Literaturschock mit faschistischen und antidemokratischen Tendenzen

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Es gibt 34 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Gesine.

  • Guten Morgen,


    vor zwei Tagen erhielt ich eine E-Mail mit dem Hinweis und dem Bedauern, dass Literaturschock "faschistische Tendenzen und eine antidemokratische Haltung gegen politisch Andersdenkende" propagiere. Was war geschehen? Herr X hatte den Hinweis auf der Website und im Forum entdeckt: "Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht." Der wird ja seit langer Zeit permanent eingeblendet.


    Nun klärte mich der gute Herr auf, dass meine antidemokratische Haltung 1933 bis 1945 zu den "dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte" geführt habe. Auch machte er mich darauf aufmerksam, dass Gewalt, Drohung oder Ausgrenzung von Nazis ebenfalls antidemokratisch und faschistisch sei.


    Anschließend ging es rund, denn mein "Feindbild" aka "der böse Nazi" verglich er dann schließlich mit "Der böse Kommunist" und - haltet euch fest - mit "der böse Jude". Er befürchtete sogar schon, dass die armen Nazis, als deren glorreicher Ritter er sich gab, in der Gaskammer landeten, wenn das so weitergehe.


    Zuletzt legte er mir nahe, dass ich doch aus den Fehlern der Geschichte lernen solle und meine antidemokratische Einblendung löschen solle.


    Nuuuuuuun. Ich habe ihm geantwortet:


    Hallo X,


    mit Bedauern muss ich feststellen, dass Sie da wohl einiges durcheinander bringen.


    Würden Sie den Faschismus denn als demokratisch bezeichnen? Oder Nationalsozialismus? Ich nicht und so ziemlich alle ernstzunehmenden Politikwissenschaftler:innen ebenfalls nicht. Deshalb schließt es sich auch aus, dass mein Hausgebot, Nazis und Faschisten keinen Milimeterbreit zu tolerieren, antidemokratisch sein soll. Ich habe den Hinweis deshalb nun auch noch auf der Hauptseite von Literaturschock aufgenommen, während er bisher nur im Forum eingeblendet war.


    Zur weiteren Recherche und Information (und politischen Bildung) empfehle ich Ihnen folgende Bücher:


    - Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

    - Steven Levitsky: Wie Demokratien sterben


    MFG & No pasarán

    Susanne

  • WTF

    Leider habe ich so ähnliche Argumentationen in letzter Zeit häufiger gelesen.


    Ich selbst bin stolz darauf teil einer Community zu sein die sich so klar und deutlich gegen Faschismus und Nationalismus positioniert und ich finde es super, das Du das auch für die Hauptseite ergänzt hast.


    Liebe Grüße

    Holden

  • Absolut richtige Antwort. Ich freue mich auch über unsere klare Position. Gestern hatte ich auf Facebook eine Diskussion zu dem Aufmarsch in Berlin am 3. Oktober. Da musste man sich auch anhören lassen, dass Demofreiheit halt auch zur Demokratie gehöre. Meine Antwort: Gebrüllte Slogans wie „Ein Baum, ein Strick, ein Pressegenick!” und „Wenn wir wollen, schlagen wir euch tot!” gehören ja wohl nicht zur demokratischen Meinungsbildung, sondern sind ganz einfach strafrelevante Morddrohungen wurde dabei geflissentlich übergangen.
    Aber auf Facebook zu diskutieren bringt eh nichts, da kämpft man zumeist gegen Windmühlen und Trolle. Aber ich finde immer, zwischendurch muss auch mal ein vernünftiger Post zwischen all dem Gehetze sein.

    Ein Leben ohne Bücher? - Unvorstellbar! - Von mir höchstselbst

  • Das Wort "Toleranz" (auf diesen Begriff spielt der Herr mMn in seinen Ausführungen an..) ist ein sehr zwiespältiges - es gibt definitiv auch Dinge, die man nicht tolerieren sollte und bei denen vorgebliche "Toleranz" ein reines Sich-Verstecken wäre.

  • Ich habe beim Threadtitel erstmal erschrocken überlegt, ob sich jemand hier im Forum in letzter Zeit antidemokratisch geäußert hat und ich das nicht mitbekommen habe. Ich bin erleichtert, dass dem nicht so ist.

    Ging mir genauso! Wenn ich eine Seite NICHT mit so was in Verbindung bringe, dann Literaturschock!


    Gute Antwort, Suse. Ich könnte immer kotzen, wenn ich eine solche "Argumentation" wie die von diesem Typen höre oder lese.

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Ich freue mich auch über deine Reaktion, Suse. Weiter so!

    Das Problem ist, dass die Faschisten versuchen, die Demokratie mit der ihr immanenten Freiheit zu schlagen. Aber da beißen sie sich die Zähne aus, wenn sie diese dazu nutzen wollen, die Demokratie zu vernichten. Man muss immer wieder auf die Inhalte der Freiheitsgegner verweisen, wie ihr es oben tut. Und unsere Demokratie muss wehrhafter werden - gerade in der Justiz, damit sich auf Facebook und in den anderen Netzwerken diese egomanen Menschenverachter nicht weiter austoben können.

  • Gute Antwort! Ich bin immer ganz erstaunt, mit welchen Argumenten solche Typen daherkommen. Es ist wichtig sich dagegen zu stellen!

    Und ich bin ganz Finsburys Meinung: unsere Demokratie muss wehrhafter werden.

    Ich bin sehr froh, dass sich Literaturschock so eindeutig positioniert hat! :thumbup:

  • Eigentlich sollte man so einem Typen keine Plattform geben, indem man über ihn spricht. Deine Reaktion war genial.

    Man muss mutig sein, damit du die Angst überwindest, das Unmögliche möglich zu machen.

  • Ich hatte es auf FB gelesen und fand deine Antwort sehr gut Suse - danke.

    Liebe Grüße<br />JaneEyre<br /><br />Bücher haben Ehrgefühl. Wenn man sie verleiht, kommen sie nicht zurück<br />Theodor Fontane

  • Es scheint ja jetzt bei unseren Politikern angekommen zu sein, dass man gegenüber rechten Hetzern im Netz hart durchgreifen muss. Bin aber gespannt, inwieweit sie den langen Atem haben, dass auch gegenüber den Betreibern der sozialen Netzwerke durchzusetzen.

  • Also, ich muss mal gestehen, dass ich bestimmte Tendenzen der letzten Jahr für mindestens leicht gefährlich halte. Dazu gehört es, bestimmte Menschen als Nazis abzustempeln, um dann Verhaltensweisen zu legitimisieren, die man bei anderen nicht erlauben würde. Stichwort "punch Nazis". Ich kann also jeden einfach zum Nazi erklären und ihn dann schlagen und das damit legitimatisieren. Außerdem fällt damit tatsächlich oft die differenzierte Auseinandersetzung mit Meinungen und Ängsten unter den Tisch. Man "darf" also in bestimmten Kreisen, zunehmend online, nur noch bestimmte Ideen und Ängste äußern. Was passiert aber, wenn man Sorgen und Ängste bunkert? Irgendwann geht man damit zu denen, die einen damit akzeptieren. Und wenn einem eingredet wurde, dass das Nazis seien, dann haben wir doch ein Problem oder nicht?

    Die zunehmende Tendenz, vor allem online, einfach bestimmte Meinungen zu sperren auf seiner Seite - das betrifft beileibe NICHT nur politische Meinungen! - finde ich sehr, sehr bedenklich.

    Und viele Zuläufer zu echten Nazigruppen wurden doch früher aufgefangen, indem man ihnen bewusst machte, was sie da suchen (Akzeptanz etc.) und wie und wo sie das anderweitig bekommen.

    Heute werden dann solche Menschen eher einfach aufgegeben?


    Mich besorgen ehrlich gesagt auch Meinungen wie Kaltstellen von AFD-Anhängern im Umfeld, also Freundschaft oder Kontakt kündigen. Damit treibt man doch diese Menschen dann entweder zur AFD (in den USA das gleiche Spiel mit Trump) oder man bringt ihnen bei, ihre Meinung für sich zu behalten, wenn sie Freunde/ Kontakt zur Familie behalten wollen. Die Meinung muss einerseits nicht zwingend fremdenfeindlich etc. sein und schwelt andererseits dann leise vor sich hin wodurch man doch wieder leichter für entsprechende Gruppen empfänglich wird, die einen dann ernst nehmen.


    Mag ja sein, dass ich alt werde, aber ich bin immer wieder entsetzt, wie viele Menschen/ Webseiten Diskussionskultur (allen wird zugehört, man überzeugt mit Argumenten, schreit nicht, nimmt jeden ernst, es gewinnt, wer die besseren Argumente hat, man kann auch zur Akzeptanz gegenseitiger Meinungen kommen) zunehmend ablehnen oder sogar als gefährlich erachten, also Meinungsvielfalt ablehnen und damit die Idee verbreiten, man müsse erst die "rcihtige" Meinung heraushören, um nicht gesperrt zu werden oder besser sich zu kritischen Themen gar nicht äußern.


    Zunehmd finde ich in den zugegeben oft nicht, aber auch offiziellen Medien die Meinung, dass Menschen mit der falschen politischen Einstellung weder Freunde verdienen, noch gehört zu werden, eine Meinung haben zu dürfen - auch abseits des politischen Themas.

    Und ich frage mich: Wenn sich das durchsetzt, kann man uns dann nicht alle leicht manipulieren, indem man im Vorfeld zur Wahl durchblicken lässt, wen man (nicht) wählen sollte/ darf, wenn man sozial nicht "sterben" möchte? Und was machen wir, wenn sich das wahllos auf diverse jetzt etablierte Parteien oder einzelne Politiker auswirkt? Sind wird dann nicht politisch leicht steuerbar?

    Sind meine Gedanken dazu so verquer?


    LG von

    Keshia

    Ich sammele Kochbücher, Foodfotos und Zitate.


    <3 Aktuelle Lieblingsbücher: "The good people" von Hannah Kent, "Plate to pixel" von Hélène Dujardin und "The elegance of the hedgehog" von Muriel Barbery.

  • Es geht ja nicht darum, Meinungsaustausch nicht zuzulassen, der in Form einer Diskussions"kultur", wie du selber, Keshia, sagst, stattfindet, aber wenn eine/r nur Beleidigungen und Hetze gegen Menschengruppen ins Netz stellt und die Formulierung keine Diskussion ermöglicht, dann hat das nicht mit der Missachtung von Besorgnis zu tun. Wenn jemand beispielsweise im Netz schreibt, dass sie/er sich Sorgen macht, weil zu viele Menschen nach Deutschland kämen, dann kann ich dieser Person gegenüber argumentieren, dann nehme ich ihre Sorge auch ernst und dazu Stellung. Es ist aber etwa anderes, wenn solche "Sorgen" sofort in rassistischen Beleidigungen vorgetragen werden und ein höhnendes Schwarz-Weiß-Menschenbild vorgetragen wird, das keinen Argumenten zugänglich ist. Und nur um diese Art der Netzbeiträge geht es!

  • Ne, sorry. Aber dieses "Man muss doch mit den Menschen reden" oder "Sie werden sich selbst demaskieren" - wie lange soll das jetzt noch versucht werden? Das macht es immer nur schlimmer. Ich bin eine von denen, die sagt:


    Wir reden nicht mit Nazis.
    Wir laden sie nicht in Talkshows ein.
    Wir trinken kein Bier mit ihnen.
    Wir veröffentlichen keine Interviews mit ihnen.
    Wir geben ihnen keine Plattform!


    Und ja, ich bin auch eine von denen, die sagt: Nazis müssen Angst haben. Sie hatten früher Angst, ihre menschenfeindliche Scheiße zu verzapfen, weil ihnen viel mehr Kontra gegeben wurde. Das Umfeld wird von der Sprache beeinflusst. Je mehr Menschen ungehindert und ohne verbal eins auf die Fresse zu bekommen, menschenfeindlich, rassistisch etc. sein dürfen, umso mehr trauen sie sich aus ihren Löchern und sagen es. Der Schritt zu Terrorismus wie in Halle ist dann nur noch ein Kleiner. Ihnen passiert ja nichts.


    In dem Zusammenhang zwei Artikel:


    Chaoten oder Heilsbringer? Danke, liebe Antifa!


    Rechte Gewalt, Notwehr und Nothilfe: Danke, Antifa

    Und bevor mir jemand mit "Linksextremismus ist genauso schlimm wie Rechtsextremismus" kommt: Links will Gewalt gegen Rechts. Rechts will Gewalt gegen Links. Und gegen Menschen anderer Hautfarbe. Und gegen Obdachlose. Und gegen Menschen mit Behinderungen. Und gegen queere Menschen. Und gegen Andersdenkende. DAS ist der Unterschied. Rechte brauchen viel, um mit der Gewalt aufzuhören. Linke nur die Tatsache, dass es keine menschenverachtenden rechte Arschlöcher gibt. Es ist wichtig, dass wir niemals einfach wegsehen, sondern wehrhaft sind. Momentan funktioniert das noch mit verbal etwas auf die Fresse geben. Wenn wir nicht aufpassen, wird das bald eben NICHT mehr reichen. Faschisten sitzen inzwischen in der Legislative, Exekutive und Judikative. Sie sind Lehrer:innen, Polizist:innen, Ärzt:innen. Sollte uns doch allen bekannt vorkommen.

  • Wer von euch auf Twitter ist: Suche mal nur nach dem Wort "Hitlergruß" - ihr werdet überrascht sein, wie viele Menschen alleine in den letzten Stunden davon berichten, dass irgendwo ein Hitlergruß in Deutschland gezeigt wurde. Es ist ein alarmierender Zustand und das nicht erst seit kurzem. Nicht nur die offensiv rechten Parteien wie AfD und NPD sind dafür verantwortlich, sondern auch CDU/CSU und FDP, die die gleichen Parolen schwingen und seit Langem am Rechten Rand fischen. Und sogar Mitglieder der SPD verhalten sich nicht sonderlich ruhmvoll. Die Grenzen des Sagbaren haben sich schon lange verschoben und es wird Zeit, dass endlich alle erkennen, dass wir hier gerade auf ein richtig großes Problem zusteuern mit einer Politik, die sich zurück ins Dritte Reich bewegt. Noch ist die Zeit, das zu verhindern, aber das geht nicht mit Verharmlosen und "So schlimm ist das ja nicht". Es wird seit Jahren davor gewarnt!

  • Genau!!

    Das sieht man ja auch an der sich verändernden Diskussionskultur und der wieder gestiegenen rechts(radikal) motivierten Straftaten. Die Afd hat mit ihrer Art "Diskussionen" zu führen, dazu beigetragen das genau diese Menschen sich wieder stärker in die Öffentlichkeit wagen und das in verschiedensten Plattformen- bis hin zum Attentäter in Halle.


    Und ja, ich diskutiere nicht r mit Menschen die meine jüdischen Freund*innen angreifen, beschimpfen und der Meinung sind das man sie ruhig töten darf und nein, ich diskutiere auch nicht mit Menschen die entschieden alle Werte bekämpfen für die ich einstehe, einschließlich der demokratischen Grundwerte. Ich hab keine Lust mehr diesen Menschen das laute Feld zu überlassen und das im Rahmen der Meinungsfreiheit gelten zu lassen.

    Unser Grundgesetz hat da einen ziemlich schlauen Zusatz im Absatz für die hier geltende Meinungsfreiheit.


    Ich bin der Meinung das wir viel zu lange alle still waren, wir waren uns unseren Freiheiten und Rechten und unserer Demokratie viel zu sicher. Haben uns in lauschigen Eckchen lieber mit andren Dingen beschäftigt und waren oft auf dem rechten Auge blind. Das rächt sich jetzt. Und ja, ich finde gerade deshalb müssen wir jetzt Gesicht zeigen und uns positionieren. Die Jahre der stillen Übereinkünfte sind längst vorbei.

  • Einige Menschen geben Äußerungen von sich, die ich Zeit meines Lebens als nazi-typisch wahrgenommen habe, sind aber der Meinung nur ihre "konservative", "besorgte", "was-auch-immer" Meinung kundzutun. Nazis sind in ihren Augen die anderen (die mit den Brandbomben?). Einigen von ihnen kann man vielleicht anfänglich noch klar machen, dass sich ihre Wahrnehmung verschoben hat, aber wenn sie das nicht einsehen, dann sind sie Nazis und waren ggf. schon immer welche. Nur war es ihnen früher peinlich, mit Nazi-Aussagen erwischt zu werden und nun erklären sie selbstgerecht, dass sie diffamiert würden. Und ich rede hierbei nicht von einzelnem Fluchen in einem geschlossenen Auto über den Scheiß-Irgendwas, der ihnen gerade die Vorfahrt genommen hat, sondern von einer generellen Meinung, die diese Menschen über andere Religionen/Ethnien/Nationalitäten/... haben und tatsächlich laut/öffentlich äußern.


    Allerdings - und da sollte man bei sich selbst und den Nächsten anfangen: Wenn man dieses Nazi-Sprech nicht noch weiter normalisieren will, sollte man die eigenen Aussagen und Wortwahl immer mal wieder überprüfen, ob man nicht unbewusst gerade etwas von sich gegeben hat, was einem vor 10 Jahren noch peinlich gewesen wäre. Aber das ist auch nicht mehr (Selbst-)Zensur als man es schon immer mit Schimpfwörtern oder Furzen in der Öffentlichkeit tut.

    Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen. (Friedrich Nietzsche)