Nadja Neufeldt - Traumverloren

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Es gibt 3 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Aeria.

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    Kurzbeschreibung:

    Seit Generationen bestimmen die Traumgötter die Königin des Landes. Von ihnen geführt, wählt Erbprinz Yi-Anor die Kammerzofe Siini zu seiner Braut. Doch Siini hat nicht die Absicht, den Prinzen zu heiraten. Ihr Herz ist bereits vergeben. Mutig fällt Siini eine Entscheidung, die nicht nur ihr Leben, sondern auch das ganze Königreich für immer verändert.


    ***


    Die Erzählung schließt direkt an die sehr schöne Kurzgeschichte "Die Träumende" aus der ersten Veröffentlichung von Nadja Neufeldt an, nach deren Lektüre ich mir bereits eine Fortsetzung der Geschichte von Siini und Yi-Anor gewünscht hatte. Ich freu mich sehr, daß dieser Wunsch erfüllt wurde, ich erfahren durfte wie es mit der von den Traumgöttern auserwählten, zukünftigen Königin und dem Prinzen der sie glücklich unter vielen anderen letztlich doch noch gefunden hat, weitergeht. Prinz findet seine Prinzessin und sie lebten gücklich bis an ihr Lebensende, so die oft übliche Variante. Hier aber dreht sich die Fortsetzung um den Gedanken "Was passiert eigentlich wenn das Mädchen den Prinzen nicht will?" , so wie die erste Geschichte mit dem Begriff "Traumfrau" spielt.


    Siini in ihrer klaren, selbstbewußten, alles hinterfragenden Art hat mir sehr gut gefallen, sie sieht sich die Dinge genau an, denkt nach, trifft Entscheidungen, die sie sich nicht leicht macht, lebt ihre Überzeugungen, wägt Verantwortungen und Notwendigkeiten ab, ist realistisch, kompromissbereit und konsequent. Die Entwicklung der Geschichte passt gut in unsere Zeit, eine moderne Prinzessinengeschichte ohne Zuckerguß, in der es viel zu gewinnen, aber auch viel zu verlieren gibt.


    Man kann den Erzählung durchaus gut folgen, wenn man die erste Geschichte nicht kennt, schöner und bereichernder ist es aber, wenn man auch den Beginn der Geschichte aus Yi-Anors Sicht, aus dem Kurzgeschichtenband "Erstkontakt mit Violine" gelesen hat. Als Anregung hätte ich deshalb, die beiden Geschichten in einer nächsten Auflage gemeinsam in einem Band zu veröffentlichen, denn zusammen, wenn man auch Yi-Anors Gefühle und Gedanken kennt, entwickeln Sie einen ganz eigenen Reiz, der nachdenklich macht.


    Von mir gibts für dieses zeitgemäße Märchen


    5ratten

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

    Einmal editiert, zuletzt von Firiath ()

  • Königin statt Drama-Queen

    Enthält Spoiler.

    So zart und unbeugsam, wie die Frau auf dem Cover wirkt, so ist auch Siini, die Ich-Erzählerin, und dieselbe Zartheit und Stärke durchdringen die ganze Geschichte. Die ist nur vordergründig ein bisschen Liebesgeschichte im üblichen Sinn. Eigentlich verfolgt sie aber ein anderes Interesse: Es ist eine Geschichte über Menschen, die lernen, Kompromisse zu schließen, anstatt einander zu bekämpfen.

    Siini ist „die Träumende“ aus Nadja Neufeldts erstem Kurzgeschichtenband „Erstkontakt mit Violine“. Der Prinz auf Brautsuche hat sie also gefunden, und nun ist sie die Auserwählte, die seine Frau werden muss. Die Auserwählte der Traumgötter, wie man betonen sollte. Weder Siini noch der Prinz selbst hatten da ein Wörtchen mitzureden.
    Für Siini ist das ein Schlag, denn ihr Herz ist vergeben, sie hat eigene Pläne für die Zukunft. Das macht sie dem Prinzen klar und verschwindet aus dem Träume-Haus, bevor irgendwelche Feierlichkeiten ihren Status offiziell besiegeln können. Sie braucht Zeit zum Nachdenken, und dafür geht sie zurück nach Hause, zu ihrer Mutter und ihren Schwestern. Die Familie lebt ein beengtes, bedrängtes Leben; noch dazu ist eine Schwester durch eine Vergewaltigung und folgenden Suizidversuch so schwer beeinträchtigt, dass sie ständige Aufsicht benötigt. Klar, dass Siinis neuer Stand für ihre Familie die Rettung sein könnte. Davonlaufen mit ihrer Geliebten und Nach-mir-die-Sintflut kommt also nicht in Frage. Aber sich einfach in ihr Schicksal als künftige Königin ergeben und auf die eigene Liebe, das eigene Leben verzichten?
    Siini zügelt ihre Impulse, tut nichts Überstürztes – das Melodram bleibt aus. Klug und bedächtig findet sie eine Lösung, die mich völlig überrascht hat (auch weil ich auf das Melodram gewartet habe) und eine sanfte Revolution in Gang setzen wird.

    Was mir sehr gefallen hat, war, wie hier Liebes-, Lebens- und Geschlechterklischees auf leise Weise einfach beiseitegelassen wurden. Anfangs hat mich gerade das irritiert: Siini, die eben noch vor einer einfachen Dienstherrin gekuscht hatte, erklärt dem Prinzen, dass es nicht so laufen wird, wie er sich das vorgestellt hat. Und ihr Ungehorsam wird auch noch hingenommen. Hätte ihr der Prinz nicht – wenn nötig, mit Gewalt – klarmachen müssen, wer der Herr im Hause ist? Eigentlich ist das so üblich in feudalen Fantasy-Reichen. Dass sie dann auch noch unbehelligt aus dem Träume-Haus verschwinden kann, fand ich erst unrealistisch. Erst im Verlauf der Story wird klar, welch hohe Stellung die erwählte Träumende in diesem Land tatsächlich hat.
    Weil das so ist, kann der Prinz sein Problem auch nicht dadurch lösen, dass er Siini in den Kerker wirft. Stattdessen müssen sie miteinander reden, einander zuhören – können voneinander lernen.
    Interessant finde ich auch, dass Homosexualität in diesem Fantasy-Reich, anders als in vielen anderen, eine akzeptable Variante menschlichen Zusammenlebens darstellt. Weder der Prinz noch ihre Mutter ist erfreut, als Siini ihnen erklärt, dass sie eine Frau liebt, aber es gibt auch keinen Aufstand deshalb. Der Prinz gesteht sogar seine Eifersucht ein (anstatt grinsend abzuwinken oder die „Rivalin“ einfach zu einem Dreier einzuladen): Er nimmt die andere Frau als Partnerin seiner Frau und damit als Konkurrentin selbstverständlich ernst.

    Ich fand die Gewichtung der Szenen vielleicht noch nicht überall ganz ausgereift, und hier und da in den Dialogen kam mir die Rede noch etwas zu „geschrieben“ vor, aber das ist eher mein persönlicher Geschmack.
    Ich mag Siini, das Anliegen der Geschichte, die überraschende Lösung und den leisen Grundton von „Traumverloren“. Dieser ist wunderbar auch im Cover eingefangen.


    5ratten