Grüß Euch!


    Mit etwas Verspätung melde ich mich nun auch aus dem Urlaub zurück!


    Gleich zum Buch: es ist toll, wie genau und lebensnah alles beschrieben wird!

    Gleich zu Beginn erfahren wir schon einiges über Hamburg im Jahre 1892 - spannend. Und dann die Beschreibung von Martha und ihrer Familie - irgendwie ist man gleich mitten in der Geschichte und fiebert mit. Interessant sind natürlich alle Beschreibungen über die hygienischen Zustände, die Choleraepidemie und die Zustände in den Krankenhäusern. Auch wie von den Politikern mit dieser Epidemie umgegangen wurde... das hat damals vielen Menschen das Leben gekostet! (Ich nehme an, dass dieser Teil nicht reine Phantasie ist)


    Und dann noch die Beschreibung von Milli und ihrer Mutter bzw ihrem Vater - diese Schicksale waren wirklich schrecklich. Schon rein der Ausdruck "Milli bewirtschaftet ein eigenes Zimmer"... :heul: oder der Satz "Wenn man weiß, wies läuft, lebt man recht sicher im Bodensatz" - das ist wirklich prägnant und entsetzlich traurig. Sie will ja sparen um irgendwann einmal nach Amerika auswandern zu können - ich hoffe ja wirklich, dass sie es schafft. (und vielleicht trifft sie da ja auf die Mitglieder der Familie Breitenbach? Zeitlich könnte es ja so ungefähr zusammenpassen... Das war zumindest so ein Gedanke von mir...)


    Ich war ja jetzt knappe 10 Tage offline und beim Lesen hab ich mir zahlreiche Stichworte notiert, die ich noch genauer recherchieren möchte.

    Ein paar Fragen hab ich aber jetzt schon an Dich Melanie Metzenthin ... wie war es damals eigentlich mit der Bezahlung der Krankenhausaufenthalte? Ärzte mussten ja bezahlt werden, aber wie wurden Krankenhäuser finanziert?

    Und irgendwann sprichst Du von Massengräbern am Ohlsdorfer Friedhof - gibt es die noch?


    Was mich allerdings eine wenig stutzig gemacht hat, war die Zitterei von Marthas Vater. Er hat ja nicht jahrelang tagtäglich bis zum Umfallen gesoffen, es waren gerade ein paar Wochen/Monate - ist das Symptom Zittern bei Alkoholentzug bereits so rasch möglich? Hätte das übermäßige Trinken von Fusel nicht auch kognitive Defizite zur Folge? :confused:


    Auf alle Fälle: ein spannender Beginn!:blume: